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nachtrag

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Sebastian Abratzky – ein sächsischer Münchhausen?
Im Zusammenhang mit der Vorbereitung meines Vortrages beim Festungsverein Königstein am 23. Februar 2002 über die Durchsteigung des Abratzky-Kamins in den letzten fünfzig Jahren beschäftigte ich mich mehr zufällig mit diesem, inzwischen über 150 Jahre zurückliegenden, frühen Kapitel sächsischer Bergsteigergeschichte.

Wie es nicht anders sein konnte – zuerst nahm ich den Abratzky'schen Bericht von 1886, sächsische Wander- und Kletterführer der letzten hundert Jahre sowie meine „Zeitungsartikelsammlung Sächsische Schweiz” zur Hand. Beim kritischen Quellenstudium kamen mir bald Zweifel über den Wahrheitsgehalt des Abratzky'schen Berichtes, jedoch erst recht über die sich wiedersprechenden, und ein ums andere Mal nur abgeschriebenen und ausgeschmückten „Tatsachenberichten” und Legendenfortschreibungen aus den letzten fünfzig Jahren – bis hin zur heutigen „offiziellen” Festungsliteratur. Dabei stachen mir vor allem die bis heute beständig wiederholte „einzige Ersteigung”, die „zwölf Tage Haft”, „lebte vom Verkauf seiner Ersteigungsgeschichte” sowie „Sebastian Abratzky – der Verfasser” ins Auge.

Meine Vortragsausarbeitung sowie die dem Vortrag folgenden vielen sachdienlichen Hinweise der Festungsvereinsmitglieder sowie vom Museum der Stadt Zerbst bestätigten meine grundsätzlichen Zweifel und weckten mein Interesse an weiteren Recherchen. Eine erneute eigene Durchkletterung des Abratzky-Kamins sowie mehrere lange Studiennachmittage in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek schufen die Grundlage für eine längst fällige Richtigstellung.

Wenden wir uns deshalb dem Ursprung aller Berichte und Legenden, der Schrift von Abratzky aus dem Jahre 1886 zu. Ein Beleg für ein früheres Erscheinen dieser Schrift konnte bisher trotz vieler anders lautender Buch- und Zeitungsspekulationen nicht erbracht werden. Fachleute bestätigten, dass möglicherweise die Zensur Derartiges in Sachsen zu verhindern gewusst hätte. Wohl noch nie ist bisher gründlich hinterfragt worden, ob denn der Essenkehrer Sebastian Abratzky überhaupt zum Verfassen solch einer Schrift in der Lage gewesen wäre! Diese Frage ist meinerseits mit einem klaren Nein zu beantworten! Nein, Sebastian Abratzky war nicht in der Lage, diese Schrift zu verfassen, und er hat es tatsächlich auch nicht getan.

Gründliches Suchen erbrachte nach über 140 Jahren folgendes Ergebnis: Erst ein Redakteur der Leipziger „Gartenlaube” – nachdem er die Schilderung von Abratzky hörte - verfasste 1859, elf Jahre nach der Abratzky'schen Festungsbesteigung, einen umfangreichen phantasiereichen „Gartenlaube” – Bericht (Heft 12/1859) mit einem sagenhaft abschreckenden Bild der Festung Königstein. Eine nachhaltige Wirkung im Bereich Dresdens und der Sächsischen Schweiz kann dieser „Gartenlaube”-Bericht jedoch nicht gehabt haben, ansonsten wäre er in die Sächsische-Schweiz-Literatur eingeflossen.

Danach wurde es um Abratzky fast drei Jahrzehnte ruhig in Sachsen. Nur das „Dresdner Journal” Nummer 79 vom 6. April 1865 berichtete, dass ein Sebastian Abratzky wegen verschiedener Vergehen seit 1860 eine fünfjährige Arbeitshausstrafe verbüßte. Wegen mehreren Einbrüchen und Diebstählen („im Diebstahlshandwerk erfahren”) wurde er nunmehr zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Das heißt, Abratzky war zwischen 1860 und 1870 aus dem öffentlichen Verkehr gezogen. Zuvor war er zwischen 1850 und 1859 neun Jahre beim Militär (Preußische Jägerbrigade). Seine Spur findet sich erst in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Stadt Zerbst (Sachsen-Anhalt) wieder. Hier erschien der erste belegbare Druck von: „Die einzige Ersteigung der Festung Königstein durch Sebastian Abratzky, von demselben erzählt, Preis 25 Pfennig, Zerbst 1886, Selbstverlag des Verfassers”. Die gesamte sechsseitige Schrift ist bis auf wenige Sätze ein wortgetreuer Nachdruck des Beitrages in der „Gartenlaube” von 1859.

