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Unerkannt durch Freundesland

Oder über Sinn und Unsinn von Visa – Reisepass und SVK Ausweis


Nach 1961 mit dem Bau der Mauer, rückten Bergfahrten in die Alpen oder in andere Gebirge der Welt erst mal in weite Ferne. Planungen für Bergfahrten außerhalb der der Ostblockstaaten mussten zwangsläufig nach dem 65. Geburtstag verlegt werden, na ja und sicher war das auch nicht.
In der Sowjetunion lagen gewaltige Gebirge, deren Gipfel teilweise über 7.000 Meter hoch sind. Doch nicht nur gegenüber dem "Nichtsozialistischen Ausland" (NSA), auch innerhalb des Ostblocks waren die Reisemöglichkeiten stark eingeschränkt. Theoretisch bestand zwar die Möglichkeit, sich einer organisierten Reise anzuschließen, die das Reisebüro der DDR und der FDJ-Reiseveranstalter Jugendtourist anboten, doch das Angebot war so gering, dass nur sehr wenige, ausgewählte Bergsteiger in deren Genuss kamen.
Wer nicht auf eine solche Gelegenheit warten wollte, musste die Organisation seiner Reise selbst in die Hand nehmen und eine Vielzahl bürokratischer Hürden überwinden. Für eine Privatreise in die Sowjetunion benötigten die DDR-Bürger seit 1964 kein Visum mehr, sondern nur noch eine "Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr", die zusammen mit dem "Antrag auf Ausreise aus der Deutschen Demokratischen Republik" und dem Personalausweis – einen Reisepass bekamen DDR-Bürger nur auf besonderen Antrag ausgehändigt – gültig war.
Trotz der propagierten deutsch-sowjetischen Freundschaft herrschte noch in den 1980er-Jahren in der UdSSR eine ständige Furcht vor subversiven Einflüssen. Außerdem mussten die örtlichen Polizeiämter einwilligen, die aber prinzipiell nichts gegen eine Reise in die "Große Ruhmreiche" einwenden konnten, wenn sie den Antragsteller als loyalen DDR-Bürger einstuften.
Hatten die Alpinisten alle bürokratischen Hürden genommen und waren in die UdSSR eingereist, konnten sie dort jedoch nicht beliebig umherreisen. Für den Aufenthalt legte die Abteilung für Visa und Registration des Innenministeriums (OVIR) eine "marschrut" fest, die den Reiseweg vorschrieb. Tadschikistan und Kirgisien waren wegen ihrer Hochgebirge die Hauptziele der Bergsteiger, doch für deren Interesse an diesen militärisch sensiblen Grenzregionen hatte das OVIR kaum Verständnis.
Mit der Wahrheit nahmen es die Magdeburger Alpinisten daher nicht so genau: "Wir haben immer gelogen. Wir haben gesagt, also, wir sehen uns da die Sehenswürdigkeiten an, dort und dort, aber in Wirklichkeit sind wir natürlich in die Berge gegangen, und da ist uns keiner hin gefolgt.

