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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 1



Manchmal könnte man meinen, Zufälle sind es, die das Geschehen um uns beeinflussen; andermal scheint es aber, dass es bestimmte Fügungen sind, die uns zueinander führen und die dann ganz besondere Erlebnisse ermöglichen, die oft um ein vielfaches einprägsamer bleiben als diejenigen manch lang geplanter Unternehmung. So auch in diesem Fall, meiner »Jahresersten« 2010.

Bis zu diesem Tag war ich eigentlich als älterer und fast vernünftig gewordener sächsischer Kletterer zu der Meinung gekommen, dass nur ganz Doofe im Winter klettern. Die Zeiten sind schon lange vorbei, wo ich Weihnachten boofen war und zum Jahreswechsel unter einem dunklen, kalten Gipfel stand. Wenn mich dieses Jahr jemand danach gefragt hätte (und mein Bergfreund Peter hatte!), ob ich als Kletterer die hohe Ehre anstrebe, als Erster im Neuen Jahr auf einem sächsischen Gipfel zu stehen, gäbe es die berühmte Geste zur Stirn. Vor allem, die damit verbundene Mühsal, der Aufwand und die Gefahren stehen für mich in keinem Verhältnis zu dem Privileg, als erster im Jahr einen Spruch ins Gipfelbuch einzuschreiben.

Noch Silvester gab es Regen bis in die Niederungen und am Neujahrstag dann Schnee mit ziemlicher Kälte. In meiner abgelegenen Flachlandheimat Leipzig, wo schon Höhenunterschiede von mehr als 3 Metern (wie der Scherbelberg) als Berge bezeichnet werden, war das Wetter auch miserabel.
Ich saß also Anfang Januar abends nichts ahnend bei einer Flasche »Irgendwas« im Warmen.

In diesem Moment waren Gedanken ans Klettern bei mir unglaublich weit weg. Aber irgendwann, fast nachts (!) kam der Anruf eines Fotografen, der etwas von »attraktiver Gipfel« und »geniales Wetter« nuschelte (Hatte er auch etwas getrunken?) und mich dorthin am nächsten Vormittag beorderte. Wo waren danach all meine »guten Vorsätze«, meine Gedanken an Mühsal, Aufwand . . . ?

Am nächsten Morgen um 11 Uhr trafen sich der Fotograf, noch so ein Verrückter, genannt Knox und ich auf dem Parkplatz am Papststein, begleitet von unseren Frauen. Nach einiger Packzeit liefen ein paar vermummte Gestalten durch den tief verschneiten Winterwald zum Aussichtspunkt auf dem Tafelberg Gohrisch. Bei der vom Raureif überzogenen Wetterfahne sollte es per Abstieg in die Scharte zwischen Gohrischscheibe und Massiv gehen und von dort den kurzen Aufstieg des Alten Weges im dritten Schwierigkeitsgrad zum Gipfel.
Auch im Winter ist das Elbsandsteingebirge einen Besuch wert.
Foto Mike Jäger


Im Theoretischen war ich schon immer gut. Ich hatte geahnt, dass es kalt werden würde und so schützten mich mehrere Lagen Stoff ganzkörperlich. Aber es war noch bei weitem kälter als vermutet. Die Besteigung hatte dann mehr mit der Praxis zu tun, aber genaueres weiß ich nicht mehr, denn die Temperaturen hatten vielleicht auch Einfluss auf meine Sinne. Jedenfalls erinnere ich mich noch, dass der Gipfel gut gewählt war, weil nur der Fotograf in der Sonne stand.

