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Die Wende 1989

oder

Erinnerungen eines bergsteigenden Leipziger Arbeiterkindes, aufgewachsen auf der Ostseite des eisernen Vorhanges, 20 Jahre danach aufgeschrieben


„Wende“ bedeutet, dass man sich oder etwas wendet oder ändert. Und zwar dramatisch. Eben andersrum sein. Im Herbst 1989 hat sich für mich, für Leipzig, für Deutschland und ein bisschen für die ganze Welt viel geändert. Interessant: Es haben sich auch 17 Millionen DDR – Bürger geändert. Alle, auch die sich nicht ändern wollten. Und jeder hat seine Sicht der Dinge und jeder hat seine Geschichte. Meine ist so:
Genau genommen fängt sie mit meiner Geburt an. Aber nicht, weil ich so viele Chancen hatte, ein paar Mal ums Leben zu kommen in meinen ersten beiden Lebensjahren, den Kriegsjahren 1943 bis 1945 mit den Luftangriffen auf Leipzig. Und nicht, weil ich beinahe  gar nicht entstanden wäre, da mein Vater fast alle Kriegstage mitgemacht hatte und nur durch einen „Heimatschuss“ an Stalingrad vorbeikam. Nein, es war ganz einfach Leipzig, diese halbe Großstadt, die für mich und meine Wende so bestimmend war.. Ziemlich genau so lange, wie es die DDR gab, hat diese Stadt mein Leben bestimmt. Gleichgültig, gehasst und nun ein bisschen geliebt, so sah und sehe ich meine Heimatstadt. Dort auch geboren, hatten sich für meine Eltern oft Gelegenheiten ergeben, in den Westteil Deutschlands zu ziehen. Aber es blieb auch durch Zufälle der feste Ort in meinem Leben. Als Kind war das kein Problem. Ich glaube, ein Kind ist überall glücklich auf dieser Erde, wenn es keinen Hunger, keinen Durst hat, nicht friert und ein Dach über den Kopf hat und, wie ich, auch noch beide Eltern hat und gesund ist. Was damals in Deutschland nach dem Krieg gar nicht so selbstverständlich war. Meine Eltern haben aber für mich selber oft gehungert, ich habe es nicht gemerkt, als Kind, als Arbeiterkind. Also Schule, zwei Facharbeiterausbildungen und dankbarer Baustudent in Gotha. Dankbarer Mitläufer des Arbeiter- und Bauernstaates, sehr lange, aber an langer Kette, die immer länger wurde durch ständiges Zerren daran. Und daran ist auch mein Hobby Schuld. Erst Amateurfunker, dann Segelflieger und nun Bergsteiger. Besser: Kletterer. Denn Berge hat die DDR nicht. Aber Felsen, vielleicht sogar die besten der Welt, wie ich damals als 18- jähriger dachte. Durch den Schaukasten unten am Nebenhaus meiner Großeltern im Stadtteil Möckern wurde ich auf die Sektion Wandern und Touristik aufmerksam und dann Mitglied dort bei jungen fröhlichen aktiven Wander- und Bergfreunden. Obwohl alle körperlichen und geistigen Vorraussetzungen fehlten. Ich war unsportlich, klein und dünn und hatte Höhenangst und Asthma! Aber meine Begeisterung versetzte sozusagen Berge. Ehrgeizig war ich wie kein anderer, das ersetzte oft das fehlende Talent. Bald bekam ich den Spitznamen „Stier“, zufällig auch mein Sternzeichen. Und Mut hatten wir in jungen Jahren. Und Glück. Mancher Freund ist damals für immer gegangen. Aber es begann ein fast steiler Aufstieg als Bergsteiger. Denn es gab eine Sportklassifizierung und eine Nationalmannschaft, in der ich den Sprung in die zweite Garnitur schaffte. Das bedeutete Auslandsfahrten in die Hohe Tatra, Sommer wie Winter, Kaukasus, Pamir, alles mehrfach, Mongolei.
So kam das Jahr 1989 heran. Zwei Jahre hatten wir gebraucht, um die Erstbesteigung des Pik Leipzig 5725m im Pamir organisatorisch und bergsteigerisch vorzubereiten. Veränderungen hatten sich bis dahin schon angebahnt, obwohl wir uns nach außen hin für immer in das geschlossene System DDR ein- und abgefunden hatten. Große Veränderungen waren fast undenkbar, kleinere bereits stattgefunden. Unser Sohn Ingo hatte uns bereits verlassen über die Ungarische Grenze im Frühjahr. Er hatte uns nichts gesagt, als wir ihn zu einem Urlaub in Ungarn zum Flughafen brachten. Aber das Unausgesprochene lag in der Luft, für ihn. Hier halte ich es nicht mehr aus. Wir, die mit dem System aufgewachsen waren, hatten uns darin eingerichtet, in der Ferne winkte eine Fahrt in die Alpen als Rentner („Ich fahre sofort zum Dachstein und mache die Südwand!“). Und das beunruhigt mich auch heute noch am meisten: Wenn du mit irgendetwas aufwächst, so erzogen wirst, dir niemand weh tut, wenn du nichts machst, dann beharrst du nochlange in diesem Zustand, änderst dich nicht oder nur langsam. Und wie viele junge Menschen auf dieser Erde werden sogar mit Hass auf andere erzogen. Da wächst ein furchtbares Gefahrenpotenzial für ein friedliches Zusammenleben auf dieser Erde heran. Das sicher so lange bleiben wird, wie große Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Zwang und zum Fundamentalismus neigende Religionen bestehen. Goethe hat wieder mal recht: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss



