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Die Babarine > Bergsteigen



Kai Reinhart & Michael Krüger, haben eine interessante historische Betrachtung zum Sport verfasst. Im Folgenden wird hier, der Teil wiedergegeben, der sich im Besonderen mit dem „Sächsischen Bergsteigen“ beschäftigt.

Quelle: Historical Social Research, Vol. 32 — 2007 — No. 1, 43-77 Funktionen des Sports im modernen Staat und in der modernen Diktatur, Kai Reinhart & Michael Krüger

Das sächsische Bergsteigen

(Das folgende Kapitel enthält Auszüge aus einer Studie des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Münster zum sächsischen Bergsteigen, in dessen Rahmen u. a. Zeitzeugengespräche geführt wurden.)
In der DDR ließ sich der Sport – entgegen seiner offiziellen Funktion – ebenfalls als Mittel einer „Ästhetik der Existenz“ nutzen. Dazu eigneten sich weniger Sportarten, die von den zentralen staatlichen Machttechnologien geprägt wurden, sondern eher solche, die nicht offiziell gefördert wurden und eine körperliche Praxis mit ästhetischen Kriterien sowie einer eigenen Lebensform verbinden. Ein Beispiel dafür ist das Bergsteigen. Die DDR verfügte mit der „Sächsischen Schweiz“ ca. 30 km südöstlich von Dresden, die sich jenseits der Grenze als „Böhmische Schweiz“ fortsetzt, über ein äußerst traditionsreiches Klettergebiet. Hier hatte sich bereits ab 1864 ein Klettersport entwickelt, der auf künstliche Hilfsmittel weitgehend verzichtete. Das sächsische Bergsteigen wird daher auch als eine „Wiege des Freikletterns“  bezeichnet. Die Mehrzahl der Kletterer stand in der Tradition des sächsischen Bergsteigens mit seinen eigenen Normen und Werten. Sie betrachteten das Bergsteigen nicht als eine Sportart, sondern als eine Lebens- und Seinsweise. Dietrich Hasse, ein bekannter sächsischer Bergsteiger, der in den 1950er Jahren in die Bundesrepublik übersiedelte, bezeichnete diese „Ästhetik der Existenz“ als „bergsteigerische Lebensform“  und Bernd Arnold, der überragende Kletterer der DDR schrieb: „Über den Klettersport erfülle ich mir die Sehnsucht nach elementarem Dasein, schöpfe ich meine sinnlichen und körperlichen Anlagen aus.“

