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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 1



Klettern in Südnorwegen 2009 oder die Gutwetterlüge


Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust – es gab Gründe nicht nach Norwegen zu fahren und auch welche dafür. Das erstere ergab sich aus den Erfahrungen der Norwegenfahrt 1990, also gleich nach der Wende als erste Reise in die große Freiheit; einer Wanderung durch das Jotunheimen – Gebirge mit einem großen Rucksack von über 30 kg, wie wir das so in unseren heimischen Ostblock – Gebirgen gewohnt waren. Anfangs, über dem Beseggengrat, hatten wir noch gutes Wetter. Aber dann ist mir nur noch Regen in Erinnerung, mit  mitternächtlichem Zeltentwässern im Schneeregen und nassen Füßen täglich. Dieses Erlebnis hat gereicht, 19 Jahre dort nicht wieder hinzufahren.
Aber dann hat mich Lutz, der Taxifahrer, vor 2 Jahren quer durch Sachsen zur Reha gefahren. Und von einer dreiwöchigen Mopedfahrt von Ziegenrück zum Nordkap und zurück bei ununterbrochenem Sonnenschein geschwärmt und damit wieder meine Sehnsucht nach dem Norden geweckt. (www.schwalbenteam.de)
Die Entscheidung brachte dann der Artikel „Die Biberlüge“ in der Zeitschrift „Klettern“ von Peter Brunnert mit einer sozusagen schriftlichen Sonnenscheingarantie in den Klettergebieten Südnorwegens. Anfang Juli ging es los, mit zwei Autos über die Saßnitz – Fähre nach Schweden. Schon in Deutschland war endlich Sommer geworden und die Wetterfrösche hatten uns grünes Licht zumindest für die nächsten Tage gegeben. So geschah es auch; es folgten drei Tage Sonnenschein, drei traumhafte Tage an Meer und Felsen. Nun, ihr ahnt es schon, genau mit der Durchfahrt über die Landesgrenze nach Norwegen fing es an zu regnen. Und was soll ich sagen, es hörte wie vor 19 Jahren nicht wieder auf. Also steuerten wir erst mal das Klettergebiet Nissedal an, wo angeblich immer ein richtiges Sommerloch bei Regen in ganz Norwegen sein soll. Wir bekamen dank einer gemieteten Hütte am See keine Schwimmhäute. Es war nur ein schwacher Trost, dass ich jeden Morgen den riesigen See allein zum Nacktbaden hatte, im Regen. Dann hatten die norwegischen Wetterfrösche tatsächlich für einen Tag „besseres“ Wetter angesagt. Nun sollten wir endlich erfahren, was in Norwegen gutes Wetter ist. An diesem Tag fuhren wir also zur Riesenwand des Hagefjell. Mit sogar trockener mautpflichtiger Anfahrt und Anmarsch durch dichten feuchtesten unwegsamen Norwegendschungel zum Einstieg. Diesen musste ich allerdings zweimal machen, da mein am Rucksack befestigter Regenschirm an einem Ast hängengeblieben war. Und genau am Einstieg, ich hatte schon ein Bein im Sitzgurt, fing es richtig und dafür dauerhaft an zu regnen. Zu meinen angenehmsten Urlauberinnerungen an Norwegen gehört der anschließende Rückweg durch den nun besonders nassen Wald und die stundenlange Wartezeit unter einem winzigen Toilettendach auf den Autoschlüssel, den unsere Frauen, sicher unter der Annahme uns nicht wiederzusehen, mitgenommen hatten.
Also weiter ins Setesdal, natürlich im Regen. Aber kaum waren wir dort, schien die Sonne und ich schrieb in Gedanken Peter Brunnert eine Abbitte wegen der im Kopf schon vorformulierten Sonnenscheinlüge. So stiegen wir am nächsten Tag in „Einfach schön“ ein. Natürlich hatten wir auch diesmal den Einstieg durch den Urwald erst nicht gefunden und so kostbare Zeit verloren, wie sich später herausstellen sollte. Seillänge um Seillänge spulten wir ab, je 50 m von Standhaken zu Standhaken. Die norwegischen Wände sind geradezu verlockend: An Anfang stark geneigt, läuft man einfach ohne Hände hoch, bis man irgendwie das Gefühl hat runterzufallen. Wäre ja mal was neues, so ein 100 m Sturz mit Sturzfaktor zwei, vielleicht mehr rutschender als rollenderweise  in eine Art Felsfleischwolf zu geraten. Nach der 6. Seillänge wurde es mir zu leicht und anstatt rechts haltend weiterzusteigen, lockte laut Anstiegsskizze ein direkter Weiterweg  über ein Dach 10 m über mir. Dort bekam ich einen guten Friend gelegt und konnte nach 3 Versuchen (ja, der Friend hält!) das Dach, eine 6er Stelle, überwinden. Ich war so begeistert vom Fels und von mir, dass  ich die plötzlich fehlende Sonne gar nicht bemerkte und dann 10 m über dem Dach auf einer Reibung stehend dem schlagartig einsetzenden Regen ziemlich hilflos ausgesetzt war. Nun war guter Rat teuer. Aber ich erreichte durch langes Queren nach rechts (Stürze aus Querungen sind meist gesünder) einen alten Haken und war gerettet. Rückzug im Regen; als wir wieder unten waren, hörte es sogar wieder auf.
Das war Norwegen. Ich habe bisher nicht gewusst (oder vergessen), dass die Natur so viel Wasser nach oben saugt und dann über Norwegen runterlässt! Mindestens dann bei der Rückfahrt nach Dänemark steigerte sich der Regen in sintflutartiges Wasserrunterfallen, so dass ich das Gefühl hatte, das Auto schwimmt zurück. Aber es gibt Gerechtigkeit: Nur Norwegen ist so, in Dänemark schien wieder die Sonne!
Gut, es gab auch angenehme Stunden. Das morgendliche Bad im 22° warmen See, die (feuchten) Heidelbeeren, die hübschen Mädels (im Trockenen), die doch noch gewordenen zwei Klettertage im Setesdal, die Wanderung zum Preikestolen und vielleicht noch etwas anderes. Aber das Wichtigste war, dass wir Peter Brunnert noch vor Ort im Setesdal trafen und ihm gleich seine Sonnenlüge unter die Nase reiben konnten. Und ihm sagen, dass er mit der Erstattung des Fahrgeldes und eines Schmerzensgeldes in spürbarer Höhe sein Gewissen erleichtern kann. Ich warte!



 
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