In diesem Sommer 89 deuteten sich, wie gesagt, auch in Leipzig Veränderungen an, persönlicher Art, aber auch in der Öffentlichkeit: In Leipzig „rotteten“ seit dem Frühjahr wöchentlich „jugendliche Kriminelle“ in der Innenstadt zusammen, wie unter der Hand ein Bekannter bei der Kripo verriet oder wie es dann sogar in der Zeitung stand. In meiner „geliebten“ Leipziger Volkszeitung, für die ich mich noch heute schäme, da sie es verstanden hat, noch roter, parteitreuer als das Parteiorgan der SED Neues Deutschland (die es noch heute gibt!!) zu sein. Daraus entstanden die berühmten Montagsdemos und die waren dann Mitte des Jahres schon nicht mehr zu verleumden oder zu verschweigen. Aber wir vier Leipziger Bergsteiger hatten bis Juli 89 noch etwas anderes im Kopf: Wir fuhren zum noch unbestiegenen Pik Leipzig ins „Bruderland“ Sowjetunion. Wieder einmal, viel zu selten. Die Spitze dieser Bruderschaft wollte das ja eigentlich gar nicht. Es erwartete uns eine internationale Alpinade mit Bergsteigern aus vielen Ländern, auch aus Westdeutschland, am Fuße des Pik Lenin, einer von vier Siebentausendern der Sowjetunion. Zwei Ereignisse haben dort mit meiner Wende zu tun. Beim Abstieg vom Lager 1 am Pik Lenin (ich war noch jung und verzichtete gern auf den Hubschrauber) lief ich mit zwei jungen Bergfreunden aus Westdeutschland noch lange im nächtlichen Dunkel bis zum Basislager. Und als das Thema Wiedervereinigung angesprochen wurde, war das für mich in so weiter Ferne und bar jeder Realität, das es sich nicht lohnte, lange darüber zu reden! Und dann  in Moskau, nach dem Gipfelsieg, gab es schon eine richtige Sucht nach freien Presseorganen aus Westdeutschland. Denn dort in Moskau war man schon weiter, „Glasnost“ hatte schon Veränderungen gebracht. Da konnten wir nun lesen, was bei uns zu Hause und vor allem in Leipzig geschah. Eine Ausreisewelle ungeahnten Ausmaßes hatte bereits begonnen. Und einen ganzen Packen dieser Zeitschriften nahmen wir mit, obwohl das streng verboten war und uns als Vertreter unseres Vaterlandes erst recht. Da standen wir also auf dem Flughafen von Leipzig. Die Stadt, die nun durch uns auch einen eigenen Berg bekam. An dieser Stelle kommt mir immer wieder das dort gemachte Gruppenfoto in den Sinn. Von uns vieren, abgerissenen bärtigen aber glücklichen Menschen, die ihr gerade auf dem Moskauer Arbat gemaltes Porträt in den Händen halten.




