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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 2



Eldorado


Ein Klettertag im Berner Oberland


Welch verheißender Name! Ich bin das ganze Leben schon ein Suchender. Nun war ich auch im Eldorado, allerdings dem Top – Klettergebiet des Berner Oberlandes, im Grimselgebiet. Und habe alles gefunden, was ich gesucht habe: Das Leben und mehr. Jetzt, danach, ist alles viel leichter, als ob das eine Jahr warten auf die Berge sich wieder gelohnt hat. Man sitzt unten im Tal in Innertkirchen im befreienden Gewitter, das sich hier zwischen den hohen Bergen nach dem warmen Julitag des Jahres 2004 verfangen hat, einfach glücklich und entspannt.. Ja, man spürt den Körper in allen Fasern noch nach dem langen Klettertag und nach der Anspannung. Es ist noch Leben drin in dem alten Körper, der vom langen Flachlandleben schon fast eingeschlafen ist.
Nachdem wir, der alte Mann vom Berg Sepp, dieser schweizgeborene und erfahrene Bergmensch und ich,  uns hier im Grinselgebiet schon mit zwei Eingehtouren vertraut gemacht haben, mit den Besonderheiten der riesigen Granitplattenfluchten und der damit besonderen Klettertechnik, wollten wir mehr. Zumal auch der Wetterbericht eine sonnige Pause vor dem mindestens täglichen Gewitter versprach. Und Sepp mir das Eldorado, den linkesten und längsten, allerdings auch leichtesten Kletterweg daran schenken wollte. Das ist die „Septumania“, 16 Seillängen 6a+ oder 7- UIAA, einer der berühmtesten, begehrtesten und meistbegangenen Kletterwege am Grimsel. Kompakte geneigte Granitplatten ziehen vom Grimselstausee auf 2000 m Höhe ca. 500 m noch oben.
Geschlafen habe ich im Zelt dank auch der viertelstündlich schlagenden Kirchturmuhr und des letzten noch lange in der Nacht grollenden Gewitters so gut wie nicht. Nach einer Stunde Autofahrt am frühen dunklen Morgen verließen wir die von Menschenhand zergliederte Kraftwerkslandschaft am Grimselpaß und laufen anderthalb Stunden am Grimselsee entlang in einer urigen Bergwelt. Vorbei an Staumauer, Klettergebiet Maree, einem riesigen uns nasssprühenden Wasserfall, endlosen Bergwiesen mit Türkenbundlilien und Mooren. Bis ans Ende des Sees, wo die ersehnten Platten schon von der Sonne bestrichen werden. Wir deponieren die Rucksäcke als achtlos am Wegrand weggeworfene Gepäckstücke und laufen hundert Meter hoch zum Einstieg, wie die Friseure: Also schon kletterfertig in T-Shirt, mit Seil, Gurt, Sicherungsgerät und 10 Expreßschlingen. Nur ich habe mir den störenden Luxus geleistet, den Anorak um die Hüften zu binden und die leichten Laufschuhe anzuhängen. Zu diffizil sieht das Wetter aus und einen langen Abstieg gibt es auch noch.
Wir sind nicht die Ersten am Wandfuß. Zwei Seilschaften sind schon über uns in der höher anfangenden „Motörhead“. Aber wir sind die ersten in der „Septumania“, die hier am Einstieg gut und rot angeschrieben ist. Da sie Sepp gut kennt, beginnt er gleich. Ich habe nichts dagegen, es sind ja auch keine Haken zu sehen. Dabei ist alles seit der Erstbegehung der Brüder Remy mit nur wenigen geschlagenen Haken neu eingebohrt „mit alpinem Charakter“, wie es so schön im Kletterführer heißt. Was das bedeutet, sollte ich bald merken. Es ist mindestens sächsisch kühn abgesichert. Außerdem ist bemerkt, „wer die Größe der Friends nicht auswendig kennt, kann sich den Weg zum Einstieg sparen“. Die aus dem amerikanischen kommenden Freunde sind Zwischensicherungs – Klemmgeräte der Größen 1 – 6 mit halben Größen auch für parallel verlaufende Risse im Fels. Deshalb hat Sepp auch gleich gar keine mitgenommen! Nur einen Größe 2,5. Das Ergebnis sollte ich später noch spüren.
Die ersten Meter sind noch Gehgelände. Dann ist das vorbei, 16 Seillängen, die meist 40 m lang sind. Steiler geneigter Granit bis 10 m vor dem Gipfel, wo man wieder laufen kann. Dazwischen klettern, wo ständig wenige Grad ändernde Neigung und kleine Unebenheiten dem Kletterer die Gefühle wechseln lassen zwischen Plaisier (so heißt auch der Kletterführer „Schweiz – Plaisier, West“) und Grenzverhalten, sprich Runterfallen. Das hat der liebe Gott geschaffen, diese von Gletscher glatt geschliffenen Platten, die ein halbwegs normaler Mensch im Alter von 60 Jahren gerade noch so klettern kann!
Ich sage noch, nimm was zu trinken mit und schon läuft er hoch die ersten Meter, der 66-jährige. Er weiß ja, dass die Schuhsohle hält. Ich habe da schon am Ende der ersten Seillänge meine Zweifel, auch fast noch bis zur halben Wandhöhe, wo ich keine Kraft mehr habe und von der Sonne ausgezehrt bin. Da bin ich um ein paar Erfahrungen reicher. Mit dem wachsenden Mut der Verzweiflung – was andere können, kann ich auch – führe ich jede zweite Seillänge ohne auf die elend weiten Bohrhakenabstände zu achten. Da sind 10 m keine Seltenheit. Man gewöhnt sich sozusagen dran. Ein Praxisschnellkletterkurs.
