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Konrad in Mallorca
oder
Über Haare, Lügen, Erziehung, Kleinmenschen, Änderungen, Essen und vieles andere

Geheime Abschrift seines Briefes an seine Mutter

Hallo Mutter, nun bin ich 12, also 12 Jahre alt und wieder in Mallorca, das vierte Mal und diesmal ist alles ganz anders. Also für mich nicht, aber die anderen sagen es so. Wieder mit den geduldigen Großeltern Barbara („Bärbel“) und Erhard („Ehad“), die sich immer den Anschein geben, sehr streng zu sein. Aber nun scheinen sie sich daran gewöhnt zu haben, alles so zu machen, wie ich es will! Vor allem Ehad will das manchmal nicht wahrhaben. Er will immer nur wandern und klettern, ich aber nicht. Und dann spielt er die Erziehungskarte aus. Er sagt, deine (also meine) Mutter hat dich so gut erzogen, sportlich, naturverbunden und gut zu Fuß, da müsstest du doch gut und viel mit uns machen. Da kann ich leicht erwidern, du hast ja keine Ahnung. Meine Erziehung habe ich längst selbst übernommen. Meine Mutter, also du, hat mir gar nichts mehr zu sagen (stimmt doch, oder?) und seitdem geht’s mir richtig gut und wandern kannst du vergessen!
Manchmal gehe ich doch mit wandern. Aber nicht weit. Ehad sagt, dass ich nur die halbe Strecke zu laufen habe, die er vor meiner Mutter geschworen hat täglich zu laufen. Er hätte mit der linken Hand geschworen, aber mit der rechten hinterm Rücken den Schwur halbiert zur Erde wieder abgeleitet. Er kann aber nicht gut lügen. Ich habe ihn in guten Glauben an seine angeblichen Wahrheiten gelassen und bin ein paar Mal mitgelaufen und mir dabei ein paar Belohnungen abgeholt. Allerdings nicht nur wie immer aller paar Minuten etwas zu Essen und zu Trinken. Nein, diesmal muss es schon etwas mehr sein, etwas für mein Justin – Äußeres. Das ist neu!
Wie gesagt, trotz Deiner angeblich guten Erziehung, liebe Mutter, liebe ich die Natur nicht mehr so, sondern offen gesagt lieber Massentourismus und flaches Land. Am Liebsten von Menschen überfüllte Strände an der See. Seit einem Jahr. Es kann sein, dass Rosa mich im vorigen Jahr in Mallorca geändert hat. Auch mein Äußeres. So kam es denn, dass ich nicht nur mein Vegetarierdasein aufgab, sondern auch meine langen Haare. Letzteres hat vor allem Ehad als Sieg nach langem Kampf gegen meine „furchtbar langen zotteligen Haare“ (wie er sagt) ausgelegt. Er hat sogar mal eine Strähne mit der Schere abgeschnitten. Das tat sogar fast körperlich weh!  Und dann hat er sogar auf dem Gundorfer Friedhof am Grabe seiner Eltern mit materiellen Versprechungen mich zum Friseur geschleppt. Damals war er noch stärker als ich. Ich hatte mich steif gestellt und so Widerstand geleistet. Er sagt, die Schleifspuren wären jetzt noch zu sehen. Und dann hat er mich mit Hilfe der Böhlitzer Friseuse auf den Friseurstuhl gebracht. Nun habe ich schon längst freiwillig eine Justin – Kurzhaar – Frisur und brauche nun täglich viel Zeit für den Spiegel und überhaupt für mein Äußeres. Seitdem kann ich nur angesagte Klamotten tragen und kann davon nicht genug bekommen. So habe ich auch am Samstag den Wandertag gut überstanden, da im Nachbarort Sóller ein großer Wochenmarkt war und ich einen echt tollen Hemdfetzen, kariert, bekam!
