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Der Berg ruft oder
ein Musterbeispiel deutsch-russischer Zusammenarbeit




Der Stempel:


„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben!“ Das trifft besonders dann zu, wenn die Reise in den zentralasiatischen Teil der Sowjetunion führt. Und noch größer kann das Erlebnis werden, wenn es sich um eine Bergsteiger-Expedition handelt. Im Jahr 1988 war es für DDR-Bergsteiger wahrlich nicht einfach, ein derartiges Unternehmen zu realisieren. Ein Spruch im Gipfelbuch eines Sächsischen-Schweiz-Felsens charakterisiert die Situation sehr treffend: „Wir danken dem ruhmreichen Sowjetvolk und seiner ständig wechselnden Führung für die stetige Verbesserung der Reisebedingungen!“

In Moskau war die Perestroika eingeleitet, aber das interessierte lokale Natschalniks in den peripheren Regionen des Riesenreiches in keiner Weise. Sie führten seit je her ein gewisses Eigenleben. Das war zur Zarenzeit so, daran haben die Sowjets nichts ändern können und in den unruhigen Zeiten des Umbruchs war die Verselbständigung eher noch größer. Und die Verantwortlichen der DDR- sei es nun ganz oben oder auf kleineren Posten – wollten von Perestroika erst recht nichts wissen.

Also musste man einen besonderen Weg finden, wollte man nach Mittelasien reisen. Offiziell war es nur wenigen Ausgesuchten möglich, einen Kaukasus- oder gar Pamir-Riesen zu besteigen. Der Sport in der DDR genoss zwar eine große Förderung im Lande zwischen Elbe und Oder, aber nur dann, wenn er Medaillen oder internationales Ansehen brachte. Bergsteigen gehörte nicht zu diesen Sportarten. Es wurde zwar so recht und schlecht geduldet, aber einfachen Bergsteigern eine Fahrt selbst in das Freundesland zu ermöglichen, soweit ging dann weder die Toleranz, noch die Freundschaft zur Sowjetunion.

Aber Bergsteiger sind findige Menschen. Wer die russische Seele kennt und vielleicht noch ein wenig der Sprache versteht, hat eine gewisse Chance, nicht nur ein Visum für die SU zu erhalten, sondern dann auch noch weiter vom offiziellen Zielort in die Berge zu kommen. Das Reisevisum galt nur für diesen, der Besuch anderer Regionen, schon gar der Berge, war davon ausgeschlossen, offiziell zumindest. Wer aber erst einmal drin war und Freunde hatte, sich mit russischen Sitten in Bezug auf den Umgang mit Behörden auskannte und vielleicht auch das eine oder andere „Gastgeschenk“ mitführte, konnte auch auf sein Gipfelglück hoffen.

Der Verbindungsmann in der Tadshikischen Sowjetrepublik hieß Wassili. Er war Bergsteiger und interessiert an Besuch aus Deutschland. Zum einen, weil er sehr gastfreundlich war, zum anderen weil derartiger Besuch immer etwas Lohnendes mitbrachte. Denn während alpine DDR-Bergsteiger immer noch auf Westverwandte oder auf Freunde mit Westverwandten zurückgreifen konnten, wenn es um die Beschaffung der dringend notwendigen Ausrüstung ging, war man als mittelasiatischer Russe schon mal auf Gastgeschenke aus dem Freundesland angewiesen. Wassili signalisierte den (ost)deutschen Freunden, dass um eine offizielle Einladung gebeten werden sollte. Dieses Schreiben muss wiederum von einer offiziellen Stelle der DDR abgestempelt sein. Ferner wies er darauf hin, dass in der Sowjetunion die Bedeutung der jeweiligen Dienststelle an der Größe ihres Stempels abzulesen war. Bedeutende Behörde – großer Stempel. Es wäre also sehr vorteilhaft, wenn unter dem Schreiben ein möglichst großer Stempel zu sehen sei.

