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Erhards Jahr 2010


Es wäre beinahe ein richtig gutes Jahr geworden. Es fing sogar richtig gut an. Am Silvestertag des alten Jahres 2009 hatten übervorsorgliche Freunde (Kappels) ein Menü zusammengestellt (u.a. ein halbes Wildschwein für 6 Personen), dass für das ganze nächste Jahr gereicht hätte. Nun brauchte ich mich nur noch auf mein Lebensziel zu konzentrieren, mich um einen halben Grad beim Klettern zu steigern. Mehr nicht, nachdem es sozusagen 67 Jahre nicht gelungen ist. Das ist sogar relativ leicht, allerdings nur, wenn man keine Fehler macht.
Manchmal denke ich, mein Leben besteht nur aus einer Anreihung von Fehlern. Ich stelle mich schon immer anderen Kletterern als einer der ganz berühmt ist, allerdings nur für die vielen Fehler, mit dem stolzen aber überflüssigen Nachsatz, und alle überlebt!

Auch das Jahr 2010 sollte keine Ausnahme machen. Gleich am Anfang des Jahres wurde ich zu einer Jahresersten im Sandstein überredet. Eigentlich bin ich längt aus dem Alter raus, wo man so etwas macht. Aber ich kann immer noch selten jemand etwas abschlagen und wenn es ums klettern geht schon gar nicht. Ich fass mich kurz. Es war ein wunderbarer eiskalter Wintertag im Januar und es war ein großartiges Erlebnis und ich werde mit jedem Frosttag auch heute noch dran erinnert, weil ich mir die Hände dabei angefroren habe! Und weil es nun ein Kalenderbild in Mike Jägers Kletterkalender 2011 mit einer rückseitigen Geschichte gibt. (www.felsenwelt.de
)

 


Danach aber erst mal Schi fahren, noch im Januar  in Südtirol und im Februar in der Ramsau am Dachstein. Zwischendurch, Ende Januar, kam der Boulderwettkampf in der Kletterhalle No Limit gerade richtig, um meinen Trainingszustand zu kontrollieren und mich zwischen den vielen äußerlich jungen Menschen zu beweisen. Mehr nicht, die Preise für die Besten waren nicht sehr hoch. Andererseits war ich an der Seite von Astrid, der jungen hübschen Kletterin, mit der ich meine Boulderstationen absolvierte, genügend motiviert. Und dann auch noch unter den Augen des Jugendnationalmannschaftstrainers Gunter Gäbel, mit dem ich den Reichstag verhüllte. Aber leider reichte es nur für den 113. Platz von 116 Teilnehmern. Ich kann nur hoffen, dass unter den drei abgeschlagenen nicht nur solche wie mein junger Freund Dominik waren, der gerade vor ein paar Wochen angefangen hatte, zu klettern.

Also erst mal im März Luft holen, noch mal Schi fahren in Praxmar. Dem schönsten Talabschluß Tirols, nunmehr zum 10. Mal. Bei einer der Schitouren kommt man an einer der schönstgelegenen Toiletten der Welt vorbei.

 


Und dann im April begann die Klettersaison in der Sächsischen Schweiz und das Wiedersehen mit meinen Kletterfreunden des tatsächlich existierenden „Bundes der über 60 – jährigen sächsischen Kletterinvaliden“ nach der Winterpause. Aber das Schicksal meint es gut zu mir. Um mich von einer längeren und damit gefährlichen Kletterzeit abzuhalten, lässt es mich zwischendurch im April noch eine Reise nach Montenegro machen. Dieses Land soll zwar bergig sein und klettern soll man dort auch können und um diese Zeit ist angeblich das Wetter viel besser als zu Hause. Aber dem war nicht so. Nach einer Woche kam ich ohne klettern zurück, die Arme nur an ein paar Küstenfelsen in Boulderhöhe langgezogen. Ach ja, Fotos gibt es auch, aber nur, wie ich gerade abstürze.



Der Mai war Kletteraufbautraining mit Hindernissen. Wahrscheinlich wäre ich der beste Kletterer der Welt geworden, wenn ich nicht geheiratet hätte. Dabei fing unsere Ehe so gut an. Wir haben vor 45 Jahren auf dem Campingplatz zwischen den Felsen des Böhmischen Paradieses geheiratet. Nun aber wollte sie ins Ammerland nach Norddeutschland zur Rhodo 2010, eine Rhododendron - Schau. Ausgerechnet im Mai, als ob das nicht noch 10 Jahre Zeit hätte. Da wusste ich noch nicht, dass sie statt Dankbarkeit noch eine Steigerung drauf hatte.

Der Juni gehörte dann dem Portugiesischen Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela. Seltsam, dass nach drei Wochen Wanderung auf diesem doch sehr spirituellen Weg die Abstinenz vom Klettern nicht sehr weh tat.

 


Jedoch der Juli gehörte mir. Der Sächsischen Schweiz, dem neuen Dach meiner Berghütte in Gohrisch, den Heidelbeeren und meinen geliebten Sandsteinfelsen. Und tatsächlich hätte ich mich beinahe gesteigert. Wenn mich meine sogenannten Freunde nicht daran gehindert hätten. Die Teufel Talseite sollte nicht nur wieder ein Meilenstein meiner Kletterkarriere werden, sondern auch das Sprungbrett für die Steigerung sein. Ich fass mich kurz. Ich kam zwar hoch, aber danach hatte ich sogar zum ersten Mal einen Knacks weg. Denn bereits im Anmarsch hatte mein Bergfreund Rolf ein paar Fotos mitgebracht, wie er als junger Kletterer dort oben an der Teufelkante runterfliegt. Leider war die Liste der aufgezählten Verletzungen sehr lang. Kurt Albert hat ihn damals runtergeholt und gerettet. Tragische Parallele: Kurt Albert ist nun dieses Jahr selbst verunglückt. Und ich muss nun beim Klettern immer daran denken, wie und was man sich alles verletzen kann.