Na ja, im Wasser kann ich noch mal so richtig Kind sein, obwohl ich mir das Wort „Kind“ grundsätzlich verboten habe. Seitdem bezeichnet mich Ehad als Kleinmenschen, was ja auch nicht viel besser ist. Wir haben eine Luftmatratze mit und da kämpfe ich mit Ehad um den Platz darauf. Und auch beim Essen darf ich alles. Ich esse aber nur so viel, wie mit aller Gewalt reinpasst. Nicht mehr. Zum Beispiel abends am Anfang zwei Teller Spaghetti und dann zwei Hotdogs. Da hat es den beiden schon richtig die Sprache verschlagen. Aber ich habe mir dann noch einen großen Kuchenteller geholt und richtig viel Eis hinterher. Da habe ich bewusst aufgehört. Nicht weil mir vielleicht schlecht geworden wäre, das wäre kein Problem gewesen. Aber: Dann wäre ich zu dick geworden!
In der zweiten Wochenhälfte hatten wir noch viele schöne Erlebnisse. Auch wenn vermutlich Rosa schon tot ist. Vielleicht. Wir haben sie der Einfachheit halber für tot erklärt. Im Gegensatz zu Mario. Der behauptet, sie wäre auch dieses Jahr in seinem Bistro kurz vor uns als gut erzogenes liebes Mädchen gewesen. Das Letztere haben wir aber abgestritten. Sicher ist Marion eine relativ gute Hamburger Mutter für Rosa, aber nicht in unserem Sinn. Denn weit kommt Rosa mit Marion nicht, höchstens bis Sóller zum Shopping. Als wenn das schon reichen würde. Na gut, im äußersten Falle würde Marion eine halbe Zigarette weniger rauchen, wenn Rosa Anzeichen von Raucherhusten bekäme, aber das wäre es schon. Und es war ein Wunder, dass Marion ihre einzige, beste und schönste Tochter im vorigen Jahr bei der Durchquerung der wildesten Schlucht von Mallorca, der Torrente de Parreis, anvertraut hat. Vielleicht hat sie auch Ehad nicht getraut, sie hat den Kontakt einfach abgebrochen. Sicher denkt sie: Sicher ist sicher und: Ehad ist vielleicht ein Phädopher oder so etwas ähnliches. Aber ich weiß genau, dass sie sich irrt. Ehad schaut immer nach richtigen Frauen und hat mir verraten, dass er lieber mit solchen wie Gerti wandern würde. Das kann stimmen. Denn er liebt mich zwar auch sehr, aber wenn er mich drückt und streichelt, dann sagt er immer so was doofes wie, schönes weiches Fell, schöne Pfote, schöne Hufe usw. Also hat er mich gar nicht so gern. Übrigens: Der Mario ist der lustigste holländische Mallorciner von mindestens ganz…eh…den ich kenne. Er scheint alles zu wissen und zu können und liebt alle Kinder. Wir hatten eine lustige Zeit. Aber dann hat Ehad ein paar Fragen gestellt, die Mario gar nicht gefallen haben. Und Mario hat zu ihm gesagt, erst dachte ich, du bist ein Professor, aber jetzt glaube ich dass du ganz schön blöd bist. Und dann ist Ehad zu Marios Frau gegangen und gefragt ob man Mario überhaupt ein Wort glauben kann, er hätte gedacht, alles ist nur ein großer Scherz. Da scheint ja jeder vom anderen was anderes gedacht zu haben. Na ja, der eine ist im Urlaub, der andere will Geld verdienen. Vielleicht sollten sie mal eine Flasche Mallorcinischen Weins zusammen trinken.
