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Erhard im Jahr 2013, eine beinahe Weihnachtsgeschichte


Heute spür ich: Das Jahr ist vorbei, fast vergessen und vorbei. Ich trat hier im ungeliebten Leipzig aus dem Haus zu einem Spaziergang am Vorabend des vierten Advents. Und da begrüßte mich ein Baum im Vorgarten mit seinen Blüten, weiß leuchtenden kirschbaumartigen Blüten
in der grellen tief stehenden Dezembersonne. Früher hätte ich das glatt übersehen; heute war mir der Anblick ein langes Stillstehen und Nachdenken wert. Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, der Baum hätte nur für mich geblüht, aber ich habe es so empfunden. Meine Erkenntnis ist ja diese: Es gibt keine Zufälle im Leben. Novalis (1772 – 1801) hat das besser ausgedrückt: „Auch der Zufall ist nicht
unergründlich. Er hat seine Regelmäßigkeit“. Ja, keine Zufälle mehr in meinem Leben, es fließt so ruhig und regelmäßig dahin. Für jeden
anderen vielleicht ein tolles glückliches Leben. Aber nicht für mich. Es war ein Jahr des Niederganges, ein Jahr des Stillstandes und damit
des Niederganges. Ein Wendepunkt in meinem Leben. Es geht abwärts, wie von „gut meinenden“ Bergfreunden angekündigt. Ab 70 geht
es abwärts. Ich habe es nicht geglaubt, jetzt weiß ich es.
Dabei fing das Jahr so gut an. In diesem Winter wäre ich sogar beinahe ein richtiger Schifahrer geworden. Ein Pistenfahrer. Meinen Traum
als Tiefschneefahrer habe ich insgeheim ja schon aufgegeben. Aber auf endlos langen steilen Pisten tagelang und schnell und sicher herunterfahren und in fast kraftlosen und eleganten Schwüngen sowohl den kalten Fahrtwind schneidend spüren, als auch die weiße Pracht
aus den Augenwinkeln vorbeifliegen sehend, das wollte ich schon immer. Mit den alten Chemnitzer Schifahrern ist mir das in den winterlichen Dolomiten, zumal am Kronplatz, fast gelungen. Ist ja auch keine Kunst, wenn man die Berge abholzt, planiert und beschneit für solche schneeblinden Flachländer wie mich. Aber es war ein großes Erlebnis und ich verstehe seitdem die anderen, die von solchen Eindrücken
süchtig werden.
Ich werde mich hüten noch mehr süchtig zu werden. Mir reichen die Berge, zumindest solche mit steilen warmen sonnigen Felswänden. Da
habe ich sozusagen fast tägliche Erfüllung meiner Sehnsucht nach Abenteuern. Da muss ich nicht mehr um die halbe Welt fahren. Die heimatlichen Berge sind meist genug. Zumal die der Sächsischen – Böhmischen Schweiz, wo ich fast zu Hause bin, auf meiner Hütte und den
dort nahen Felsen, insbesondere den auf der tschechischen Seite. Aber dieses Jahr war irgendwie anders. Wenn jetzt jemand sagen würde, es wäre altersgerecht, dann hätte er zwar recht, aber ich wäre tief getroffen. Ja, es fehlt der Mut der vergangenen 70 Jahre. Kein Opfermut mehr, alles aus und vorbei. Nichts geht mehr. Und schlimmer, ich kann der drohenden Abwärtsspirale nicht einmal frohen Mutes entgegensehen, wie
es sich gehören würde, sozusagen mit Würde hinnehmen. Aber man kann sich ja mindestens wehren. Ich habe das ein ganzes Jahr lang getan oder zumindest versucht. Das Ergebnis war mehr als bescheiden und so kann ich nicht von großen Taten berichten, sondern nur von bescheidenen Versuchen, an alte Zeiten anzuknüpfen. Einige Momente sind hängengeblieben, wo Geist und Körper ziemlich wachsam sein mussten, um weiterzuleben oder zumindest meine 5 Sinne gut zu gebrauchen waren:
- Schifahren in den Dolomiten, Montal im Februar
- Die 70 Jahr – Feier, bei der ich in der 3 – Generationen - Band mitsingen durfte
- Ein ganz besonderer Klettertag im Juli mit meinem Bergfreund Manfred
- Zwei Kletterwochen in der Schweiz und Frankreich im August
- Das 9. Treffen des Bundes der „Über 60 -jährigen Sächsischen Kletterinvaliden“ in Tissa
- Die Jahresendkletterfahrt nach Sizilien im November
Von fast allen gibt es einen ausführlichen Bericht, teilweise auch auf meiner Internetseite www.barbarine.de einzusehen. Die nun dank Dagos Initiative eine gute Gestalt angenommen hat.
Fast wäre auch die Wintersonnenwende  hier in der Leipziger Tieflandebene ereignislos vorübergegangen, wenn ich nicht auf meiner Radtour durch die flache Auelandschaft den lieben Gott getroffen hätte. Na gut, er hatte sich getarnt als ganz alter Mann von angeblich 85 Jahren. Er stand am Straßenrand mit einem Spaten in der Hand und war dabei einen Baum zu pflanzen. Ich war so beeindruckt wie er das mit einem glücklichen Gesicht machte und unterhielt mich mit ihm.  Er verriet mir sein Lebensgeheimnis: Bäume pflanzen. Einfach so und überall. Das
warf mich fast um und brachte mich den ganzen Tag wieder mal zum Nachdenken. Erst dachte ich, es gibt noch so viel zu tun im Leben, so
viel Wichtigeres. Aber nach einiger Zeit erkannte ich, dass es genau umgekehrt ist. Tu nichts, tu wenig oder tu das richtige für unsere menschengeplagte Erde. Und beim Nachdenken wurde mir ganz anders. Ich sah mich plötzlich als ganz einsames besonderes Lebewesen hier
in diesem Weltall. In diesem so fast unendlich großen leeren Weltall gibt es die so kleine wunderschöne blaue Erde mit ein paar Lebewesen;
und ausgerechnet eines davon bin ich, darf es nun schon 70 Jahre lang sein und habe es viel zu wenig für die Schönheiten und den Sinn des Lebens genutzt. Oh Schicksal, gib mir genügend Verstand und Vernunft für den restlichen Weg!
Ich schwöre, dass ich das über die Weihnachtsfeiertage im nüchternen Zustand geschrieben habe.

Erhard Klingner an einem feuchten Leipziger Wintertag im Dezember 2013

Irgendwer sagte, es wäre ein Jammern auf hohem Niveau. Ich antwortete, ja, aber auch auf dem tiefsten Grunde meines Herzens.

 
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