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Bergfreunde

Erhard > Ü 60 > Dies und das


Meine österreichischen Bergfreunde und ich und die Berge


Da gehe ich nun schon über 50 Jahre lang  in die Berge, aber richtige Freunde habe ich wenige. Leider, weil ich so bin, wie ich bin. Und wenn, dann wohnen sie meist weit weg. Einige dieser Freunde sind meine „Österreicher“. Bergfreunde aus der Steiermark, Bergführer und begnadete Schitourengeher: Bärbel, Hans, Bernhard, Bertl, Franz und andere. Ich habe sogar ein eigenes Bergfahrtenbuch für sie angelegt, denn seit fast drei Jahrzehnten kommen sie zu mir in die Sächsische Schweiz. Und zu ihnen fühle ich mich im Allgemeinen mehr hingezogen als zu meinen Landleuten. Ich wäre lieber ein guter Österreicher geworden!
Das Kennenlernen geschah natürlich in den Bergen, aber in ganz großer Entfernung, im Pamir. Das waren schon Höhepunkte in meinem Leben, dort im Pamir, bei Alpinaden am Fuße der sowjetischen Siebentausender mit Bergsteigern aus vielen Ländern zusammenzutreffen, vor der Wende. Auch mit österreichischen Bergfreunden, am Pik Lenin  und Pik Korshenewskaja. Das waren Zeiten! Da konnte es schon passieren, dass ich nach dem Genuss alkoholischer Getränke, an denen es ja bei den Russen nicht mangelte, mich vor den anderen „produzierte“. Ja, ich war auch mal jung; aber mein Spitzname „Stier“ ist längst vergessen und vorbei. So kam es, dass ich Erika aus Wien einen Brief und eine Einladung schrieb, aber nur Bernhard das ernst nahm und mit drei Freunden das erste Mal 1988 den eisernen Vorhang überwand und mich besuchte. Nach Waitzdorf auf unsere Berghütte im Vierseithof des Bauern Fasold, im nahen Brandgebiet der Sächsischen Schweiz. Sie, die noch niemals ihre geliebten Alpen verlassen hatten. Heute verstehe ich das: Die Alpen sind das Größte! Damals war mir klar: Ich habe das schönste Gebirge der Welt (und ein bisschen sage ich das noch heute). Aber dass sie sich über die am besten bewachteste Grenze der Welt trauten, ist ihnen nicht hoch genug anzurechnen. Und jeder Grenzübertritt war immer ein Abenteuer für sich, wie sie danach erzählten. Davon später. Aber der erste Klettertag im Sandstein ist mir noch in guter Erinnerung, am 23.05.1988. Sie hatten sich zwar angesagt, aber so recht glaubte ich nicht daran. So war ich klettern und verpasste ihre Ankunft. Aber in Sachen Klettern waren sie wie ich: Sie wollten nach ihrer Ankunft auf unserer Berghütte in Waitzdorf auch sofort an den Fels, aber vor lauter Bäumen sahen sie nicht viel und einen Kletterführer hatten sie auch nicht. So stiegen sie einfach in den Waitzdorfer Massivwänden herum, bekamen graue Haare und ein paar Wespenstiche. Denn dort waren gar keine Kletterwege und diese Felsen hatten noch nie einen Menschen gesehen. Das änderte sich schnell als wir uns trafen. Ich habe ihnen dann die schönsten Kletterwege gezeigt und vorgestiegen und damit dafür gesorgt, dass sie sowohl die Vorbehalte für ein angeblich gewöhnungsbedürftiges, berüchtigtes, ungesichertes Klettern als auch die Angst um ihr Leben(!) verloren. Sozusagen meinen persönlichen Kletter – Überlebens – Garantieschein annahmen. Der galt allerdings nur für das Klettern. Denn auf dem Weg dahin fuhr ich mit meinem himmelblauen Trabant vor und da sie besser motorisiert waren, bemühte ich mich um ein hohes Tempo. Erst Jahre später gestanden sie mir, dass diese Art Verfolgungsjagd der heikelste Teil des Klettertages war. Das Schwierigste aber waren die Grenzübertritte, obwohl sie ja nichts zu verbergen hatten. Sie mussten alle Schikanen in unfreundlichster Art über sich ergehen lassen, alles aus- und einpacken. Einmal sogar einen ganzen Abend lang bis 24 Uhr. Es war ihre größte Genugtuung, als sie nach Meinung der Grenzbeamten genau um Mitternacht aufgefordert worden, einen weiteren Tag Zwangsumtausch vorzunehmen und nach einem Blick auf die Uhr diesen verweigerten: Es war eine Minute davor. Auf diese Art  hatten wir auch genügend Gesprächsstoff und zu lachen, oftmals auch auf ihre Kosten.




