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Erhard > Literarisches > Persönliches > Ich


Mein Jahr 2014 als Kletterer und Mensch (zwei verschiedene Dinge) 1)

Gerade ist Weihnachten vorbei, das neue Jahr klopft an, ist noch nicht da. Zeit zum Luftholen, Nachdenken, Ausruhen. Was ist eigentlich „Ausruhen“? Ich habe ja schon ein Drittel meines so kostbaren Lebens verschlafen. Und bald ist es ja sowieso zu Ende. Also vielleicht. Wenn man jedoch den erfolgten Abgang aller schon Verschiedenen sieht, dann wird es bei mir mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eintreten. Eigenartiger Gedanke. Und wäre auch schade, denn gerade hat mir meine „Beinahefastschwiegertochter“ in einer einstündigen (seriösen!) osteopathischen Behandlung die nun doch aufgetretenen Körperschmerzen weggemacht. Tolles Mädel, schade, auch vom Klettervirus infiziert. Also habe ich noch einige Zeit, in den Himmel zu kommen oder dorthin, wo die Kletterer sein werden. Wo der liebe Gott ist und der Himmel, weiß ich ja inzwischen: Auf über 6000m Höhe im Pamir 1987 auf dem Weg zu meinem zweiten Siebentausender: Damals habe ich im kleinen sturmumtosten Bergzelt gebetet und es hat geholfen. Ja, dort ist er, aber da ich vermutlich diese Höhe nicht mehr erreichen werde, bin nur noch Kletterer und kein Bergsteiger, komme ich nicht in den Himmel der Guten, Braven, Klugen, Feinen, Schönen. Pech gehabt, wie schon immer. Seit Geburt, Kriegskind usw. Aber darüber habe ich ja schon geschrieben 2).
Nun also wieder ein Jahresende, wieder ein Innehalten, ein furchtbar schmerzhaftes Gefühl von viel zu schnell vergangener Zeit. Vor kurzem, wie mir scheint, hatte das Jahr erst angefangen. Nun ist es schon wieder vorbei. Aus, vorbei, vergessen und weg. Mein Gott, die Zeit rast, ich war doch erst noch unbeschwertes fröhliches Kind 3), himmelstürmender Jugendlicher, DDR- braver und trotzdem abenteuersuchender Erwachsener, nicht schwindelfreier Kletterer, Bergsteiger und  Höhenarbeiter und jetzt das: Im Spiegel ein alter Mann mit immer noch haushohen faustischen Sehnsüchten nach viel, viel mehr im Leben; über 71 Jahre sind einfach vorbeigerast. Es ist nur ein schwacher Trost, dass ich es mir abgewöhnt habe, in den Spiegel zu schauen. Ich schau mir lieber eine Blume, eine steile Felswand oder ein junges hübsches Mädchen an nach dem Motto: Man ist nur so alt, wie man sich fühlt.
Wenn das ein junger Mann lesen sollte: Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit, wirklich. Also nichts aufschieben, einfach gleich machen. Denn der furchtbarste Satz, den mir ein Mensch sagen kann ist: „Du hast es gut, du bist schon in Rente!“. Vergiss es, später ist es aus und vorbei und du kannst Dir höchstens ein paar Krümel vom göttlichen Gabentisch weltweiter menschlicher Abenteuer auflesen. Oder bist schlau wie Steven Hawkings oder Lisa Randell und denkst über die Welt nach und hast Erfüllung dabei. Oder bist dumm und hast keine wie ich und musst Dir ersatzweise wieder Felsabenteuer suchen, um auch geistig zu überleben.
Ich habe es trotzdem gut. Wenn mir die Welt zu viel wird, schaue ich aus dem Fenster, da blüht bei jetzt winterlichen Verhältnissen mein Baum. Ja mit richtigen weißen Blüten, nur für mich. Und dann denke ich doch noch in Milde an das vergangene Jahr. Es ist ja schon ein Verdienst, fast ein himmlisches Wunder, es wieder überlebt zu haben. Sowohl die wilden Ski-Abfahrten am Hochkönig und über Meran (Achtung, Erhard, Glück und Knochen, wie schnell bricht das o.s.ä.), als auch einen Abend mit Reinhold Messner in seinem Hotel hier in Leipzig geratscht (den Neid überlebt: „Reinhold, du hast mein Leben gelebt!