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Murmeltier

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Leserzuschrift zum „Murmeltier“ 1/2002, Seite 25

„400 Höhenmeter im 4. Schwierigkeitsgrad“



nachdem das Murmeltier sogar europaweite Verbreitung erlangt hat und es selbst in alpinen Regionen auch über 2000m Höhe gelesen wird
(siehe Foto 1), also dort wo es hingehört(!), hat es nun auch den hintersten Winkel Graubündens erreicht, hier in Castasegna.
In der letzten Stunde vor meinem Urlaub bekam ich von Euch diese Ausgabe des Murmeltieres. Dieses wurde so zu meiner Lektüre hier im
Bergell für mich und „meinen“ Schweizer Bergführer Erwin , dem ich meine Leserzuschrift im Heft 2/2001 zeigte und sein Bild auf der letzten
Seite vom Pizzo Bacone, also vom „Mauerläufer“, dessen Erstbegeher er ist und den ich vorsteigen durfte.
Erwin ist der „Hausmeister des Bergell“ und genau so ein wilder bunter Hund wie ich, nur dass er viel weniger Fehler gemacht hat und deshalb
ein halbes Jahr jünger aussieht. Er hat oft die begehrtesten Frauen hinter sich am Seil und im leichten Gelände ihren Hintern vor sich. Da er
aber seinen Ruf als gewissenhaftester pensionierter Zollgrenzbeamter und als anständigster Schweizer Bergführer nicht verlieren will, liegen hier reihenweise gebrochene Herzen und Erwin hat ab und zu Zeit für mich! Übrigens haben diesen Titel erst seine „Freunde“, Alex und ich, ihm in diesen Jahr verliehen – er soll in Form einer riesigen Plakette (schwer und unlösbar!) an seinem Haus und mit dieser Leserzuschrift in aller Welt bekannt gemacht werden!
Zurück zum Murmeltier: Um Mitternacht weckte mich Erwin’s Aufschrei, er hatte im Murmeltier den Artikel „400 Höhenmeter im 4. Schwierigkeitsgrad“ (in den Dolomiten), mit dem Untertitel „Schweizer kamen und halfen und bekamen einen Freund dafür“ gelesen. Das war er mit Alex!
Lieber Jörg Traska, der Artikel ist liebevoll und brav geschrieben. Aber wir haben uns jetzt zwei Wochen darüber amüsiert: „Der ältere Herr und sein viel jüngerer Partner“. Erwin ist der jüngste Sechsziger der Welt, versteht jeden Spaß, ist von mir zum „Ossi“ ehrenhalber ernannt und ihr nennt ihn „älterer Herr“. Was haben wir gelacht!
Aber im ernst: Diese kleine Geste, diese ganz natürliche Regung jemanden in den Bergen zu helfen, ist hier noch nicht abhanden gekommen. Und noch besser ist es wiederum wenn jemand die Kraft hat, sich auf eine so nette informative Art zu bedanken! Danke also Jörg auch dir zu dem Artikel.
Übrigens wens interessiert wie ich Erwin kennengelernt habe:
Vor drei Jahren war ich zum Klettern in Spanien am Penon de Ifach (oder so ähnlich) mit meiner Barbara, als sie noch das unscharfe Ende meines Kletterseiles bedienen konnte oder wollte. Ich war gerade angekommen und staunte unten über die herrliche Talseite dieser riesigen Felswarze, einem Penis nicht unähnlich wie Erwin sagt. Da kommen zwei ältere Herren, Ausländer mit furchtbarem Dialekt der deutschen Sprache geringfügig angelehnt und als Bergsteiger verkleidet. Ich sagte noch zu Barbara:“ Gucke mol, da gommen zwe olle Leide“, da bekomme ich doch tatsächlich zur Antwort: “Du kletterst doch auch und siehst viel älter aus!“
Das war der Beginn einer wunderbaren Kletterwoche und einer schweizer- deutschen Bergfreundschaft, die bis heute anhält. Auch dadurch, dass der Bruder von Erwin, der Sepp, seine Frau Lilien mitgebracht hatte, vor einiger Zeit sich durch offensichtlich göttliche Fügung , durch Nachgeben des äußerlichen Druckes(!,wie habe ich das formuliert, lieber Sepp?) oder durch ein Wunder vom größten Himmelhund der Schweiz in den glücklichsten Sklaven der Welt verwandelt hatte und nun die Frauen in fruchtbaren Gedankenaustausch traten. Zu meinem Leidwesen.
Mehr erzähle ich jetzt nicht und schließe mit den klugen Worten von Erwin: „Gerade als er gerade war, kippte er um, was schade war!“ Falsch geraten, liebe Bergfreunde, Erwin meinte mich nach dem zweiten Glas Braulio!


Erhard Klingner        
Leipzig im August 2002

 
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