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Bergsteigen und Alkohol



Gibt es etwas Unverträglicheres als Feuer und Wasser? Ja, Bergsteigen und Alkohol. Und trotzdem gab es immer wieder Versuche, diese Gegensätzlichkeit zu prüfen, ja herauszufordern. Obwohl ja alle diese Versuche von vorn- herein zum Scheitern verurteilt sind, gibt es Überlebende, die darüber noch berichten können.
Auch ich. Es sei gleich von vornherein gewarnt: Besser wäre es gewesen, den Mantel des Schweigens über alles Gewesene diesbezüglich zu decken. Andererseits müssen alle anderen auf dieser schönen Erde nicht noch einmal
in solches tiefe Elend stürzen!

Beispiel 1:
1996 (?) wars, die Tage wurden trüber und kürzer und kälter. Für Anfang November also die richtige Zeit um Abschied zu nehmen vom Kletterjahr in der Sächsischen Schweiz. Abklettern nennt man das, wobei nicht das Klettern im Vordergrund steht, sondern das Abschiedfeiern. Und so eine Feier musste vorbereitet werden. Damit nichts anbrennen konnte, waren bereits immer ein Jahr vorher Verantwortlichkeit und Aufgaben verteilt worden. Der Ort sollte, musste, eine Boofe sein. Es war eine glückliche Zeit unserer Leipziger Bergsteiger – Hüttengemeinschaft in Waitzdorf mit dem als Hütte ausgebauten alten Pferdestall bei Martin dem Großen. Der früher, aus den Anfangsjahren unseres Kletterlebens, ungeliebte Brand wurde unser Hausklettergebiet und die Drillingsboofe unser Wahlort für das Abklettern. Lange Jahre, bis die Wende auch das Ende unserer Hütte brachte  und wir in eine Boofe am Großen Zschirnstein vertrieben wurden. Bis hierher klingt die
Geschichte gut. Aber nun kommt Alkohol ins Spiel. Ist jahrelang gut gegangen. Sogar Fässer voll Bier wurden unfallfrei transportiert und
aufgebraucht. Aber immer gerade dann, wenn man zu selbstsicher ist, lauert der Abgrund, der Absturz, das Gegenteil von Glück und Zufriedenheit. Dabei war man ja vorgewarnt, man konnte sich in den Mitteilungsblättern des SBB vierteljährlich an den Berichten über Unfälle verlustieren. Insbesondere über die Blöden, die in Boofen verunglücken. Einer hat es sogar mal geschafft, erst beim zweiten Mal in der gleichen Boofe (!) tot zu werden. Das konnte uns nicht passieren. Denkste! Man hätte es fast vorhersagen können: Wo ich bin passiert immer etwas und diesmal war es eben eine Boofe.
Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Wir waren in der Südwand klettern, hatten für genug Holz vorgesorgt, der riesige Fleischspieß wurde auf dem Lagerfeuer rechtzeitig gar und die Stimmung war wieder feucht, fröhlich und ausgelassen. Aber diesmal, das erste Mal am Zschirnstein, war alles anders. Weit noch vor Mitternacht sanken die ersten dahin, vermutlich ob des langen Anmarsches, des zu vielen Holzes oder was auch immer. Ich nicht, ich hatte dieses Jahr  besonders lange und intensiv gearbeitet. Jetzt, nach der Wende, wollte ich etwas erreichen, was ich jahrzehntelang verpasst und nicht getan hatte, in meinem ungeliebten Arbeiter- und Bauernstaat. Und wollte das schon erreichte feiern. Dann war ich am Lagerfeuer gefühlt allein, ließ die Sau raus, schürte das Feuer, legte reichlich Holz nach, die Flammen schlugen meterhoch die Felswände empor, trank die übriggebliebenen alkoholhaltigen Flaschen wahllos leer und sang die noch ungesungenen Lieder viel zu lang und zu laut. Dann fiel ich aus der Boofe. Man fand mich im Wald und ich fand mich am nächsten Tag im Krankenhaus Pirna wieder und konnte nach einer Operation über mein Fehlverhalten längere Zeit nachdenken!

