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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 2



2012 Ailefroide
Eine Kletterbilanz im Dezember


Wieder ist ein Jahr so gut wie „im Eimer“, eingetütet oder einfach vorbei. Einfach so, weg und schnell vorbei. Vor kurzem war ich noch Kind, bald liege ich in der Kiste, wie mein Bergfreund Peter sagt. Oder Rolf, der mir an Hand eines 100 cm langen Bandmaßes (1cm ist ein Jahr) klar gemacht hat, wo ich schon bin! Irgendjemand hat meine Lebensuhr 1943 angeworfen und aus einer Laune heraus mit einem immer schneller laufenden Uhrwerk ausgestattet. Und das mir, der als einziger auf dieser Welt nie älter werden wollte. Aber, ich arbeite dran; auch dieses Jahr. Zumindest erst mal: alles überlebt! Das ist schon mal was, nach den vielen Bergfahrten, hohen, guten und schlecht gesicherten Wänden. Ach ja, ich habe auch dieses Jahr einen guten Teil meines Lebens wieder vertikal verbracht und ich werde mich hüten zu verraten, was alles weh tut. Mein Ziel bleibt unverändert, mich um einen halben Grad zu steigern. Viel wichtiger: Ich habe wieder viel Freude gehabt, neue Freunde gewonnen und die alten nicht verloren. Das ist schon mehr, als manche, die mich schon lange und gut kennen, über mich denken („Er ist tatsächlich verheiratet, die arme Frau!“).
Aber was war nun das Beste in diesem Jahr? Vom Klettern her sicher wieder die Sächsische Schweiz, besser gesagt die Sächsisch- Böhmische Schweiz, denn gerade im Böhmischen sind die Wände mir freundlich gesinnt, sprich: besser gesichert und lang. Aber so ganz war das nicht mein Sandsteinjahr, dazu scheint eine neue Art von Angst dazugekommen zu sein, die ich in meinen jungen Jahren gar nicht kannte. Nachdem ich nun weiß, wie leicht Knochen brechen können. Also sag ich mal lieber, die großen Kletterfahrten dieses Jahr waren die schönsten, Ailefroide in Frankreich, Brela (Kroatien) und Sardinien. Wenn ich aber Nachdenke, dann sind eigentlich immer die jeweils letzten Fahrten die besten. Denn Klettern ist überall schön und besonders immer dort, wo man gerade ist! Trotzdem: Ailefroide war in diesem Jahr schon etwas besonderes, weil es unverhofft kam, weil ich nicht wusste, dass es so etwas Gutes auf dieser Welt gibt. Unvorstellbar, ich wäre ohne Ailefroide gestorben!
Hier nun mehr darüber.


   
  


Ailefroide im August 2012
oder
Wo ist das schönste Klettergebiet?


„Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor!“ Das hat wahrscheinlich Goethe extra für mich vor ca. 200 Jahren aufgeschrieben. Gedankenübertragung! In diesem Jahr war ich schon das 69. Lebensjahr und auch das 51 Kletterjahr unterwegs, um das beste Klettergebiet meines Lebens zu suchen und natürlich zu finden und war bis dahin „so klug als wie zuvor“! Dabei standen die Zeichen so schlecht wie nie: Meine Kletterleistungen waren trotz intensiver Bemühungen nicht besser geworden. Im Gegenteil, man konnte eher von einem sinkenden Stern sprechen, der noch gar nicht aufgegangen war. Böse Zungen behaupteten sogar „er fing schwach an und ließ stark nach!“ Immerhin konnte ich es mir insgeheim hoch anrechnen, dass ich noch lebte. Sozusagen alle meine Fehler überlebt hatte. Das hatte ich erst mal einigen voraus. Aber eigentlich wollte ich es den Lebenden schon immer  auch einmal beweisen, wie gut ich bin. Das Dumme: Immer wenn ich nahe dran war, gab es einen Rückschlag. Aber das ist eine andere Geschichte.
Also Ailefroide, gesprochen Elfroa. Zu Hause in Leipzig haben wir noch gewürfelt, ob wir überhaupt losfahren, wie so oft jährlich in Richtung Schweiz, in den eigentlichen Jahresurlaub. Weil wir sowieso das ganze Jahr Urlaub haben und unsere Hütte in der Sächsischen Schweiz der beste Urlaubsort in der Welt wäre. Aber mit dem Rest Neugier auf eine ferne andere Welt, sind wir doch losgefahren. Um die französische Bergwelt in diesem Leben noch zu sehen. Berge hinter Chamonix, die mir als Kletterer bisher noch verschlossen geblieben waren. So rückblickend muss ich ganz traurig feststellen, dass ich mein ganzes Leben mit Klettern versaut habe und die Welt nicht kenne. Das sollte sich diesmal ändern, wir wollten einfach der Route Grande des Alpes folgen, mit dem Auto. Und Anhalten, Bleiben, Schauen und Laufen, wo es nötig oder sinnvoll ist. Ganz nebenbei blieb beim Einpacken  mein Kletterzeug im Auto liegen. Auch, weil ich von guten Klettergebieten in Frankreich gehört hatte. Außerdem, ohne Hintergedanken: man weiß ja nie…Also erst mal losfahren und abends in der Schweiz hinter Martigny ankommen. Ein kleiner fast so gut wie kostenloser Campingplatz vor der Grenze zu Frankreich gibt uns die nötige Nachtruhe im Zelt. Am nächsten Tag zeige ich meiner Frau meine Welt auf der Aiguille du Midi (Rebuffat – Route Juli 2005, bester Granit der Welt!).