Wie gesagt, die letzten Tage mit Ehad waren besonders schön. Bärbel hatte ein böses Knie und so sind wir Montag ohne sie mit dem Schiff zu meiner Lieblingsbucht Sa Calobra gefahren. Trotz starkem Wind und hohen Wellen, vor allem bei der Rückfahrt. Aber dieses Mal habe ich nicht die Fische „persönlich“ gefüttert. Man muss sich einfach klug verhalten und z. B. sich in die Mitte des Schiffes setzen. Dort haben wir die Schlucht wieder ein Stück von unten her erkundet. Davon und wie von fast allen anderen Erlebnissen gibt es wieder viele schöne Bilder. Hier in der Schlucht bin ich sogar auf einem Luftbild zu sehen – weil ich vor Freude von einem Block heruntergesprungen bin. Danach war auch Zeit für einen lustigen Badespaß in den Wellen. Wir haben Ertrinken gespielt. Leider war ich dabei immer unter Wasser. Ehad hat mich am Bein so an den Strand gezogen, dass mich jede Welle überspülte. Ich aber auch gerade noch so viel Luft bekam, dass ich am Leben blieb. Das war sehr lustig aber auch sehr anstrengend. Dabei hätten wir fast das letzte Schiff verpasst.
Am Dienstag, also dem Tag vor der Abreise, bin ich durch Zufall auch mit gewandert. Eigentlich wollten wir nur mit dem Bus fahren, mit Reiseners durch die verwinkelten Gassen von Biniaraix. Aber dann haben Reisis den Bus verpasst und ich bin mit Ehad über die Berge gelaufen, ganz hoch über endlose Terassen mit Olivenbäumen. Oben haben sich Esel und Hund gute Nacht gesagt, so einsam war es. Nicht Fuchs und Hase wie bei uns. Ich habe es fotografiert. Mittag waren wir in Fornalutx, dem schönsten Dorf Mallorcas. Von dort ging es wieder steil hoch zum Mirador de ses Bargues, einem berühmten Aussichtspunkt. Und in endlosen Schleifen wieder abwärts zum Meer. Es wurde den ganzen Tag nicht langweilig, weil wir viel erzählt haben. Auch sehr schöne grausame Geschichten, die ich so liebe. Obwohl ich nicht alles glaube. Und: Was nützt mir das Wissen, was ein Eimer Blut in manchen Ländern kostet. Nur mal so als Andeutung, liebe Mutter. Viel besser waren Ehads Tipps  über Sex und das Leben. Man sollte das mit den Mädchen nicht so ernst nehmen. Denn alles Glück beruht auf Unglück oder so ähnlich. Und dann sollte man sich schon bewusst sein, in was für einer tollen schönen Zeit man gerade lebt und wie viele es auf dieser Welt nicht so gut haben! Vielleicht hat er recht!
Aber wusstest du schon, liebe Mutter, dass man auch beim Wandern tot gehen kann? Ehad war beinahe tot! Beim Wandern runter zum Meer. Wir haben jedes Tier, jede Blume und jeden Käfer fotografiert. Und Ehad muss alles anfassen, auch den großen schwarzen Käfer auf der Straße. Schon um ihn vor dem Überfahren zu retten. Aber der hat dann seinen Schwanz hochgestellt und sich als Skorpion erwiesen! So ist es Gott sei Dank bei ein paar lustigen Fotos geblieben.
Noch Lustiger wäre es vielleicht mit Gerti geworden. Die hat immer so gute Geschichten von den Reichen und Schönen erzählt. Von ihr kann man sogar lernen, wie man in einem guten Sternehotel wie unser „Eden“ voll verpflegt wird, obwohl man nur Übernachtung bezahlt hat. Und wie immer eine volle gute Weinflasche gratis auf dem Abendtisch steht. Muss ich mir noch mal erklären lassen. Obwohl sie vermutlich von ihrem Taschengeld das Hotel kaufen könnte!
Aber trotzdem haben uns viele Stellen an Rosa erinnert. Ich habe mich sozusagen viele Stunden umsonst im Bad gepflegt, gepirct, geputzt, gekämmt. Vielleicht lebt sie doch noch. Sie sollte sich so wie ich mehr von ihrer Mutter lösen und mal vorbei schauen. Oder ich fahre mal in die Hamburger Seegegend, wenn es dort viele Menschen und Wasser gibt und man viel Spaß haben kann.
Denn, wie gesagt: Berge Ade!

Dein Konrad



 
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