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Erhard > Literarisches > Persönliches > Enkel



Geheime Abschrift des Briefes von Konrad an seine Mutter
Mallorca im Oktober 2008

Liebe Mutti,

ich war in Mallorca. Mit Bebel und Ehad. Angeblich meine Großeltern. Kann nicht stimmen.  Ich habe gehört, auch Großeltern erziehen ihre Enkelkinder. Die beiden machen aber meist was ich will. Deshalb fahre ich ab und zu mit ihnen mal weg. Um mich zu erholen. Warum erhole ich mich eigentlich nicht immer? Und warum muss ich so oft in die Schule? Ich wäre lieber immer in Mallorca. Und dort immer im Wasser. Obwohl Ehad sagt, davon bekommt man Schwimmhäute und ich sollte mal nachsehen, ob ich schon welche habe. Liebe Mutti, kannst Du bitte mal nachsehen?
Ehad wurde mit jedem Tag unzufriedener. Er will immer nur klettern oder wandern. Ich nicht. Ich wandere nur, wenn es sein muss oder wenn es interessant ist und nicht lang. Einmal wurde es richtig toll. Es fing an zu regnen, da waren wir schon in den Bergen und konnten nicht mehr zurück. Und dann wurde es ein richtiger Platzregen mit Sturmböen. Da wurden wir richtig nass. Das war schön! Der Wanderweg wurde richtig glatt, schlammig und voller Wasser. Wir hatten keine trockenen Sachen mehr an. Das hat mir gefallen. Den Alten aber nicht so.
Aber Wasser kam nicht nur von oben. Wir waren direkt am Meer und das hatte ich meist für mich allein. Oder gleich daneben meinen eigenen Swimmingpool am Hotel EDEN. Jetzt kann ich auch (bald) den Kopfsprung. Alle Hotelgäste haben zugeschaut. Na ja, einfach war es nicht. Ich muss noch mal hin und üben. Ich bin Freund von solchem schönen Wasser und friere auch fast gar nicht. Obwohl Ehad sagt, bei solch kleinem dünnen Körper würde die Kälte schnell bis auf die Knochen kriechen. Damit meint er wahrscheinlich nur seinen. Denn auch das Bad im angestauten Bergbach im Naturpark am „Galatzo“ (einem ganz hohen Berg) war wunderbar zum Schwimmen. Die Großeltern hatten Angst, dass ich erfriere. Aber nun gibt es sogar einen Film wie ich Runde um Runde drehe und nicht nur überlebe, sondern sogar richtig glücklich bin!
Zu essen gab es auch. Viel und bunt. Ehad sagte immer, er hätte Angst, dass die Beine des riesenlangen Buffets abbrechen und seine hundert Lieblingsspeisen im Dreck landen. Aber für mich war fast immer nichts Essbares dabei. Auch die Geschichten von K. halfen mir nicht dabei, die Ehad erzählte. Von K., der nichts essen wollte. K. wollte immer nur „nichts“. K. sagte nur: „Nein, ich esse nichts, ich möchte nur „nichts““, und: „Mein Essen ess´ ich nicht, ich möchte immer nur „nichts““.
Und K. wurde immer dünner und dünner. Aber ich bin doch schon dünn, liebe Mutti! Deshalb haben mir diese Geschichten auch gar nicht gefallen. Meist gab es doch etwas essbares, wie Nudel und Käse. Einmal habe ich sogar nur ein paar Pellkartoffeln gefunden. Und Eis. Da ich immer der Erste beim Nachspeisebuffet war, habe ich auch das meiste Eis gegessen. Eigentlich brauche ich nur Eis!
Nach kurzer Zeit kannten mich alle in dem großen Hotel. Auch das Servier- und Küchenpersonal. Nach dem dritten Frühstückstoast alle. Toasten ist ganz einfach. Brot in die Toastmaschine legen. „Ohne Käse“ steht dort. Habe ich übersehen. Drei Tage ging es gut. Aber dann habe ich die Brotscheibe mit dem Käse verkehrt in die Maschine eingelegt. Ehad behauptet, die Flammen wären meterhoch gewesen. Er übertreibt immer. Sie waren nicht höher als ein oder zwei Meter. Und alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn nicht alle so rumgeschrien hätten und die Maschine nicht längere Zeit ausgefallen wäre und mich die Mallorciner nicht so böse angeschaut hätten. Auch stimmt es gar nicht, dass danach alle bei meinem Eintritt in den Speisesaal immer zusammengezuckt wären, wenn sie mich sahen, wie Ehad behauptet. Das kann doch mal passieren. Ich bin doch nur ein Kind. Außerdem hätten sie ja nur rechtzeitig den Feuerlöscher benutzen sollen.
Ansonsten war es ein sehr langweiliger Urlaub. Das Schiff, das uns zu meiner Lieblingsbadebucht brachte, schaukelte diesmal nicht so sehr. So dass ich die Fische nicht füttern konnte, wie Ehad sagt. In der Badebucht konnte ich mich austoben, ohne dass mich die Quallen verbrannten. Dumm war dort nur eine gefährliche Ziege, die mich stundenlang auf einem Felsblock in Schach hielt, während Ehad die große Schlucht „Torrente de Parais“ erkundete. Nächstes Jahr werde ich das freche Tier einfach mal davonjagen.
Und es gibt so viel im nächsten Jahr besser zu machen, so wie Gottfried, das fliegende Schwein.


Dein braves Kind Konrad





 
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