    

Und einen weiteren Tag später sind wir schon auf unserer Route; es geht südwärts nach Briancon.



Da kommt man schon durch gewaltige Gebirgsteile der Alpen, über lange weite Serpentinen, hohe Pässe und ein Hauch Tour de Frances weht rüber.  Und dieser Hauch lässt dich am Col du Galibier 2645m vor Ehrfurcht erstarren. Nicht auszudenken, wenn hier in 2645m Höhe noch schlechtes Wetter wäre. Jetzt im August 2012 ist es warm, unten im Tal sowieso. Nachdem wir noch einen Tag in der wirklich sehenswerten Stadt Briancon mit seinen Festungsanlagen erlebt haben, kommt also ein Abstecher zum hochgelegenen Seitental des Durance nach Ailefroide gerade recht. Einfach mal schauen. Eine große bewaldete Hochfläche zwischen endlosen Granitfluchten erwartet uns. Felswände, die manchmal bis zu den Gletschern und Eisflanken der Berge des Nationalparks Ecrins in den Dauphine- Alpen reichen. Sollte ich morgen wirklich wieder ohne Kletterweg oder wenigstens eine Felsberührung wie geplant weiterfahren (müssen)? Nein, noch am ersten Abend habe ich nach geringen fraulichen Widerständen Hand und Fuß am Fels. Und überall Kletterer.

   


Es sind ja auch hunderte von Zelten im Wald zwanglos verstreut. Jeder kann sich je nach Gemüt oder Geschick ein möglichst schattiges Plätzchen suchen und einrichten. Es sind fast alles Franzosen, ein ausländisches Kennzeichen muss man schon suchen. Ailefroide scheint in Deutschland nicht sehr bekannt zu sein. Da ist es ein Wunder, dass ich am nächsten Morgen beim Müllentsorgen, bei der laut in den Wald hineingerufenen Frage nach der richtigen Abfalltrennung, zwei Kletterer aus  Süddeutschland treffe. Wessis eben; ich will schon abbiegen, da werde ich zu einem Klettergespräch eingeladen, was der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ist. Normalerweise brauchen ja zwei Kletterer einen dritten nicht, aber hier bin ich willkommen: Peter hat seine Sturm- und Drangzeit noch nicht hinter sich und Manfred sind die Ziele immer ein bisschen zu „scharf“. Obwohl er sich gar nicht ans „scharfe Ende“ des Seiles zu wagen braucht. Da komme ich also als ausgleichendes Element, als Ossi, gerade recht. Na, und mir tut sich der Kletterhimmel auf!
Ich fass mich kurz: Wir haben dann, sozusagen unbeabsichtigt, eine Woche lang den Urlaub hier in Ailefroide täglich verlängert, nach abend- oder morgendlicher Diskussion. Das große Zelt und die dicken Luftmatten nie ausgepackt, manchmal das kleine Bergzelt schon abgebaut, bleiben wir doch. Es wurden drei Wandertage und drei Klettertage. Die Wandertage nutzen wir, um die Täler kennenzulernen. Entweder hoch bis zu den Gletschern. Da ist mir außer der wunderschönen Landschaft, wie fast überall in den Alpen, nur ein handzahmes riesenhaftes Murmeltier aufgefallen. Oder flussabwärts mit einer Autofahrt das Durance - Tal hinunter, mit wilden Schluchten, Festungsanlagen und einem Gourmetessen in Monte Dauphin. Während ich von den drei Klettertouren noch bis an mein Lebensende träumen werde.
Aber lassen wir doch mein Tagebuch sprechen, das ich geführt habe:

  


