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Erhard 70 und kein bisschen weise


Wie ich meinen kommenden Geburtstag so sehe


Ich liebe Zahlen, aber diese nicht, diese 70 nicht, überhaupt nicht. Obwohl ich mir aus Geburtstagszahlen sonst nichts mache, es sind ja nur Zahlen. Diesmal stört es mich. Sollte wirklich etwas dran sein, dass man ab 70 älter wird? Es hat sich doch bloß die Erde 70-mal um die Sonne gedreht. Angeblich. Na gut, es waren ja auch 70 mal 4 Jahreszeiten, also wird es stimmen. Aber ich und älter? Alle schon, aber ich?
Es gibt außerdem einen ganz dummen Spruch: „Man ist so alt, wie man sich fühlt!“.
Gut, ich oute mich: Ich fühle mich genau zwischen 10 und 100. Jahre alt. Je nach dem. Wenn ich eine Schneeschaufel in der Hand habe, fühle ich mich ganz alt. Wenn ich eine Felswand sehe oder eine junge hübsche Frau, dann….Mit meinem Spruch am Fels oder in der Kletterhalle bei meinen jungen Kletterpartnerinnen, dass ich nur so alt aussehe und in Wirklichkeit….(da setzt dann immer meine Fantasie ein), habe ich oft großen Erfolg! Zumindest sehen sie mich dann endlich ein bisschen so wie ich mich dann in ihrer Gegenwart fühle.
Ach ja, wo ist sie hin, die schöne Zeit. Fort und vorbei. War es nun ein gutes Leben?
Es wäre Zeit für eine Bilanz, aber die wird vielleicht der da oben ziehen, einer, der alles weiß. Ich weiß nur, wobei ich gut bin: Beim Abtrocknen zum Beispiel. Ansonsten? Aber eines weiß ich: Wenn alle so wären wie ich, dass wäre schlimm, da möchte ich nicht sein! Es wäre endlich Zeit für einen guten Vorsatz im restlichen Leben: Ändern, besser, ruhiger…
Also feiern wir erst mal. Ich bin noch da, alle meine Freunde sind noch da, außer Reinhard, Steffen, Lothar, Rainer und Wulf. Also stoßen wir einfach darauf an, dass wir noch da sind. Frigga wurde vor kurzem 70 und hat eine gute Rede gehalten: Sie sagte, ich habe hier drei große F’s. (Ich dachte erst, oh je, wie will sie da wieder rauskommen). Aber sie meinte Frieden, Familie und Freunde. Alles  Worte, die ich zwar kannte, aber mir sonst nicht so schnell eingefallen wären. Ich habe nur Worte mit W anzubieten. Genauer gesagt, W wie Wunder, noch genauer: 3 Wunder.
Wunder 1: Ich lebe (noch). Ich habe noch den Satiriker im Kopf, der sagte: „Mein Bruder war sehr musikalisch, er ging bei der Geburt schon flöten!“ Ich hatte am 25. April 1943 große Chancen, die Art von Musikalität dieses sehr banalen dummen Witzes während der Bombenangriffe auf mein Leipzig kennenzulernen. Es kam anders, die Nachbarhäuser in Gohlis wurden in Schutt und Asche gelegt, ich überlebte die erste Zeit meines Lebens manche Nacht in Luftschutzkellern. Aber offensichtlich sollte ich auch den Lebenswillen meines Sternzeichens, der Stier, mitbekommen. Und nicht nur das, ich bin Ostersonntag geboren! Aber wahrscheinlich konnte ich es nicht erwarten, die Welt zu erleben, und habe um wenige Minuten das große Wunder verpasst, zwischen 10 und 12 Uhr geboren und ein außergewöhnlicher Mensch zu werden (s. Hauffs Märchen!). Leider wirkte sich dieses Versehen noch lange aus, sozusagen mein ganzes Leben: Ich bin irgendwie immer ein bisschen zu früh oder zu spät gewesen! Aber nun das Wunder: Krieg überlebt, Nachkriegszeit, Schule, Arbeit, Berge, alles überlebt. Schicksal, Zufall, Dummheit, wer weiß es?
Wunder 2: Ich habe eine Frau. Eine richtige Frau. Mit allem, was dazugehört. Ja, ich habe schon oft hinter meinem Rücken gehört „Er hat tatsächlich eine Frau, die Arme!“ Na gut, es waren nicht immer gemeinsame fröhliche Stunden. Ich habe oft nachgegeben, obwohl ich immer im Recht war. Aber Stärke zeigen kann man nicht nur mit dem Körper. Außerdem war ich oft unterwegs, so dass ich mit großer Sicherheit behaupten kann, die ausgeprägte Alterung meinerseits ist nicht nur dieser teilweise sehr glücklichen Ehe zu verdanken, sondern auch allen anderen Misslichkeiten des Lebens. Ich fass mich kurz: Danke, liebe Frau, dass du es so lange ausgehalten hast. Auch wenn du nichts dafür kannst, dass unser kleiner Sohn Ingo so ein großer Musiker geworden ist.
Wunder 3: Das größte Wunder, wir sind noch alle hier. Ich behaupte mal, glücklich und zufrieden. Ich sagte es ja schon, es hätte ja auch alles anders kommen können. Schade, dass uns Deutschen oft die Unzufriedenheit im Gesicht steht. Schade, weil: a) wir leben, gut leben, b) wir auch im Sozialismus 40 Jahre ein, unser, Leben gelebt haben und uns nicht verbogen haben, c) weil wir durch das Wunder der Wende in der großen, normalen, freiheitlichen Welt angekommen sind und d) weil wir viel erreicht, bewegt und verändert haben und was wir nicht erreicht haben, hat uns nicht umgebracht!
Möge es noch eine ganze Weile so weitergehen!

Nun rückt dieser blöde runde Geburtstag immer näher. 70 Jahre sind so gut wie „im Eimer“, eingetütet oder einfach vorbei. Einfach so, weg und schnell vorbei. Vor kurzem war ich noch Kind, bald liege ich in der Kiste, wie mein Bergfreund Peter sagt. Oder Rolf, der mir an Hand eines 100 cm langen Bandmaßes (1cm ist ein Jahr) klar gemacht hat, wo ich schon bin! Irgendjemand hat meine Lebensuhr 1943 angeworfen und aus einer Laune heraus mit einem immer schneller laufenden Uhrwerk ausgestattet. Und das mir, der als einziger auf dieser Welt nie älter werden wollte. Aber, ich arbeite dran. Zumindest erst mal: alles überlebt! Und nun ist das einzige, was man sich auf dieser Welt so wünscht: 10 Jahre später treffen wir uns wieder. Und dann? Dann ist Schluss. Oder wir schleppen uns in die Moschee zum Abschiedsgebet.

Erhard an einem nasskalten Januartag 2013

 
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