Bereits in der Reiseregelung von 1964 war auch die Möglichkeit vorgesehen, die UdSSR zu durchqueren, um in ein Drittland zu gelangen. Das dafür benötigte "Transitvisum" konnten die deutschen Polizeistellen auch ohne Einladung ausstellen. Wer erst einmal die Grenze passiert hatte, wich von der Transitroute ab und blieb statt der erlaubten ein bis zwei Tage illegal mehrere Wochen oder gar Monate im Land. Bei ihrer Einreise in die Sowjetunion wurde der Personalausweis mit dem "Transitvisum" stets misstrauisch überprüft. Nach erfolgreich überstandener Kontrolle wurde auf einem Einreisevisum, das bei der Ausreise wieder abgegeben werden musste, vermerkt, wie lange der Besucher im Land bleiben durfte. Bei der Ausreise, die in der Regel nach Rumänien führte, waren daher Schwierigkeiten vorprogrammiert. Über die Konsequenzen des unerlaubt verlängerten Aufenthalts herrschte in der Szene zunächst Ungewissheit, doch die Erfahrungen zeigten, dass die Strafen von russischer Seite nicht über eine Verwarnung, ein Bußgeld zwischen 10 und 100 Rubel (30–300 Mark) oder ein Einreiseverbot für die nächsten Jahre hinausgingen. Letzteres hätte die Transitler empfindlich treffen können, doch es wurde schnell klar, dass die russische Verwaltung nicht willens oder in der Lage war, diese Verbote zu überwachen.
Waren die Transitler innerhalb der Sowjetunion von ihrer vorgegebenen Route abgewichen, mussten sie sich "unerkannt durch Freundesland" bewegen. Dafür war ein möglichst unauffälliges Vorgehen nötig, was sich für Europäer insbesondere in den asiatischen Regionen des riesigen Reiches und ausgestattet mit einer Bergsteigermontur freilich schwierig gestaltete. Schon wenn sie abseits der üblichen Touristenattraktionen Fotos machten, konnten die Transitler das Misstrauen von Einheimischen oder der Polizei wecken. In einem solchen Falle konnte man auf die Bequemlichkeit der Beamten hoffen. Die Verhaftung von schwer einzuordnenden Fremden ohne korrekte Papiere konnte für sie zu einem lästigen Problem werden. So wunderten sich zwei UdFler, dass ihr "Transitvisum" nach Rumänien in Kasachstan akzeptiert wurde: "Auf den Gedanken, dass die Milizionäre und der Hauptmann vielleicht auch froh waren, uns mit dem erstbesten Zug aus ihrem Zuständigkeitsbereich abzuschieben, kamen wir erst später." War ein Polizist zufällig früher als Soldat in der DDR stationiert gewesen, konnte es auch passieren, dass er sich freute, bei ein paar Gläsern Wodka mit den unerwarteten Besuchern auf "die beste Zeit seines Lebens" anzustoßen und in Erinnerungen schwelgen zu können. Hier zeigten sich ein Humor, eine Flexibilität und Großherzigkeit, die DDR-Beamte häufig vermissen ließen.

Wichtig für einen glimpflichen Ablauf von Kontrollen waren halbwegs glaubwürdige Ausreden. Da konnte aus einer Seilschaft schnell eine "sozialistische Studentenbrigade" werden, die Aufbauhilfe in Taschkent leistete, was mit den (alpinen) "Bauschutzhelmen" bewiesen wurde. Oder das Zelt war von Bären geplündert worden, wobei leider auch die Papiere verloren gegangen waren. Mit zunehmender Erfahrung wurden die UdFler immer gewiefter und nutzten die Schwächen der sowjetischen Bürokratie. In den Weiten Mittelasiens wurden den Kontrolleuren belanglose, aber Autorität heischende Papiere vorgelegt, wie der DDR-Sozialversicherungsausweis, in den Blutspenden, Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte eingestempelt wurden: "Das Ding hatte vorne das DDR-Wappen drauf und sah eher aus wie ein Pass. Und das haben wir in der Regel vorgewiesen – teilweise hatten wir auch eigene Stempel reingemacht – und sagten: 'Hier, das sind alles die Genehmigungen.' Die konnten sowieso das nicht lesen, und das machte immer viel Eindruck." Mit zahlreichen Stempeln versehen, konnten gefälschte Schreiben den Transitlern in der Sowjetunion nahezu einen offiziellen Status verschaffen und somit Tür und Tor öffnen.

Es gab noch frechere Tricks, die sich geradezu als sozialistische Schildbürgerstreiche bezeichnen lassen. So delegierten sich manche UdFler im Namen ihrer Betriebssportgemeinschaft (BSG) selbst dazu, bestimmte Gipfel zu erklimmen und Freundschaftswimpel zu hissen. Die sowjetischen Beamten konnten die Transitler nicht einordnen. Schon dass sich jemand in den Weiten des Landes illegal aufhalten könnte, war für sie kaum vorstellbar. Das individuelle Reisen war für viele im Sozialismus aufgewachsene Polizisten ebenfalls undenkbar: "Dass es Reisende gibt, die nicht mit einer Reisegruppe unterwegs sind, das haben die nicht begriffen, und wir haben dann einfach gesagt, o.k., wir gehen morgen wieder zu unserer Reisegruppe ins Hotel, und für die war damit die Sache erledigt."

Die Illegalität der UdFler hatte auch Konsequenzen für den Komfort des Reisens. Übernachtungen in Hotels oder auf offiziellen Zeltplätzen waren ohne gültige Papiere kaum möglich, ebenso der Kauf von Flug- oder Zugtickets bei der sowjetischen Agentur Intourist, wo Ausländer bevorzugt behandelt wurden. Außerdem wären die Intourist-Tickets für die "Hippies" meist zu teuer gewesen. Die UdFler mussten daher zu den für die einheimische Bevölkerung üblichen Bedingungen reisen, was stunden- und tagelange Wartezeiten sowie Verteilungskämpfe am Schalter mit einschloss. Verhandlungsgeschick und Improvisationskunst waren unbedingte Voraussetzungen einer solchen Fahrt.