Klettern in Ailefroide
Montag, 13.08.2012, Ailefroide, der erste Klettertag


Frage: Gibt es auf der Welt noch so eine grandiose Landschaft, so eine tolle gewaltige vielfältige Kletterspielwiese mit lieblichem Charakter, so vielen netten Menschen und Felsen, die so unglaublich freundlich zu den Kletterern sind? Besonders der Fels hat es mir angetan: In allen Himmelsrichtungen ausgerichtet, kurze und sehr lange Touren, Einstiege nicht weit und gut zu finden. Und das Wetter ist so unglaublich stabil mit Sonne und weißen Wolken. Wir sind ja auch im Tal der 300 Sonnentage im Jahr! Außerdem optimal abgesichert, aller 3 m ein glänzender Edelstahlbohrhaken, auch in der 16. Seillänge. Gute Abseilpisten, auch mehrere nebeneinander. Und ein rauer Granit, der von seiner Struktur nichts zuwünschen übrig lässt; auch außergewöhnliche Gebilde, wie „halbe Ziegelsteine“, die dich plötzlich fast eine Seillänge lang mitten auf einer Platte begleiten (Foto meiner Hand am „Ziegelstein“!).

   


Und die Schwierigkeit kannst du dir aussuchen, je nach Bedarf und Gefühl, jeder nach seiner Fasson. Am Anfang langte es, wenn du im oberen fünften Franzosengrad fast kraftlos und freudevoll 14 Seillängen hochschleichst. So wie heute, wo Peter und Manfred mich zum Pelvoux mitnehmen und ich allen Komfort eines Plaisierkletterers genieße: Schon vom Zelt aus laufe ich im Gurt, mit Helm und Kletterschuhen dran, wie ein Friseur los. Im superleichten Fahrradrucksack nur viel Flüssigkeit und wenig Essen. Wie gesagt, ich bin heute dritter Mann und Fotograf. Peter steigt vor und Manfred und ich gleichzeitig nach. So habe ich meist zwei Fotomotive. Bald stellt sich heraus, dass genau das meine Kletterei ist! Nicht zu leicht, nicht zu schwer. Am Ende des Tages steht in meinem Bergfahrtenbuch:
Pelvoux, Riviere Kwai, 5c, 470 m, 14 Seillängen, 6 h.

   

Mittwoch, 15.08.2012, Ailefroide, der zweite Klettertag


Frage: Gibt es noch eine Steigerung zum ersten Klettertag? Die Antwort: Ja, heute an der Sagnette, noch länger, noch höher, klettern mit richtigem Hochgebirgscharakter und schöner und schwerer. Hier die Kurzfassung: Wir drei leben noch! Was ja eigentlich selbstverständlich ist, denn man geht ja Klettern um zu Leben und nicht andersrum. Außerdem: So eine schöne Welt sollte man nicht vorzeitig verlassen! Und so war es:
Sehr früh fahren wir mit dem Auto das Tal hoch, bis zum Ende. Beim fast einstündigen Aufstieg, anfangs über die Moräne des Glace Noir, dann das steile Schuttcoloir hoch, erleben wir das Erwachen des Bergtages in allen Facetten: Das Hellerwerden, das Erglühen der Bergspitzen, das erste Sonnenlicht und endlich das ganze sonnendurchglühte Tal unter uns.
Nun beginnt ein anfangs unbeschwertes Steigen. Plaisiermäßig geht es die ersten vier Seillängen hoch zum Grasband, das im untersten Teil fast die ganze Ostwand durchzieht. Beim Hochsteigen über dieses grüne Band merke ich Höhe und Alter, aber die jungen Freunde am Seil nehmen Rücksicht. Und dann wird es Gott sei dank schwerer und schöner und eine richtige Fototour wieder. Gerade die fünfte Seillänge wieder über dem Band, eine steile Verschneidung, wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Aber auch danach wird jede Seillänge noch schöner, obwohl eine Steigerung stets nicht mehr denkbar erscheint. Da es so viele Seillängen sind und meine Festplatte im Kopf nur noch wenig Speicher hat, ist mir eine noch in besondere Erinnerung durch meinen Ausspruch: „Ich hätte nie gedacht, dass es in der Natur senkrechte Treppen gibt!“

      


