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Erhard > Ü 60



Bund der über- 60 – jährigen sächsischen Kletterinvaliden


Schon mal gehört? Sicher nicht, es ist sozusagen ein temporärer Geheimbund. Anlaß für diese Zeilen ist das 9. Treffen dieses Bundes vom 03. bis 05.09.2013 in Tisa (CZ). Nun schon das 9. Mal treffen sich die Mitglieder zu einem gemeinsamen Klettern in unserem heimatlichen Sandstein. Einmal jährlich an einem ganz besonderen Felsen mit einem ganz besonderen Kletterweg. Einzige Bedingung: Eben, über 60 Jahre alt sein. Aber so ganz streng wird das nicht aufgefasst, weil ja die wenigen oder der einzige, der knapp drunter ist, von der Mehrzahl der über 70 – jährigen „ausgeglichen“ wird. Und der älteste ist 78! „Präsident“ ist mein Bergfreund Peter Kohbach, der vor acht Jahren 2005 im damals noch jugendlichen Alter von 60 Jahren kurz nach diesem schönen runden Geburtstag (ist er etwa nachdenklich geworden über die leider endliche Kletterlebenszeitspanne?) auf diese Idee kam, sich einmal jährlich mit allen seinen Bergfreunden zu treffen. Und es sollte immer auch ein ganz besonderes Kletterereignis werden. Ich habe ihn dabei gern unterstützt, zumal er von mir den Ehrentitel als mehrfacher Meister im sächsischen Triathlon ( Saufen, Sex (deutscher Höhenrekord 6103m!) und Klettern) erhielt.
Nun hatten wir also schon 9 wunderbare Erlebnisse, alle lebten sogar noch. Ja, im Gegenteil, sie schienen durch ihre Aktivitäten sogar immer vitaler zu werden. Zumindest bei dem 78- jährigen Günter trifft das zu, er schein das Altern durch eine eigene Art Triathlon aufzuhalten, dabei sind außer viel Klettern, Slackline laufen, Radfahren und Sex. Bei solchen großen Händen (Tischlerhand!) auch keine Kunst, die Natur verteilst höchst seltsam ihre Gunst.
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Nach den vergangenen 8 Jahren sollte es diesmal nach Tisa in unserem Nachbarland Tschechien gehen, so Peters Einladung. Ein bischen wunderte mich das. Dort, in den kleinen Felsen, ein passendes Ziel zu finden. Denn, wie gesagt, unsere Ansprüche waren hoch. Ich erinnere an Teufel, Talseite (2005), Kobyla (CZ) (2006) und Höllenhund, Talseite (2009). Hier noch mal die Gipfelbilder und die Daten:





Mindestens zweimal sind wir aber auch gescheitert. Offiziell an den Wetterverhältnissen. Einmal am Kelch im Zittauer Gebirge 2011 und am …im Niedergrund. Aber ich war ehrlich gesagt ganz froh darüber, denn als Vorsteiger sah das am Einstieg doch ziemlich furchterregend aus. Wir trösteten uns damals sehr feuchtfröhlich mit Wanderungen.



Auch diesmal waren die Vorzeichen schlecht. Der Wetterbericht war grausam, versprach aber Besserung. So kam es, dass sich Dienstag Nachmittag bei strömendem Regen nur die hartgesottenen Alten bei Alfred in Tisa einfanden, bei Peters Jugend- und Kletterfreund. Wenn es ein Original nach Schwejk’scher Art gibt, der gleichzeitig auch noch eine wilde Zeit als Kletterer, Grenzgänger, Geschichtenerzähler und Sudetendeutscher hat, dann ist das Alfred. In seinem Haus in Tisa hat er uns neun Altersbergsteiger zwei Tage lang nicht nur ausgehalten, sondern auch in seine derzeitige (nach seiner Meinung hohe) Lebensqualität eingeführt: Ständiges reichhaltiges Essen und größte Auswahl und Menge an alkoholhaltigen Getränken. Aber da hatte er dankbare Abnehmer. Wir hatten dann deshalb zum Abschied ein kleines bisschen schlechtes Gewissen, andererseits war Alfred sicher froh, uns losgeworden zu sein. Zumindest hat sich Alfred in der Kneipe schadlos gehalten. Beim Wetttrinken hat er die meisten Biere reingeschüttet; viel mehr als Peter. Und das will was heißen! Im Ergebnis dieser offensichtlich lang  geübten Verpflegungsart („das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken!“) ist von dem „Schönen Alfred“ außer dem Namen eines der schönsten Kletterwege der Sächsisch- böhmischen Schweiz so gut wie nichts übriggeblieben. Wenn ich mal das Schönheitsideal eines Kletterers und Menschen nach meinem persönlichen Maßstab (Ich, 1,75m, 60kg!) nehme.