Unbekannt ist bisher, ob die sächsischen Militärbehörden, später die Reichswehr oder die Wehrmacht, etwas gegen die Verbreitung der Schrift von Abratzky unternommen haben. Denkbar ist doch zweifellos, dass es nicht im Sinne der Festungsnutzer und Festungsbesatzung war, wenn die von Abratzky geschilderte Ersteigung der Festung von anderen kühnen Kletterern wiederholt worden wäre. Wir können davon ausgehen, dass die Schilderung in der „Gartenlaube” – und der wortgetreue spätere Nachdruck durch Abratzky selbst – mit dem Ziel erfolgte, seine abenteuerliche Tat gebührend herauszustellen. Dabei sind bei einer genauen Betrachtung eine Anzahl Richtigstellungen erforderlich:

Abratzky: „Vor mir lag die Festung, die 1400 Fuß hohe und allbekannte Felsenfeste.”
Das Lexikon sagt, dass „ein sächsischer Fuß” 0,283 Metern entspricht. Das wären fast 400 Meter. Tatsächlich liegt das Festungsplateau nur 240 Meter über der Stadt.
Abratzky: „So hing ich an der steilen gegen 400 Fuß hohen Felsenwand.”
400 Fuß entsprächen 113 Metern. Ganz sachlich sei vermerkt, dass die Abseilhöhe im Kletterführer mit akkurat 34 Meter angegeben ist, also nur einem Drittel der von Abratzky angegebenen Höhe entspricht.
Abratzky gab an, dass es 10 Uhr schlug, als er „schon ein hübsches Stück in die Höhe” gekommen war und „in der Stadt die Glocken zu Mittag schlugen”, als er die Mauer erreicht hatte, er also etwa drei Stunden um die Erklimmung des Königsteins kämpfte. Dabei handelte es sich bei Abratzky um einen sehr geübten Schornsteinkletterer. Ein normaler Kletterer benötigt heute etwa 15 bis 20 Minuten für den gesamten Aufstieg.
Abratzky schilderte seinen Ausblick wie folgt: „Die Elbe blitzt im Sonnenschein”, und „Mir gegenüber erhebt sich der Lilienstein”, schrieb er an anderer Stelle. Vom Kamin aus den Lilienstein zu sehen ist absolut unmöglich, selbst die Elbe ist direkt vom Kamin aus nicht sichtbar. Alles wird vom Fels der Königsnase verdeckt.
Abratzky: „Ein gewaltiger Schwung, ein gewaltiges Heben, und ich bin in der Festung.” Der bekannte Touristenführerautor Theodor Schäfer schrieb jedoch 1900: „Er würde aber ohne Hilfe der Schildwache, die ihn bemerkt hatte, nicht über die Brustwehr gelangt und vielleicht abgestürzt sein.” Unterhalb der Festungsmauer wurde in den folgenden Jahren durch Steinmetze zusätzlich ein großes Stück Fels abgespitzt, um ein erneutes Überklettern der Mauer zu verhindern.
Abratzky: „Die Untersuchungshaft, die nun bereits 12 Tage gedauert hatte, sollte ich als Strafe für meine Verwegenheit ansehen.” Die „Chronik der Festung Königstein, 2. Teil, 1. Abschnitt, 1845-70” sagt jedoch zweifelsfrei aus: „1848, März 19., erstieg in einer Schlucht zwischen Königsnase und Schmelzküche der Feueressenkehrer Abratzky die Festung und wurde von der Schildwache arrestiert. Nachdem sich durch das Verhör herausgestellt, dass kein besonderer Grund ihn zu dieser Tat veranlasst, wurde er nach ½ tägigem Arrest entlassen.”

Diese Richtigstellungen soll jedoch den Wert des Abratzky'schen Berichtes nicht schmälern, er ist nur mit Vorsicht zu genießen. Zweifelsfrei zählt die klettersportliche Leistung, die Sebastian Abratzky mit dieser Kamindurchsteigung im Jahr 1848 vollbrachte, zu den Herausragenden in der Frühzeit des sächsischen Kletterns.

Noch heute wird Abratzky bei Stadtführungen in Zerbst als „Sonderling” und „Lotterbube” gedacht, der damals im Auftrage der Stadt auch die Krähennester im Stadtpark auszunehmen hatte.