                                                             Bussardwand                                                            Hans

Dann kam die Wende, 1989

Wir wurden eingeladen und erst mal Skifahrer. Im ersten Winter bezogen wir Quartier auf der Rettungsdiensthütte unserer Bergfreunde am Lifthang des Grebenzen. Es sollte der Beginn einer steilen und oft schmerzhaften Skifahrerkarriere werden. Dort am Übergang der Niederen Tauern zu den Karawanken wurde diese Hütte, 2x2m im Grundriss, nun eine Woche lang für uns vier Sachsen das Zuhause. Vielleicht war es eine der schönsten Wochen meines Lebens: Es war kalt, blauer Himmel und hundekalt, immer bei minus 20°; die Hütte war im Schatten und die „Toilette“ war 20m weg. Aber nicht mal dort hatte ich Ruhe, wie man auf dem Foto sieht; so gut  und lustig ging es zu. Aber es mangelte an nichts. Holz war genügend da (danke bei wem?) und Essen und Trinken auch. Jeden Tag kam ein kühner Skifahrer vorbei, entweder mit einem großen Suppentopf in den Armen oder mit einem Kanister(!) Obstler. Und wir hatten den Skihang, 1000 Höhenmeter, fast ganz für uns, Anfang Januar. Was haben sie bloß von uns gedacht, als wir nach wilder Fahrt unten am Lift uns um den ersten Drahtseilknubbel geschlagen haben!? Und dann beim Lift - Hans am Ende auch noch einen weiteren Obstler als „Belohnung“ abholen durften. War überhaupt Platz für vier in der Hütte? Ich habe nur gute Erinnerungen. Wolfgang und ich haben oben im Dach geschlafen. Unten Ralf und Mathias. Im Raum war ein Doppelbett, ein Ofen, ein Tisch und zwei Stühle, alles perfekt. Was braucht der Mensch mehr!



    

Im Sommer 1990 erfüllte sich dann erstmals ein Bergtraum für mich: Dachstein Südwand, Steinerweg IV. Die 800m- Wand, die ich als 65- jähriger DDR - Rentner (2008) solo durchsteigen wollte. Es hätte wohl ein weiteres Blatt im metallenen Gedenkbuch auf der Brandalm für die Dachsteintoten gegeben. So stieg ich einfach am Seil meines Bergfreundes Hans unbeschwert nach oben. Auch voller Achtung vor der Leistung der Erstbegeher vor 100 Jahren und der klettertechnischen Schwierigkeiten und orientierungsmäßigen Anforderungen. Getreu meines ungewollten Lebensmottos, wo ich bin, passiert immer etwas, hatte sich der Steinerweg dann doch noch ein paar Jahre in mein Gedächtnis eingebrannt: An einer Stelle stand ich ziemlich lange mit meiner Kletterschuhsohle auf einer Felsspitze und da haben sich die Fußnerven der Knochen ein bisschen verschoben: Es war dann jahrelang schön, wenn bei einem falschen Schritt sich der Steinerweg dann wieder ins Gedächtnis rief: „Grues di, Ilg Steiner!“, oder s. ä. Dabei ist es nur Schwierigkeitsgrad 4; aber mir kam es vor, es wäre jeder Schritt der 800m vierter Grad gewesen und ich war ziemlich froh, im Nachsteig zu sein. Immerhin waren wir mittags oben und konnten bei einem kühlen Bier die anderen Seilschaften in der Wand sehen, auch diejenigen, die das Steinerband trotz Hans‘ Erläuterungen am Vorabend verfehlten. Und ich bin noch heute nach so vielen Jahren auch voller Achtung vor der Leistung meiner österreichischen Bergfreunde. Hier im Hochgebirge sieht es schon anders aus am Fels, da kommt der Ernst des Lebens in Form objektiver Gefahren dazu. Und da bekommt man auch ein Gefühl für große Wände, da muss man nicht um die halbe Welt fahren. Ich konnte damals meine österreichischen  Bergfreunde besser verstehen, von denen einige Ihre Spielwiese Alpen nie verlassen haben.



