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Erhard > Meine Bergfreunde



Mein Bergfreund Mathias


Heute wird er 60, heute am 13.02.2012. Eigenartig, sehr eigenartig, er sieht immer noch so aus wie in jungen Jahren. Und ich muss es ja wissen, denn in den letzten 36 Jahren (!, seit 1974) war er vor mir, neben mir und oft hinter mir am Seil.
Warum hat er es eigentlich so lange ausgehalten mit mir? Vielleicht: Gegensätze ziehen sich an. Äußerlich sicher Pat und Patachon, wobei er nicht dick ist (kann ja noch werden), aber innerlich: Er ist klug, ordentlich (pedantisch!), sportlich und musikalisch und hat ein großes Herz (was auch immer das heißen soll, ich weiß es, das reicht).
Ihm verdanke ich viele Abenteuer und auch, dass ich sie überlebte.
Kennengelernt haben wir uns beim Training in der HSG DHfK, Sektion Wandern und Bergsteigen, denn dafür hatte er sich entschieden nach Turnen und Fallschirmspringen. Genau richtig, wie mir scheint, denn Klettern hat ja was mit beiden zu tun, nur dass es beim Runterfallen keinen Schirm gibt. Ab da waren wir oft zusammen. In den ersten Jahren meist in der Sächsischen Schweiz und der Hohen Tatra und dann in höheren Bergen und sogar im Berufsleben. Er war immer sehr beliebt, auch bei Frauen, sozusagen der ideale Schwiegersohn. Seine Petra hat das rechtzeitig erkannt, sehr konsequent umgesetzt (Hochzeit!); ein schlagartig großer Verlust für die Hälfte der Menschheit.


Die Beliebtheit bei seinen Freunden war fast noch größer, ich finde sogar übertrieben. Ein Beispiel. Anstatt ihn einfach mal zu loben, haben sie an einem runden Geburtstag in Ermangelung von Ideen für ein vernünftiges Geschenk ihm folgendes in die Wohnung „gebracht“:
- Ein Abonnement der „Sowjetfrau“!
Hat beiden sogar gefallen; kann ich verstehen, da ich die „Sowjetliteratur“ gelesen habe.
- Eine lebendige Flugente, deren Überleben in einer wassergefüllten Badewanne gesichert war.
- Einen Stein aus seinem geliebten Steinbruch mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an Deine aktive Kletterzeit“. Dieser war infolge seiner Größe und des Gewichtes nur mit einer Hilfskonstruktion und dem Einsatz von 6 starken Bergfreunden vom Auto in die erste Etage ins Wohnzimmer zu bewältigen. Anfangs war er noch stolz auf diesen Stein, hat ja nicht jeder. Aber nach einem Jahr lief die Ehe deswegen vermutlich nicht mehr gut, so dass Mathias seine nun sogenannten Freunde auf Knien anflehen musste, das Ding wieder zu entfernen. Jetzt schmückt der Stein die Krochsiedlung.
In der Sächsischen Schweiz habe ich meine schwersten und abenteuerlichsten Routen mit ihm gemacht: Lachen und Weinen, Korrektur, Kurzes Problem. Der letztgenannte Weg müsste eigentlich Kein Problem heißen, denn wenn Mathias sicherte, war das wie eine Erfolgsgarantie. Auch als Erstbegeher haben wir uns in die Gipfelbücher eingetragen, am Klingermassiv (Mathias im Vorstieg) und an unserem Hausklettergebiet, den Ochelwänden, am Ochelturm. Und nur ihm habe ich es zu verdanken, dass bei den gemeinsamen Kletterfahrten nicht nur stur zu den Felsen gerannt wurde, sondern ich lernte auch den Blick und das Gefühl für das schöne „daneben“ zu haben. Seitdem denke ich z.B. immer an diese Zeit, wenn ich das so besonders lange, kräftige und grüne „Liegegras“ (von Mathias so genannt) unserer Felsenheimat sehe oder gar darin liege.
Vielleicht war das sogar die schönste Zeit, dort, die 20 Jahre in Waitzdorf neben den Ochelwänden. Die ja nicht weit von unserer Berghütte, dem ausgebauten Pferdestall vom Vierseithof des Martin Fasold, dem großen Martin, waren. Meines Wissens das einzige Dorf, das mitten im Nationalpark liegt und vielleicht sogar das Idyllischste.
Da ging es sehr abenteuerlich zu bei Dach- und Gerüstarbeiten. Unsere Hüttenchronik ist voll von solchen Ereignissen. Aber diese Jahre hatten uns auch zusammengeschweißt, Du, Mathias mit uns anderen neun Leipziger Bergfreunden. Nicht nur, weil es oft abends sehr feuchtfröhlich wurde (ich erinnere an Wetttrinken „Weiß gegen Braun“!), sondern vor allem weil wir uns dort richtig zu Hause fühlten. Besser geht’s nicht: Die Landschaft, das Dorf, die befreundete Bauernfamilie. Wenn wir dann am Wochenende auf der Hütte waren, nach über 2 Stunden Autofahrt, hat uns die Familie Fasold mit offenen Armen empfangen. Wir waren am Ende Teil des Bauernhofes, kannten die Tiere, waren bei der Geburt eines Kälbchens dabei, bei dem Sterben der Pferde durch winzige Fliegen, bei der „Besamung“ der Hofhündin Sandra durch den sehr aktiven österreichischen Bergführerhund, den Samueden Tim (Sibirischer Schlittenhund, ein großer weißer Spitz), der dadurch einen ganz neuen seltenen Mischlingsstamm dort aufgelegt hat und bei der Goldenen Hochzeit unserer Gastgeber.