Die Lösung des Problems war sehr einfach. Erst wurde in schwulstigen Worten auf die Rolle der Bedeutung an sich, die guten Beziehungen zwischen den beiden Generalsekretären und gute sportliche Zusammenarbeit beider Brudervölker hingewiesen. Vermutlich hat der zuständige Natschalnik nichts von alledem verstanden. Dann folgte der Stempel. Die Betriebssportgemeinschaft nannte sich BSG Buna Halle-Neustadt. Buna war ein bedeutendes Chemie-Unternehmen. Der Begriff „Buna“ kam aber auch in einigen Produkten vor, z.B. in der Kautschuk-Sorte Buna SB100. Dieser Begriff wurde auf die Kautschuk-Paletten gestempelt, und zwar mit sehr großen, weit sichtbaren Lettern. Es war relativ einfach, das „SB100“ vom Gummistempel abzuschneiden und das so isolierte „Buna“ in überdimensionaler Größe unter das Schreiben zu setzen. Darunter, akkurat ausgerichtet, war der Stempel „BSG Buna Halle-Neustadt, Sektion Bergsteigen“ zu finden.

Wassilis Antwort kam nach einigen Wochen. Er schilderte in überschwänglichen Worten die Reaktion des örtlichen Chefs. Als dieser den Brief aus Deutschland öffnete, blieb sein Blick plötzlich starr vor Ehrfurcht auf dem Papier fixiert. Noch nie in seinem Leben hatte er einen so großen Stempel gesehen. Zugegeben, er hatte auch noch nie einen Brief vom Generalsekretär der KPdSU erhalten, aber der Absender dieses Schreibens musste in der Rangfolge nur knapp darunter sein. Er zögerte dann aber doch, seinen bescheidenen Stempel unter die Genehmigung zu setzen. Zu groß war der Unterschied, zu klein musste er dabei erscheinen. Aber immerhin, seinen Stempel unter den eines der bedeutendsten DDR-Führer zu setzen, konnte er nur als große Ehre betrachten. Die größte Hürde auf dem Weg nach Mittelasien war überwunden.


Die Zugfahrt:


Die Bergkameraden waren froher Dinge. Für DDR-Verhältnisse waren sie hervorragend ausgerüstet und körperlich topp fit. An dieser Stelle sollten wir nun endlich den Helden unserer Geschichte vorstellen. Erhard war Extrem-Bergsteiger von Kopf bis Fuß. Als Boxer würde er im Leichtfliegengewicht kämpfen. Seinen Körper zierte nicht ein Gramm Fett, nur Knochen, Muskeln und Sehnen, die Idealfigur eines Kletterers. Wer ihn nicht kennt und vollständig bekleidet sieht, würde vielleicht sagen: „Treib doch mal ein bisschen Sport, Junge“! Der Sinn des Bergsteigens besteht ja bekanntlich darin, den eigenen Körper auf steile Hänge oder durch steile Wände zu befördern. Dabei ist eben jedes Gramm Körpergewicht sehr störend. Erhard durchstieg die schwierigsten Kletterwege in der Sächsischen Schweiz, unternahm aber auch Extrem-Touren im Hochgebirge und mit Hochgebirge sind nicht etwa die relativ kleinen Alpen gemeint, nein, es ging schon in den Kaukasus oder nun in den Pamir!

Allerdings führte sein geringes Gewicht zu einem ungünstigen Kraft-Masse-Verhältnis. Unter Masse ist hier die zu transportierende Masse gemeint, die bei Hochgebirgsexpeditionen nicht unerheblich ist. Auch Erhard musste die gleichen schweren Rucksäcke schleppen, wie die übrigen Gruppenmitglieder. Der minimale Unterschied im Gewicht der Körperwäsche fällt dabei nicht auf.

Das Gepäck bestand zunächst aus einer riesigen Kraxe. Sie war so groß und so schwer, dass sie nur von zwei Bergkameraden auf Erhards Rücken gehievt werden konnte. Das zweite nicht minder große Gepäckstück war eine ca. 100 Liter Expeditionstonne, die bis auf den letzten Kubikmillimeter vollgestopft war und ein ebenso stattliches Gewicht hatte. Sie wurde üblicherweise über eine speziell angebrachte Beriemung von zwei Personen getragen. Man musste sie ja nicht weit tragen: von Zug zu Zug, vom Bahnhof zur Taxe und weiter zum Flughafen und von dort per LKW zum Basislager – also: kein Problem mit dem Gepäck. Dieses wurde ergänzt durch einen kleinen Kletter-Rucksack als eine Art Handgepäck. Darin befanden die Verpflegung für die Bahnfahrt nach Moskau, Waschzeug und eben die kleinen Dingen des täglichen Bedarfs, die man für eine längere Bahnreise benötigt. Dieser Rucksack war der einzige einheitliche Ausrüstungsgegenstand der Gruppe. Er bestand aus groben, blauen Leinenstoff und wurde auf dem Rücken fast eines jeden DDR-Bergsteigers getragen, denn er war das einzige Produkt dieser Art, welches im Land der Olympia-Sieger produziert wurde. Seit Jahren in der unveränderten Gestalt und sogar immer in der gleichen Farbe. Er stand also neben bunten Tonnen und vielgestaltigen Kraxen in mehrfacher Ausführung auf dem Bahnsteig rum.