In der Nikolaikirche waren längst wöchentliche Montags – Friedensgebete, die dann in den Wochen vor der Wende der Ausgangspunkt für immer machtvollere Demonstrationen um den Leipziger Ring waren. Wir erlebten diese einmal ganz intensiv bei der Ankunft einer privat organisierten Rumänienhilfe, auch durch meinen Bergfreund Jürgen Bruhm, wo in dem brechend gefüllten Kirchenraum unterschwellig auch klar wurde, dass wir anderen, die hier sitzen, das Volk sind. Jener Bergfreund Jürgen, mein Bergfreund, bescheiden, fleißig, lieb und nett und selbstlos, der schon durch grausame Schicksalsschläge seine Familie verloren hatte und dann selbst wenige Jahre später am Mount McKinley ums Leben kam, mit meinen Bergschuhen an den Füßen. Der hat es mir leichter gemacht, wieder weniger an Gott zu glauben. Nachdem ich schon manchmal im sturmumtosten Bergzelt, in nachdenklichen nächtlichen Minuten, mit gefalteten Händen um höheren Beistand gefleht habe. Aber offensichtlich hat’s geholfen. Ja, der Mensch ist schon ein seltsames Lebewesen, wenn ich mal von mir ausgehe.

Nun ging es Schlag auf Schlag. Wir, meine Frau Barbara und ich, nahmen an den Montagsdemos teil. Es war schon ein komisches Gefühl, unter hunderten Menschen auf dem Nikolaikirchhof in der Innenstadt Leipzigs zu stehen. Und man sah ja auf den umliegenden Dächern die installierten Kameras, die auf uns herabschauten und uns „registrierten“. Auf mich, der ja schon durch sein Arbeitsverhältnis als Projektant für Straßenbrücken (auch militärische! Wers genauer wissen will: Ich war sogar theoretisch lange Zeit letzter parteiloser Kommunist der DDR)) zur Treue auf den Staat verpflichtet war.

Auch bin ich wieder von meiner Urlaubsfahrt zum Balaton nach Ungarn Anfang September 1989 freiwillig zurückgekehrt (Die Ausreisewelle über Prag und Ungarn war damals schon in vollem Gange). Aus zwei Gründen: Einmal habe ich das damals meinem Abteilungsleiter im Projektierungsbüro versprochen und Versprechen soll man halten. Und zum anderen, um meine Überschreibung der zurückgelassenen Gegenstände nicht einlösen zu müssen. Das hat folgendes auf sich: Es hatte sich herumgesprochen, dass die Ausgereisten nicht nur ihre Heimat, sondern auch Ihre materiellen Werte verloren hatten. Um das zu umgehen, habe ich halb im Ernst und halb im Spaß ein Dokument aufgesetzt, in dem ich nach einer eventuellen illegalen Ausreise meinem Berg- und Lebensfreund Ralf alles vermachte: Garage, Auto, sonstige zurückgelassene Sachen. Vor der Einlösung habe ich nun noch heute Angst!

Die Montagsdemos wurden im September 1989 immer machtvoller. Mir fällt kein anderer Ausdruck ein. Denn es existierte zwar der Spruch „Alle Macht geht vom Volke aus“, aber die wirkliche Macht war nur „ganz oben“; die hatten die fremd vom Volk gewordenen alten Politbüro – Herren. Und dann erwachte dieser papiergewordene Spruch plötzlich und eben machtvoll wieder. Es gab auf dem Ring mehr als nur Gänsehautgefühle. Eher passt, dass das Gefühl für Freiheit, dass uns lange Zeit ein Fremdwort war, nun immer mehr als das wichtigste erschien, wichtiger als alles! Aber es erschien gar nicht so schwer, Veränderungen herbeizuführen, inmitten einer so großen zielstrebigen Menschenmasse, wie wir sie damals auf dem Leipziger Ring so waren. Was und wer sollte uns damals bremsen!?

Und ausgerechnet die entscheidenden Schritte zur Wende verpasste ich. Zur größten und machtvollsten Montagsdemonstration in Leipzig  am 06.11.1989 war ich ganz einfach zu Hause in Burghausen, weil der Zug unserer Betriebsfahrt ins Riesengebirge erst mit 12 stündiger Verspätung Montag früh eintraf.  Auch den anschließenden Mauerfall in Berlin am Donnerstag, den 09. November 1989, habe ich nur in relativer Ruhe normal arbeitend im Leipziger Büro erlebt und kaum Erinnerungen daran. Eher schon an das darauffolgende Wochenende, das ich wie geplant im Kreise meiner Bergfreunde, der Hüttengemeinschaft Eulengrund, zum Abklettern in der Boofe an den Drillingstürmen in der Sächsischen Schweiz verbrachte. Und nicht wie Hunderttausende auf Erlöser- und Besuchstour in den anderen Teil Deutschlands. Da gab es natürlich kein anderes Thema am Lagerfeuer und es war nun klar, dass sich alles ändert. Und es war eine Zeit der großen freudigen Erwartungen in eine große helle unbekannte Zukunft ohne Fesseln, ohne Beschränkungen, mit unendlicher Freiheit. Dass es später nicht so einfach und auch ein bisschen anders war, konnten wir nicht wissen. Aber im Herzen hatten wir damals schon sozusagen die ganze Menschheit umarmt.

