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Eiszapfen

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„Kann man Eiszapfen essen?“



ES IST WIE mit der Patientenfrage: „Herr Doktor, kann man mit Durchfall baden?“.
Antwort: „Im Prinzip ja …“
Im Ernst, diese Frage stellte sich wirklich für uns drei zu Weihnachten 1963, also vor langen Jahren. Aber der Reihe nach.


Fehler kann man im Leben machen, aber nicht allzu viele, sonst wird man nicht alt. Und ich habe weiß Gott richtig viele gemacht. Ich bin schon fast bek
annt dafür, habe aber alle durch Zufall überlebt. Wir drei Hanseln im zarten Alter von 20 Jahren machten damals zu Weihnacht gleich mehrere Fehler. Wir, damals noch unbeweibt, wollten das Weihnachtsfest 1963 in einer Boofe erleben. In der Sächsischen Schweiz, im Elbgebirge; ein Freibiwak unterm Felsüberhang. Wir waren vor einem Jahr aufstrebende, ehrgeizige, dynamische Kletterer geworden. Auch wenn der Weg zu unseren geliebten Felsen von Leipzig aus oft nur an Wochenenden ab Samstags Mittag nach der Arbeit möglich war. Die Idee dazu kam sicher von mir. Ich kann mich noch heute nicht richtig leiden, so wie ich war. Bereits mein Spitzname war Beleg dafür. Der „Stier“ hätte meinen Kameraden als Warnung und Abschreckung dienen sollen. Die Boofe war im Schmilkaer Gebiet unter den Lehnsteigtürmen. Ich kannte sie vom Sommer her. Damals war sie ganz einfach zu finden. Da brauchte ich nur den erfahrenen Bergkameraden, die uns damals in die Felsen einführten, hinterherzulaufen. Dann im Winter sah alles anders aus. Alles war tief verschneit, und es wurde beizeiten dunkel. Ich kann mich nur noch erinnern, dass wir mit den schweren Rucksäcken erst nach langem Suchen im Dunkeln die Boofe fanden. Die durch den Schnee aufhellende Winterlandschaft half uns sicher dabei. Aber es war sehr kalt und dunkel, und alle unsere Illusionen von einem schönen gemütlichen Kaffeetrinken mit Stolle waren verflogen. Die Kraft reichte nur noch für in den Schlafsack kriechen und das war kein guter. Es waren mit Wolpryla gefüllte Lappen, wer es noch weiß, wie es war und was das war. Ein Wunder, dass wir nicht erfroren sind. Auch der nächste Morgen war bitter. Und so waren wir zu einer längeren Wanderung entschlossen, die uns durch die ganze verwunschene Felslandschaft der Hinteren Sächsischen Schweiz führte. Stundenlang, bis uns ein großer Durst ereilte. Da kamen wir am Großen Zeughaus an. Diese Häusergruppe war bis auf das Ferienheim der Grenzpolizei unbewohnt. Wir hatten damals keine Hemmungen, nach etwas Trinkbarem zu fragen. Und tatsächlich reichte uns eine Schürzenfrau am Hintereingang eine Tasse Fleischbrühe. Das tat für einen Moment richtig gut. Es war aber nur so viel, dass uns nach wenigen Minuten der Durst ob der starken Würze im Getränk umso stärker überfiel. Er wurde einfach so schrecklich, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Nur später in Rumänien auf dem Kamm des Königstein-Gebirges war der Durst noch erbarmungsloser. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzähle. Wusstet ihr schon, dass die Sächsische Schweiz im Winter eines der größten Naturwunder dieser Erde ist? Still, einsam, wunderschön und bei Schnee richtig verwunschen; ein Märchenschloss mit Felsen. Und gerade an solchen Felsüberhängen, unter denen wir schlafen, bilden sich oft unter dem Einfluss von Sonne und Kälte die herrlichsten Eisgebilde. Und in der höchsten Not unseres Durstes sind wir an den schönsten Gebilden in Form schon tropfender Eiszapfen vorbeigekommen. Da war kein Halten mehr. Und da die wenigen Tropfen keine Linderung brachte, fingen wir an diese zu essen. Ja, um nun die Frage zu beantworten, man kann sie essen, aber nur in höchster Not!
Nun sind nur 44 Jahre vergangen und die Erinnerungen sind verblasst. Sie sind ja überhaupt nur noch da, weil sie damals so beeindruckend waren. Und gerade aber solche sind es, die man nicht missen möchte. Nicht die Erfolge, eher die Niederlagen. Aber auch diese oder gerade diese bringen uns weiter im Leben. Vielleicht. Wenn man draus lernt. Das tut man aber immer, wenn es besonders richtig weh tut. Meine beiden Freunde gibt es Gott sei Dank immer noch. Der eine ist allerdings vom Eiszapfenessen sehr krank geworden (liebe Kinder: bitte nicht essen!) und wurde dann kein Bergsteiger. Der andere ist zwar auch krank geworden mit Rheuma und Herzfehler, aber, obwohl unsportlich, ist er ein richtiger guter (Kletterer) geworden, was zwar die anderen von mir sagen, ich nicht so recht glauben kann.

 
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