Die „einheitliche Sportklassifizierung“

Zwischen dem Sport als „Technologie des Selbst“ und einer Technologie der Macht musste es zwangsläufig zu Konflikten kommen. Zu,
regelmäßigen Auseinandersetzungen führte z. B. die „einheitliche Sportklassifizierung“, die im Jahre 1953, dem sowjetischen Beispiel folgend, vom ZK der SED eingeführt worden war. Künftig wurden in den unterschiedlichsten Sportarten die Leistungsklassen III-I und die Auszeichnungen „Meister des Sports“ für Spitzensportler sowie „Verdienter Meister des Sports“ für Funktionäre verliehen.  In der Tradition des sächsischen Bergsteigens wurde jedoch schon die Einordnung als Sportart zurückgewiesen: „Man hat früher gesagt; ‚Bergsteigen ist mehr als Sport. Du stehst über den Dingen.  Eine Welle der Empörung lief nach der Einführung der Sportklassifizierung durch die Szene. Viele Bergsteigerwollten sich, bestärkt durch ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, keiner Form von Normierung mehr unterwerfen: „Das war mir ein Gräuel. Ich wollte privat und persönlich für mich klettern gehen und mich da nicht irgendwo wieder einfangen lassen. Haben wir abgelehnt.“ Die Klassifizierung wurde als politisches Machtinstrument empfunden: „Es war sicher politisch gewollt, zu sagen, wir müssen die Bergsteiger mal langsam in den Griff kriegen, die sind alle abgehauen, das ist keine gute Sportart. Wir lenken das jetzt mal.“ Diese Wahrnehmung entspricht der Foucaultschen Theorie und wurde auch vom staatlichen Bergsteiger-Verband (DWBV) ausdrücklich bestätigt: „Um die Durchsetzung der Sportklassifizierung ist weiterhin beharrlich zu ringen; denn sie ist der Ausdruck des Neuen im Bergsport [...]. Der politische Inhalt dieser Maßnahme ist in allen Diskussionen besonders zu beachten.“ Es dauerte jedoch einige Jahre, bis der DWBV Gehör fand. Erst 1957 erklärten sich erste Bergsteiger bereit, an der Sportklassifizierung teilzunehmen. Die kleine Zahl der „Klassifizierer“, wie sie abschätzig genannt wurden, sammelten sich damals in betont sozialistischen Sportgemeinschaften wie der SG Dynamo Dresden. Sie erhielten dafür Auszeichnungen und Privilegien, wie z. B. Reisen in ausländische Hochgebirge, was die oftmals leistungsfähigeren Verweigerer zunehmend frustrierte. Am 13. Februar 1960 entschlossen sich daher 13 der bekanntesten Bergsteiger zu einem ungewöhnlichen Schritt. Sie schrieben einen siebenseitigen Brief an den Ersten Sekretär der SED, Walter Ulbricht, den sie zur Kenntnisnahme außerdem an das Stako, den DTSB und weitere Verbände und Zeitschriften schickten. In diesem Brief hieß es u. a., der Bergsport erziehe auch ohne Klassifizierung zu Charakterstärke und moralischen Qualitäten. Die Verfechter der Klassifizierung bezeichnen unser Bergsteigen als Weltflucht und glauben, alle Bergsteiger nur durch die Klassifizierung erziehen zu müssen und zu können. Aber was haben sie damit erzogen? Dogmatiker, Karrieristen! Sie haben an die Stelle des denkenden, fühlenden, sehenden Menschen den Katalog gesetzt. Sie fördern damit die Unredlichkeit in unserem Sport. Sie überzeugen nicht, sondern gebrauchen Zwangsmittel. Sie verdrängen ethische Prinzipien durch reine Körperertüchtigung. Hier wurde, um mit Foucault zu sprechen, der Wert des Bergsteigens als „Technologie des Selbst“ gegen seine staatliche Nutzung als Technologie der Macht verteidigt. Der Bezug auf moralische Qualitäten in Verbindung mit einer körperlichen Praxis entspricht genau dem Foucaultschen Denken. Was in dem Brief als „Katalog“ bezeichnet wurde, nannte Foucault eine „code-orientierte“ Moral, die die Unterwerfung des Subjekts unter eine Autoritäts-Instanz verlange. Der „code-orientierten“ stellte er eine „ethik-orientierte“ Moral gegenüber, die die Ausbildung einer selbstbestimmten Existenz verfolge.  Entsprechend ist im Brief von „ethischen Prinzipien“ des „denkenden, fühlenden, sehenden Menschen“ die Rede.

