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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 1



Finale und La Spezia, Italien im Feburar 2005

Ligurische Kletterträume im Winter



Muss man in diesem herrlichen Schnee – Winter klettern? Ja, man muss, wenn man Climber ist und an einem Tag südliche Klettergebiete am Mittelmeer erreichbar sind.
Nun, Erhard, hat es sich gelohnt? Die Antwort ist eindeutig: Jein!
Trotz aller Planung war dort auch Winter. Also tagsüber nicht. Da konnte man in der Sonne klettern, im T-Shirt. Falls Sonne war. Und anfangs auch ohne Sonne bei  + 10° C, falls man sich bewegte.
Aber wie immer in Finale, wenn man Härte zeigen will und Geld sparen: Der kostenlose Campingplatz unterm Monte Cucco ist ein echter Kältebringer, ein Schattenplatz der besonderen Art. Der erst gemütlich wird, wenn man alles angezogen hat und wenn man große Mengen Glühwein verträgt.
Die aber den Nachteil haben, zu den blödesten Nachtzeiten, zur Hundewache, die Bäume gießen zu müssen. Was ja in mondhellen Nächten ganz romantisch sein kann. Jedoch nicht, wenn man sich schlaftrunken  in der Eile an einem Ast die Birne eingerannt hat.

Ja, klettern waren wir auch. Auch in neuen Sektoren, die mein Bergfreund Peter, der schon fünfzehnmal dort war, nicht kannte.
Wundervoller, rauer, fast jungfräulicher Fels in unserem noch kletterbaren 5. und 6. Franzosen – Plaisiergrad. Wer es nachvollziehen will, als Empfehlung:
a) Im Gebiet Rocca di Perti, der Sektor „ Settore Settentrionale – de stro“, Weg Nr. 14 “Antonella“ und die Wege rechts davon.
b) Im Gebiet Bric Scimarco, der Sektor Süd, die Wege mit den emaillierten Namensschildern am Einstieg.
c) Im Gebiet Rocca di Corno, der Sektor „Settore Sud“ (also Süd), Weg Nr. 29 „TEN“ und daneben.

Nach dem vierten Tag waren die Finger fast durch. Und da es mit jedem Tag kälter wurde, zogen wir südwärts über Genua nach La Spezia (nicht ohne vorher einmal im Meer zu baden, schon um den in Pelzmänteln promenierenden Italienern deutsche Härte zu zeigen, es war die einzige Gelegenheit mehrtägigen Kletter- Lagerfeuer- und Campingdreck loszuwerden. Das Wasser war an mir gemessen 2 cm kalt!).
Laut „Rotpunkt“ Heft 6/92 soll es dort am südlichsten Teil der italienischen Riviera ein ganz meeresnahes (und warmes?) Klettergebiet „Muzzerone“ geben.
Auskünfte über den neuesten Stand gab es keine, der Kletterführer ist seit Jahren vergriffen. Das hinderte uns natürlich nicht, die 170 km nach Cinque Terre, den ersten Nationalpark Italiens bei La Spezia, in dem unser Klettergebiet liegt, zu fahren. Auch auf dieser Fahrt, wie auf jedem gefahrenen Straßenabschnitt Italiens, und sei er noch so kurz, konnte man den Puls Italiens in Form rasender Autofahrer spüren. Es müssen alles gute Autofahrer oder schnelle Fußgänger sein, andere leben vermutlich nicht mehr. Zumindest hab ich keine anderen gesehen! Um das zu verdeutlichen: Als bekannter deutscher Autofahrer, Verkehrsrowdy und Strafzettelsammler wurde ich hier des öfteren zum Verkehrshindernis.