„Ueber Berg und Thal”, die Zeitschrift des Gebirgsvereins für die Sächsische Schweiz, veröffentlichte am 15.4.1897 längere Auszüge aus der Schrift von Abratzky sowie folgende Information: „Am 26. Januar d. J. verstarb in Dresden 66 Jahre alt der tollkühne Erkletterer der Festung Königstein, Sebastian Abratzky; ein Gehirnschlag traf ihn und machte seinem vielbewegten Leben ein Ende.” [...] „Seine Frau verstarb vor ihm; er hinterlässt einen Sohn, welcher in Bernburg ein kaufmännisches Geschäft betreibt, und vier Töchter, von denen zwei noch unversorgt sind.”

Im ersten Kletterführer von Rudolf Fehrmann aus dem Jahr 1908, „Der Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz” sowie in allen weiteren Ausgaben bis 1990, fand der Abratzky-Kamin keine Erwähnung, ging es dort ja um die Beschreibung der Aufstiege auf Kletterfelsen. Im Jahr 1925, erschien in der Reihe „Der Bergsteiger”, herausgegeben von der „Gilde vom Berge” und bearbeitet von Dr. Waldemar Pfeilschmidt „Alte Kunde von ersten Kletterfahrten im Sächsischen Felsengebirge” mit Auszügen der Abratzky-Schrift.

In „Bergsteigen in Sachsen” schrieb Albert Goldammer 1936 in seinem Beitrag „Die bergsteigerische Erschließung des Sächsischen Felsengebirges”: „Ersteigung des Königsteiner Festungsberges durch eine hohe Felsenspalte. Der Schornsteinfeger Sebastian Abratzky führte damit die erste bekannte ‚Massiv'-Kletterei in sportgerechter Weise durch, die ihm so ganz nebenbei 12 Tage Haft eintrug.”

Nach Jahrhunderten als Festung, Gefangenenlager und Jugendwerkhof wurde die Festung Königstein ab Mai 1955 zu einem öffentlich zugänglichen militärhistorischen Festungsbauwerk. Zeitungsbeiträge berichteten nun Jahr um Jahr über die Festung, ihre wechselvolle Geschichte und über die „Einzige Ersteigung” durch Abratzky

Auch der Abratzky-Kamin gewann nunmehr das Interesse der Bergsteiger. Es war der 1935 geborene Andreas Schneider, der Mitte der fünfziger Jahre auf die Idee kam, mit der Mähr von der „einzigen Ersteigung der Festung” Schluss zu machen. Seine Eltern bewirtschafteten zu dieser Zeit einen Bauernhof unter dem Königstein. Der Kontakt mit der Festung, das Herumstreifen um den Festungsberg, die gehörten Erzählungen und Berichte über Abratzky, und nicht zuletzt die Schließung des Jugendwerkhofes und die öffentliche Zugänglichkeit der Festung ab Mai 1955 mögen den Entschluss bei Andreas Schneider befördert haben, einen Ersteigungsversuch über den Abratzky-Kamin zu wagen. Am 8. August 1955 gelang ihm mit seinem Bergfreund Erhard Koch die Durchsteigung des Abratzky-Kamins, gelang die neuerliche Festungsbesteigung jenseits des üblichen Weges.

Unter dem Datum 17. Juli 1956 (4. Begehung) schrieb Andreas Schneider in ein „Wandbuch”, das er in einer Blechkasette am Ausstieg vom Abratzky-Kamin deponierte, ein: „Wandbuch des Abratzkyrisses, gelegt am 17. Juli 1956 vom ‚Kletter-Club Lorenzsteiner'. Dieser Riss wurde am 19.3.1848 von Sebastian Abratzky das erste Mal durchstiegen. Unseren Nachforschungen zufolge stieg seitdem niemand mehr auf diesem Weg auf den Königstein. Am 8.8.1955 führten wir somit die 2. Begehung des Weges durch, der am 5.7.1956 die 3. folgte.”

Wie mir Andreas Schneider erzählte, hatte ihn die Erkletterung der Festung auf Abratzkys Spuren sehr gereizt. Als einzige Schwierigkeit bei ihren Erkletterungen der Festung erwies sich der damals noch vorhandene Stacheldraht. Was Andreas Schneider damals nicht in Erfahrung bringen konnte war, dass offensichtlich 1923 bereits eine Gruppe sächsische Bergsteiger als Zweite den Abratzky-Kamin durchklettert hatten. Der Sächsische-Schweiz-Kenner Hermann Lemme hatte in einem Beitrag 1972 darüber informiert. Demgegenüber gibt es in der „Chronik der Festung Königstein” keinen Hinweis auf eine weitere Besteigung nach Abratzky.