In der Nähe der Berge ging es für die Alpinisten häufig nur noch zu Fuß weiter, was wochenlange Anmärsche durch wilde Natur ohne Weg und Steg bedeuten konnte. Um nicht entdeckt zu werden, sahen sich die UdFler teilweise selbst in den Bergen gezwungen, die üblichen Routen zu verlassen und enorme Risiken auf sich zu nehmen. Längere Akklimatisierungsphasen in großer Höhe waren unter diesen Bedingungen oft nicht realisierbar. Durch die Strapazen einer solchen Expedition waren die Bergsteiger bei ihrer Rückkehr teilweise so ausgezehrt, dass die mehrwöchige Krankmeldung, die das lange Fehlen bei den Arbeitgebern entschuldigen sollte, kein Misstrauen erweckte.

Durch ihre  Art des Reisens kamen die UdFler enger mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt, als es die hohlen Rituale der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft ermöglichten. Besonders in den einfachen Zugklassen und beim Trampen ließen sich schnell Kontakte zu Einheimischen herstellen und deren Vertrauen gewinnen. "Bei all den sportlichen Unternehmungen  – die eigentliche Offenbarung waren die menschlichen Begegnungen." Auf dem Lande herrschten die traditionellen Gesetze der Gastfreundschaft, und häufig wurden die Transitler zu ausgelassenen Festen eingeladen. Die Nähe zu den Einheimischen wurde nicht nur notgedrungen in Kauf genommen, sondern war durchaus ein Ziel der Reisen. Die Transitler hatten den Wunsch, "neben der offiziellen Meinung sich eine eigene Meinung bilden zu können, andere Kulturen kennen zu lernen." Doch nicht nur Einheimische, auch Gleichgesinnte aus Westdeutschland und darüber hinaus der gesamten westlichen Welt konnten die DDR-Transitler unterwegs treffen – was das MfS mit besonderer Sorge betrachtete. So lernten beispielsweise  westdeutsche Globetrotter  die Transitszene kennen, wurde zu UdF-Treffen in die DDR eingeladen und konnte den Bergsteigern bei der Beschaffung von Devisen und Ausrüstung helfen.

Ein weiteres Problem bestand darin, an detailliertes und maßstabgetreues Kartenmaterial zu gelangen. In sozialistischen Ländern gab es aus Sicherheitsgründen kaum Landkarten zu kaufen, erst recht nicht von den politisch und militärisch sensiblen Grenzregionen, in denen viele der interessantesten Gebirge lagen. Die russische Bergsteiger-Zeitschrift "Turist" und Bergbücher enthielten manchmal Karten, die ausgeschnitten oder abgezeichnet wurden. Auch im "An- und Verkauf" und in Büchereien konnten einige antiquarische Schätze gehoben werden, auf die sich die Bergsteiger trotz der zeitlichen Distanz verlassen mussten. Z
um Beispiel bestieg Bergsteiger den Pik Lenin mit Hilfe von Karten, die der Deutsch-Österreichische Alpenverein nach seiner Erstbesteigung im Jahre 1928 veröffentlicht hatte. Solche Karten wurden durch eigene Anschauung und den Erfahrungsaustausch in der Szene präzisiert und aktualisiert. Pauspapier gehörter daher zur Ausstattung vieler Bergsteiger.

Die Transitler der 1970er- und 80er-Jahre waren beruflich und familiär noch ungebundener und scheuten sich nicht, den Staat zu provozieren. Für viele bestand gerade darin ein Reiz: "Hintergrund war damals, die offiziellen Staatsorgane mal ein bisschen zu ärgern.“
In bergsteigerischer Tradition und inspiriert durch ihre Reiseerfahrungen entwickelten und pflegten die Bergsteiger und Transitler in ihrer Szene eine eigene romantische bzw. bergsteigerische Lebensform.
Die bergsteigerische Lebensform konnte völlig apolitisch sein und hatte in der DDR trotzdem eine politische Seite. Von der Sehnsucht nach Freiheit und Ferne erfüllt, wurde den Bergsteigern das eingemauerte Land zu eng. Erfahren im Umgang mit Grenzen und Bürokratie, fiel es ihnen leichter als anderen DDR-Bürgern, die Mauern des Sozialismus zu überwinden. Alpinisten und Transitler lassen sich damit als eine Avantgarde der massenhaften Ausreise über Ungarn und andere osteuropäische Länder begreifen, die 1989 das Ende der DDR einleitete.





 
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