   

Danach sind wir sozusagen jährliche Stammgäste in der Steiermark geworden. Im Winter am Grebenzen, nun aber (mit Frauen, auch deswegen) auf der gipfelnahen Dreiwiesenhütte. 10km lang eine schmale Fahrstraße 1000 Höhenmeter von St. Lambrecht hinauf. Es blieb nicht beim Pistenfahren, es wurde unser Ausgangspunkt für Skitourengehen. Meine ganz große Leidenschaft, wobei mein Können leider mit dem Wollen nicht schritthält. Bis heute nicht. Umso mehr haben sich die Erlebnisse dabei eingeprägt, schöne, wilde und schmerzhafte. Die schöne Holzbrücke auf dem Weg zum Dachstein, die größte Europas, habe ich als Brückeningenieur bewundert und mehrmals, gefühlt eigentlich jährlich immer, nur mit Tränen in den Augen vor Schmerzen gesehen. Einmal lag ich auf dem Dachsteingletscher mit kaputtem Knie. Weil meine Bindung nach einem kleinen Sturz beim Einkehrschwung am Ende der Abfahrt nicht ausgelöst hatte. Da lag ich nun. Anfangs noch dem Rat meiner Bergführerfreunde folgend einen Wiederaufstieg zur Dachsteinseilbahn vergeblich versuchend, in meinen Schmerzen („…lauf einfach wieder hoch und zurück, Erhard!“). Eine Pistenraupe rettete mich. Ein anderes Mal fuhren wir nach der Dachsteinrunde das Edelgrieskar herunter. Sozusagen von Sturz zu Sturz. Aber eigentlich kein Problem, es ist ja noch keiner oben geblieben. Pech nur, dass dabei auf dem optisch idealen Hang ein Stein knapp unter der Oberfläche lag, der meinem Oberschenkel einen Pferdekuss gab. Und schon hatte ich die nächsten Tage ein blaubuntes Bein.



        

Mit der Dreiwiesenhütte verbanden uns nun in den folgenden Jahren viele Erlebnisse. Mit dem Hüttenwirtehepaar Andrea und Franz sowieso. Dass ich vor laufender Kamera des BIWAK – Fernsehteams dem Franz beim Steirischen Hacklziehen unterlag war ja noch ungefährlich, zumal es danach ein ganzes gebratenes Spanferkel gab. Aber die Rückwege am Ende des Skitages nach dem Einkehrschwung mit dem besten und stärksten Jagatee der Steiermark bei Petz und Resl auf dem Grebenzenhaus waren ziemlich grenzwertig. Sie stand ja auf der gegenüberliegenden Seite des Berges. Aber wenn es ganz schlimm kam, holte uns der Franz mit dem Schneemobil.


 

    

Wir waren die besten Kunden des schön gelegenen Murauer Hospitals. Wir hatten das Gefühl, sie warteten schon auf uns jedes Jahr. Es passierte immer etwas. Meist beim abendlichen Schlittenfahren. Gefährliche Kurven waren mit Holzpfählen und Stacheldraht abgesichert(!). Einmal schlug ich mir einen Zahn aus. Ich merkte es erst am Ende, als ich vor Lachen unten nicht mehr aufstehen konnte. Die Arten der Verletzungen steigerten sich und mit der ersten lebensgefährlichen beendeten wir dann solche Aktionen. Wir hatten also jährlich eine erlebnisintensive Woche. Wir bekamen zusätzlich von Hans einen Telemarklehrgang und lernten auf Schneeschuhen zu laufen. Es gelang uns sogar, von der oben erwähnten Kamera beim ersten Wettkampf im Schneeschuhschnelllaufen gefilmt zu werden. Wie es überhaupt von unseren Erlebnissen dort einige Filme gibt. In tiefer Erinnerung sind mir aber auch die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge. Ich habe viele erlebt, denn die Hütte war ja wie gesagt in Gipfelnähe. Und jeder war ein besonderes Erlebnis. Ein grandioser Rundblick über die südöstlichen Alpen und kostet nix.



