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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 1



Adršpach Juni 2002
oder
wie ich meine Kletterausrüstung in einer Woche mehrfach verschenken wollte.



Gleich zu Anfang eine Frage: Gibt es fanatische Kletterer, die nach 42 Kletterjahren noch nie in Adršpach klettern waren? Ja, ich. Das hatte mich in 42 Jahre nie gestört. Eher im Gegenteil. Die Erzählungen der Dortgewesenen waren zu gruslig – abenteuerlich. Auch kann ich von unserem Elbsandsteingebirge nie genug kriegen. Bin ja fast jedes Wochenende dort. Erst recht, nachdem mich mein trinkfester Bergfreund Peter als größter Sponsor des Pilsner Urquells in die tschechische Sandsteinmauer des rechten Elbtales unterm Belvedere vor fünf Jahren eingeführt hatte, wo er selbst der  fleißigste Erstbegeher ist. Sogar meinen letztjährigen Urlaub hatte ich im Elbsandstein verbracht. In der vergeblichen Hoffnung, endlich mal richtig schwer klettern zu können. Sozusagen vor dem mit dem Rentenalter einsetzenden natürlichen Alterungsprozess.
Auch hatte ich zu Hause schon viele Risse geklettert und nach den Dreifingerturm- Ostrissen sah ich sogar noch Licht am Ende des (Risskletter-) Tunnels.
Aber kurz gesagt, es gewann die Neugier und ich fuhr eine Woche mit dem Kletterclub „Radeberger Taugenichtse“ in die Adršpacher Felsenwelt unter der Auflage des Ver-zichts fraulicher Aufsicht und sonstiger zänkischer Begleitung oder ständiger Bevor-mundung oder gar finanzieller Abhängigkeit!
Also waren die besten theoretischen Voraussetzungen für eine zünftige erfolgreiche Kletterwoche gegeben, zumal auch das Suchen nach der besten Kneipe entfiel, da ein zwanzigjähriger Test unter der fachkundigen Leitung Peters sich bereits eine ein-deutige Wahl für das Kellergewölbe des „Skalni Mesto Adršpach“ ergeben hatte. Übrigens wunderte ich mich dort beim Abendessen nur kurz über die ausgesprochene Völlerei bei Essen und Trinken, denn als es ans Bezahlen ging war es natürlich „klar“, dass der Betrag gleichmäßig aufgeteilt und der Gefräßigste belohnt wurde!

Aber nun zum Klettern

Eigentlich fing alles gut an. Ich kam einen Tag zu spät, so dass das „Einklettern“ entfiel und ich am Montag an der Harfe „Mindrak“ 8a voller Tatendrang den Einstiegsschulterriss im Nachstieg in Angriff nahm. Ich hatte  mich schon gewundert, wie schwer sich die anderen taten (obwohl sie versuchen, sich das nicht anmerken zu lassen), so wurde mir nach den ersten Metern die Adršpacher Besonderheit klar: glatt, sandig, klemmt nischt und diesmal noch etwas feucht. Mehrfach wollte ich rausfallen und aufgeben, was mir nicht gestattet wurde. Auch der Preis von 0 EUR für meine Kletterausrüstung konnte das Verhalten dieser sogenannten Bergfreunde nicht ändern. Nach 15 Metern und 15 Minuten auf dem Pfeiler angekommen erstarb jegliche Konversation, da ich asthmatisch röchelnd dort nur noch liegen konnte! Aufgeben wurde mir wiederum nicht gestattet. Nachdem Brech- und Schwindelanfälle vorbei waren, versuchte ich den nun besser aussehenden Weiterweg in Form eines unregelmäßigen Handrisses zu klettern. Das sah nicht gut aus! Leider musste ich mir anhören, dass man am Besten klettert, wenn man völlig ohne Kraft ist! Die nächsten Meter kann man so beschreiben: „Halb zogen sie ihn, halb sank er hin“ – kam mir sehr bekannt vor. Beinah wäre alles normal verlaufen. Aber vorm dritten Ring (völlig überzogenen Sicherung für Adršpach!) wurde es wieder Schulterriss. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Nach einer Viertelstunde konnte ich wieder sprechen und meine Kletterausrüstung das zweite Mal verschenken, nachdem ich noch nie so völlig entkräftet an einem Ring hing und die Wand unter mir voll gekotzt habe!
Später war ich doch noch auf dem Gipfel. Unsportlich, aber oben. „Kleine Brötchen macht der Bäcker, große werden in Adršpach gemacht“, sagte Mirco treffend .