Die Kletterklubs

Ein weiteres Beispiel für die Reibungen zwischen dem Bergsteigen und der offiziellen Sportpolitik ist die Auseinandersetzung um die traditionellen Kletterklubs. „Klub galt als bürgerliches Überbleibsel, oder als dekadent, bürgerlich, Weltflucht, sich den Problemen des Klassenkampfes nicht stellen.“ Alle, bergsteigenden SED-Genossen wurden verpflichtet, den neu entstandenen (Betriebs)sportgemeinschaften (BSG) beizutreten. Außerdem sollten sie „alles unternehmen, um den Anschluß der übrigen Mitglieder zu betreiben“. Ab dem Herbst 1948 begannen sich die Bergsteiger auf Grund des massiven politischen Drucks (Betriebs)sportgemeinschaften anzuschließen. Unter dem Deckmantel der Betriebssportgemeinschaften blieben also die alten Strukturen erhalten: „Da waren Klubvertreter, die gingen dann einmal im Monat oder alle sechs Wochen, wenn das einberufen wurde, zu einer Sektionsversammlung und trugen das, was da erzählt wurde, in die Klubs.“  Dieses Verhalten zeigte sich auch in der Kletter-Praxis. „Offiziell nannten sie sich Empor Löbtau und im Gipfelbuch stand TC Wanderlust.“ Den sozialistischen Funktionären blieb dieser Zustand nicht verborgen. Hans Pankotsch beklagte sich über die mangelnde Unterstützung der Sektion Touristik der DDR durch die BSG Empor Dresden-Löbtau, an die sich die meisten Klubs angeschlossen hatten. „Warum führen sie gerade montags ihre Versammlungen durch, wo jeder weiß, dass diesen Tag die Partei der Arbeiterklasse, die SED, für ihre Schulungen usw. nützt?“  Hans Löwinger erklärte den Bergsteigern, was Karl Marx über den Aufbau der Organisation lehre: Besonders wichtig sei die Einheit, die nicht durch Organisationen in der Organisation untergraben werden dürfe. „Unsere demokratische Sportbewegung ist weder eine ‚Dachorganisation’, in der wir zusammengefasst, noch eine andere Organisation an die wir lediglich ‚angeschlossen’ sind.“  Er empfahl allen Bergsteigern den Marxismus zu studieren, der „die richtige Durchführung unseres Sports garantiert“. Als „Seilschaften“ wurden die Klubs schließlich innerhalb der BSGs toleriert und sozialistisch uminterpretiert: „Die Seilschaft bildet eines der vielen kleinen Kollektive in unserer demokratischen Sportorganisation.“  Zwischen den Mitgliedern bestünde heute eine neue Beziehung, so K. B. Richter weiter, die sich nicht nur durch Kameradschaft am Berg, sondern auch durch gegenseitige Erziehung nach den Grundsätzen der sozialistischen Moral auszeichne. Dieser offiziellen Darstellung stehen die Erinnerungen der Zeitzeugen entgegen: „Die Klubs wurden geduldet, weil es einfach nicht totzukriegen war. Die haben sich alle irgendwelchen BSGs angeschlossen. Das hatte auch gewisse Vorzüge, sie waren versichert und kriegten gewisse Unterstützung, aber eigentlich, eigentlich waren sie die Klubs.“ Unter der Oberfläche schwelte der Konflikt noch lange weiter. Sicher nicht ganz zufällig wurde der Festschrift des DWBV zum 100-Jährigen Jubiläum des Bergsteigens in der Sächsischen Schweiz ein Zitat von Walter Ulbricht vorangestellt. Nur im Einklang mit den historischen Entwicklungsgesetzen gebe es eine Zukunft, hieß es darin. „Wer aber versucht, das Alte, historisch längst Überlebte, zum Absterben verurteilte zu konservieren, der muß scheitern, der muß mit dem Überlebten untergehen.“  Als die sozialistischen Strukturen des Bergsports in der friedlichen Revolution zusammenbrachen, blieben die Klubs erhalten und schlossen sich bereits am 21. Dezember 1989 in den Unruhen der Wendezeit wieder zum Sächsischen Bergsteigerbund (SBB) zusammen.

