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Gisbert Ludwig
Spitzname "Giesi"

18.07.1930
Pirna

Porträt: Gisbert Ludewig

Wie kann man seinen 80. Geburtstag feiern? Gar nicht mehr oder im Garten oder in der Wohnung oder in einer hübschen Gaststätte. Oder: Man lädt einige Freunde und Bekannte ein, um einen Geburtstagsgipfel zu besteigen. Genau das passierte am 18. Juli 2010, dem 80. Geburtstag von Gisbert Ludewig. 11 Uhr Treffpunkt an der Raaber Säule. Jeder Kletterer weiß, dass das ein anspruchsvoller Gipfel ist, der leichteste Aufstieg VIIb, nicht gerade übersichert. Natürlich steigt Gisbert das heute nicht mehr vor, aber dafür hat er ja seinen Bernd – Bernd Arnold. Der macht das schon und nimmt sich vor, so viel wie möglich Schlingen im „Knollriss“ zu legen. Am Ende sind es sieben „100-prozentige“. Gisbert steigt langsam, ruhig und sicher nach; seine Finger und Hände sind dafür bekannt, sich gut in Rissen festkrallen zu können. Und er gibt zum besten, dass er in früheren Jahren mehrfach die Gelegenheit hatte, den benachbarten „Südostriss“ an der Raaber Wand mitzumachen (VIIc), „der geht gut, den kann man richtig auf Riss klettern“. Nebenbei bemerkt, ein Riss übelster Sorte, zumindest optisch. Am Ende finden sich etwa 10 Freunde auf dem Gipfel ein, alle wesentlich jünger, aber nicht alle besser im „Knollriss“ unterwegs als Gisbert. Begonnen hat alles im August 1946. Am ersten Klettertag ging es gleich richtig zur Sache: Löschnerwand IV, Tante V und Jungfer VIIa. Ein Jahr später bereits führte Gisbert die Jungfer. Zu seinen frühen Klettergefährten gehörten Hans Michael, 1947 Erstbegeher der Lokomotive-Nordwand, und Rudolf Grischeck. Dann gab es Hans Peuker, bei dem er als Nachsteiger auch Erstbegehungsluft einatmen konnte (1950 Hirschgrundturm- Westkante VIIc und Kleiner Halben-
Nordwestwand VIIc). An weiteren Erstbegehungen war er dann vor allem bei Hermann Potyka (u. a. 1967 Friensteinkegel-Kür VIIc, 1971
Gleitmannsturm- Hohe Kante VIIIa, 1972 Hafersackkrone-Olympiawand VIIIa und Wolfsspitze-Meisterschreck IXa, 1974 Sandschlüchteturm-Marmorwand VIIIa), aber auch bei Horst Diewock (1968 Basteischluchtturm- Peukers Problem VIIIb), bei Christoph Martin und in den letzten Jahren bei Jens Maschke beteiligt. Mitte der 70er Jahre begann die große Zeit, als er bei allen großen Erstbegehungen Bernd Arnolds mit von der Partie war (z. B. Nonnengärtner-Wand der Abendröte IXb, Großer Wehlturm-Superlative IXc, Amselspitze- Schallmauer Xa). Und er war „nicht nur dabei“, sondern vervollständigte als Nachsteiger neben Günter Lamm dieses unvergleichliche Team. Während Günter inzwischen leider verstorben ist, hält die enge Freundschaft mit Bernd bis heute an. Daneben fand Gisbert – wann eigentlich? – die Zeit für mehrere hundert eigene Erstbegehungen bis in den unteren VIII. Grad. Dabei räumte er alles ab, was ihm ins Auge fiel, und vieles kann da auch nicht weiterempfohlen werden. Aber was für uns und die Nachwelt bleibt, sind viele wirklich schöne Wege im VIIer Bereich: Plattenstein-Feine Verschneidung, Elefant-Safari, Steinbruchnadel-Präsent, Spanische Wand-Polenzkante, Gerbingspitze- Reibungswand, Urvieh-Reibungskante, Lorenzwand-Pfingstweg, Affenstein- Herbstreibung, Großes Bärenhorn-Reibungsattacke, Großer Lorenzstein-Komm wieder, Junggeselle-Lustige Witwe, Große Zinne-Wundertüte usw. Eines fällt in seiner Erstbegehungs-Entwicklung auf: Je älter Gisbert wurde, umso straffer stufte er seine Wege ein. Eine Förster- Talseite von hinten als VIIc oder Polenztalwächter- Sechsundsechzig als VIIb klettern zu wollen, dürfte ganz schöne Probleme mit sich bringen. Genau so wie Gisbert als zuverlässiger Nachsteiger von Bernd Arnold dessen Erstbegehungen mit ermöglichte, brauchte er bei seinen eigenen Neutouren einen Kreis von Gefährten, die das alles mit ihrer Hilfe unterstützten, sei es beim Beraten oder stundenlangen Sichern. Das waren bei ihm vor allem Dieter Golbs, Karl Däweritz, Dietmar Heinicke oder Frank Reiß, um nur wenige zu nennen. Über einige von Gisbert „ausgegrabene“ Gipfel (Seife, Yeti, Monolith) muss man lieber nicht sprechen. Zumindest einen Vorteil hat ihm das aber gebracht. Da er zu den Pionieren des Gipfelsammelns in der Sächsischen Schweiz gehörte, waren sie sozusagen automatisch mit enthalten, als er 1971 als Dritter der ewigen Rangliste alles abgearbeitet hatte. Wenn Gisbert im Jahr 2009 über 40 Wege in den Schwierigkeitsgraden V bis VIIa vorstieg (und kürzlich erst solche Wege wie Förster- Talseite und Junggeselle-Südkante), können wir uns sicher sein, es werden nun mit 80 nicht weniger sein, denn er ist an mindestens drei Tagen in der Woche in den Felsen unterwegs und dazu noch am Wochenende. Im Winter auch, Kälte macht ihm nicht so viel aus. Es kommt sogar vor, dass er dann ab und zu in die Kletterhalle anzutreffen ist. Man könnte meinen, Klettern, was er seit nahezu 65 Jahren exzessiv praktiziert, ist alles für ihn. Aber da gibt es noch das Skifahren, das er mit großer Begeisterung und Erfolg betreibt. Skikollege Rainer Jäpel, der ihn von vielen gemeinsamen Skijahren bestens kennt, charakterisiert ihn so: „Er war’s, der den damaligen Bergsteigerriesenslalom, mit unserer Unterstützung, vom Gickelsberg nach Rehefeld holte. Dort habe ich Gisi auch näher kennen gelernt. Markant z. B. seine selbst gebastelten Slalomstangen mit Kippgelenk! Aus dem Bergsteigerriesenslalom wurde der Osterzgebirgscup (OEC), an welchem er bei jedem Wettkampf teilnahm. Er half auch viel bei der Vorbereitung der Skirennen, speziell an der Sachsenabfahrt am Geisingberg. Gemeinsam mit uns bereitete er sich schon im Herbst auf dem Stubaier Gletscher auf die Skisaison vor. Er nahm mehrfach erfolgreich am Sachsensausen teil, war u. a. Sachsenmeister im Riesentorlauf in der AK 70 im Winter 2006/07. Wie auch beim Klettern, so auch beim Ski fahren: Man kann immer nur über Gisis positive Ausstrahlung, seine Begeisterung für den Skisport staunen. Er hat auch einmal auf eine entsprechende Frage eines Freundes die erstaunliche Antwort gegeben, dass er sehr gern klettern gehe, ihm aber Ski fahren noch ein bissel mehr Spaß mache.“ Zumindest ist all diese lebenslange sportliche Betätigung, seine Begeisterungsfähigkeit, das Erleben mit zumeist jüngeren Freunden wohl das Geheimnis seiner heutigen Fitness und Leistungen. Zum Gesamtbild eines Menschen, einer Persönlichkeit gehört natürlich noch mehr. Familie: Es gibt Frau Edith, Tochter Babett, Schwiegersohn Frank und Enkel Philipp. Beruf: Gisbert schloss die Schule mit dem Abitur ab, wurde Elektriker, studierte mit dem Abschluss Elektroingenieur und arbeitete als Projektingenieur auf dem Gebiet der Automatisierung von Industrieanlagen viele Jahre im Strömungsmaschinenbau Pirna. Ehrenamt: Bereits in den 1970er Jahren gehörte Gisbert zu den Mitgliedern der Klettertechnischen Beratungskommission (KBK), einer Art Vorläufer der AG Nachträgliche Ringe. Er zählte zu den Hauptinitiatoren der dringend notwendigen Erweiterung der Schwierigkeitsskala, damals ging es nur bis VIIc. Nach langen Diskussionen, mit zwischenzeitlicher VII d und e, einigte man sich schließlich 1980 auf die nach oben offene Skala mit VIIIa-c, die heute bis XIIc reicht. Von 1984 bis 1989 gab es eine bei der ZFK Felsklettern angesiedelte AG Regeln – und Gisbert war aufgrund seiner großen Erstbegehererfahrungen dabei. Dann kam die Wende und es überraschte nicht, dass er am 21. Dezember 1989 mit Willy Ehrlich, Bernd Arnold und den anderen den Kreis der SBB Wiedergründer bildete. Danach war er erster Schatzmeister des SBB, dann viele Jahre Ausbildungsreferent und schließlich bis 2001 Vorsitzender der OG Pirna mit der Errichtung des Pirnaer Kletterzentrums (PKZ) und dem Einrichten der Klettergärten Cunnersdorf und Liebethal. Für all das wurde er hochverdient im Jahr 2005 zum Ehrenmitglied des SBB ernannt. Übrigens: Die kleine Feier in einer hübschen Gaststätte gab es nach dem Geburtstagsgipfel auch noch, in der Hocksteinschänke. Dort waren dann ein paar Freunde dabei, die nicht mit zur Raaber Säule wollten oder konnten. In der Woche darauf folgten Feier- und Klettertage mit seinen „Grauen Hirschen“, dem SBB-Elite-Senioren-Kletterklub (in dem er nicht der Älteste ist), und mit den „Wilden Jungs“, seinem Wochenend-Kletterklub (in dem er vom Alter her eher der Großvater der Klubkollegen sein könnte). Also Gisbert: alles Gute von Deinen Bergund Skifreunden und SBB-Mitstreitern – und bleib’ schön jung und aktiv und gesund. Damit wir Dich auch in Zukunft im Gebirge so antreffen können, wie in der wunderschönen Vision „Die Grauen Hirsche im Jahr 2026“ (in: Versteckspiel im Gühnekamin“, SBB 1999, vergriffen) nachzulesen ist: „Es näherte sich uns eine ganz verwegene Gestalt. Sofort ahnte ich, das muss er sein – krummgezogen, der Kopf wie eine versteinerte Tropfsteinhöhle, unter der Kletterwintermütze traf mich ein stechender Blick. Ich gab ihm vorsichtig die Hand, die er schraubstock- gleich schüttelte – Gisbert Ludewig (96 Jahre alt).“

Quelle Mitteilungsblatt Sächsischer Bergsteigerbund  2010 Nr.3
Michael Schindler

 
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