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Waitzdorf und die Ochelwände

Oder: Die schönste Zeit meines Lebens



Kann man im Leben überhaupt von seiner „schönsten Zeit im Leben“ sprechen? Ich vielleicht schon. Die 20 Jahre auf unserer gemeinschaftlichen Berghütte in Waitzdorf ab 1977 waren es sicher für mich. Bis dahin, 1977, hatte ich mir die Hörner als überehrgeiziger Kletterer schon etwas abgestoßen, war familiär in ausgetretene Bahnen getreten und hatte auch in den mir zugänglichen großen Bergen allerhand gesehen und erreicht. Aber mit der Hütte hatte die Sehnsucht nach den von meiner Heimatstadt Leipzig manchmal so unendlich weit liegenden geliebten Sandsteinfelsen endlich einen Ruhepunkt gefunden und mir am Ende auch einen ganz neuen aktiveren Abschnitt in meinem Kletterleben beschert. Sicher stand noch das erste Jahr ganz im Zeichen des Umbaues von einem Pferdestall in eine Berghütte. Da ging es oft sehr abenteuerlich zu bei Dach- und Gerüstarbeiten. Unsere Hüttenchronik ist voll von solchen Ereignissen. Aber diese Jahre hatten uns auch zusammengeschweißt, uns 10 Leipziger Bergfreunde. Nicht nur, weil es oft abends sehr feuchtfröhlich zuging (ich erinnere an Wetttrinken „Weiß gegen Braun“!), sondern vor allem weil wir uns dort richtig zu Hause fühlten. Besser geht’s nicht: Die Landschaft, das Dorf, die befreundete Bauernfamilie. Wenn wir dann am Wochenende auf der Hütte waren, nach über 2 Stunden Autofahrt, hat uns die Familie Fasold mit offenen Armen empfangen. Wir waren am Ende Teil des Bauernhofes, kannten die Tiere, waren bei der Geburt eines Kälbchens dabei, bei dem Sterben der Pferde durch winzige Fliegen, bei der „Besamung“ der Hofhündin Sandra durch den sehr aktiven österreichischen Bergführerhund, den Samueden Tim (Sibirischer Schlittenhund, ein großer weißer Spitz), der dadurch einen ganz neuen seltenen Mischlingsstamm dort aufgelegt hat und bei der Goldenen Hochzeit unserer Gastgeber. Zum Klettern blieb in dem ersten Jahr nicht viel Zeit, da sind nur wenige Seiten in meinem Bergfahrtenbuch beschrieben. Aber wir haben Waitzdorf, das einzige Dorf, das mitten im Nationalpark liegt und vielleicht sogar das Idyllischste ist, die Gegend und die Felsen, die Ochelwände, kennengelernt. Bald standen wir auf allen Gipfeln, so viele sind es ja nicht. Und die Bergseiten sind kurz und leicht zu erreichen. Dafür bieten die Talseiten herrliche lange Klettereien. Zu unserer Freude konnten wir noch einige offene ungekletterte Linien am Fels entdecken. Bereits im Spätsommer bekam dann die Ochelscheibe die erste Begehung des Bergweges. Im nächsten Jahr eroberten wir auch das ganze Brandgebiet, das bis dahin nur selten aufgesucht worden war und unter uns Kletterern den Ruf als zu schwer hatte. Nun, wir lernten es regelrecht kennen und lieben. Auch war uns oftmals der große Höhenunterschied damals noch sehr recht. Wir mussten von der Hütte erst ganz hinunter an die Sense, wie sich das Tal unten nennt, und dann fast 200m wieder hoch. Damals war uns das noch sehr recht, es war ja alles noch Training. Manchmal sind wir noch nach dem Klettertag zusätzlich rübergerannt. Ach, waren das für schöne Zeiten. Und bei Wanderungen haben wir keinen Kletterblock ausgelassen, der am Wegesrand stand. Und manchmal haben wir unter den Wänden sogar gebooft, trotz der nahen Hütte. Erstaunlicherweise habe ich gerade diese Abende mit Bouldern bis zur Erschöpfung und Lagerfeuer ohne Ende noch in bester Erinnerung. Und an die Französischlehrerin, die Jochen einmal mitbrachte. Nur zum Lernen, wie er sagte. Nicht in so guter Erinnerung habe ich den Rückweg aus der Boofe, wenn wir dann im Dunkeln doch noch wieder zur Hütte hoch gingen und dabei eine wasser- und blockgefüllte Schlucht queren mussten. Ich war wahrscheinlich damals schon nicht lernfähig. Aber Hauptsache: Alles überlebt. Scheint mein Lebensmotto zu sein. Ich sag immer als kontaktfreudiger Mensch: „Gestatten, ich bin der Erhard, ich bin ganz berühmt. Aber nicht weil ich gut bin als Kletterer, sondern weil ich so viele Fehler gemacht und alle überlebt habe!“
Das Jahr 1979 ist mir noch in guter Erinnerung. Da endlich wagten wir uns in die Talseiten unserer Gipfel in den Ochelwänden. Direkt unter der Aussicht, am Michaelistagstein war die linke Talseite noch jungfräulich. Nachdem ich die beiden Ringe in den Vortagen unter der Sicherung verschiedener Bergfreunde aus meiner Hüttengemeinschaft „Zum Eulengrund“ ganz abenteuerlich angebracht hatten, kam am 14.07.1979 mein großer Tag, an dem ich den Durchstieg wagte. Mit mir waren bewährte Bergkameraden aus Dresden, Ebi und Karli. Ich weiß heute nicht mehr, warum es genau dieser Tag sein musste. Das Wetter war ganz ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit, kalt und windig, ja stürmisch. Es wurde so dunkel, dass man das Losbrechen eines Unwetters jeden Moment befürchtete. Aber wie Kletterer so sind, wenn man einmal sich etwas in den Kopf gesetzt hat, geht man los. Heute wäre sicher alles anders. Damals hat man auch seinen ganzen Ehrgeiz darin gelegt, möglichst wenige Ringe zu schlagen. Das ist mir wahrscheinlich gelungen. Trotzdem oder vielleicht darum ist mir diese Begehung als Erster noch in guter Erinnerung, die mächtige Felswand hoch über dem tiefen Grund und der sichernde Bergfreundweit weit unten, er ist nicht zu sehen unter dem riesigen Blätterdach der alten Buche am Wandfuß. Und oben der Überhang nach dem 2. Ring und die anschließende lange Reibung, wo du allein bist und deinen Verstand, deine Moral und dein ganzes Können brauchst, um auf den Gipfel zu steigen. Ja, steigen, den Griffe sind dann an der schwersten Stelle nicht mehr da. du musst auf Reibung gut stehen. Aber dann das Gefühl, wenn du oben stehst. Das kann man schwer beschreiben, das hält ganz lange an, das kann dir keiner mehr nehmen!
Das schönste war dann das Ausklingen eines Klettertages auf der Bank, die auf der Aussicht steht. Allein oder besser mit Bergfreunden. Mit oder ohne Flasche in der Hand. Der Blick schweift über fast die ganze Sächsische Schweiz, bei gutem Wetter bis ins Osterzgebirge. Rechts und links der Aussicht sind tiefe wilde Schlüchte, die mich immer an romantische tiefsinnige Bilder von Caspar David Friedrich erinnern. Und du bleibst, bis die Sonne über der Brandaussicht unter geht. Und du wünschst, dass das immer so bleibt.

 
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