Andererseits hatte der Königsteiner Baumeister Naumann, dessen Firma mit Felssicherungen an der Festung beauftragt war, in den zwanziger Jahren den Auftrag erhalten, den Abratzky-Kamin zuzumauern. Von den tatsächlich begonnenen Arbeiten zeugt eine gemauerte Kante mit der Jahreszahl 1928, die sich sechs Meter links vom Abratzky-Kamin befindet. „Man half sich jedoch mit Stacheldrahtrollen.”

Im Jahr 1957 durchstiegen am Freitag, dem 31. Mai, dem Tag nach Himmelfahrt, drei Seilschaften vom gleichen Sebnitzer Kletter-Club „Lorenzsteiner”, nämlich Andreas Schneider und Hans Pflicke, Peter Zirnstein und Klaus Schäfer sowie Rudolf Zirnstein und Kaus Hoyer diesen Kamin. Wie Peter Zirnstein berichtete, gehörte es zu den Traditionen dieses Klubs „Lorenzsteiner”, am Himmelfahrtstag die Barbarine zu besteigen, dann über den Quirl zur Festung zu gehen und diese über den Abratzky-Kamin zu besteigen. Anfangs sei die Aufsicht nicht erbaut gewesen über diese Art der Besteigung der Festung. Zumeist hätten sie dann auch „sitzen” müssen, aber nur in der Festungsschänke, und nicht wie Abratzky, im Gefängnis.

Das erste, von Andreas Schneider gelegte Wandbuch aus dem Abratzky-Kamin an der Festung Königstein hat dort vom 17. Juli 1956 bis zum 1.1.1982 in einer Metallkassette gelegen. Es verzeichnete für diese Zeit - 26½ Jahre, also etwas mehr als ein Vierteljahrhundert - insgesamt 387 Seilschaften mit 885 Personen, die den Abratzky-Kamin durchklettert hatten. Dem kundigen Wandbuchleser verraten die verzeichneten Namen eine Menge interessante Informationen, die hier nicht kommentiert werden können.

Erwähnen möchte ich deshalb nur auszugsweise, dass z.B. am 4. Januar 1974 der bekannte Spitzenkletterer Bernd Arnold den Abratzky-Kamin mit dem Maler und Bergsteiger Christian Hasse und dessen Bruder Dietrich Hasse aus Stuttgart beging. Am 6. Januar 1979 schrieb Johannes Munde als „Jahres-Ersten-Spruch” ein: „Sei mir gegrüßt mit deinen Sagen, mit deinen Zinnen stolz und kühn, die hoch empor zum Himmel ragen. Aus frischen dunklen Waldesgrün, so freundlich hell im Sonnenschein – du stolze Veste Königstein”.

Die bereits genannte Zahl von insgesamt 387 Seilschaften mit 885 Personen für die Jahre 1957 bis 1981, davon mehr als die Hälfte in den letzten zehn Jahren, lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Begehung des Abratzky-Kamins an der Festung Königstein in wenigen Jahren zum festen Bestandteil des Kletterns in der Sächsischen Schweiz wurde. Mit der Aufnahme des Abratzky-Kamins in die sächsische Kletterführerliteratur ab 1991 war der Bekanntheitsgrad dieser „Massiv-Kletterei” weiter erhöht worden.

Zusammenfassend sei hervorgehoben, dass bei allen kritischen Anmerkungen zu den literarischen Übertreibungen jedoch die Achtung vor der klettersportlichen Leistung von Sebastian Abratzky bleibt, die in der Sächsischen Schweiz im Jahr 1848 eine erstaunliche Ausnahme war.

Joachim Schindler

Für sachdienliche Informationen danke ich den Herren Schneider (Ebenheit), Scholze (Dresden), Ziegenbalg (Dresden), Großer (Königstein) und Kunz (Dresden) sowie den Herren Gliniorz (Pirna) und Bagger (Berlin) für kritische Hinweise.

Veröffentlicht in "DER NEUE Sächsische Bergsteiger", Mittelungsblatt des SBB-Sektion des DAV, Nr.2, Juni 2002, 13.Jahrgang

 
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