Im August war nun Urlaub. Wandern und Klettern im Berner Oberland. Traumwetter nach langer Regenperiode mit noch nie gesehenen Wolkenstimmungen über den Bergen und Tälern um Innertkirchen. Meine Frau entdeckte eine neue Leidenschaft: Seilbahnwandern, zusätzlich zum Autowandern. D.h. die Seilbahn wandert, wir wandern mit! Sie behauptet, dadurch hätte ich die Chance, etwas zuzunehmen. Was keine gute Ausrede für Faulheit ist. Andererseits muss ich gestehen, dass man dadurch mehr sieht. Z. B. waren wir auf mehreren hohen vergletscherten Bergen, die sonst für sie kaum erreichbar wären. Ich konnte dann sowohl viele schöne junge Frauen aus allen Herren Ländern in kurzer modischer Kleidung frierend auf Eis (auch in Sandalen!) stehen sehen, als auch auf dem Jungfraujoch mit dutzenden nach Luft ringenden Nichtbergsteigern zur Mönchsjochhütte laufen. Und dabei die nettesten glücklichsten Menschen dieser Welt kennenlernen. Ein junges japanisches Paar auf Hochzeitsreise. Ich konnte sie auf japanisch begrüßen (mehr als Guten Tag aber nicht), er hatte extra Deutsch gelernt.
Und klettern waren wir auch mit unseren Schweizer Freunden, am Sustenpass und im Haslital. Wer es noch nicht weiß, ihr jungen Kletterer, am und unterhalb des Grimselpasses und vor allem für Plaisierkletterer im Bereich der Kraftwerke am Rande der Stauseen (Räterichbodensee!!) kann man über leichte bis anspruchsvolle endlos lange Platten schleichen, wer es mag. Ein Besuch des Inneren der Kraftwerke mit kilometerlangen Stollen und einer beim Bau freigelegten Kristallhöhle rundete den Urlaub ab.

 


Der September brachte viele schöne und schwere (für mich) Kletterwege. Aber auch Grenzgänge wie den auch diesmal leider gescheiterten 4. Versuch, den für mich schönsten vielseitigsten und anspruchsvollsten Kletterweg der Sächsischen Schweiz, die 80 m hohe Fluchtwand an der Fluchtwand mit 10 Ringen VIIIa, Rotpunkt zu durchsteigen.
Aber es war die richtige Vorbereitung für die jährliche Österreichwoche. Einmal im Jahr kommen meine österreichischen Bergfreunde und Bergführer zu mir. Sie, die sonst kaum in der Welt ihre Alpen verlassen und die ich schon seit 25 Jahren, seit einer Begegnung im Pamir, kenne. Die nun den Sandstein so wie ich lieben gelernt haben und dank meinem scharfen Ende des Seiles eine Garantie für viel Freude, lustiges Klettern und für eine gesunde Rückkehr haben. Aber diesmal kamen sie zur falschen Zeit. Sie kamen trotz Unwetterwarnung. Wir hatten Traumwetter vorher und hinterher, aber in dieser Woche hat es geregnet. Und wie! Stark und einfach immer. So sind sie diesmal mit einer nassen Wanderung durch die Schmilkaer Gründe, einem Dresden Besuch, feuchtfröhlichen Filmabenden und einem Video mit Peters Lebensbericht, besser gesagt Lebensbeichte, aber ohne schmutzige Kletterhände zurückgefahren.

Im Oktober gibt’s wieder Schulferien und damit Mallorca, mit Enkel Konrad (11), wie in den letzten Jahren, seitdem er sich traut, seine geliebte Mutter längere Zeit nicht zu sehen. Aber diesmal kommen wir mit benutzter Kletterausrüstung und einer wunderbaren Wanderung durch die Schlucht Torrente de Pareis zurück.

Endlich im November kommt es zur jährlichen Sardinienfahrt, der Höhepunkt des Jahres. Hier sind wir Bergfreunde allein, es kommt zu keinen fraulichen Einsprüchen, männerwiderwärtigem Verhalten und sonstigen Widersprüchen. Eine heile Welt sozusagen. Diesmal war sogar weniger Ehrgeiz angesagt. Es galt, den mitfahrenden Neulingen unsere Welt zu zeigen. Es ging so locker zu, dass ich den Sinn des mir bekannten Spruch „Da lässt sich jemand seine Eier schaukeln“ begriffen habe: Ich ließ mich an einem Klettertag bei der Bootsfahrt zur Goloritze einen halben Tag im Schlauchboot über das Meer schippern und sah mir dabei die schönste noch unerschlossene Felsenwelt von ganz Sardinien an.
Es wurden auch die längsten, lustigsten und kulinarischsten Abende seit je, da sich unser Koch Peter wieder einmal übertraf und Pinkus ein Meister des sächsischen Bergliedguts auf seiner Gitarre ist.

 


Den Rest des Jahres, der Dezember,  verging sozusagen so schnell wie das Leben im Alter. Die Fahrten nach Oberwiesenthal und über den Jahreswechsel ins Riesengebirge deckte dann sozusagen im wörtlichen Sinne der Schnee zu.
Und nun muss ich leider feststellen, dass das Jahr wie ein Vogel vorbeigeflogen ist, ohne Steigerung und nach Aussagen meiner Bergfreunde ohne Chancen auf Besserung. Aber: Schauen wir mal nach vorne, wie schon in den letzten Jahren!


 
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