Foucaults Verständnis von Widerstand

Vergleichbare Konflikte mit Staat und Partei wie bei den sächsischen Bergsteigern gab es auch in anderen unangepassten Sportarten, wie dem Kampfsport, dem Windsurfen, dem Skateboarden und dem Laufen, traten solche Konflikte auf. Henning Eichberg formulierte bereits im Jahre 1992 die Hypothese, dass sich in diesem informellen Sport der DDR „die Revolution“ angekündigt habe.Theo Austermühle zufolge fehlten aber die Belege für subversive, das heißt den Staat und sein Sportsystem untergrabende Ziele der Sportler. Die Trend-Sportler hätten, so Austermühe weiter, lediglich versucht, ihre sportlichen Interessen zu befriedigen, ohne politische Ziele zu verfolgen. Diesem Denken liegt ein enges Verständnis von Politik zu Grunde, während sich diese in modernen Diktaturen gerade nicht beschränkte, sondern auf alle Bereiche des alltäglichen Lebens ausweitete. Im Zusammenhang mit den Rock’n Roll-Krawallen in Dessau und Halle (1958) beispielsweise hieß es in der SED-Bezirkszeitung „Freiheit“, „daß das Tragen von Nietenhosen sehr wohl etwas mit Politik zu tun hat, und zwar mit einer Politik, die sich immer gegen den Fortschritt wendet, gegen den Sozialismus und daher auch gegen unsere Republik“. Der ostdeutsche Pfarrer und Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs“, Erhart Neubert, ging in seiner „Geschichte der Opposition in der DDR (1949-1989)“ dementsprechend auf „neue Formen der politischen Gegnerschaft“  ein. Auf der  Suche nach Alternativen hätten die Autonomiebestrebungen der ersten in der DDR geborenen Generation und jugendliche Subkulturen ein politisches Potenzial entfaltet: Oft ohne Konzeption und scharf umrissenes politisches Ziel, verschafften die Menschen ihrem Unwillen und ihrem Protest auf allen nur denkbaren Wegen Ausdruck. [...] Auch unterhalb der Schwelle der strafbaren politischen Abweichungen erdachten sich viele DDR-Bürger originelle Formen des Protestes. Die DDR war eine moderne Diktatur, die das gesellschaftliche Leben bis in die letzte Verästelung politisierte und versuchte, bis in das einzelne Subjekt hinein zu herrschen. Die Befriedigung individueller sportlicher Interessen kann deshalb in einem solchen System durchaus einen subversiven Charakter bekommen. Foucault zufolge wird eine Reduzierung von Subversion auf die Felder von Recht und Politik dem Charakter der Macht des modernen Staats und der modernen Diktatur nicht gerecht. Im Ausgang aus der mittelalterlichen Ordnung seien dem Souverän, der seine Macht durch Gesetze realisierte, neue, unveräußerliche Natur- oder Menschenrechte entgegengestellt worden. So habe das Naturrecht in den Werken von Aufklärern wie Hobbes, Pufendorff oder Rousseau eine kritische Funktion angenommen.  In der modernen Zivilisation hingegen berufe sich der Widerstand auf das von der Herrschaft verwaltete Leben. „Weit mehr als das Recht ist das Leben zum Gegenstand der politischen Kämpfe geworden“, d.h. die Selbstverwirklichung und das Glück der Menschen. Mit einem solchen Verständnis von Widerstand, kann auch dem politischen Potenzial von Sporttrends nachgespürt werden Widerstand gegen die modernen Machttechnologien bestehe darin, so Foucault, an die Stelle der staatlich vorgegebenen Lebensweise und Identität eine eigene Formen des Lebens und des Seins zu setzen. Er fragte nach der „Art und Weise, wie die Individuen frei in ihren Kämpfen, in ihren Konfrontationen, in ihren Projekten sich als Subjekte ihrer Praktiken konstituieren oder im Gegenteil die Praktiken zurückweisen, die man ihnen vorgibt“. Foucault bezeichnete diese Form des alltäglichen Widerstands als „Gegen-Verhalten“, womit er eine Sakralisierung von „Widerstandskämpfern“ oder „Dissidenten“ vermeiden wollte.  In Anlehnung an Alf Lüdtkes Verständnis von „Herrschaft als soziale Praxis“  kann hier von „Widerstand als soziale Praxis“ gesprochen werden; eine alltägliche Praxis der Selbstbestimmung im Dispositiv. Beispiele für „Gegen-Verhalten“ im Westen sah er in der Frauen-, Friedens-, Studenten- und Umweltbewegung. Sie hätten wahrlich das Leben und die Mentalität der Menschen verändert. Laut Foucault gab es auch in den sozialistischen Staaten gesellschaftliche Bewegungen, z. B. unter den Intellektuellen, den Studenten und dem „Lumpenproletariat“. Der „eine Wille“ der kommunistischen Parteien werde bereits mehr und mehr von den „vielen Willen“ gesellschaftlicher Bewegungen verdrängt. Die Unbeweglichkeit der sozialistischen Herrschaft dürfe nicht mit Stabilität verwechselt werden. Der Unterdrückungsapparat des Sozialismus ließe mittelfristig erhebliche Schwierigkeiten erwarten und würde „eines Tages eine Explosion historischen Ausmaßes auslösen“, so Foucault im Jahre 1982!