Ja, Klettern waren wir auch. Einziger Lichtblick am nächsten Tag, am Mittwoch, waren lange Zeit die Augen der hübschen energischen Kellnerin der Touristenbaude, die leider meine geschickten Annährungsversuche mit Hilfe eines geschenkten riesigen Steinpilzes gnadenlos abwies. Aber nachdem wir den Regen dort ausgiebig feuchtfröhlich abgesessen hatten, ging es endlich los. Zum Paradiesturm, so Peters Plan. Und die Ostseite sollte wieder die Traumtour werden („fantastische Kletterei, toller Fels“). Aber wie Menschen und Material dort, 5 km entfernt, hin bekommen!? Früher war das kein Problem, klettern konnten sie schon noch alle, aber laufen? Und spät war es nun auch schon. Wie durch ein Wunder waren eine Stunde später alle an der Abbruchkante gegenüber unsere Turmes, am langgestreckten Felsmassiv oberhalb der nun flacher werdenden wunderschönen böhmischen Landschaft. Die motorisierte Mobilität macht’s möglich, auch mit Hilfe Alfreds Auto. Trotz mehrerer Missverständnisse infolge der bei fast allen eingesetzten Schwerhörigkeit. Aber leider fehlte dann doch noch ein Seil, so ging’s nun endlich nach mehreren Diskussionen doch endlich los. Runter abseilend in die Scharte und erst mal den Westweg VI hoch, den Peter als gut und leicht in Erinnerung jugendlicher Bergfahrten hatte. Sah gar nicht so leicht aus, dachte ich. Und schon stand ich nach zwei, drei recht schweren Zügen ausgesetzt auf einem winzigen Tritt und wusste nicht mehr weiter. Der einzige Griff war moosbedeckt und ein Heidekrautbusch kitzelte mir ins Gesicht. Nun war guter Rat teuer. Auch mein sichernder Bergfreund Pinkus war mir keine große Hilfe. Habt ihr schon mal erlebt, dass ein kletterwilder alter Bergfreund mit den Hufen scharren kann? Nein? Aber so war es dort. „Komm zurück, wenn Du es nicht bringst, dann mache ich es!“, waren noch die aufmunterndsten hilfreichsten Worte! Am Ende half mir ein vom Massiv zugeworfenes Seil (ohne Knoten!) aus der Misere und nach oben. Nachdem eine andere Seilschaft (Rolf vorweg) den Alten Weg IV gemacht hatte, standen bald alle neun auf dem Gipfel.



Da blieb noch Zeit, uns die geplante Ostwand hoch zu sichern. Ja, zugegebener maßen, sind wir alt, vorsichtig, feig und ohne Opfermut geworden (Originalton Hans Heilmeier) und dass sich einige der Anwesenden im schönen historischen Gipfelbuch mit alten Eintragungen „Vorstieg Ostwand“ wiederfinden, ist jedoch ein kleiner und auch ein guter Trost. Aber es ist wirklich eine tolle Kletterei; unglaublich, was die Natur für uns hingestellt und geformt hat, eine genial strukturierte senkrechte Vierzigmeterwand. Richtig schwer (VIIIa) nach meinen Maßstäben, aber leider im unteren Teil bis zum ersten Ring ganz schlecht gesichert. Also ziehen wir einfach den Hut vor denen, die das schon gemacht haben oder noch machen werden. Das wichtigste war, dass tatsächlich alle vorm Dunkelwerden wieder an Alfreds Tisch saßen, gesund und zufrieden, und vorm Kneipegehen noch Alfreds Vorspeisen und -getränke genießen konnten. Das neue Treffen machte uns Mut, auch in diesem Jahr mit dem harten Kern meiner Bergfreunde sich wieder auf die Jahresausklangskletterfahrt im November in Sardinien zu freuen. Mit vielen schönen Höhen und Tiefen wie jedes Jahr. Aber das wird wieder eine neue Geschichte.


 
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