“). Das Jubiläum 150 Jahre Bergsteigen im Elbsandsteingebirge, wo dem SBB ein Bericht von mir über „Meinen Falkenstein“ wert war, ihn in der Festschrift abzudrucken 4). Die vielen Klettertage und -wochen in meiner hassgeliebten Sächsischen Schweiz, wo mir neuerdings viele Wege viel zu ungesichert vorkommen und dann die doch noch gemachten großen Wände mir wieder neue Glücksgefühle brachten. Aber auch die Genugtuung über die Freude meiner Bergkameraden, denen ich meine Felsheimat zeigen konnte. Allen voran dem kletterwilden Uli aus Baden- Württemberg und wieder meinem langjährigen Schweizer Bergfreund Sepp. Allerdings gab es auch fast göttliche Zeichen: Ich hatte dieses Jahr das Gefühl, das Seil gar nicht mehr zu brauchen, ich zog es eigentlich nur hinter mir her. Und dann geschah es: Ein Sturz nach vielen Jahren an der Königsspitze 5). Die Jugend wird darüber lachen; für manche ist das Alltag, das Klettern an der Sturzgrenze und darüber hinaus. Auch da gibt es einen Tipp von mir: Einfach noch mal machen, den inneren ängstlichen Schweinehund besiegen. Denn sonst hinterlässt ein Sturz moralische Schäden.
Jährlicher Höhepunkt alpiner Taten war dann der obligatorische Besuch der Schweizer Alpen mit Sepp. Ausgehend von einem romantischen Campingplatz am Wasserfall im Rhonetal erlebte ich wieder eine Woche im Walliser Fels mit gewohnten Hoch- und Tiefpunkten. Ja, liebe Bergfreunde, einfach mit mir in die Berge fahren, mit mir passiert immer etwas, aber leider eben nur mir. Und diesmal war es ein Wasserfall an einem wunderbaren hellen warmen Sommertag 6).
Bei diesem Rückblick fällt mir auf, wie oft ich hier im Leipziger Flachland war, also zu Hause. Sozusagen beinahe meine Heimat wiederentdeckt. Wie beim Bergfilmfestival in den Hohburger Bergen (Speedseilbahn!), später beim Klettern dort mit beiden neuen 70- Jährigen fanatischen Neueinsteigern Heinz und Eberhard, bei der neuentdeckten Sportart Katamaran Segeln auf den Wassern des Leipziger Neuseenland, bei Wanderungen um diese Seen herum, bei der Vorbereitung der Sanierung unseres Kletterfelsens K4 in Grünau u.a.
Da waren ja die beiden spätsommerlichen Ereignisse nur wunderbare Zugaben in meinem Kletterleben: Die Woche Aderspach 7) und das 10. Treffen des „Bundes der über 60 –jährigen sächsischen Kletterinvaliden“ im böhmischen Sandstein 8). Wenn, ja wenn nicht dann doch noch die jährliche große Kletterfahrt in den Süden Europas stattgefunden hätte: Kletterparadies Sizilien. Kennedy sagte, ich bin ein Berliner. Ich sage, ich bin ein Sizilianer. Muss ich mehr sagen? 9)
So schließt sich ein menschlicher Jahreskletterkreis, ich muss nur noch den Eindruck verwischen, in meinem Leben geht es nur ums Klettern. Mir tun alle Leid, die nur noch Klettern im Kopf haben, ich mich auch. Manchmal. Es gibt so viele schöne andere Dinge im Leben. Vor allem auch wichtige, nützliche. Ich habe immer noch den ganz alten Mann im Kopf, mit dem Fahrrad, mit dem Spaten in der Hand, der seinen Lebensinhalt im Pflanzen von Bäumen fand, immer und überall, einfach so. Ich habe an ihn oft gedacht und nun auch eine freie Baumscheibe hier vor meinem Haus entdeckt….Vieleicht komme ich doch noch in den Himmel!
Erhard Klingner an einem kalten Wintertag hier im weißen Leipzig zwei Tage vor Silvester 2014 im nüchternen Zustand

1) bis 9) Texte auf der Webseite www.barbarine.de

1) Eine beinahe Kletter- und Weihnachtsgeschichte 2013, gab es ein Jahr vorher
2) Die (meine) Wende, 20 Jahre danach
3) LVZ So war das damals, 16.07.2014
4) Mein Falkenstein März 2014
5) Der Sturz Juli 2014
6) Klettern 2014 Schweiz Wallis Wasserfall
7) Aderspach zum Zweiten 2014
8) 10. Treffen Ü 60 im Elbsandsteingebirge – ein Bericht
9) Sizilien 2014

 
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