Das sächsische Bergsteigen als Technologie desWiderstands
Der Widerstand gegen die Sportklassifizierung und die Auflösung von Kletterklubs, auf den ersten Blick unpolitische Themen, lassen sich mit Foucault als eine Technologie des Widerstands gegen die moderne Diktatur verstehen. Diese Einschätzung wird durch einen Blick auf das Verhältnis der Bergsteiger zur DDR erhärtet. Die Sächsische Schweiz wurde für viele Kletterer zu einem Zufluchtsort vor sozialistischer Bevormundung, so Uwe Schönfisch: „Du hast halt wirklich mit einer Rotte von Leute abends am Feuer gehockt, irgendwo unter so einem riesigen Felsüberhang und warst halt fernab von allem. Also einfach dieses anders sein und nicht in dieser Norm drin. Das war für viele ein ganz ernsthafter Gedanke.“  Es ging nicht nur um den Klettersport, sondern um „bergsteigerische Lebensform“, die sich nicht mit einer „sozialistischen Lebensweise“ vereinbaren ließ.

Das Zeugnis der Gipfelbücher

Deren Ablehnung kommt z. B. in den Gipfelbüchern der Sächsischen Schweiz deutlich zum Ausdruck. Sie sind eine interessante Quelle für die Untersuchung von „Gegen-Verhalten“ unter den Zwängen einer modernen Diktatur. Der Spruch auf der Titelseite der Gipfelbücher, „Die Deutsche Demokratische Republik, unsere Heimat, und unsere Berge, sind das, was wir lieben und zu verteidigen jederzeit bereits sind!“, nötigte eigentlich jeden Kletterer, sich durch seinen Eintrag mit der (Sport)ideologie der DDR einverstanden zu erklären. In Streichungen, Abwandlungen und Kommentierungen dieses Spruchs, so genannten „Gipfelbuchschmierereien“, die teilweise vom MfS verfolgt wurden, zeigte sich jedoch die äußerst kritische Haltung der Bergsteiger gegenüber der DDR. Zur Tradition der Gipfelbücher gehörte auch, dass der Erstbesteiger eines Gipfels im neuen Jahr einen Leitspruch in das Buch eintrug. Auch diese „Jahreserstensprüche“ bieten ein reiches Anschauungsmaterial für die politische Einstellung innerhalb der Kletter-Szene:  Mag sich die Menschheit auch in Tyrannenklauen winden/ wir werden von den Bergen der Freiheit Recht verkünden! (GB Lößnitzturm, 1966). Wir wollen frei sein, wie unsere Väter waren... (GB Fensterturm, 1977). Selbst ein Hund kann gehen, wohin er will! (GB Krampus 1985). Nur ein Gefangener, der sich bewegt, merkt seine Ketten. (GB Schiefe Zacke, 1989). Angesichts solcher Eintragungen musste in den Verbandszeitschriften der Bergsteiger immer wieder zu sozialistisch korrekten Einträgen aufgerufen werden: Es schleichen sich immer noch hin und wieder die Worte ‚König hier oben’ und ‚Knecht im Tale’ ein – wer sich in unserem sozialistischen Staate so betrachtet, nimmt sich von vorneherein selbst einen Teil seines Persönlichkeitswertes. Die Redaktion hat deshalb im folgenden eine erste Auswahl von Gipfelsprüchen zusammengestellt. Sie sollen für die bevorstehenden ‚ Jahresersten’ ein paar Anregungen geben [...]. Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selbst kein Ganzes werden – als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an. Friedrich Schiller. (Winterbergnadel) Kameraden am Seil, Kameraden im Leben – das ist was, was wir erstreben. (Heringsgrundnadel) [...] Eines ist gewiß: Es wird nie darauf ankommen, wie weit man reist, wie hoch und wie schwer man steigt, sondern immer kommt es darauf an, was man von seinen Wegen an Erlebnissen mit heimbringt. Karl Lukan. (Burgener Turm). Zum Beginn und zum Ende der DDR zeigte sich der Drang nach Freiheit und Individualität unter den Bergsteigern am stärksten. In beiden Phasen bildeten sich Szenen, die mit dem Staat brachen und eine eigene Subkultur bildeten.

