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Mein Jakobsweg


Nachricht für die Daheimgebliebenen vom Portugiesischen Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostilla im Juni 2010


Es ist Zeit, Zeit für den Jakobsweg. Jakobsweg muss nicht sein. Dachte ich. Jeder redet vom Jakobsweg. Und viele schreiben darüber. Ich habe
es gelesen. Carmen Rohrbach, eine wie ich; Harpe Kerkeling, nicht so wie ich. Und dann hängt eine Jakobsmuschel ein paar Jahre über meinem Arbeitsplatz. Hat mir mein Arbeits- und Bergfreund Tom geschenkt. Dann lag sie noch ein paar Pensionsjahre im Keller. Und die Zeit reifte im Hinterkopf für den Jakobsweg und dieses Jahr war es so weit. Aber einen Grund dafür sollte man schon haben. Denn die Welt ist groß und weit und es gibt noch viel zu sehen und zu tun! Das gilt insbesondere für mich. Aber ich kann schon mal zwei Gründe von zehn meinerseits verraten: Die beiden Frauen wollten und Herbert fuhr mit. Herberts Teilnahme war Garant für die humorvollste Wegzeit. Das sollte sich gleich am Anfang bewahrheiten. Die steingepflasterte Römerstraße Nummer XIX hat ab Porto so einen Pilger noch nie gesehen, mal ganz abgesehen von seinem        hohen Alter: Er stellte gleich beim Losgehen drei Rekorde auf. Er war noch nie Wandern (mit Rucksack), er spricht aus Prinzip kein Außerdeutsch (ersagt, er hätte eine Begabung, alle mittels Händen und Füßen zu reden) und, perfekt, die Nr. drei, er hat alle unsere Unterlagen, Tourenführer,  
vergessen!

Nun sind wir zehn Kilometer vor Santiago. Fast 230 km liegen hinter uns und wir sind noch beisam- men und leben. Und ich beeile mich, diese Zeilen zu schreiben, bevor ich am Grab des heiligen
Jakobus doch noch durch ein Wunder zu einem normalen vernünftigen Menschen werde. Die ganze Welt hat es nicht geschafft, ich habe es nicht geschafft; aber vielleicht schafft es Jakob, der Jünger Jesu. Es geht uns sogar richtig gut, wie immer nach einem täglichen Menü mit allem, was die spanische  (oder anfangs die portugiesische) Küche zu bieten hat. Und der einzige der abgenommen hat bin ich. Ich, der die Tour unterschätzt hat. Der große Kletterer, der dachte, kauf dir mal einen Rucksack bei Aldi, pack was rein und lauf los. Ihr Wanderer, wusstet ihr, dass Kletterer nur deshalb
an ihren Felsen hängen, weil sie zu faul zum Laufen sind? Ach Gott, die alten Zeiten liegen soooo weit zurück, wo wir mit 20 – 30 kg auf dem Rücken über die Ostblockgebirge gewandert sind. Wo ist sie hin die schöne Zeit und der kräftige Körper und die Füße, die um die Welt laufen wollten? Ich fass mich kurz, bei der Frage, wie der Portugiesische Jakobsweg  wirklich war, antworte ich: Wer mal 8 – 14 Tage (je nach Alter und Kondition) in einem fremden kulturvollen Land mit einer gewissen Bequemlichkeit (gelber Pfeil zur Orientierung) wandern will, dabei durchaus seine individuellen Bedürfnisse ausreizen will (Gourmet oder Asket), wer fremde Kulturen und Landschaften milden, sanften, grünen Charakters kennenlernen will, wer Stempel sammelt (Pilgerausweis), das Gefühl haben will, auf alten Straßen, Brücken und Wegen des Mittelalters zu laufen und die Beweggründe des Pilgerns zu spüren und zu ergründen, der sollte hier sein. Und, wie gesagt, einen richtigen Grund sollte er schon haben. Denn es gibt   aufregendere Gegenden auf dieser Welt. Aber auch diejenigen, die keinen Grund haben, kann ich raten, fahrt hin! Allein schon wegen der vielen jungen hübschen Pilgerinnen aus aller Welt,
unterwegs und in den großen Schlafsälen der Pilgerherbergen, lohnt sich der Weg. Ich kann jetzt
aufzählen, mit wie viel Jung(!) – Frauen ich schon geschlafen habe!? Und jetzt das beste zuletzt:, ich habe gehört, alle warten auf einen erotischen Schlusssatz: Wer nicht ganz eingetrocknet ist, für den lohnt sich allein schon der Weg wegen einer Bar ein Kilometer vor Redondela, in die ich nichtsahnend wegen eines Durstgefühles einkehrte. Als Pilger mit Rucksack und kurzen Hosen war es beim Eintritt schon zu spät, meine spitzen Knie zu bedecken, als die Sünde in Menschengestalt meine nur noch stotternd herausgebrachte Bestellung mit einem bis zur Nabelschnur offenen Lächeln entgegennahm. Und dann wiegenden Ganges (einem schwebenden Engel gleich?) herankam und mir den Wein kredenzte. Und dabei mit ihren schwarzen Augen mitleidig lächelnd mich so verbrannte, dass wahrscheinlich mein Mund offen stand und mir die Augen heraus fielen. Mir schwanden die Sinne, bevor ich mir den Wein auf die Hosen goss und damit dank des heiligen Jakob diese Versuchung überlebte. Na ja, die schönste Spanierin der Welt hat es sicher ganz anders gesehen.   

Wer  genaueres über den Pilgerweg wissen will: Es gibt 80 Seiten Tagebuch, 1000 Bilder und ein paar Videos, auch mit Herbert, der uns die Welt erklärt, mit Jutta in weinseligen blutenden Zustand, mit Jutta, die Herbert beim Rucksackaufsetzen hilft, aber das herbertsche System bis heute nicht begriffen hat, so dass das Video nach 10 Minuten abbricht. Und es gibt Erinnerungen, die gut und nur in meinem Herzen sind. Ich gebe meine Pilgermuschel gerne weiter.


 
                                                              
                                                                 Erhard
, auch für Tom und meine drei Begleiter



 
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