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Wie ich 1990 beinahe  Reinhold Messner kennen lernte (Ein Wendeerlebnis)

Ob Reinhold Messner mich kennt? Jetzt vielleicht. Wenn er das gelesen hat.
Ich bin Ossi. Also Ostdeutscher. Leider. Oder gut? Als Flachländer wurde ich geboren und aus unerfindlichen Gründen so ne Art Bergsteiger. Soweit das in der DDR möglich war. Durch besonderes wohlfeiles Stillhalten gegenüber meinem Land („Kriecher“) und durch zerren an den Ketten durfte ich mehrmals in das Bruderland Sowjetunion. So kam ich auf  zwei 7000er und mehr. Oder besser  gesagt mehr nicht. Mehr bedeutete Kaukasus, Mongolei, Tatra (meist im Winter jährlich), die Gebirge Bulgariens und Rumäniens. Mehr nicht bedeutete eine ganze Menge unerfüllte Bergträume rund um den Globus.
Aber nach der Wende war die Welt offen. Für alles. Auch für meine unerfüllten Bergsehnsüchte.
Also Alpen. Seit ich nun dort war habe ich meine Bergfreunde aus Österreich verstanden, warum sie ihre Alpen so gut wie nie verlassen haben. Sie haben dort alles in den Alpen. Alle Spielarten des von mir so verstandenen Kletterns. Von Plaisier (überall) bis zu großen Wänden (Dachstein, Val di Mello, Westalpen u.a.).
Also noch mal Alpen zum zweiten: Nichts wie hin nach der Wende. Im ersten Urlaub, den wir uns gönnten. Hatten wir doch begonnen, Land und Leute und Job zu ändern. Wollten in der Welt der Freiheit uns verwirklichen, zu neuen Ufern aufbrechen. Wir wussten damals noch nicht, dass das ein schwerer schlammiger Weg auf einem ungezügelten Ochsenkarren wird.
Also Alpen zum dritten: Der erste Sommerurlaub in die Dolomiten. Im Wilden Kaiser hatte uns ein Wettersturz weggespült, auf die Kölner Hütte im Rosengarten auf der sonnigen Alpensüdseite. Mir war es sehr recht. Die Euphorie war unbeschreiblich. Ossis in den Dolomiten. Wusste die Welt davon? Wurde dieser historische Augenblick von allen, zumindest von den vielen hier anwesenden sehr gleichgültig tuenden Bergsteigern gewürdigt? Ich nahm es an. Ich hatte mich auf diesen Augenblick eingerichtet. Ich hatte Schwarz-Weiß-Fotos von meiner Kletterheimat mit. „Seht her, hier klettere ich und jetzt bin ich hier!“. Und dachte: Ich bin wie Reinhold Messner. Ich liebe die Berge genau so wie er. Wo ist der große Meister? Nach dem dritten Bier rief ich laut nach ihm. Nach dem fünften verlangte ich seine Telefonnummer. Nach dem siebenten rief ich ihn auf seiner Burg an. Er war nicht zu Hause. Er hätte sich sicher auch sehr gewundert. Später war ich so betrunken, dass mich meine Bergfreunde am nächsten Morgen schnitten.
Daraufhin beschloss ich, die Dolomiten zu erkunden. Also eigentlich nachzuvollziehen, was ich so in meinen ostdeutschen Jahren an der mir wenigen zugänglichen Bergliteratur erlesen hatte. Karl Lukan und so. Eigentlich wusste ich theoretisch dort gut Bescheid. Ich brauchte also nur noch eine praktische Bestätigung meiner detaillierten Alpenkenntnisse. Ich beschloss eine Zweitages-Wanderung durch den Rosengarten zur Marmolada, also durch die halben Dolomiten und zurück. Marmolada, die Königin der Dolomiten, wo vielleicht schon meine Vorfahren im 2. Weltkrieg gekämpft haben. Vielleicht kann ich in einen ihrer Unterstände übernachten. Oder in der Gaststätte, die auf dem Gipfel meiner Wanderkarte als Bierkrug eingezeichnet war (nicht aus den Weltkriegen). Mit DDR-Leichtbergschuhen und Anorak bin ich aufgebrochen. Und mit einem unendlichen Glücksgefühl der Unbeschwertheit, Unbedarftheit und Abenteuerlust losgerannt.
Ich fass mich kurz. Ich lebe noch. Glück gehabt. In der Sonne der letzten Abendstunde bin ich den als Klettersteig versicherten Westgrat hochgestiegen (Warum sind da Seile?), eine kleine Hütte gefunden, die von einem ganz jungen italienischen Ehepaar bewirtschaftet wurde. Ich gebe zu, mein Herz schlug schneller, als ich auf dem Gipfel an die Tür klopfte. Ich war der einzige und konnte zusehen wie im Schutz der Hütte das Wetter umschlug (ich war auch sicher der einzige, der den Wetterbericht nicht kannte) und sich dort draußen eine wunderschöne Schneedecke bildete. Meine Bitte am nächsten Tag, mir etwas alpine Ausrüstung zu verkaufen wurde abschlägig beschieden. So ging ich auf die Drahtseile zu, die stark vereist waren. Aber irgendjemand sorgt ständig dafür, mein alpine Laufbahn nicht so schnell endet. Ich fand in meiner Hosentasche ein paar alte Stoffhandschuhe. Wischte also Stück für Stück die Seile ab und stieg herunter. Na ja, ganz so einfach war es nicht. Jedenfalls war ich abends zu Fuß wieder auf meiner Hütte. Und war immer noch nicht Reinhold Messner begegnet!

Ach ja. Wenn es überhaupt eine Gemeinsamkeit gibt mit Reinhold Messner, dann die, dass er nach vielen Bergabenteuern an der Grenze des Menschenmöglichen an seiner Burgmauer sich verletzt hat und ich am Neujahrstag 2007 beim Inlineskating mir den Oberschenkel gebrochen habe. Dabei hatte ich noch Schwein. Ich lag auf einer Asphaltstraße im Thüringer Vogtland, die offensichtlich nicht mehr befahren wird und wenig später fing ein Platzregen an. Aber es hörte mich irgendwann einer. Das hätte ein Gaudi an meinem Grab gegeben! Wo ich mir doch über 63 Jahre Mühe gegeben habe, meine Grenzen in den Bergen auszuloten. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

 
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