    

Von dort aus ging es auch auf Skitouren. Nicht nur zum Dachstein, sondern auch zu den nahe gelegenen Skibergen. Dem Zirbitzkogel und dem Kreiskogel. Mit diesen Namen verbinden mich wunderbare Skitouren. Zwei davon sind mir in besonderer Erinnerung. Einmal mit dem BIWAK – Filmteam bei bestem aber furchtbar stürmischem Wetter. Es waren eisenharte Leute am Werk. Ich selbst hatte ziemliche Mühe zum Gipfel zu kommen; alle Achtung (MDR – Biwaksendung 2/1997)! Ein anderes Mal hatten alle keine Lust, wollten mit dem Schirm fliegen. Da hat mir der Bergführer Hans seinen sibirischen Schlittenhund Timmi mitgegeben. Ein ganz großes Erlebnis, ich habe mich ziemlich gut und sicher bei der Überschreitung des Kreiskogel gefühlt. Und ein ganz tiefes dazu, wenn man (fast) allein auf einem Gipfel steht.



    

Ein ganz besonderes Erlebnis soll in diesen Erinnerungen nicht unerwähnt bleiben. Eine winterliche Berg- und Skitour, auch und wieder am Dachstein. Ich war in der Ramsau unterm Dachstein mit Familie Skifahren. Da haben mich meine Freunde, Bergführer Hans Sitzmann und Klaus Hoy besucht und zu einer kleinen Tour abgeholt. Ich war schon gespannt und auch enttäuscht. Endlich halb Elf trafen sie ein, viel zu spät für Berge. Gegen 11 mit der Seilbahn hoch auf das Dachsteinplateau, mit den Ski runter und hoch Richtung Koppenkarstein, durch den Felstunnel auf die Südseite und nach ein paar Schwüngen standen wir bei Kaiserwetter im Tiefschnee unter der Südwand. Acht Seillängen im feinsten festen Rillenkalk im 4. bis 6. Grad führten unserer Dreierseilschaft bis kurz vor dem Gipfel des Koppenkarstein, Klaus vorweg, der Älteste und Chef der österreichischen Bergführerschule. Ich war wie im Traum: Nur Klettern wie im siebenten Himmel und fotografieren. Dann, nach der Abseile, das Edelgrieskar hinunter und um 16 Uhr saßen wir im Südwandhotel beim Bier. So schön kann das Leben sein!





       

Zum Schluss ein paar Bilder einer ungewöhnlichen Bergfahrt im Grazer Bergland. Mein Freund Hans kam auf die Dreiwiesehütte und lud mich im Januar 2005 zu einer Klettertour ein, mitten im Winter. Man kann ja nicht jeden Tag Skifahren, dachte ich wohl damals. Nach einer Stunde Autofahrt waren wir mitten im Wald, ich wurde schon sehr skeptisch, da öffnete sich der Blick auf eine große herrliche Felswand. Wir kletterten bei herrlichstem Sonnenschein auf der Route Michelangelo 9 Seillängen bis zum 6. Grad (5 obl.) zum Gipfel und liefen die fast schneefreien grasigen Hänge laut, lustig, zufrieden und entspannt ostwärts hinunter. Und das „Klettergeraffel“ klapperte laut an unseren Gurten. Bis wir im Gegenlicht der hellen Nachmittagssonne plötzlich 10m vor uns ein Rudel Gämsen und Steinböcke sahen. Sie räumten nur widerwillig ihren Platz, nachdem sie Hans ausführlich in Ruhe fotografiert hatte. Er sagte, wenn wir grüne Sachen angehabt hätten, etwas wie ein Gewehr über unseren Rücken herausgeragt hätte und wir ganz leise gewesen wären, hätten wir so ein unvergessliches Erlebnis sicher nicht gehabt. Danke Natur und Dir lieber Hans!
Mit diesem Text danke ich allen meinen österreichischen Bergfreunden für die Abenteuer in ihren Bergen, für die Freundschaft, für die unendliche Geduld bei den Skitouren und der Großzügigkeit anfangs bei der Beschaffung der Ausrüstung dazu und für alles andere sowieso:
Hans Sitzmann, Bärbel Sitzmann, Bernhard Strohmeier, Bertl, Franz, Peter, Kurtl, Hermann uva.


Erhard, Leipzig, am Neujahrstag 2016




    
    




 
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