Der Dienstag wurde besser. Die berühmte Hlaska war das Ziel in der Teplicer Felsen-welt. Ein schnurgerader doppelhandbreiter Riss mit 6 Ringen (!) durch die Talseite des imposanten Felsturmes. Für das Fußvolk wurde gegenüber die Freundschaftshangel 7c eingehangen. Da konnten wir, Peter und ich, mal wieder sauber klettern und uns etwas aufbauen. Anschließend bekam ich von ihm eine fachkundige Führung durch die Felsenwelt, deren bester Kenner, einer der fleißigsten sächsischen Kletterer dort und einer der wenigen Überlebenden er ist. Seit dieser Runde habe ich zwei neue Ziele: Kapunzinerhangel und Peitsche direkt.

Mittwoch wieder in Adršpach. Der Riss „Rangers“ 8b am Student hat es uns angetan, ein wunderbarer ungesicherter 20m langer Handriss, der in 10m Höhe beginnt. Bis dahin gibt es 3 Varianten. Irgendwie kommt Tino, unser Vorsteiger, diese Meter hoch und muss dann doch kurz vorm Gipfel im noch feuchten Ausstiegsschulterriss aufgeben. Für uns anderen ist das eine wunderbare Einladung, diesen herrlichen Handriss toprop genussvoll und ohne Lebensgefahr zu klettern.
Mittags sind wir am Jeana Frank Turm am „Spaziergang“. Ein angeblich besonders schöner und leichter Weg im Adršpacher 7a-Bereich, bei dessen Begehung ich meine Kletterausrüstung ein weiteres mal verschenke. Nicht mal diesen „leichten Weg fürs Volk“ (Ausspruch Fritz Eske) konnte ich sauber am Ring vorbei klettern. Es war nur ein schwacher Trost, dass alle anderen Nachsteiger auch heimlich reingefasst hatten, wie sie mir beim täglichen Bierwettkampf abends (zuletzt) versicherten. Eben wahre Freun-de.
Auf dem nächsten Weg verzichtete ich gern und ließ mich von Peter zu einer Felsen-kennenlernwanderung beraten. Der besonders wertvolle Hinweis „Hinterm See der gelb markierte Weg links“ sah mich dann mehrere Stunden lang allein einen etwas größeren Rückweg ausversehen über Teplice n. M. nehmen,´. Danke Peter! Alles Training so etwas. Habt Ihr das schon gewusst, liebe Sportfreunde, dass alles unangenehme im Leben nur Training ist?

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit Regen, mit Wanderungen an Regentagen wo danach die Sonne schien, mit Wetteräcken am Fels, viel Bier und ganz dumme Bemerkungen über Frauen, wo doch bereits Schiller so lobende Äußerungen über diesen seltsamen Ableger der Gattung Mensch machte: „Ehret die Frauen, sie weben und flechten himmlische Rosen ...“.

Es wurde Zeit, nach Hause zu fahren.

Fazit: Ich stehe nun moralisch ohne Kletterausrüstung da, sportlich einwandfrei habe ich auf keinem Gipfel gestanden und klettern kann ich auch nicht mehr, wie mir die Adršpacher Felsen es bewiesen haben. Aber: Machen wir doch nächstes Jahr einen neuen Versuch, es kann ja nur besser werden!

 
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