Beispiel 2:
1988 (?) wars, eine Tatrafahrt im Sommer. Eine Hauptkammüberschreitung sollte es werden, der zweite Versuch. Wir waren zu zweit, Ralf und ich. Und hatten nur Klettern im Kopf. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Er hatte offensichtlich etwas gegen unsere Pläne und hat ins Nachbarabteil der endlos langen Bahnfahrt sechs (!) Frauen gesetzt. Sie kamen mir gleich sehr bekannt vor. Es stellte sich heraus, sie waren die Frauen befreundeter Dresdener Bergsteiger. Das war dann der Grund sie zu besuchen und das Wiedersehen oder Kennenlernen anfangs zurückhaltend dann aber sehr feucht und fröhlich zu feiern. Sie hatten eine mehrtägige Bergwanderung vor; ich war mächtig beeindruckt. Und da es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich sechse allein für mich hatte, habe ich mich mit zunehmender Menge an nicht ganz alkoholfreien Getränken vor ihnen produziert, so dass ich mich heute noch schäme. Mein Geist und meine Sprache erreichten ungeahnte Höhen (soweit ich mich erinnern kann, ich war  noch jung!). dann wurde mir sehr schlecht, ich konnte mich gerade noch in mein Abteil retten. Den nächsten Teil der Bahnfahrt habe ich mit aus dem Abteilfenster heraushängenden Kopf verbracht. So kam ich am nächsten Morgen mehr tot als lebendig in den Bergen an.
Aber damit endet diese Geschichte nicht. Wie gesagt, der Mensch ist nur begrenzt lernfähig. Halb krank habe ich mich mit dem großen Rucksack das Tal hochgeschleppt, um dann über den Baranisattel das Grünseetal zu erreichen, dem Ausgangspunkt unserer Gratüberschreitung. Und was soll ich sagen, an der steilsten und schwierigsten Stelle holt Ralf eine Flasche Bier aus dem Rucksack – und ich habe sie nicht ungern ausgetrunken!

Beispiel 3:
1990 wars. Der erste Sommerurlaub nach der Wende in die Dolomiten. Im Wilden Kaiser hatte uns ein Wettersturz weggespült, zur Kölner Hütte im Rosengarten auf der sonnigen Alpensüdseite. Mir war es sehr recht. Die Euphorie war unbeschreiblich. Ossis in den Dolomiten. Wusste die Welt davon? Wurde dieser historische Augenblick von allen, zumindest von den vielen hier anwesenden sehr gleichgültig tuenden Bergsteigern gewürdigt? Ich nahm es an. Ich hatte mich auf diesen Augenblick eingerichtet. Ich hatte Schwarz-Weiß-Fotos von meiner Kletterheimat mit. „Seht her, hier klettere ich und jetzt bin ich hier!“. Und dachte: Ich bin wie Reinhold Messner. Ich liebe die Berge genau so wie er. Wo ist der große Meister? Nach dem dritten Bier rief ich laut nach ihm. Nach dem fünften verlangte ich seine Telefonnummer. Nach dem siebenten rief ich ihn auf seiner Burg an. Er war nicht zu Hause. Er hätte sich sicher auch sehr gewundert. Später war ich so betrunken, dass mich meine Bergfreunde am nächsten Morgen schnitten.

So, das waren drei Beispiele von einigen weiteren, die nicht gerade ein Ruhmesblatt in meinem Leben waren. Ich muss mich ja nicht schlechter machen, als ich schon bin. Andererseits sollte ich aber auch der Vollständigkeit halber sagen, dass alkoholische Getränke auch gute Seiten haben. Nämlich insbesondere in den kalten Jahreszeiten. Gerade die November lieben meine Bergfreunde und ich. Wir haben die Berge gern allein, für uns. Einmal im Jahr muss man sich auch mal erholen, mehr sage ich nicht. Und dann trinken wir abends auf diejenigen, die diese Getränke erfunden haben und auf die Welt. Meist bei 0°C nach dem oft sonnigen Klettertag irgendwo im südlichen Europa, ehe wir dann so innerlich vorgewärmt in die manchmal schon reifbedeckten Zelte kriechen.
Denn eines habe ich gelernt: Meide Boofen und fremde Frauen!

Erhard Klingner

an einem kalten Apriltag 2014 in Leipzig

 
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