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Erhard > Meine Bergfreunde



Mein Freund Heiner


Lieber Heiner, ich weiß nicht, ob Dich diese Zeilen jemals erreichen. Der direkte Draht zum Himmel wird erst noch kommen. Aber ob es dort Kontakte im menschlichen Sinne gibt?
Überhaupt ist dort die Kommunikation sehr fragwürdig und ein Treffen erst recht.
Zumal wenn der Eintritt in die Himmelspforte dort nach Deinen Maßstäben gemessen wird. Ich könnte höchstens über die Mauer klettern, die den Himmel vor unbefugten Zutritt schützt. Ich übe schon, klettern ist mein Beruf.
Und da fängt schon das Dilemma an:
„Mein Freund Heiner“.
Schon diese Behauptung in der Überschrift. Ich habe eigentlich keine Freunde, bis auf Dich. Nun kannst Du Dich nicht mehr wehren, ich habe Dich dazu ernannt. Na gut, ein paar habe ich noch, aber die zwei wirklich guten sind nun dort, weit weg, im Himmel. Der Pfarrer von Gohrisch, Christian, der dafür sorgte, dass ich beim Klettern nicht abstürzte. Und Du, Heiner, an den ich mich oft erinnere, hast mich sogar verändert. Du, der Wessi; ich, der Ossi. Und hier in Montenegro, 10 Wochen nach Deinem Tod, ist die Erinnerung besonders tief. Hier, an der kroatischen Küste, die nach Deiner Frau Erika und Deinem Hund Merlin das Erika und Heiner Liebste in Deinem Leben war und wo wir uns kennen gelernt haben. Eigentlich war dazu gar keine Chance: Ich wollte gar niemand kennen lernen im kroatischen Paklenica, in der kleinen Villa von Anna und Milan in Starigrad an der kroatischen Küste. Ich weiß es noch wie heute, wie wir am 02.04.2005 angekommen waren nach langer Autofahrt von Leipzig mit Halt im Steirischen Weinland, also in Sachen Wein und Alkohol schon in Übung. Aber der Sinn stand mir damals nur nach klettern in der großen Schlucht Paklenica. Zumal ich allein war und zum klettern einen Partner suchte. Nicht Dich, der mir von Anna sofort als angeblich netter Nachbar aus dem Schwarzwald, Uhrenfabrikant mit tiefer gelegtem Audi A8 vorgestellt wurde. Und mit Erika und Merlin, dem 55 kg Rottweiler, dem Bruder des Weltmeister. Alles Attribute für ein Vorbeilaufen meinerseits. Aber dazu kam es nicht. Ich hatte mich noch nicht gesetzt, da kamst Du schon mit zwei Maß Bier aus dem danebenliegenden Restaurant. „Schiweli“, sagtest Du auf kroatisch zum Anstoßen, denn ein Grundwortschatz des Gastlandes war für Dich eine Selbstverständlichkeit. So kommt mir unvergessen dieses Bild in den Sinn, so steht noch heute Heiner vor mir: Mit den 2 Bierkrügen in der Hand, von überschäumender Fröhlichkeit und es hätte jeder auf dieser Welt hier auf meiner Stelle stehen können. Jeder! So ist, so war Heiner. Das war der Anfang einer Annäherung, einer längeren, fortwährenden, nicht mehr lösbaren. Ich fass mich kurz: Am Ende habe ich ihn ehrenhalber zum Ossi ernannt! Heiner hatte, wie es sich herausstellte, alle auch nur von mir erstrebten Eigenschaften. Sogar die, die ich eigentlich selbst haben wollte. Ich zähle sie nicht auf, ich sage nur: positive! Um ein Beispiel zu nennen: Nach drei Tagen fragte ich Heiner: „Du sag mal, womit hast du dein Geld verdient?“. (So etwas fragt man schon gar nicht, höchstens sehr gute Bekannte). Und darauf Heiner: „Weißt du, Erhard, wenn man fleißig, gewissenhaft und immer ehrlich im Leben und zu seinen Geschäftspartnern ist, dann ist das so!