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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 3

Ligurien



Im Spätherbst zum Klettern nach Finale in Ligurien, sozusagen im Herbst meines Lebens könnte man spöttisch sagen, wenn ich es nicht besser wüsste, dass ich der einzige Mensch bin, der nicht altert (mein dritter Guiness-Buch-Rekord).
Mit zwei alten Leuten und dem Stein, den Peter mir in Jößnitz sozusagen in die Hand gedrückt hat. Ein echter Stein aus dem Elbtal. Aber dazu später mehr. Der eine alte Leut ist Peter, dessen Rekord im sächsischen Triathlon liegt: Saufen, Sex, Klettern; der andere ist Heinz, der noch heute noch zwei Weltrekorde hält: Den im Daueraufenthalt in einer Nordwand (33 Tage im Winter ununterbrochen in der Eigernordwand) und
die längste Abseile (2000 m, 3 Tage in der Eigernordwand nach dem Absturz der Seilkameraden unter dem Gipfel).
Also 3 erfolglose Taugenichtse, mit insgesamt 175 Lebensjahren.

Mittwoch, 21.11.2001
Wollten wir nicht nach Südfrankreich?
Ja, da ich noch nicht dort war und Südfrankreich ziemlich viel wärmer klingt, was mich auch zum Einpacken von ein paar Sommersachen und Sommerschlafsack veranlasste.
Falsch; Peter entschied, in Finale am Monte Cucco zu bleiben, abends bei 0°C und Stockfinsternis. Also Zelt aufbauen, Holz sammeln, Feuer machen und Essen kochen. Meine Stärke ist Kartoffeln schälen, viel zu Essen und den Stein bald danach mit ins Zelt zu nehmen und zu wärmen.

Donnerstag, 22.11.2001
Sieh an, wie durch ein Wunder nicht ganz erfroren, stelle ich die Anwesenheit eines weiteren jungen Ehepaares fest. Aber sonst sind wir im weiten Rund des schattigen bewachsenen Zeltplatzes die Einzigen.  Heinz` erste Amtshandlung ist Feuer machen; das Knacken des Holzes motiviert zum Aufstehen, Es ist schweinekalt.
Später, fast schon in der Mittagssonne am Rocco di Corno sind alle Widrigkeiten vergessen. Die roten sattreifen Früchte der Erdbeerbäume wachsen in den Mund, der Fels ist mir freundlich gesinnt und ergibt sich sicher und Rotpunkt bis auf eine Stelle. Abends nach einer größeren Holzaktion, die um so leichter ist, da gerade ein großes Unwetter vorüber zog, gibt es beim Lagerfeuer Spagetti a`la Peter mit Speck, Zwiebel, Spezialsoße und gesonderten Fleischzusatz!

Freitag, 23.11.2001
Es wird jeden Tag 1°C wärmer. Seit 2 Tagen spricht  Peter von einer Grotte am Monte Sordo rechts des Zentralsektors. Ich bin nicht für Grotten, ich bin für Sonne. Widerwillig deponieren ich am Beginn einer schwierigen Höhle das Gepäck und ziehe mich an einem alten zerschlissenen Seil
im Innern der Höhle hoch, sozusagen bis es nicht weitergeht. Oder doch? Ja, ein „Mannloch“ ermöglicht den Durchschlupf und wir stehen auf dem grasigen paradiesischen Boden eines weiteren grottenähnlichen Felskessels, mit einer Felsbrücke (!) darüber und überhängenden Kletterwegen, durch die man über einen vertikalen runden Felsdom den sonnigen Anstieg erreicht. Ich muss den Stein ganz fest drücken, um festzustellen, dass ich nicht träume. So stelle ich mir das Kletterparadies vor! In einer Dreierseilschaft mit zwei jungen Mädels. Aber an den zwei leichtesten Wegen vergehen mir die Hochgefühle schnell: Man muss sich festhalten. An einem besonders von der Natur schlecht angeordneten Überhang hänge ich mehrere Minuten, bis ich es packe und merke erst unten, dass ich mir die Unterarme an der scharfen Überhangkante zerschnitten habe! Kein Problem, denn der Stein heilt alle Wunden!
Auf dem Rückweg geht es wieder durch die Herrlichste aller Finca´s, hier könnt´ ich mal alt werden, ausnahmsweise. Abends gibt es Quarkkeulchen in derart leckerer Art, dass es uns zum ersten Mal gelingt, die Wildkatzen in Handnähe zu bringen.
Trotzdem ist es so kalt, dass mich meine am Lagerfeuer aufgewärmten Sachen und der Stein über die  Nacht bringen müssen.

Die restlichen acht Kletter- und Wandertage:
Die Tage werden wärmer und kürzer, der Stein fängt an zu sprechen und verleitet mich zu sich steigernden Kletterwegen und Ruhetagswanderungen am Meer, Bergen, Wäldern, mit Erdbeerbäumen bewachsenen Hügeln, zum Rasten auf einladenden Hochflächen und von Wacholdersträuchern eingerahmten Wiesen, verfallenen Burgen und Kirchen, romantischen Altstadtbesuchen, langen Mondschein-Lagerfeuer-Gesprächen bei Grog und Glühwein, nach ausgiebigen leckeren selbstgekochten Abendmenüs.
Am Ende ist mir der Stein immer noch nicht kaputtgegangen und trotz aller starken kalten Nachtwinde, der öfteren Käuzchenrufe und der nahen Schüsse italienischer Amateurjäger habe ich wieder einmal eine Bergfahrt er- und überlebt.

 
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