Die 1950er Jahre

In den Wirren der ersten Nachkriegsjahre war zunächst ein Freiraum entstanden, den viele Bergsteiger genossen: Diese Freiheit, dieses selber entscheiden, da gehe ich hinauf, die Schwierigkeit mache ich, keiner verbietet es mir, es ist meine eigene Entscheidung, und die Stille und der Blick über das Elbtal, das war so wahnsinnig schön für mich. Aus diesem Lebensgefühl heraus hatten sich die Bergsteiger gegen die „einheitliche Sportklassifizierung“ und die einheitliche Sportorganisation zur Wehr gesetzt. Die Bergsteiger fühlten sich als etwas besonderes, was sie durch ihr Auftreten und ihre Kleidung zum Ausdruck brachten: „Mit fast knöchellangen Vorkriegs-Knickerbockerhosen, Skistiefeln, dem seildekorierten Rucksack und einem unserer Meinung nach zünftigen Filzhut fühlten wir uns herausgehoben aus der Masse der ‚normalen Menschen’.“ Immer wieder wird in den Äußerungen der Bergsteiger das Bestreben deutlich, sich den gesellschaftlichen Normen zu entziehen. Sie schlossen sich zu einer engen Gemeinschaft zusammen, was in gemeinsamen Wanderungen, Kletterpartien, Festen und auch Gedichten zum Ausdruck kam: „Wenn zwei zusammen streben/ in der Berge freier Natur,/ folgen durchs ganze Leben/ verbunden der Freiheit Spur.// Bergfreunde sind sie dann,/ zwei verbunden wie einer,/ und stürmen gegen die Welten an./ Auseinander bringt sie keiner.“ Was heute klischeehaft und erstarrt klingen mag, war damals ein Ausdruck tief empfundenen Erlebens. Heinz Schlosser, Präsident der Sektion Touristik der DDR, beklagte das „Sektierertum“ der Bergsteiger, in dem er einen Grund dafür sah, dass es in Dresden nicht „vorwärts“ gehe: „Bewusst wird hier auf Grund falscher Vorstellungen alles Neue, was entsprechend unserer fortschrittlichen Entwicklung zu einer sozialistischen Körperkultur von uns erarbeitet und eingeführt wird, von einem Großteil der Dresdener ‚Bergfreunde’ abgelehnt.“ Auf Dauer wurde es für die Bergsteiger aber immer schwieriger, sich dem Einfluss von Staat und Politik, der in alle Bereiche des Lebens eindrang, zu entziehen. Der DWBV beschloss 1958, dass zukünftig auf jeder Sektionsversammlung auch politische Tagesfragen, die sozialistische Perspektive und die Gesetze der Regierung behandelt werden müssen.  Es kam zu Streitigkeiten in der Bergsteiger-Szene und sogar gegenseitigen Bespitzelungen. Einige Bergsteiger, die sich nicht anpassen konnten oder wollten, wurden in den nächsten Jahren zu teilweise langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Erich Glaser, ein hoher Funktionär im DWBV, musste dennoch rückblickend einräumen, dass es nicht gelang, bestimmenden Einfluss in der Szene zu bekommen.  Die Maßnahmen der Funktionäre bewirkten eher das Gegenteil: „Sie bewiesen keine glückliche Hand, die damals mit ihrer gewalttätigen Intoleranz eine verschworene ‚Resistance’ aus den sächsischen Bergsteigern schmiedeten.“  Viele Bergsteiger wichen dem Druck aber aus, indem sie nach Westdeutschland übersiedelten. In den 1950er Jahren bildeten sich insbesondere in Bayern ganze Exil-Gemeinschaften, wie z. B. die so genannten „Münchner Sachsen“. Mit dem Bau der Berliner Mauer (13.8.1961) wurde es weitaus schwieriger, in die Bundesrepublik zu gelangen. Für manchen freiheitsliebenden Bergsteiger bedeutete die Schließung der Grenze eine persönliche Katastrophe: „Für mich war die Mauer jetzt innerlich auch und ich habe mich allem versperrt, was dann kam dort und das hat mir natürlich auch beruflich alles versperrt.“  Andere schlossen einen „inneren Frieden“ mit der DDR, so Erhard Klingner im Gespräch. Die Schließung der Grenze trug auch zu einer wirtschaftlichen Stabilisierung der DDR bei, die einen bescheidenen Wohlstand und mehr Freizeit erlaubte. In der Region um das Elbsandsteingebirge entwickelte sich das Klettern zu einem beliebten Sport für alle Altersschichten, die sich im mittleren Schwierigkeitsgrad bewegten und sich nicht immer so intensiv mit  demBergsteigen identifizierten, wie die „Bergfreunde“ der Nachkriegszeit.

