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Erhard > Ü 60 > Dies und das

Klettern und Bier oder andersrum

Bier und Klettern, verträgt sich das überhaupt?  Ja, oft mit zunehmendem Alter immer besser. Auch manchmal bei mir. Es ist ein fast unvergleichliches Gefühl,  wenn man nach einer Klettertour glücklich und zufrieden zurückkehrt und ein Bier trinkt (oder vorher, um wie manchmal in letzter Zeit, mit zunehmendem Alter absinkende Kletterleistungen und zunehmende Ängstlichkeit) mit einem Bierchen weg- zuspülen. Wie erst vor einiger Zeit, als wir am Vorabend des Himmelfahrtstages von einer Klettertour im Kleinen Zschand zurückkehrten und die Mittwochs garantiert ruhetagfreie Buschmühle im lieblichen kühlen Kirnitzschtal aufsuchen wollten. Ziemlich abgekämpft und verschwitzt mit großen Rucksäcken standen wir damals vor der Tür. Ein Wunder, das uns damals nicht der Schlag getroffen hatte. Wir kannten
schon dutzende von Begründungen als gelernte DDR – Bürger, aber diese war neu: „Heute wegen morgen geschlossen“!




Wir hatten aber noch die Kraft und uns zu sammeln und zu überlegen. Und siehe da, wir fanden (in Peters Rucksack, im Auto?) noch eine
Flasche Bier. Gerettet für die nächsten Minuten:



Eigentlich geht die Geschichte über Klettern und Bier weiter. Aber ich nehme mal an, es wird sich kaum jemand für die negativen Aspekte dieser eigentlich schönen Verbindung interessieren. Wie zum Beispiel ich als alter erfahrener Hase, still und heimlich über die Unfallhergänge von alkoholisierten Bergsteigern und Boofenunfälle hämisch frohlockte. Ich war, der Meinung, so etwas machen nur dumme und andere Bergfreunde. Bevor es mir dann selbst passierte. Wie gesagt es ist lange her, wird kaum jemand interessieren und es war ja nicht nur Bier im Spiel, sondern viele andere mehrprozentige Flüssigkeiten. Und außerdem lebe ich ja noch und so etwas kommt nicht wieder vor.
Da ist die Geschichte meines Bergfreundes Peter viel interessanter. Er hat es gut, er kann sich (fast) voll und ganz auf das Biertrinken konzentrieren. Außer seinem sächsischen Triathlon (Saufen, Sex und Klettern) hat er keine weiteren Interessen.  Und im Biertrinken ist er Kenner und Meister, einfach der größte! Schon erst mal in Radeberg aufgewachsen. Dann auch noch in einer Werbefirma für das gute Radeberger Bier tätig gewesen. Da blieben Zusammenhänge nicht aus. Er kann eigentlich gar nichts dafür, dass er der beste Bierkenner Deutschlands, ja Europas ist. Denn auch die tschechischen Brauereien hat er schon durch. Die Leidenschaft fürs Bier hat ihn sogar diese Sprache lernen lassen. Auch wenn manche Neider behaupten, es wäre wegen der schönen nahen Kletterwege im böhmischen Sandstein und der Mädels dort. Aber da die neidischen Tschechen ihm eine große Anzahl der schönsten Erstbegehungen aberkannt haben, kann es natürlich sein, dass das Trinken des am meisten hochgeschätzten Pilsener Bieres auch eine Art Rache an ihnen seinerseits ist. Wegtrinken sozusagen. Andererseits spart er auch nicht mit Lob. Wenn ihm ein Bier besonders gut schmeckt, beehrt er dieses auch schon mal mit der Benennung eines ganz tollen neuen Kletterweges. Wie am Hector, den „Prazdroj“ in den herrlichen rechten Elbwänden. 50m hoch, Schwierigkeit VIIIa, ca.8 Ringe, ein Klettertraum.



Schade aber auch um ihn. Er hatte so viel Liebe zu vergeben, in seinem Leben. Aber diese gehörte (fast) nur dem Bier! Ich kann es bezeugen. Allerdings viele andere auch. Nicht nur Männer, Kinder, Bergfreunde. Also erst mal steht ein Kasten Bier, voll oder leer, im Auto. Letzteres um wieder aufgefüllt zu werden. Und Decken, damit das Bier schön kühl bleibt. Und er nimmt eine Flasche Bier auch nicht in die Hand, wie jeder andere. Er nimmt sie sorgfältig heraus, wischt sie ein bisschen ab, für den Außenstehenden sieht es aus, als ob er sie noch mal streichelt und prüft und dann öffnet er sie mit einem geübten Griff mittels eines beliebigen, meist für Ungeübte ungeeigneten, Gegenstandes, bevorzugt Karabiner. Und dann…
Aber fangen wir mal an mit einem ganz normalen Klettertag. Ein sonniger Tag, wir treffen uns irgendwo in der Sächsischen Schweiz, meist oberhalb seiner Hütte überm Zahnsgrund am Auto und ich kann es kaum erwarten, den Fels zu berühren. Aber da kennt er keine Gnade. Er setzt sich nochmals ins Auto, unter die Kofferklappe und trinkt in gewohnter Weise langsam und sicher sein Bier. Da habe ich die Wahl sehr unruhig zu werden, was er überhaupt nicht leiden kann oder ein Bier mitzutrinken. Letzteres beschleunigt sogar die Abfahrt.



Aber irgendwann geht’s doch los. Meist auf die von uns besonders geliebte tschechische Seite unseres schönsten Gebirges der Welt, ins böhmische rechte Elbtal. Parken am Belvedere bei Labska Stran. Wenn ich Pech habe, leider fast immer, begrüßen uns die Wirtsleute. Und es kommt zur zweiten Bierprobe, hier allerdings mit der schönsten Aussicht über das Elbtal, so dass der immer noch währende Trennungsschmerz vom Fels fast erträglich wird. Gegen Mittag erreichen wir den Fels. Aber es geht noch nicht los. Als erstes sucht Peter eine zugige kühle Felsspalte und deponiert dort meist zwei Flaschen. Eine fürs Mittagessen und eine als Belohnung für die Klettertat danach. Die Belohnung hält dann allerdings weiterhin an, aber nur für ihn. Ich muss ja dann noch Autofahren.
Schade, dass er nicht weiß, dass er das beste Leben hat!

Erhard Klingner, Februar 2016, Leipzig / Gohrisch




 
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