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Erhard > Literarisches > Dies und Das


MANCHMAL KÖNNTE MAN MEINEN,


der Zufall bestimmt unser Geschehen und unsere Erlebnisse. So auch in diesem Fall, meiner Jahresersten.
Bis zu diesem Tag war ich eigentlich als älterer und fast vernünftig gewordener sächsischer Kletterer zu der Meinung gekommen, dass nur ganz Doofe im Winter klettern. Die Zeiten sind schon lange vorbei, wo ich Weihnachten boofen war und zum Jahreswechsel unter einem dunklen kalten Gipfel stand. Wenn mich dieses Jahr jemand danach gefragt hätte (und mein Bergfreund Peter hatte!), ob ich als Kletterer die hohe Ehre anstrebe, als Erster im Neuen Jahr auf einem sächsischen Gipfel zu stehen, so gäbe es die berühmte Geste zur Stirne. Vor allem, weil die damit verbundene Mühsal,Aufwand und Gefahren in keinem Verhältnis zu dem Vorteil stand, einen Spruch ins Gipfelbuch einschreiben zu dürfen.
Bis Silvester gab es Regen bis in die Niederungen und dann Schnee mit ziemlicher Kälte. Ich saß also an einem Januartag nichtsahnend abends bei einer Flasche „Irgendwas“ in meiner abgelegenen
Flachlandheimat Leipzig. Und genau bis dahin war der Gedanke ans Klettern soooo weit weg. Und irgendwie fast nachts (!) kam der Anruf eines Fotografen, der etwas von tollem Gipfel und gutem Wetter nuschelte (hatte er auch etwas getrunken?) und mit mir dorthin am nächsten Vormittag wollte. Wo waren danach alle meine guten Vorsätze?
Ich fasse mich kurz: Am nächsten Morgen 11 Uhr trafen sich ein noch Verrückterer, genannt Knox, und der Fotograf auf dem Parkplatz Papststein, und nach einiger Packzeit liefen ein paar vermummte Gestalten durch den tief verschneiten Winterwald hinauf zum Gohrischstein. Von dort, neben der Wetterfahne, sollte es per Abstieg in die Scharte und dann den kurzen Alten Weg der Schwierigkeit II zum Gipfel der Gohrischscheibe gehen.
Theoretisch war ich schon immer gut. Ich hatte geahnt, dass es kalt wird. Und so schützten mich mehrere Lagen Stoff ganzkörperlich. Die Besteigung hatte mehr mit der Praxis zu tun, und vielleicht war auch mein Gehirn eingefroren. Jedenfalls weiß ich noch, dass es einen guten Vorsteiger gab,
eben Knox, dem das ganze offensichtlich zu leicht war und der dabei noch viel Spaß hatte. Ich weiß noch, dass das Ganze eine ganz schöne Wühlerei war, bei der man keinem Griff und keinem Tritt vertrauen konnte, dass der mitgenommene Besen das wichtigste Utensil eines Winterkletterers ist und dass der Gipfel gut gewählt war, weil nur der Fotograf in der Sonne stand.
An einer Stelle wurde ich als Nachsteiger sogar gebraucht. Wir machten Baustelle. Das heißt, der Vorsteiger darf den Körper des Nachsteigers beim Klettern benutzen. Auch das klappte, und wenig später hatte Knox unter eifriger Benutzung des Besens den Kopf oben auf dem Gipfel in der Sonne.
Die größte Schwierigkeit hatte er dann, mit einer eisigen Gratwanderung noch an das zwei Meter entfernte Gipfelbuch zu kommen und mich danach über die Baustelle zu ziehen. Ich fühlte mich wie ein sterbender Fisch auf dem Trockenen, als ich über den vereisten kleinen Felsüberhang gezogen
wurde. Angebunden am Abseilring kam es sogar zu einer Art Gipfelrast mit Blick über die winterliche, vereiste Landschaft mit den berühmten Tafelbergen. Nun kam der Gipfelspruch.
Mir fiel ein, dass ich schon einmal vor Kurzem innerhalb von Sekunden einen Gipfelspruch einschreiben musste, beim unserer jährlichen Besteigung des „Bundes der über Sechzigjährigen sächsischen Kletterinvaliden über die Höllenhund Talseite. Und da stand dann: „Im Frühling, Sommer,m Herbst und Winter ist es in der Sächsischen Schweiz am Schönsten!“ Hier auf der Gohrischscheibe schien mir das dann doch ein bisschen übertrieben.
Aber jetzt, da der Vorsteiger auf den Familiennamen Vogel hört, boten sich unendlich viele, auch humoristische Möglichkeiten an. Er schrieb dann ein:
„Vogel heißen, bedeutet nicht nur fliegen zu können“.
Auch gut, wie wahr! Beim Rückweg halfen uns die Seile. Oben auf dem Gohrischstein belohnte uns die Sonne, und die zwei Stunden waren wie im Fluge vergangen und die Jahreserste Geschichte.
Sollte mich nun jemand fragen, ob es kalt war, so sage ich nur, mein Fotoapparat ist dabei eingefroren, die Fingerspitzen und mein Gehirn auch!

 
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