Aber am nächsten Wochenende war natürlich kein Halten mehr. Die Partnerstadt Hannover hatte alle(!) Leipziger eingeladen  und wir zwei nahmen die Einladung an und fuhren mit unserem himmelblauen Trabant zu der fremden gleichgroßen Stadt. Über den Harz auf schlechten schmalen Straßen dort an einen provisorischen Grenzübergang vorbei und mit Herzklopfen ins gelobte Land auf viel besseren ungewohnten Straßen. Ich dachte sicher, nach 40 Jahren eiserner Vorhang nun einfach mit dem Personalausweis in der Hand, selbstbewusst ohne Freundlichkeit gegenüber den Grenzbeamten im Fahrersitz sitzenbleibend, dass da ein kleines Wunder passiert. In Hannover bekamen wir in der Information einen Gastgeber zugewiesen, die Familie Lach. Daraus wurde ein aufregendes Wochenende, nicht nur, weil wir von Lach’s verwöhnt wurden, sondern, und das vor allem, weil wir uns so gut verstanden haben. Zusätzlich zu allen menschlichen Ähnlichkeiten hatte Ewald auch den gleichen Beruf als Vermesser wie ich und auch deshalb ist uns das Gespräch an dem langen Wochenende nicht ausgegangen. So lange her, sind mir doch noch einige Begebenheiten in Erinnerung: Eine Gaststätte in Stadtmitte servierte uns gratis ein Mittagsgericht, Kinder überreichten uns einfach so am Straßenrand eine Tafel Schokolade mit der handgeschriebenen Mitteilung „Herzlich Willkommen!“, das hätte mir ja fast das Herz gebrochen! Und als Ewald mir bedeutete, er würde mir gern einen Wunsch erfüllen, wählte ich eine Fahrt mit dem Riesenrad! Ja, so war und so bin ich. Aber ist nicht eine Fahrt mit dem Riesenrad nicht auch irgendwie eine Fahrt in die Freiheit!? Ich habe das bis heute nicht bereut, auch wenn ich damals mindestens ein bisschen Unverständnis erntete.

Wochen später wurde der Brocken freigegeben. Von meinen Harzer Bergfreunden wurde ich zu einer Wanderung dort hin eingeladen. Es war sicher der erste mögliche Aufstiegstag, es war ein traumhaft klarer Sonnentag mit ungewöhnlicher Fernsicht. Aber viel wichtiger war, diesen für Deutsche fast heiligen Ort ganz oben wieder zu betreten. Da stand ich dann um die Mittagszeit mit vielen anderen außen an der Betonmauer, die das Militärgelände umgab. Und es wurden immer mehr und irgendwie stand natürlich ich als erster auf der mindestens 3m hohen Mauer, sicher auch im Fadenkreuz der russischen Wachposten. Ich wage mir nicht vorzustellen, dass, wenn die Angst sie überwältigt hätte, ich beinahe ein neues, vielleicht letztes, Maueropfer geworden wäre. Ja, und bis vor ein paar Jahren hatte ich auch noch ein paar Schilder in der Garage. „Achtung, Staatsgrenze“ stand darauf. Ich hatte die Schilder, die unseren Aufstiegsweg lange säumten dann beim Abstieg abgerissen.

Ja, und dann brach die große Freiheit an; man konnte Pläne schmieden und sich in eine neue Zukunft orientieren. Mir erschien nun alles möglich. Reisebüro, Bergsportgeschäft, Bauarbeiten am Seil, alles war machbar. Am Besten etwas ganz Neues. Nicht mehr im Büro für andere arbeiten, Hauptsache täglich selbst entscheiden. So geschah es. Ein Berufsleben mit allen Höhen und Tiefen. Aber bereut habe ich es nicht. Bloß, ein bisschen leichter hatte ich es mir vorgestellt. Andererseits war und ist es für mich ein großer Trost, ganz intensiv zu fühlen was der Sinn des Lebens ist. Ach das wusstet ihr nicht? Der Sinn des Lebens ist Arbeit! Das hat mein Verwandter, Michael Hartwig, in seinem Buch „Jua oder der Sinn des Lebens“ festgestellt. Vielleicht hat er recht.




 
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