        


Die Sächsische Schweiz war aber nicht nur uns ein zu Hause, sondern wir versuchten das auch unseren Kindern zu vermitteln. Wir haben das Wort Kinderbergsteigen wörtlich genommen. Normale Kinder sind auch Kletterer, dachten wir früher. Außer dass sie gut, lieb und süß sind, sind sie nun einmal da. Und warum sollen sie es besser haben als wir. Haben vermutlich manche gedacht, die uns nicht so genau kennen. Nicht wahr, Mathias? Aber nachdem wir erkannt haben, dass wir nicht die Weltbesten werden, wagten wir ein Experiment mit den Kindern. Wir gingen systematisch ran. Da sie sowieso nicht auf uns hörten im Privatleben, machten wir richtiges organisiertes Kinderbergsteigen, sozusagen Kinderklettertherapie. Ab Oktober 1976 haben wir abwechselnd entweder am „Treffen Junger Bergsteiger der DDR“ (später, ab Mai 1986 „DDR – Bestenermittlung im Kinder- und Jugendbergsteigen“) oder am von Dir und Petra organisierten „Kinder – und Jugendbersteigertreffen Leipzig und Halle teilgenommen. Im Gegensatz zu uns, die wir theoretisch gut bis sehr gut waren (praktisch leider nicht, unter uns gesagt), war das bei unseren Kindern meist umgekehrt. Mein Sohn Ingo hat mich meist maßlos blamiert, nicht beim Klettern, aber er wusste auf die einfachsten Fragen die falsche Antwort. Der Chef des DWBO war Erich Honecker und (das wagte er ungefragt zu behaupten) Kühe vermehren sich durch drücken der aufgestiegenen hinteren Kuh mit den Vorderfüßen auf die vordere(!). Na, kein Wunder, dass es mit der Vermehrung in meiner Familie nicht so richtig voran gegangen ist. Sogar aus Stefan Quandt, der das Stirnpony der Kühe gekämmt hat, ist ein richtiger Mensch geworden.
Jedenfalls hatten wir trotz des am Ende fehlenden Erfolges richtig viel Spaß, was ja die Hauptsache im Leben ist.

          


Die Hohe Tatra war die uns jährlich zur Verfügung stehende Hochgebirgsspielwiese. Mehr gab es ohne Klimmzüge nicht. Aber das nutzten wir ziemlich schamlos aus. Ein- bis zweimal jährlich waren wir dort und es war immer ein Abenteuer, rückblickend in kleinerem Maßstab. Einschließlich der übervollen langen Zugfahrten, mit nächtelangen Stehplätzen. Aber damals waren wir noch fast endlos belastbar. Ich war gern mit Dir, besonders auch bei den meist winterlichen Fahrten. Du vielleicht auch. Denn wenn man gemeinsam auf einem winterlichen Gipfel sitzt, nach einer Grattour bis zum VI. Grad und vor Freude ein paar Berglieder schmettert und unten noch die anderen nachkommenden Bergfreunde kämpfen („…heult da unten einer?“), dann ist das zumindest anzunehmen..
Aber manchmal hatte ich das Seil auch an andere Bergfreunde gebunden. Und genau das ging nicht immer gut. Immerhin warst Du in einer meiner schwersten Stunden nach einem Absturz in der Nähe, so dass Du außer einer Rettungsaktion auch noch die Kraft für die fotografische Dokumentation dabei hattest. Danke, hätte ich nur mehr auf Dich gehört! Interessant ist im Nachhinein, dass ich mich zwar an viele Wege mehr oder weniger unvollständig erinnern kann, aber ein Tag ist mir unvergessen. Wir sind ja dort jeden Tag losgegangen, ins vertikale Abenteuer. Eigentlich bei fast jedem Wetter. Aber einmal war das Wetter ganz toll, blauer Himmel, warm, inmitten der weißen Bergwunderwelt. Da sind wir kurz vor dem Einstieg auf deinem Vorschlag hin  zu einem Überhang abgebogen und haben den ganzen Tag uns ausgeruht, gesonnt und Eiszapfen gegessen und fotografiert! Seeehr schööön gewesen!

             



Ja, und dann kam die Wende. Erst mal ein Wunder und danach ein Neubeginn. Aber das ist ein anderes Kapitel, das schreibe ich zu Deinem 100.! Inzwischen kannst Du ja mal auf meiner Homepage www.barbarine.de/Kletterfahrten einiges nachlesen oder google einfach mal nach Mathias Wiese.
Bis dahin, alles Gute und wenn Du mal ein Seilende brauchst, Du weißt ja, dass ich nur so alt aussehe, in Wirklichkeit….


Erhard Klingner

Leipzig, an einem kalten späten Februarabend, nachdem die Geschichte aber genau am Geburtstag seinen Anfang genommen hat.

 
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