Die 1980er Jahre

Doch die Generation, die sich ab Mitte der 1970er Jahre den Bergsport eroberte, kündigte diesen Frieden auf und sah ihre Vorbilder in sächsischen Pionieren, wie Karlheinz Gonda oder Herbert Wünsche, die längst in den Westen gegangen waren. „Sozialistische Idealsportpersönlichkeiten wollten wir auf keinen Fall werden.“  Außerdem ließen sie sich vom Lebensgefühl des amerikanisch geprägten „free climbing“ inspirieren, das sie durch westliche Besucher kennen lernten. In den USA hatte sich die Kletter-Szene in den 1960er Jahren mit dem Lebensstil der Hippies vermischt. Klettern wurde hier zu einer Lebensform und einem Ausweg aus dem Rädchendasein in der Industriegesellschaft.  Auch die Bergsteiger in der DDR wollten sich nicht mit der für sie vorbestimmten Rolle im Kollektiv zufrieden geben, so Gerald Krug: „Damals haben wir uns wirklich so als Outlaws gefühlt.“  Für viele Bergsteiger wurde ihr Aussteiger-Leben wirklich zu einer Gratwanderung am Rande der Legalität. Falk Schelzel hatte sich innerlich, wie viele Kletterer, weitgehend aus der DDR zurückgezogen: Wir waren eigentlich vorwiegend welche, die dann in kirchlichen Einrichtungen gearbeitet haben, weil dort wurde man halt auch in Ruhe gelassen. Ich war als Grabpfleger auf dem Friedhof, so als Alibi. Da war man halt drei Tage die Woche [...] und den Rest hat man in der Sächsischen Schweiz gelebt.  Beim Klettern wurden legendäre und ausgesetzte Wege bevorzugt, die den Einsatz der ganzen Persönlichkeit verlangten und kein „Durchmogeln“ erlaubten. Seilfreies Klettern in hohen Wänden hinterließ tiefe Eindrücke.  Extreme Risiken, die das Individuum herausforderten und prägten, gehörten zu den Eigenarten des Kletterns in der DDR, insbesondere in ihrer Endphase: Ich glaube, das ist auch ein Spiegel dieser Zeit gewesen, dass man sich dort ausprobieren wollte, dass das die einzige Möglichkeit war in den 80ern sozusagen auch eine gewisse Form von gesteigerter Individualität ausleben zu können. Alles andere war größtenteils reglementiert und dort konnte man eben tun, was man wirklich wollte. Zum Bergsteigerleben gehörte, wie schon in der Nachkriegszeit, nicht nur das Klettern: „Alles taten wir gemeinsam: Feiern – Philosophieren – Klettern.“ Als der westdeutsche Kletterer Martin Schwiersch 1988 in das Felsengebirge kam, erlebte er „eine Zusammengehörigkeit und Verbindlichkeit, die wir kaum noch kennen.“  Doch die Unzufriedenheit mit der Lebenssituation in der DDR war für viele Kletterer so groß, dass sie, wie ihre Vorbilder aus den 1950er Jahren, an Ausreise und Flucht dachten. Der Umgang mit der grünen Grenze war ihnen von der Sächsisch-Böhmischen Schweiz vertraut, so Alexander Adler: Ich glaube der Anteil von denen, die da solche Fluchtversuche gemacht haben, der ist nicht unerheblich. Also es gibt Viele. Man war risikobereit, man hat das im Sport sozusagen vorexerziert und dann hat man das im tatsächlichen Leben auch schnell mal umgesetzt. Adler wollte die Aussteiger der 1980er Jahre aber nicht generell als politische Oppositionelle werten. Auch Jörn Beilke tat sich mit einer Erklärung schwer: „Immer weg. Immer raus in die Sächsische Schweiz, wo niemand ist, der dir irgendetwas sagt. Das war vielleicht kein aktiver Widerstand, aber es war einfach..., also nicht Widerstand, wie man sich den vorstellt, mit Flugblättern oder sonst was, aber es war einfach ein gelebter Widerstand.“  Mit der Theorie Foucaults lässt sich dieser sportlich gelebte Widerstand jenseits intellektueller und politischer Aktivitäten auf eine philosophisch reflektierte Grundlage stellen.