Längst sind wir mit dem uns nachfolgenden Schweizer Ehepaar die einzigen in der Wand. In den rechten Routen haben alle anderen aufgegeben, wohl auch wegen der vom gestrigen Gewitter noch vorhandenen Feuchtigkeit. Und die Seilschaften unter uns sind sicher aus anderen menschlichen Gründen umgekehrt.
Wie gesagt, auf halber Höhe kann ich vor Durst nicht mehr sprechen, verlange nach der Trinkflasche. Aber die ist wegen einem aus den Dialektunterschieden hervorrührenden Missverständnis in unserer Seilschaft untengeblieben. Wie durch ein Wunder (oder ist es mein mitleiderregendes verzerrtes Gesicht?), bekomme ich von der Seilschaft nach uns einen rettenden Schluck, der den aufkommenden Brechreiz gerade noch verhindert.
Ab dann wird es besser: Es kann nur nach oben gehen. Ich darf die Schlüsselstelle führen, sagt man hinterher. Aber das ist mir jetzt egal. Der Weg zum Wasser und zum Leben führt nur noch nach oben. Erst später, als Sepp wieder führt, etwa in der 11. Seillänge kommt so etwas wie Angst wieder auf.. Er hängt die zwei Bohrhaken auf seiner 35 m Seillänge nicht ein, sie sind nach seiner Meinung zu weit rechts oder links und waren außerdem früher nicht da! Gerade da neigt sich die Wand zwar wieder um 3°, aber dafür ist der helle glatte Granit so gut wie ohne Unebenheiten. Es ist einfach gruslig anzuschauen, wie er so hochsteigt. Wenn man sich lange genug den Hals verrenkt und hochschaut, denkt man er ist direkt darüber. Man schaut die zwei Bohrhaken vor sich und dann auf den tief unten liegenden Stausee...
Trotz meiner eindrücklich vorgetragenen Bedenken wiederholt sich dieses Spiel nochmals. Das Vertrauen der Schweizer in die Sicherungskette scheint riesig zu sein, meins ist es nicht! Eine der letzten Seillängen prägt sich bei mir besonders tief ein. Dort führen die Platten durch einen nach außen versetzten Überhang ganz oben weiter. Und der schwerste Zug ist ganz weit weg vom letzten Haken und die hier dunkle Felsoberfläche ist noch nass Ich komme mit letzter Kraft fast nur durch Zufall hoch. Wie hat Sepp das nur gemacht? Als ich ihn danach frage, hat er wie immer nur gelacht..
Nach dem Mittag, nach vier Stunden sind wir oben. Irgendwo auf einer Wiese im Berner Oberland. Er eigentliche Gipfel ist noch 1000 m über uns. Wenn hier kein großer Steinmann stehen würde, sondern Kühe, wundern würde es mich nicht.
Alle Spannung ist abgefallen und ein Gefühl großer Zufriedenheit lässt den Blick bei der Gipfelrast über die steinernen teilweise noch schneebedeckten oder vergletscherten Berge gleiten. Meist kommentiert von den Episoden aus Sepps vierzehnjährigem Bergsteigerleben, das er dort in Innertkirchen verbracht hat. Mit allen Konflikten bei den Kraftwerksbauten, die Hunderte von mehrsprachigen Arbeitskräften unter schwierigsten Bedingungen errichteten. Oder die Rettungsaktionen, die auch für die Retter manchmal nicht gut ausgingen. Offensichtlich ist ihm ein Einsatz besonders zu Herzen gegangen, als ein „Tourist“ bei anbrechenden Schlechtwetter überfällig gemeldet wurde. Also hat er einen Hubschrauber angefordert. Wie er gerade einsteigen will, kam ein befreundeter Bergführer daher und macht ihm den Platz streitig.. Genau gegenüber vom Eldorado ist er abgestürzt, der Hubschrauber. Gut dass es Sepp noch gibt.
Der Rest ist schnell erzählt. Es geht eine grasige Rinne seitwärts herunter, die Absturzgefahr ist gering. Abgesehen von zwei Kletterstellen, die mit meinen bequemen Turnschuhen nicht ganz leicht zu überwinden sind. Und irgendwann gibt es wieder Wasser. Unendlich vieles klares kaltes Wasser. Immer wieder. Dann noch zwei Stunden zurücklaufen. Irgendwie schleppe ich mich trinkender- und pausierenderweise heimwärts in der glühenden Nachmittagssonne, über die Staumauer, nochmals hoch zum Grimselhospiz, sehe die Frauen am Freisitz locker zurückgelehnt unterm Sonnenschirm sitzen, kurz davor trennt mich noch eine weiße Fahrspurmarkierungslinie auf dem Asphalt vom Ziel, ich lasse mich fallen und halb im Spaß erreiche ich auf allen vieren den Tisch!
Im Ernst: Wer nun denkt, das war eine reife Leistung, den kann ich beruhigen. Einer der Remy – Brüder, die das meiste hier erschlossen haben, ist unseren Weg seilfrei in einer Stunde hochgerannt. So einfach!

 
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