Es handelte sich um den Bahnsteig in Berlin, von dem aus alle „Russenzüge“ gen Moskau starteten. Der Zug stand bereits da, einsteigen durfte man aber noch nicht. Bis zur Abfahrt war noch reichlich Zeit. Die Schlafwagen waren einigermaßen luxuriös eingerichtet, alles Vierer-Kabinen, die allerdings für normales Gepäck ausgelegt waren. Vier Expeditions-Bergsteiger mit viermal Expeditions-Gepäck konnten dieses unmöglich in den dafür vorgesehen Fächern verstauen. Das erkannte auch die freundliche Schlafwagenschaffnerin. Sie gab daher den Bitten der Bergfreunde nach und ließ sie, dabei immer hektisch auf die Uhr schauend, schon jetzt einsteigen. Es war ja auch noch ausreichend Zeit bis zur Abfahrt.

Alle Freunde waren bereits im Zug, als Erhard, als letzter auf dem Bahnsteig stehend, sein Gepäck richtete. Dann geschah das Unfassbare. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Und da Erhard unbedingt mit in den Pamir wollte, nahm er all seine Kräfte zusammen und warf sich mit übermenschlicher Anstrengung die Riesen-Kraxe auf den Rücken (bei der üblicherweise zwei Personen schon Probleme hatten). Der Zug fuhr zunächst langsam an. So eine Taiga-Lok braucht schon etwas Anlauf, um in Schwung zu kommen. Eberhard konnte daher die Tür des Wagens mühelos erreichen und die Kraxe hineinwerfen. Dann lief er zurück, nun schon etwas weiter, und ergriff die Tonne. Er schleifte sie hinter sich her und musste schon eine etwas längere Strecke etwas schneller zurücklegen. Die Geschwindigkeit des Zuges nahm bedenklich zu. Die beiden großen Stücke unter derartigen Umständen doch noch in den Zug zu bekommen, forderte seine ganzen Reserven. Aber er wollte ja in den Pamir! Also noch mal zurück zum kleinen Rucksack, den er sich auf den Rücken hängte und in schnellem Tempo den immer schneller werdenden Zug folgend mit letzter Kraft die Tür erreichte.

Er sprang auf und hielt sich an den Haltegriffen fest, als er verspürte, dass jemand versuchte, ihn von dort wegzuziehen. Das war nun wirklich das Letzte. Zwei Bahner, ein russischer Schaffner und ein deutscher Stationsvorsteher versuchten gemeinsam, so, als wollten sie die deutsch-sowjetische Freundschaft demonstrieren, den völlig erschöpften Erhard vom Zug wegzuziehen. Dieser wollte aber in den Pamir! Und deshalb klammerte er sich verbissen an die Haltegriffe. Aber die Aktion mit den beiden schnellen Schwerlasttransporten hatten seine letzten Reserven aufgebraucht, er lies den Griff langsam los und landete in den Armen der beiden Bahner, die ihn nicht unfreundlich anschauten.

In sich zusammengesackt bemerkte er, dass der Zug in diesem Augenblick langsamer wurde und schließlich stoppte. Es handelte sich nämlich um eine Rangierfahrt.

Man wollte im vorderen Teil noch ein paar Waggons anhängen, alle Aufregung, die Unmengen Adrenalin, die kurzzeitige maßlose Wut auf die beiden Eisenbahner, alles war umsonst.

In einem Zustand der absoluten Erschöpfung sank Erhard in sein Abteil. Er kam nun doch in den Pamir. Er war dort auch erfolgreich. Aber er brauchte bis Moskau, um seinen Körper und vor allem seine Nerven zu beruhigen. Bahn fährt er heute nicht mehr!

 
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