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„Kaffeetrinken mit Reinhold Messner“


Diesen Satz hat selbst Reinhold Messner bis dahin noch nicht gehört, aber ich habe es sogar gemacht und war Gast beim Kaffeetrinken mit dem großen Meister selbst! Und das kam so: RM war in Leipzig, zu mehreren Vorträgen. Organisiert von der Reisefibel, er liegt ja über Kreuz mit dem DAV. Ich habe mir gleich eine Karte im Vorverkauf gesichert. Sozusagen an RM scheiden sich eben die Geister; es gibt drei Sorten von Menschen:
Das „normale“ Bergsteiger – Fußvolk, das ihn kennt und vielleicht sogar weiß, dass er alle 14 Achttausender als erster bestiegen hat und in seine Vorträge latscht wegen ein bisschen Sensationshascherei oder um die „lebende Legende“ noch mal zu sehen.
Dann die „richtigen“ Bergsteiger, die selbst in den großen Bergen waren und glauben mindestens genau so gut zu sein oder zu mindestens seine Leistungen herunter reden zu müssen. Sie sind vor allem Fans von sich selbst und wollen alles genau und besser wissen. Die meisten Bergsteiger sind ja sowieso große Egoisten. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Denn diese Eigenschaft braucht man schon manchmal in den Bergen, um zu überleben. Ich war übrigens auch einer, wenn ich es vielleicht sogar noch bin.
Die dritte Sorte sind die echten Fans von RM. Ich bin auch einer, spätestens nach dem Buch „Mein Leben am Limit“ und nach dem Besuch des Museum auf dem Monte Rite in den Dolomiten, eines von 5 Messner Mountain Museum’s (MMM) so geworden. Das Buch sollte jeder lesen, dann hat er eine gute Chance zur dritten Sorte zu gehören! Denn die Lebensleistung von RM besteht ja schon lange nicht nur aus der Bergsteigerischen sondern auch aus den anderen „Höhen“; wenn ich mal ein paar als Stichwort nennen darf, dann: Große Weiten, Yeti, Europaabgeordneter, MMM und nach meiner Meinung vor allem aus dem: Wie er das gemacht hat. Ich sag’s mal so: Er hat es immer richtig gemacht, jedes einzelne Werk hätte bei anderen Menschen für ein Lebenswerk gereicht!
RM kam zu Vorträgen nach Leipzig. Ich habe mir sofort eine Karte geholt, als Fan sagt man, gesichert. Am 24.10.2010 war es so weit, 11 Uhr zur Matinee. Am Abend vorher rief mich Ina an, ob ich Interesse hätte, mit RM „Kaffeetrinken zu gehen“, der Gewinner des zugehörigen Gewinnspiels unserer Stadtzeitung, der LVZ, hat keine Zeit.
So stand ich also als Erster und als Ehrengast (so fühlte ich mich) am Eingang und bereitete mich schon innerlich auf ein längeres Gespräch vor. Dabei wollte ich mich an sein Credo halten (im o. g. Buch S. 263). „Spannend für mich ist nur das Neue.“ Und: „Ich langweile mich sogar, wenn mir fremde Leute auf die Schultern klopfen und mir zu meinen Erfolgen gratulieren.“
Nach dem Vortrag und nach einem einstündigen Audio – Interview, das Peter- Hugo Scholz mit RM führte und bei dem ich als einziger dabei sein konnte (Hugo hat alle noch offenen Fragen dieser Welt gestellt und für mich war danach die Welt viel einfacher) kam es zu dem bewussten Kaffeetrinken. Wir saßen zu viert in einem abgelegenen Salon des Penta – Hotels und hatten eine Stunde Zeit und ich war der einzige von uns Dreien, der RM ein bisschen auf Augenhöhe über Berge reden konnte. Ich versuchte mich, an das Credo zu halten und über vermeintliche Neues für RM zu sprechen. Also fragte ich ihn, ob er unseren Pik Leipzig kennt. Natürlich nicht; und erzählte dann über die Schwierigkeiten, damals vor der Wende in die hohen Berge des sogenannten Bruderlandes Sowjetunion zu kommen. Dann über Arbeiten am Seil, also mit bergsteigerischen Methoden, über meine frühere Firma, Alpintechnik Leipzig,
mit der wir nun weltweit als Bauingenieure hohe Bauwerke prüfen und sanieren. Kannte er auch nicht. Dafür stellte es sich auf Nachfrage heraus, dass er meinen Text von 2007 „Wie ich beinahe Reinhold Messner kennenlernte“ (Ein Berg- Wende- Abenteuer von 1990), das ich ihm zugeschickt hatte, sogar noch in Erinnerung hat. Aber sozusagen richtig warm wurde mein liebenswürdiger Gesprächspartner erst, als ich das Thema MMM anschnitt und meinen zweitägigen Besuch des Dolomitenmuseums auf dem Monte Rite erwähnte und dann nach den eigentlich zugehörigen ältesten Kletterführer der Welt fragte.
Da wuchs sein Interesse. Er sagte, ja, das ist der Kletterführer von Rudolf Fehrmann aus dem Jahre 1908 und der fehlt ihm und er kann sich noch an das Vorwort erinnern, das für ihn einen großen musealen Wert hat. Da kam meine große Stunde, ich konnte aus dem Stegreif daraus einiges zitieren, steht doch dieser Kletterführer beim Frühstück auf meiner Berghütte in meinem Rücken: „Handhabung des Seiles: Seil vor Gebrauch auf seine Brauchbarkeit prüfen. Schadhafte Stellen ausschneiden, die Seilstücke zusammenknoten…“. Da braucht ihr jungen Bergfreunde gar nicht zu lachen, das war Stand der (Bergsteiger-) Technik; es wurde ja hauptsächlich von Absatz zu Absatz geklettert, Ringe gab es kaum und wenn ihr ehrlich seid: Die Kletterer damals waren viel mutiger als heute! Nun habe ich eine weitere Aufgabe in diesem Leben: RM möchte diesen Kletterführer, dazu einen ganz alten Ring und Bilder von Hahn. Am Ende unseres Kaffeetrinken hat sich RM vielleicht zu weit rausgelehnt: In meinem signierten Autorenexemplar steht nun: „Für meinen Bergfreund Erhard…“. Mal sehen, ob und wie ich damit leben kann!

Erhard Klingner
Leipzig, 24.10.2010

Übrigens, wer nun denkt, dass ich in dem Gespräch einen positiven Eindruck bei RM hinterlassen habe, der irrt! Auf meine Frage, ob er schon einmal in der Sächsischen Schweiz war, sagte er, ja, gerade wieder, auf der Schubertbaude. Da musste ich gestehen, dass ich die gar nicht kannte und somit als angeblich schon 50 Jahre dort Tätiger sofort völlig unglaubwürdig wurde.

 
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