Irgendwann nach Mittag erreicht uns eine Schweizer Seilschaft. Ich weiß nicht mehr, warum ich von diesem jungen Paar so viele schöne Fotos gemacht habe. Weil das Klettermotiv so gut ist oder weil das Mädel, Lea aus Graubünden, so hübsch ist. Wir lassen sie mittels einer kurzen Rast vorbei. Was sich am Ende als kluger „Schachzug“ erweisen sollte. Denn als wir Nachmittag endlich den Gipfel erreichen, nach der schweren Stelle in der 14. Seillänge, wo wir die Haken der A0 – Stelle gern annehmen (unsportlich!), haben die beiden schon eine Stunde die Abseilstelle gesucht. Nun suchen wir zu fünft noch zwei Stunden gemeinsam weiter. Da gehen einem so einige Gedanken durch den Kopf. Und, junge Leute, Achtung, mit zunehmendem Alter wird das Nervenkostüm nicht besser! Da gibt es ein Mittel: Nicht viel sagen, ruhig bleiben! Die Gedanken an eine neue Biwaknacht einfach nicht laut werden lassen. Nachdem ich noch durch einen Bergsturz in der Ferne abgelenkt werde (Foto) finde ich die Stelle doch noch rechtzeitig 3m unter uns in der steilen senkrechten Aufstiegswand! Der Stein, der mir dabei vom Herzen gefallen ist, hat mich dann 200m tiefer beim Abseilen beinahe erschlagen. Ein kopfgroßer Felsbrocken aus dem Gipfelbereich hat mich nur knapp verfehlt. Das wievielte Mal in den Bergen habe ich Glück gehabt? Am Ende des Tages sind wir sehr glücklich und gesund nach fast zwei Stunden Abseilfahrt gegen 19 Uhr wieder am Einstieg und nach weiteren anderthalb Stunden wieder am Zelt zurück.
Hier nun doch noch ein paar Zeilen original aus meinem Tagebuch:
Was bleibt? Noch nie habe ich mich in einer Seilschaft so menschlich wohl gefühlt. Das zeigte sich auch bei der Ankunft am Wandfuß, wie die beiden Seilgefährten, Peter und Manfred so waren: Wir umarmten uns zu dritt und drückten uns innig ab. Uns hat auch heute  viele Stunden nicht nur das Seil verbunden. Und ich habe dann noch mal jeden einzeln umarmt. Ja, die Berge….
Am Ende des Tages steht in meinem Bergfahrtenbuch:
Sagnette 2840m, Soleil Trompeur, 5c, A0, 490 m, 16 Seillängen, 7 h.

   


Freitag, 17.08.2012, Ailefroide, der dritte Klettertag


Nun wollen wir eigentlich gar keine Steigerung mehr. Aber dann… Wir machen den „Wasserfallweg“. Gibt es einen wunderschönen Kletterweg über eine 250m hohe Wand mit einer Seillänge durch einen Wasserfall? Ja, hier in Ailefroide!. Heute haben wir keine Eile, es sind ja nur 8 Seillängen und den Einstieg erreichen wir durch einen Spaziergang vom Zelt aus. Aber weil wir trotzdem so zeitig unterwegs sind, dürfen wir bis zum Gipfel im Schatten klettern. Beim Überklettern des kleinen Wasserfalles haben wir viel Spaß und oben lockt als Belohnung des Tages, der Kletterwoche und vielleicht des ganzen Jahres ein 30 m langer Felspfeiler mit toller Reibungskletterei. Schade nur, dass ich nicht im Vorstieg sein darf. Es gibt vermutlich nicht viel schönere Sachen im Leben, als in großer Höhe gut gesichert im fantastischen steilen Fels seine Grenzen auszuloten! Und auch dieser Tag geht nach einer Abseilfahrt zu Ende.
Am Ende des Tages steht in meinem Bergfahrtenbuch:
Cascade Blues, 6a, 250 m, 8 Seillängen, 4 h.

    


Was bleibt


Wir haben noch Zeit, auf meine Einladung hin oben im Refugio unter den großen Wänden ein Glas Rotwein zu trinken und „Fromage blanc suere“ zu essen, zu löffeln; die wohl leckerste dickste saure Sahne meines Lebens! Und dabei fest zustellen, dass unsere Klettertage nicht ein großer wunderschöner reiner Zufall war, wie ich meinte. Auch kein Wunder. Sondern, wie Peter meinte, es ist alles Vorsehung! So einfach kann man gläubig werden!
Auf Wiedersehen Ailefroide 2013!

Nachsatz: Wer nun denkt, dass dort in Ailefroide noch große Bergsteigerische Lorbeeren zu ernten sind, der irrt. Es ist Plaisier, zugegeben leicht ernsthafter Plaisier, auch lang und steil manchmal. Aber eben nicht mehr. Weil: Mein Bergfreund Olaf Rieck hat mir mal ganz nebenbei mitgeteilt, dass er dort 5 Wochen lang sich in den schwersten Routen dort auf den Fitz Roy vorbereitet hat. Da hab ich mich danach wieder eingeordnet und bin auf den Erdboden angekommen.


 
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