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Konrad in Hafling, Südtirol, zum Schifahren im Februar 2013

mit den Großeltern Barbara (Bärbel) und Erhard (Ehad) und Ingo, meinem Vater, und Christiane
oder
Über Schifahren, Musik, Große Gefühle, Zwischenmenschen  und vieles andere

Geheime Abschrift des Briefes an seine Mutter
Hallo Mutter!

An mir sieht man wie die Zeit vergeht: Ich würde täglich wachsen, sagt Ehad. Ich habe ihn schon ein, in der Größe. Voriges Jahr hat er mich noch als Kleinmensch bezeichnet, weil ich mir die Bezeichnung als Kind verbeten habe. Weil auch dieses Wort Kleinmensch nicht mehr zutrifft; hat er mich nun als Zwischenmensch bezeichnet. Na, ich lass ihn reden, lasse ihm seinen Spaß, bald kann ich auf ihn herabsehen. Mal sehen, wer dann noch lacht.
Beim Schifahren hat er sowieso nichts mehr zu lachen. Auf Schi sieht er mich nur noch von hinten. Angeblich stört ihn das nicht. Aber da ich weiß, dass das so nicht stimmt, habe ich mit Snowboardfahren angefangen und da bin ich noch nicht so schnell. Ich habe es zwar schnell gelernt, weil ich Skateboardfahrer bin, aber ganz so einfach ist das nicht. Zumal man dabei sozusagen ziemlich oft und dumm hinfällt, das tut ganz schön weh. Aber die anderen können das immer nicht begreifen wie weh das tut. Ehad stört das am meisten, auch wenn er sogar dran schuld ist, wenn ich beim Liftaussteigen hinstürze und liegenbleibe. Wo ich doch schon zu Hause so ziemlich gut bin beim Üben von Verletzungen durch das Skateboardfahren. Und wenn dann noch andere Schifahrer hinzukommen und helfen wollen, hier will ein jeder helfen, dann schreit er immer: „Auf du Sack, hoch, los, mach die Spur frei..!“ und andere so dumme Sprüche. Ich möchte ihn mal sehen, wenn er liegt und Schmerzen hat. Einmal hätte es beinahe geklappt. Da ist er mir zu liebe oben an der Kesselspitze abseits der Piste durch den Tiefschnee gefahren; als die anderen das nicht gesehen haben. Er macht ja (fast) alles für mich. Da dachte er sicher, er wäre der Bessere. Aber es kam umgekehrt. Er hat sich auf halber Höhe in den Steilhang eingegraben und ich musste unten eine Viertelstunde warten, bis er seine Schi gefunden hat und als Schneemann weiterfahren konnte!
Überhaupt war es bis jetzt ein ganz toller Urlaub. Und der geht ganz einfach, liebe Mutti: Alles geht nach mir! Wenn ich Hunger habe, dann esse ich. Irgendeiner meiner Mitfahrer hat immer etwas in der Tasche. Mein Essen habe ich meist vergessen einzustecken. Ich hätte ein Kopf wie ein Sieb, sagt Ehad. Er irrt, es ist Absicht. Denn wenn niemand mehr etwas hat, geht’s in die nächste Berghütte und da wird es richtig gemütlich und auch ich finde immer was ganz leckeres. Und abends habe ich sowieso alle im Griff. Ich bin ja ausgebranntes Schulkind, denken sie und da darf ich alles, am meisten richtig faul sein, Fernsehen, Spiele auf dem Smartphon und dabei was Leckeres reinstopfen. Und Schlafen, wenn ich das will. Bärbel ist zwar angeblich sehr streng, aber wenn ich sage, Bärbel, musst du denn immer übertreiben, dann habe ich gewonnen. Und früh kämpfe ich erfolgreich um jede Minute, da streiten sich die beiden Alten, wer nun weckt. So kommen wir immer erst schön spät los. Denn nach ein paar Tagen haben die Großen keine Kraft mehr zum Ganztagsschifahren.
Übrigens: Nur Ingo hat es einmal geschafft, noch länger als ich zu schlafen; so ganz kurz vor dem Spätfrühstück ist er erst aufgestanden, da hab ich mich ganz schön beschwert wegen dem Vorteil mir gegenüber!
Aber ich habe auch wieder auf der Gitarre gelernt. Das mache ich sogar sehr gern. Auch weil Ehad das gerne sieht und hört. Es klingt ganz sicher besser, als Ehad singt. Ja, das kam auch vor. Weil Ingo uns mal gezeigt hat, was richtige Musik ist. Auch Ehads zuliebe habe ich Physikaufgaben gemacht. Das war sehr anstrengend, nicht nur weil ich mich immer verrechnete, sondern weil er die Welt ganz anders sieht. Er wird nach einer Weile immer ganz unruhig. Er sagt, du kannst zwar die Auftriebskraft eines Körpers im gesamten Weltall berechnen, aber wie schwer ein einfacher Körper ist, also was ja oft im Leben vorkommt, dazu reicht es nicht! Dann habe ich aber viele schöne Mathe – Denkaufgaben gelöst, da war er wieder zufrieden. Und ich habe es gehört, er sagte hinter meinem Rücken, so dumm ist er eigentlich gar nicht! Ist das ein Lob oder das Gegenteil?
Liebe Mutti, obwohl Du sicher willst, dass ich wiederkomme, muss ich Dir sagen, gerne komme ich nicht. Denn hier im Urlaub ist alles viel leichter und einfacher. So stelle ich mir einen Urlaub und das Leben vor! Und Skateboardfahren und Snowboardfahren sind das Beste. Gerade für das letztere gibt es nun auch einen Film für die Ewigkeit und für die, die es nicht glauben.



Ach so, es gab auch unschöne Minuten: Es kann sein, dass ich noch nach Knoblauch rieche. Irgendjemand hat mir unter den Käsebelag meines Abendbrotes Knoblauch gelegt und ich habe es zu spät gemerkt. Das kostet Rache. Die war einfach: Genau in der letzten (unbeaufsichtigten!) Minute des letzten Tages habe ich mich kurz vor der Talstation auf dem flachen Hang fallen gelassen, bin nicht mehr aufgestanden und habe mich ins Meraner Krankenhaus fahren lassen. Was sind da die Kosten der Privatversicherung meiner Mutter gegen die Genugtuung, meinen vorher schadensfrohen Mitfahrern den Abend zu versauen und an ihnen Rache zu üben!


Nun habe ich jetzt ein Jahr Zeit, mir weitere Racheakte zu überlegen. Wartet nur ab, ihr falschen Schifahrer!
War und ist ein toller Urlaub!

Dein Konrad

 
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