Gleich nach unserer Ankunft am Eingang des Nationalparks in Levante in der Touristinformation wurde uns klar, Italien beginnt erst am 1. April jeden Jahres. Das heißt, bis dahin ist fast jeder Campingplatz geschlossen, es gibt auch kaum Touristen und man findet sogar manchmal Parkplätze.. Also schlechte und gute Nachrichten. Spät abends fanden wir doch noch einen der wenigen geöffneten an der Riviera, in Sarzana. Wir waren die einzigen mit Zelt. „Wollen Sie wirklich zelten?“. Ja, wir wollten, was sonst. Und es wurde kälter. Also wieder Glühwein. Nach den Essen. Peter hatte sich eigentlich vorgenommen abzunehmen. Aber was soll man abends machen, wenn es 18 Uhr dunkel und kalt wird. Peter war der Chefkoch unseres 2 Mann – Teams. Ich war der stellvertretende Chefkoch, mir standen alle niedrigen Arbeiten zu. Ein Auszug aus der Speisekarte gefällig? Gleich nach der Ankunft zwischen Kartoffelschälen und Wasserholen und Kocher vorbereiten gab es Vorspeisennaschen mit Apfelsinen, geschälte Kakteenfrüchte, eingelegte Oliven frisch vom Markt und Speckscheiben. Danach Hauptspeise: Zwiebelschweinebraten (von Peter zu Hause nach Spezialrezept vorgekocht), Salzkartoffeln und Porree, natürlich mit Feinschmeckersoße. Hinterher Tomatensalat, frisch angemacht. Und dann natürlich Glühwein, gekaufter, aber mit einer besseren trockenen Rotweinsorte geschmacksverfeinert. Wie kann man da widerstehen. Bettschwer ausgetrunken waren wir auf zweierlei Art zufrieden: Weil’s gut war und weil wir das Gefühl hatten, dass uns das unter diesen Verhältnissen so schnell niemand nachmacht.
Allerdings auch hier immer wieder nicht an die Folgen gedacht: Nachts raus, aus allen Schlafsack- und Zelthüllen. Schlaftrunken zum nächsten Baum (darf man nicht, weiß jeder, ist ja kein Schwein da!), und wie es losgehen soll (Glücksmoment!), gibt es neben mir einen furchtbaren Knall. Jetzt hat Dir jemand zur Strafe die Eier abgeschossen, war mein erster Gedanke. Außer dem psychologischen Schock stellte sich aber kein Schmerz ein. Es war ja noch alles dran. Weitere Unannehmlichkeiten stellten sich in dieser Nacht nicht ein. Am nächsten Tag untersuchte ich den Tatort, bevor ich die Campingplatzwächterin zur Rede stellen wollte.  Und siehe da: Genau am Tatort war ein riesiger frischer schwerer Pinienzapfen neben mir aufs Blechdach gefallen! Im richtigen Moment. Soll man da lachen oder weinen – er hätte mich auch auf den Kopf treffen können!
Klettern waren wir auch wieder! Gleich am nächsten morgen. Das Klettergebiet war trotz langer Anfahrt (jedes Mal quer durch die Stadt) gut zu finden. Im Sektor Centrale sind sogar die Routennamen mit Schwierigkeit angeschrieben. Und alles in der Sonne, über dem Meer und gut abgesichert, eben wieder plaisier. Nachmittag locken die nahen Hafendörfer, wie Portovenere und La Grazie, die für sich allein schon sehenswert sind mit ihren mittelalterlichen Kirchen und marmornen Kunstwerken.
Apropos Marmor. Wir sind in der Nähe von Carrara, wir atmen diese Nähe aus der 15 km entfernt entstehenden Staubwolke der berühmten Marmorsteinbrüche, die hier die Landschaft bedeckt. Die ganze Region lebt von Marmor und zeigt das auch. Und da es am zweiten Tag nicht nur kalt war, sondern auch ohne Sonne, galt Carrara unser Besuch. Nichts wie hin, sie haben sich dort auf Besucher eingestellt.. Man kann zwischen 30 t - Marmor – Trucks das aufgerissene und vergewaltigte Marmorsteinbruch – Bergland auf engen steilen Werkstraßen erkunden. Und erleben, riechen, schmecken, kaufen. Überall Marmor. Auch mit Museum und Friedhof. Ich schaue mir immer Friedhöfe an. Schließlich wird man an solchen Orten noch sehr lange sein. Aber Spaß beiseite: Hier auf dem Friedhof haben sich ganze Marmor – Bildhauergenerationen ausgetobt. Im Museum erfährt man am Objekt im Maßstab 1:1, auch in allen Sprachen, wie gefährlich die Arbeit früher war (und die Truckfahrer jetzt?). Ich habe das alles dokumentiert, wen's interessiert. Zum Beispiel wurde noch vor zweihundert Jahren ein Marmorblock mit einer riesigen Handsäge im 2 Mann – Betrieb mittels eines Stahlblattes, das an einem Holzbock aufgehangen war, unter Beigabe von Wasser und Sand 8 cm tief pro Tag gesägt!
Aber Klettern waren wir auch an diesem Tag wieder. Am Tagesende fanden wir im wieder auflebenden Sonnenschein das kleine Klettergebiet von Carrara nach unserem Europa – Kletterführer (gut!), de Parco della Padula, ein Parkgelände mit riesigen ausgefallenen Marmorstatuen (was sonst?) und 10 m hohen Felsen. Diese übersieht man leicht, wenn man zu schnell geht oder ein Bier trinkt. Was Peter also immer tut. Mir klappt der Unterkiefer runter, als ich dort in 10 m Höhe über einen Felskamin ein fast 2 m großes reinweißes Marmorei entdecke. Dieses gilt es beim überhängendsten Weg zu erreichen. Ein heiliges sonderbares Gefühl. Ein Schelm, wer arges dabei denkt! Ich frage die vorbeikommenden Italiener, wie das Ei da hin kommt. Hat es in Riese dahin geworfen? (Oder gar ein Ei gelegt? Wie soll das gehen?). Sie haben keine Ahnung, obwohl ich Ihnen meine Meinung lang und klar in Deutsch und mit vielen Gesten sage. Komisch, dass sie mir immer wieder widersprechen. Blöde Italiener. Oder sollte ich nicht doch lieber nicht so viel Bier mit trinken?
Die letzten beiden Tage bringen nichts neues. Es wird kälter, auch wenn wir tagsüber nochmals bei Sonne über Muzzerone klettern. Und am letzten Tag haben wir dank Schneeregen Gelegenheit vier der berühmten 5 Orte des Cinque Terre kennen zulernen. Sie kleben wie Adlerhorste an den steilen Hängen über dem Meer. Obwohl kein Platz ist, gibt es große Häuser, enge Gassen und wenige Parkplätze. Hier könnte man im Sommer einen Film drehen über Lust und Frust der Autofahrer. Aber ich weiß schon wie das ausgeht: Es gibt ein großes Geschrei und am Ende löst sich jedes Problem, wie alles in Italien. Sollten wir uns mal ein Beispiel nehmen.
Nachdem am elften Tag auch das Zelt mit Schnee bedeckt ist, nahmen wir nun leichteren Herzens Abschied von Italien. Abschied von Glühwein, Bier und von den vielen hübschen Mädchen in Italien, von der netten Campingwärterin mit dem großen dicken Arsch (kann die überhaupt laufen, ist die schon mal aus Ihrer Pförtnerloge herausgekommen?) und dem vielen anderen, das wir hier verpasst haben wegen der fehlenden Wärme. Abschied auch von den vielen Militärbasen in und um La Spezia, in denen schon die Wehrmacht gehaust hat. Fragt sich nur was die vielen in Uniform verkleideten jungen Leute jetzt noch immer dort machen oder suchen. Sind dort noch versteckte Marmoreier?
Wie auch immer, wir kommen wieder, Italien aufgepasst!

 
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