“. Und er führte noch viele Beispiele an und ich war tief beeindruckt. Jetzt war er sogar noch viel besser als ich. Obwohl ich nun täglich wandern oder klettern ging, waren mindestens die Abendstunden unserem gemeinsamen Gedankenaustausch gewidmet. Er, Heiner, konnte ja nicht mit. Seine Krankheit, seine Kurzatmigkeit verhinderte das. Später kam der Bora auf. Annas Villa bebte im kroatischen Sturm und alle verließen die schützende bauliche Hütte nicht mehr. Da kam meine Stunde, Merlin, der Rottweiler, ging mit mir Gassi. Endlose windumtoste Strandläufe mit meinem Freund Hund „Merlin“ sind mir in Erinnerung. Und er hat auch die von mir gewährte Freiheit der langen oder fehlenden Leine nicht missbraucht. Er hat weder fremde Hunde, noch Menschen oder gar mich gefressen, wie von meiner Frau befürchtet. Nur bei dem großen Ausflug in die Berge haben ihn die kleinen Hunde der Kroaten so geärgert, dass er mal ganz kurz ausgeflippt ist. Nach drei angedeuteten Bissen rechts und links war Ruhe, sozusagen Hundetotenstille. Auch den großen kräftigen kroatischen Hundebesitzern gingen die Gegenargumente beim Anblick von Merlins Gebiss aus. In solchen Situationen war die straff gespannte Hundeleine in meiner Hand der beste Ersatz für mein Fingerkrafttraining am Fels. Einmal gingen wir zwei Familien auch gemeinsam Wandern in das kaum besuchte nördliche Küstengebirge. Du hattest kristalline Gesteine gefunden und damit meine Neugier geweckt. Man hatte gerade eine kleine neue Straße in die Berge gebaut und damit tiefe Wunden in die seit Millionen von Jahren unberührte Landschaft geschlagen. Und dabei die von uns gesuchten kristallinen Strukturen freigelegt. Und dann fanden wir ihn, den größten Stein, eine Art brauner Bergkristall, ca. einen halben Meter groß und ich sagte zu Dir, Heiner, heute Abend liegt der Stein in meinem Auto. Und auf Deine Gegenrede hin betonte ich dann noch, dass es Unmögliches nicht gibt, schon gar nicht für Ossis. Nachmittags bin ich dann noch mal mit dem Auto hin, mit einer Schubkarre und zwei Brettern. Aber sicher wäre ich allein vielleicht gescheitert, wenn mir nicht vier junge kräftige Straßenarbeiter den Stein auf einer Holzpalette ins Auto gehoben hätten. Das verschwieg ich Dir jedenfalls, um Dir am Ende das Unmögliche zu präsentieren. Ab dann hatte ich sogar das Gefühl als gleichwertiger Macher anerkannt worden zu sein.  Und irgendwie hat es mein Selbstwertgefühl ganz schön gesteigert und der Stein liegt nun in meinem Garten. Aber am Ende hat mich ein ganz besonderes Erlebnis wie wenig andere beeindruckt, ja geprägt. Eine Ganztagswanderung mit meiner Frau Barbara, von Starigrad zur kleinen Paklenica – Schlucht, diese hoch, über die Hochebene und die große zurück. Erika und Du und natürlich Merlin hattest uns anfangs begleitet und dann am Anfang der Schlucht verabschiedet, sozusagen bis zum Abend. Und als wir spät abends ausgelaugt und fußkrank ins Quartier kamen, sagten uns die kroatischen Hausherren, dass ihr zwei mit dem Auto aufgebrochen seid, uns zu suchen (zu retten!). Das hat mich tief berührt: Da versucht ein ganz normaler Wessi ohne Grund einen am Tropf der Geschichte hängenden und fast unbekannten Ossi zu retten. Um ehrlich zu sein: Wenn ich ein paar Jahre jünger gewesen wäre, hätte mich tatsächlich die Rührung übermannt. Nun war wirklich Heiner irgendwie in meinem Innersten angekommen – oder sagt man das anders besser? Danach sind schon einige Jahre vergangen, aber wie Du siehst, sind viele Details von damals unvergessen aus dem einfachen Grund der tiefen Spuren aus den damaligen Erlebnissen in meinem Innersten. Das hat sich noch vertieft bei einem Besuch im Schwarzwald bei Dir. Aber anstatt mich revanchieren zu können, hast Du Dich nun davon geschlichen, am 31.01.2010 in Walsmössingen.
Lieber Heiner, Du bist der Beste, ich werde Dich vermissen!

Erhard, an einem Frühlingstag in Becici, Montenegro

 
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