In der Scharte war sowohl der tiefste als auch der kälteste Punkt erreicht, nicht aber unsere Stimmung! Es reichte sogar zu einem Wortgefecht zwischen Knox und mir über die richtige Sicherungstechnik und Taktik an dieser Stelle. Dies hätte sicher noch länger angedauert, wenn die Umstehenden nicht ungeduldig geworden wären.
Beim Losketten an der Kante wurde meine Person sogar gebraucht. Also war ich an diesem Tag doch nicht ganz umsonst die paar hundert Kilometer gefahren. Da der tief verschneite Fels oberhalb eines kleinen Überhanges die entscheidenden Griffe nicht preis gab, durfte ich ausnahmsweise mal für Knox das Knie hinhalten. Ich weiß noch, dass das Ganze eine üble Wühlerei durch den Schnee war. Keinem Griff und keinem Tritt konnte man vertrauen. Der mitgenommene Handfeger stellte das wichtigste Utensil für uns Winterkletterer dar. Schnell wurde klar, dass es einen guten Vorsteiger gab, eben Knox, dem das Ganze natürlich viel zu einfach war und der dabei enormen Spaß hatte. Wenig später hatte er unter eifriger Benutzung des Besens den Gipfel erreicht und reckte den Kopf oben in die Sonne. Die größten Schwierigkeiten hatte Knox dann allerdings, das Gipfelbuch zu finden. Die eisige Gratwanderung zum Gipfelbuch war wohl die Schlüsselstelle. Sicherlich auch nicht leicht für ihn war, mich über den vereisten, kleinen Felsüberhang der Einstiegs-»Baustelle« zu ziehen. Ich fühlte mich dabei wie ein sterbender Fisch auf dem Trockenen.

Die Kletterei an der Kante war dann dank Knox ´ Putz- und Kehraktion kein Problem. Angebunden an der Abseilöse kam es sogar zu einer Art Gipfelrast. Unser Blick schweifte an diesem herrlichen Wintertag mit stahlblauem Himmel über die verschneite und vereiste Landschaft mit den berühmten Tafelbergen. Die Sicht reichte bis zur Schrammsteinkette und sogar der Bloßstock war noch verschwommen wahrnehmbar. Und die nahe Hunskirche gegenüber am Papststein sah in ihrem winterlichen Kleid richtig märchenhaft aus und ließ mich zurückdenken an manch andere erlebnisreiche Klettertouren.

Auf dem Gipfel musste ich mir noch lange Erläuterungen über sämtliche Kletterwege anhören, die an der Gohrischscheibe in der Talseite vorhanden sind. Schlüsselworte meines in offensichtlich bester Stimmung befindlichen und vor Elan sprühenden Vorsteigers waren:
»… wunderbare Risse, schön lang, klemmen gut…« usw. Wahrscheinlich kennt Knox alle Wege in meiner geliebten Sächsischen Schweiz, auch die in den abgelegenen, zugewachsenen Nordseiten.

Nun war ein Gipfelspruch gefragt. Mir fiel ein, dass ich vor Kurzem schon einmal innerhalb von Sekunden einen Spruch ins Gipfelbuch einschreiben musste, bei unserer jährlich stattfindenden Besteigung des Höllenhundes über die Talseite durch den »Bund der über 60-jährigen sächsischen Kletterinvaliden«. Und da war dann sehr sinnig zu lesen: »Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter ist es in der Sächsischen Schweiz am Schönsten!«
Hier auf der Gohrischscheibe schien mir das dann doch ein bisschen übertrieben, wenn nicht gar unpassend. Aber, da der Vorsteiger auf den Familiennamen Vogel hört, boten sich unendlich viele, auch humoristische Möglichkeiten mit Bezug auf seinen Namen an. (Bei »Jäger« übrigens auch.)

»Vogel zu heißen, bedeutet nicht, fliegen zu können«, schrieben wir dann ins Gipfelbuch. Wie wahr - bei solchen Bedingungen!

Beim Rückweg hoch zur Aussicht halfen uns die Fixseile des Fotografen. Auf dem Gohrischstein belohnte uns die Sonne, und der heiße Tee aus den Rucksäcken unserer fürsorglichen, lieben Frauen taute uns wieder auf.
Trotz beißendem Frost waren die zwei Stunden wie im Fluge vorbei und die Jahreserstbesteigung Geschichte.

Fragt mich nun jemand im nachhinein, ob es kalt gewesen wäre, antworte ich nur, dass mein Fotoapparat während der Aktion eingefroren sei, ebenso die Fingerspitzen - und die Zeilen hier belegen sicher, dass es mein Gehirn auch war.

 
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