Schluss

Foucault sah in der Norm eine neue „materialistische“ Form des Gesetzes. Die „Normalisierungsmacht“ zwinge einerseits zur Homogenität und wirke gleichzeitig individualisierend, indem sie vermesse und vergleiche.  Genau darin sahen DDR-Sportwissenschaftler die Vorzüge von „Körperkultur und Sport“, deren einheitliche Organisation und Klassifizierung dabei helfen sollten, die „Normalisierungsmacht“ zu errichten. Der Versuch der Bergsteiger, den Sport- Normen zu entgehen, traf daher den Kern der sozialistischen Machttechnologie. Sie grenzten sich von der „sozialistischen Lebensweise“ ab und setzten ihr, gestärkt durch eine ausgeprägte Tradition, die „bergsteigerische Lebensform“ entgegen. „Meine Freiheit und meine Stärke habe ich mir immer über das Klettern geholt. Das ist zwar im Nachhinein idiotisch, aber ich habe mich dadurch immer für unverletzbar gehalten, weil ich ja beim Klettern alles beherrscht habe und das festigt dich ja auch innerlich.“ In einer freiheitlichen Gesellschaft, wie sie in den westlichen Demokratien seit den 1960er Jahren entstanden sei146, stehe diese Selbst-Formung den Menschen offen. Im Sozialismus jedoch wurde sie zu einer Form des „Gegen- Verhaltens“. Dieses Verhalten konnte völlig unpolitisch sein und dennoch eine politische Dimension besitzen. Diese Dimension des Kletterns war den Bergsteigern durchaus bewusst: „Es hatte im Osten zusätzlich eine politische Seite, weil eben der Alltag politisiert wurde.“ Die politische Wirkung des scheinbar unpolitischen „Gegen-Verhaltens“ im Sozialismus war gewaltig. Der Philosoph Wilhelm Schmid beschrieb es theoretisch: „In der Haltung hat die Freiheit des Individuums ihren Rückhalt. Sie ist nicht nur individuell relevant, sondern ebenso sehr politisch, da die Haltung der Individuen früher oder später politisch in Rechnung gestellt werden muss – Foucault nannte als Beispiel dafür Polen, jedoch auch das Ende der DDR kann dafür als ein Beispiel gelten.“  Der Blick auf die Bergsteiger-Szene konnte dies bestätigen. Schönfisch beschrieb den gleichen Sachverhalt im Interview so: „In der DDR konntest du dich nicht selbstverwirklichen. Das ist einer der größten Gründe, warum dieser Staat gescheitert ist. Dieses Unmündigsein, dieses völlige Unmündigsein in jeder Beziehung.“ Anke Delow vermutete zu Beginn ihrer Untersuchung der Biografien von Leistungssportlern in der Wendezeit „in ihnen gewissermaßen ‚Pioniere’ des Umbruchs“, aber schon nach den ersten Interviews sei diese These ins Wanken geraten. Die Biografien seien nicht durch Souveränität gekennzeichnet, „sondern von Fremdbestimmungen und Handlungsblockaden durchzogen“. Viele Bergsteiger hingegen können tatsächlich als solche Pioniere des Umbruchs bezeichnet werden. Der Sport kann, dies verdeutlichte der Blick auf die Geschichte von Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport, sowohl affirmative als auch subversive Funktionen übernehmen. Entscheidend für seine Funktion ist der historische Rahmen, in dem er ideologisiert, organisiert und praktiziert wird, und die Haltung, die jeder Einzelne mit seinem Sporttreiben verbindet.

 
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