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Erhard > Literarisches > Persönliches > Rückblicke

Das klettern-Magazin wurde 2015 glatte 20 Jahre alt.
Viel hat sich getan seit den Anfängen in den 90er Jahren, nicht nur in der Kletterwelt.
In der Ausgabe 3/2016 erscheint nun ein Beitrag von Erhard Klingner.




20 Jahre „Klettern“ und ich


Ich (72) habe das Leben satt, bis oben hin. Nichts geworden, nichts erreicht. Jetzt schreibe ich mich einfach aus meiner lebenslangen existentiellen Krise heraus, wie so mancher spät berühmt gewordener  Lebensversager. In Form einer Leserzuschrift an meine Monatszeitschrift „Klettern“, deren einer der ersten Leser ich seit 1995 bin und die nicht einmal halb so alt ist, wie ich klettern gehe. Nun ist es heraus, ja, ich gehe klettern, seit 1960. Und, ja, es ist eine tolle Kletterzeitung. Richtig gut, wie fast alle meine Bergfreunde meinen. Eigentlich alle. Aber ich weiß nicht wen sie, die Zeitschriftenmacher, eigentlich beeindrucken wollen, mich jedenfalls nicht. Ich bekomme immer die Krise, wenn ich die Zeitschrift erhalte und mich draufstürze. Und werde immer enttäuscht! Es sind alles Kletterhelden und sie werden immer besser und jünger. Ich möchte es mal erleben, dass sie mal von einem ganz normalen Kletterer berichten. Die gibt es nämlich auch. Und alle die ich kenne, die sind ganz normale. Die werden wahrscheinlich nie in einer Kletterzeitung erwähnt. Das werde ich wahrscheinlich selbst machen müssen, genauso wie mein längst im Kopf konzipierter „Playboy für Kletterer“. Deshalb habe ich auch immer beim Klettern einen Fotoapparat am Gurt, für die Zukunft und für die Schlafzimmerwand meines Bergfreundes Peter. Also, liebe „Klettern“ – Macher, nehmt doch einfach mal mich. Geht aber eigentlich auch nicht, bin schon fast zu berühmt. Wenn ich zum Beispiel in meinem Heimatgebirge, der Sächsischen Schweiz, jemand begegne und ins Gespräch komme, sage ich: „Gestatten, ich bin der und der. Ich bin ganz berühmt. Aber nicht weil ich so gut bin, sondern weil ich so viele Fehler gemacht habe. Und alle überlebt.“ Und schon haben wir eine Gesprächsgrundlage über Gott und die Welt und Klettern. Und die Lacher gegen mich.
Und wenn ich ein Glasl getrunken habe, stehe ich auch zu meinen Fehlern. Zumal die, die auch gefilmt worden sind und die sich sowieso nicht verheimlichen lassen. Wie der, wo ich in einem Riesenkamin heruntergefallen bin, sicher als einer der ganz wenigen auf dieser Welt (Biwaksendung des MDR „Nähmaschine im Spreizkamin“). Manche meinen sogar, ich müsste mich entschuldigen, dass ich noch lebe. Einige andere Sätze sind mir auch noch in Erinnerung, wie „Er fing schwach an und ließ stark nach“ oder „Keiner ist umsonst in den Bergen, auch der Dümmste und Unfähigste kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen“. Das Schlimmste ist, ich will gar keine Fehler machen, sie kommen von ganz allein. Wahrscheinlich ziehe ich sie magisch an. Ich sag manchmal verzweifelt, wo ich bin passiert immer etwas. Ich sollte vielleicht mal ein Jahr im Bett liegen bleiben. Das soll aber nach der Statistik auch nicht so gut und sicher sein. Vorsichtshalber habe ich immer Tagebuch geführt und alles aufgeschrieben, auch über 6000m und eben auch die Fehler. Es heißt ja immer, aus Fehlern kann man lernen. Wahrscheinlich aber lernen immer nur die anderen. Aber ich bin auch zu dem Schluss gekommen, Stürzen kann oder sollte man nicht lernen. Es tut meistens weh. Wer es trotzdem wissen will wie es war bei mir, findet die Details unter www.barbarine.de.
Es erhebt sich nun die Frage, warum ich überhaupt noch klettern gehe. Hier mein Geheimnis: Ich gehe klettern, um mich um einen halben Grad zu steigern. Ich habe es gründlich satt, immer nur Mittelmaß zu sein. Ich will besser, ja gut werden. Aber nicht nur immer neue vielversprechende Kletterschuhe kaufen, sondern richtig. Neue Einstellung, mehr Mut, mehr von allem. Ja, ein bissl spät und vielleicht hätte ich mit Klettern überhaupt erst gar nicht anfangen sollen. Aber besser spät als gar nicht, um doch noch zu Ruhm und Ehre zu kommen. Und, ja, andere Sportarten habe ich auch schon versucht. Vor zehn Jahren, als ich in den beruflichen Ruhestand wechselte und endlich, leider damals auch laut angekündigt, richtig gut werden wollte. Mit Skateboardfahren. Der Anfang war gut. Aber ein paar Tage später operierte mich Herr Dr. Hanna (Syrischer Arzt im vogtländischen Schleiz) und zwei Jahre später entfernte er höchst selbst ein Kilogramm Edelstahl wieder aus meinen Hüftknochen.
Nun bin ich gerade wieder von einer kleinen Unpässlichkeit genesen. Noch vor kurzem, im November, kratzte ich an dem gewissen halben höheren Schwierigkeitsgrad in Sizilien. Und wollte dann zu Hause in der Kletterhalle an einem Überhang meiner hübschen jungen Kletterlehrerin Julia mein gesteigertes Können zeigen. Und, genau, ja, leider, im ungünstigsten Moment (der Geist war willig, aber der Körper schwach) zog ich mir eine Muskelzerrung in der linken Wade zu. Das Jahresaus und saudumm gelaufen. Aber wie sagt das Kämpferherz schlägt weiter - aus Fehlern kann man lernen!
Erhard Klingner


 
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