- www.barbarine.de

Suche auf Seite
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 2



Ardèche, oh’ Ardèche

Eine Kletterwoche im Februar 2006 in Südfrankreich


Endlich Frankreich, Frankreich. Nach vielen Versuchen einmal dort zu klettern sind wir,Peter und ich, im Kletterparadies angekommen. Gehen wir doch seit einigen Jahren zu Beginn und Ende des Winters in Italien klettern, wo wir oft echte Kältetests zu bestehen hatten. Jetzt also Südfrankreich. Bereits auf der Hinfahrt blieben wir mit dem Auto an einem Alpenpass vor Lyon im Schneesturm stecken. Und landeten deshalb in einem französischen Doppelbett, weit vor dem Ziel. Dafür hatten wir am nächsten Tag Zeit, bei Tageslicht den berühmten Naturpark Ardèchetal zu erkunden. Und dann das erste Klettergebiet, nachdem wir den einzigen geöffneten Campingplatz gefunden hatten, den „Bonhomme“, nahe VallonPont-d`Arc. Wir sind die einzigen auf dem Platz. Die ganze Ardèche nur für uns! Und die Klettergebiete liegen vor uns: Es sind die Felswände entlang des langen und tief eingeschnittenen Canon des Ardèche- Flusses und seiner Nebenarme. Sie sind meist bis 30m hoch, gut abgesichert mit Bohrhaken und in alle Himmelsrichtungen ausgerichtet.Wer bis 6a und darüber auf der französischen Schwierigkeitsskala klettert,dem sind folgende Gebiete empfohlen (Kletterführer bei mir):
1. Chauzon,
2. Chaulet Plage,
3. Mazet Plage.
Es war scharfer griffiger Kalk, der uns täglich erwartete.

Dort einfach den oft begangenen Wegen ausweichen und in den danebenliegenden neueren Sektoren klettern! Es sind ja Bohrhaken ohne Ende da. Trotzdem bin ich richtig runtergefallen: Im Gebiet Chauzon lockt schon von weitem ein Riss „Crack boum hue“ 6a. Es war wie im Traum: Ich konnte den Riss hangelnder und klemmenderweise gut klettern bis zu einem Überhang ein Meter vorm Umlenkhaken. Ich hatte sozusagen die Hände auf dem Gipfel und kam doch nicht hoch. Zwei Meter weg vom letzten Haken begann der Rückflug. Nachteilig waren nur die kurzen Tage. So gegen 18 Uhr wurde es dunkel und sehr kalt.
Das war kein Problem. Wir hatten ja ein Auto voller Bier. Deshalb sind wir meist erst mal im Auto sitzen geblieben. Genüsslich ein Bier trinkend. Nach dem zweiten das kommende Abendbrot besprechen. Peter hatte schon zu Hause die Hauptgerichte vorbereitet. Nur die Salate und Beilagen wurden vor Ort frisch gekauft. Dabei und nach dem Essen öffnete Peter noch ein, zwei Bier; später wurde das benutzte Geschirr rings um im Gras verteilt. Überall leuchteten hungrige Katzenaugen im Dunkeln. Die Teller waren frühmorgens immer sauber geleckt. Kurz bevor es zu kalt wurde, gab es den ersten Glühwein.
Und siehe da, es wurde wärmer! Menschenwichtige Fragen mussten beantwortet wurden, beim Glühwein. Sogar Peter öffnete seine Seele.

„Schau mal die Sterne sind so nah und doch so weit!“ Ich: „Nein,sie sind noch viel weiter weg!“ Pause. Peter: „Wahrscheinlich sind wir nicht allein im Weltall; vielleicht sitzen da oben auch noch welche wie wir. Vielleicht trinken sie sogar Glühwein.“ Ich: „Aber Peter, wir schauen doch schon so tief ins Weltall hinein und was sehen wir? Leere,kalte Weltraumleere.“ Peter: „Trotzdem kann ich nicht verstehen, wieso das Weltall nur endlich sein soll.“ Lange Pause. „Alles ist unendlich endlich, hast du das endlich begriffen, Peter? Sogar unser Glühwein ist endlich und jetzt ist er ganz aus!“ Darauf Peter:„Das macht nichts, da gibt es jetzt Grog!“

Die Nächte im Winter sind lang. Jedoch nicht, wenn man einen guten Schlafsack hat und genügend Glühwein trank. Nur profane menschliche Bedürfnisse zwangen uns zum Aufstehen. War man beim Herausstolpern aus dem Zelt noch etwas schlaftrunken, der Anblick der Abendessenschlacht war ernüchternd.
Wie gesagt, klettern waren wir auch. Ich habe noch nie so nette Menschen getroffen. Schade, dass ich so wenig französisch kann. Wenn du dort eine Frau triffst und grüßt und sie grüßt wieder, dann hat man das Gefühl, sie kennt dich. Der Tonfall lässt alle Leidenschaften aufleben! Na gut, bei mir war das so. Ich hab mich ein bisschen verliebt. Die Landschaft der Ardèche lädt gerade dazu ein. Du bist am Ufer der Ardèche und genießt das Frühlingserwachen der wärmenden Sonne. Falls nicht der schöne weiße BH auf dem Ufergeäst dich zum träumen einlädt. Aber träume nicht, du musst klettern; dazu sind wir hergefahren. Wir hatten eine Frau getroffen, am letzten Tag. Wollte nach Hause, aber hatte sich verlaufen. Sie hatte ein Telefon, ein Handy. Aller Stunde rief sie an, wir sollten sie holen. Es wäre kalt, sie steht an einer Straße und es würde immer dunkler. Es war wie ein Albtraum, es war die genaueste Beschreibung, zu der eine Frau fähig war. Kurz bevor der Sprit im Auto alle war, stand sie vor uns und war gerettet. So sind wir also doch noch durch eine gute Tat belohnt worden.
Ohne größere Verluste haben wir eine gute Kletterwoche lang wie Gott in Frankreich gelebt!

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü