- www.barbarine.de

Suche auf Seite
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Erhard > Literarisches > Persönliches > Ich



Grenzen ausloten

(Eine Gutenachtgeschichte vorm nächsten Klettertag)


Nun bin ich schon 60 Jahre dabei, meine Grenzen auszuloten. Irgendwie muss ich einen Schutzengel haben. Bereits in sehr jungen Jahren, 1943 zwischen ein paar Fliegerangriffen in Leipzig geboren, hatte ich gute Chancen flöten zu gehen. Auch später habe ich keine Kinder- und Jugendsünde ausgelassen- da hab ich mich allerdings von der Masse noch nicht deutlich abgehoben. Das fing erst später an, in der Lehrzeit, mit Beginn des Bergsteigens. Damals war Klettern noch kein Sport, sondern „mehr“, wie oft erfahrene (und also überlebende) Bergsteiger betonten. Und das verlangte man auch von uns- sich an schlecht gesicherten Wegen hochzudienen, bis in hohe Schwierigkeitsgrade, die oft besser gesichert sind. Aus dieser Zeit stammen auch einige Verletzungen. Der lange Weg als Felskletterer hat nun viele Spuren hinterlassen. Sogenannte Freunde sagen, sie haben sich bei mir ins Gesicht eingegraben. Und dieser Lebensweg ist auch ein Weg voller Steine, sprich ungünstig für mich verlaufende Zufälle. Und alle überlebt. Wie heißt es doch so schön: Auch der schlechteste kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Also ich. Ich muss unbedingt alle Fehler mal aufschreiben, es muss sie ja nicht jeder erst machen. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Die letzten neuesten Fehler sind nicht mehr so körperlicher Art. Oft teste ich durch eine besondere Wortwahl die Belastbarkeit von Bergfreunden, Bekannten und Unbekannten. Zwar nehme ich mir am Anfang eines fast geschickt gebildeten Satzes vor ein verstecktes Lob einzubauen, aber- es wird oft nicht mitgedacht!
Letztens sagte jemand, du hast immer noch große Chancen zu sterben, aber nicht so wie du denkst, es wird sicher mal mitten in einem Gespräch sein.
Vor einiger Zeit hatte ich ja mal lang und breit erzählt, wie ich meine Ausrüstung in Adrspach mehrfach beinahe verschenkte. Neu ist, dass ich diese auch mehrfach schon verkaufen oder tauschen wollte. Immer wenn ein Bergfreund seine neue hübsche junge Freundin dabei hat, sage ich: “Grüß dich, schönes Wetter heute, wolln wir tauschen, bekommst mein neues Seil...!“
Gefährlich wird es dann, wenn so eine Begegnung auf einem hohen schmalen Gipfel wie dem Höllenhund stattfindet. In der Euphorie des gerade rotpunkt ausgestiegenen Talweges hatte ich mich gerade mit dem älteren grauhaarigen Bergfreund Hansi auf dem Gipfel bekannt gemacht, als unverhofft statt meiner komischen Bergfreunde eine hübsche junge Frau  an Hansis Seilende elegant und zügig nachkam. Ich konnte nur noch erstaunt fragen. “Wer bist denn du?“ “Ich bin die Frau vom Hans!“ Da entfuhr es mir: “Hansi, hast du dich da nicht etwas übernommen?“ Auch da erkannte ich, dass Bergsteiger im Grunde auch nur nette nachsichtige Menschen wie du und ich sind.
Es sollte aber noch besser kommen: Seit einem Jahr will Astrid mit mir die Violette Verschneidung machen. Wahrscheinlich kannte sie mich damals noch nicht. Denn als wir uns endlich an einem der schönsten Herbstmontage des Jahres trafen, sah ich in schreckgeweitete Augen. „Hast du etwas“, fragte ich? „Nein, was soll ich haben“ - wie Mädels so antworten. Am Einstieg gestand sie mir, sie hatte nach drei schlaflosen Nächten folgende Tipps bekommen:
Erstens, schau nicht hin, wenn er klettert. Zweitens, glaub ihm nichts. Drittens, bind dich aus, wenn es gefährlich wird!
Ich sagte nach einer ganzen Weile erst mal nichts. Danach: „Fangen wir doch erst mal an und sichere mich ordentlich, hier ist für dich ein ganz sicherer Standplatz!“ Und: „Machen wir doch erst mal was leichtes“. Also Eule Mäusejagd. Die fängt unten mit einer frauenfreundlichen Reibung an. Erst oben wird’s ein bissel ungemütlich steil und kleingriffig. Aber da sind wir schon in der warmen herrlichen Morgensonne. Ich nutze die Gunst der Stunde und hole am letzten Ring an der ungünstigsten Stelle nach hoch über dem einsamen Raaber Grund. Eine ganz seltene Gelegenheit sich näher zu kommen. Der liebe Gott und die Sonne haben sich sicher gefreut, zwei (!) so schöne Menschen an einem kleinen Ring schutzlos so lange hängen zu sehen. Sie haben es sicher auch verziehen, dass der Aufenthalt durch einen schlecht funktionierenden neuen Fotoapparat unnötig lange ausgedehnt wurde.
Ich fasse mich kurz: Dieser Herbsttag sah uns die zwei schönsten Sandsteinwege klettern, diese Mäusejagd und die Verschneidung, allein, im Raaber Grund.
Und wenn das kein Zeichen ist: Es gibt schon Bewerber(innen), dieses zu wiederholen.
Aber ich glaube, das wäre mir zu gefährlich!

Erhard Klingner
Leipzig 2003

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü