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Eine ungewollte Nachtwanderung im Pamir



(Meine Erlebnisse am Pik Lenin 1975)


Ich bin ganz berühmt. Als Kletterer, weniger als Bergsteiger. Bergsteiger war ich mal, vor der Wende, also 1989. Auch auf über 7000m hohen Bergen. Obwohl Reinhold Messner gesagt hat, dass Bergsteigen kein guter Einfall für Asthmatiker ist. Da hat sich der große Meister eben mal getäuscht. Ja, ich bin ganz berühmt als Kletterer und Bergsteiger. Aber leider nicht, weil ich so gut bin, sondern weil ich so viele Fehler gemacht habe. Und alle überlebt. Sonst könnte ich ja darüber nicht erzählen. Aber andere können davon lernen. Man muss ja Fehler nicht zweimal machen. Und wie zu DDR – Zeiten gesagt, keiner ist umsonst, er kann ja immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Auch wenn die folgende Geschichte sich sehr weit weg, in Mittelasien zutrug.
1975 war’s. Eigentlich sollte es eine ganz normale Bergfahrt werden. Einfach mal hinfahren, in den Pamir und einen der flachen schneebedeckten Berge hochlaufen und sich mit dem Ruhm eines hohen Gipfel über 7000m schmücken. Denn richtige Bergsteiger waren wir in der DDR alle nicht. Dazu hatten wir gar keine Gebirge. Zumindest keine, die uns zugänglich, besser gesagt, erlaubt waren. Aber es gab Lücken in diesem engen Korsett des System unseres kleinen Überwachungsstaates. Wer sich aber durch besonderen Fleiß, Mut und Können in unseren Felsengebirgen auszeichnete, wer bei Winterbegehungen im kleinsten Hochgebirge der Welt, der Hohen Tatra, Härte, Ausdauer und genügend Selbstverachtung mitbrachte (es mussten NW-, Nord- oder NO- Wände sein!) und durch wohlfeiles Dulden und Stillhalten (als „Kriecher“) gegenüber diesem Land auffiel, der durfte mehr. Genau das war und das durfte ich. Habe mich gerade gut beschrieben, so rückblickend. Mehr war Kaukasus, Pamir, Mongolei. 1975, im zarten Alter von 32 Jahren erlaubte mir die Führung der Diktatur des Proletariats meines Landes (war es der Generalsekretär und Vorsitzende des Staatsrates persönlich? Dann Danke, lieber Genosse Erich Honecker) das Bruderland Sowjetunion ausnahmsweise das erste Mal zu besuchen.
Ich fass mich kurz. Drei Wochen Internationale Alpinade am Fuße des Pik Lenin. Bergsteigermannschaften aus aller Herren Länder. Wir Dutzend Hanseln stachen auch äußerlich hervor. Abenteuerlich gekleidete und ausgerüstete DDR -Bergmenschen. Eher den Russen ähnlich als den westlichen Berganwärtern. Aber eines hatten wir allen voraus, wir wollten mit aller Macht da hoch, koste es, was es wolle. Wir wussten ja nie, ob wir dahin noch mal kommen! Man ahnt an dieser Stelle schon, dass das nicht gut gehen kann. Ihr täuscht Euch, liebe Bergfreunde, der Fehler kommt später. Noch waren wir alle beisammen und der liebe Gott beschützt Kinder, Betrunkene und Bergsteiger, falls ihr das noch nicht wisst. Alles ging gut.  Wir bauten unsere Lager auf, I bis IV. Jeden Tag ein Lager höher. Mit Unterbrechungen und Abstiegen bis ganz runter. Das nennt man Akklimatisation. Lager I erreichte man über die Zwiebelwiese, den Mehlpass und den langen Gletscher am Fuße der konkaven Nordwand. Diese dann, anfangs sehr flach ansteigend hoch und nach rechts ausbiegend in eine vergletscherte Talmulde zum Lager II. Dort habe ich ein paar Mal geschlafen, im Zelt, mit vielen anderen und mich sehr, sehr gut und sicher gefühlt. So kann man sich täuschen. Ein paar Jahre später hat sich diese Talsohle  nach einem Erdbeben mit Eis ein paar Dutzend Meter hoch aufgefüllt und leider viele Bergsteiger dabei für immer begraben. Und im Lager III auf dem Grat habe ich damals sogar ein Erdbeben richtig verschlafen, wie mir anderentags die Freunde verstört mitteilten. Vielleicht lebe ich sogar seit damals nicht mehr und habe nur ein schönes Leben in der Matrix. Ganz schöner Programmier- und Rechenaufwand bis jetzt 2012.
Jedenfalls sind wir alle gut hochgekommen, auf den Gipfel in 7134m Höhe, und haben sogar versucht ein Berglied zu singen, das wir vom Peter Popp gelernt gemusst bekommen haben. Danke, du Krepl, dass du das längste und komplizierteste aller Lieder herausgesucht hast. Also, enttäuschend für Euch, alles ging gut. Der Abstieg zwei Tage lang mit dem Gegenanstieg über den Mehlpass. Wir haben nichts und niemanden oben gelassen und waren glücklich und zufrieden und erfolgreich wieder im Basislager. Und eben fast zu zeitig wieder zurück. Ihr werdet es kaum glauben. Das war der erste Fehler einer nun folgenden langen Reihe davon. Denn wenn wir uns mehr Zeit gelassen hätten, wäre das alles dann nicht passiert.
Und das kam so.
Nach zwei Tagen ausruhen waren wir durchtrainiert und tatendurstig zum Nichtstun verdammt in dieser wunderschönen Gegend. In dem riesigen Tal mit dem Fluss in der Mitte, der oben vom Gletscher kam.  Auf der anderen Seite des Flusses konnte man die Jurten der einheimischen Nomaden mit Ihren Herden sehen. Da müsste man hin, war unser Gedanke. Der nächste Fehler. Denn über den Fluss, vielleicht dreißig Meter breit und reißend, kam man nicht. Also sind wir hoch zum Gletscher gelaufen, haben uns das interessante Mundloch angeschaut, aus dem der Fluss entspringt und sind auf der anderen Seite das Tal wieder abwärts gelaufen. Was für ein herrlicher Tag. Oben auf den höchsten Wiesen haben wir uns einer Yakherde genähert und ausgetestet, wie weit man herankommt. Da waren wir nur noch zu dritt. Das hätte uns stutzig machen sollen. Die anderen waren umgekehrt. Aber wir beschlossen noch die Bewohner der Jurten zu besuchen. Das war ein großes Erlebnis, wir wurden eingeladen und der Tag verging wie im Flug. Zwischendurch versuchten wir uns in Optimismus. Der Fluss wird sicher abends weniger wasserführend, da es kälter wird und dann kommen wir schon rüber. Welch ein Irrtum! Und dann wurde es schon fast dämmrig. Nach einigen Fehlversuchen, den Fluss zu Fuß zu überqueren (Achtung, Lebensgefahr!) stellten wir uns am Flussufer auf und schrien nach Leibeskräften hinüber zu unserem Basislager, mit der Hoffnung, dort gehört zu werden. Aber das Lager war weit und der reißende Fluss übertönte uns leicht. Trotzdem hörten oder sahen uns einige Hirten und bald darauf stand das ganze Lager auf der gegenüberliegenden Seite. Nun waren wir so gut wie gerettet, dachten wir. Nach einer Weile wurden auf der anderen Seite erste Versuche unternommen. Vermutlich die besten und mutigsten Hirten versuchten als Reiter auf Ihren Pferden zu uns zu kommen. Sie schlugen wie wild auf die Pferde ein, aber weit kamen sie nicht. Wahrscheinlich waren die Pferde auch nicht dumm oder gar lebensmüde. Nun war es schon spät, aber noch hell. Da gab man uns den Rat, genau so wieder zurück zu laufen, wie wir gekommen sind. Oh, hätten wir nur nicht auf sie gehört!
Nun ging’s im Eilschritt zurück. Auf halber Strecke hoch zum Gletscher schlug das Schicksal das erste Mal zu, bei mir. Man musste ja einige Seitenbäche überqueren. Auf dem Hinweg ist uns das nicht weiter aufgefallen. Aber jetzt hatten wir es eilig und es dämmerte schon und ich wie immer vorweg. Einer der Bäche, zwar nur knietief, wurde mir zum Verhängnis. Ich weiß noch wie heute, er war nur ein paar Meter breit, aber ich verfehlte einen großen Stein im Wasser und machte eine komplette Rolle darin und stand pudelnass, kalt und zitternd am Ufer! Dann wurde es dunkel. Eigentlich schlagartig sehr dunkel und die Landschaft war auf einmal gefühlt nicht mehr eben. War der nächste Schritt einer ins Leere? Genau, ja oder nein. Zum Glück hatte einer von uns ein paar Schistöcke mir, die uns ja schon am Berg gut geholfen hatten. Hier nun auf eine ganz andere Art: Die Stöcke waren ab Dunkelheit unser Verbindungsglied. Nur der vorderste war ab da gefährdet, wurde aber wenn nötig, vom anderen gehalten. Falls es abwärts ging, einen oder viele Meter, das merkte man erst hinterher. Ob es ein kleiner Dreckberg war oder ein Abgrund. Schade, dass uns keiner gesehen oder gar gefilmt hat. Das Bild, wie drei Blinde sich über manch winzigen Haufen stiegen oder wälzten und sich fürchteten, meist umsonst. Da wussten wir noch nicht, dass es noch schlimmer kommen würde. Nämlich dann auf dem Gletscher. Das Mundloch hörten wir noch rauschen, ja brüllen. Daran konnte man noch sogar orientieren. Aber dann so etwa mitten auf dem Gletscher kam unsere kleine Menschenkette zum Stehen. Wir hatten uns in eine ausweglose Lage gebracht. Ringsum unebenes, glattes Eis, überall lauerten Spalten. Über uns wölbte sich ein nie gesehener Sternenhimmel ohne Mond, unendlich klar und weit und sogar am Horizont konnte man die Konturen einer fernen Bergkette erkennen, aber die Hand vor den Augen nicht! So standen wir, ich nass und kalt, mit einem Regenumhang geschützt, auf dem von unten unheimlich kalt abstrahlenden Gletscher. Ich auf das Ende wartend. Es war noch nicht Mitternacht und die Aussicht auf einen Weiterleben war sehr gering.
Gibt es noch Wunder oder gibt es Gott wirklich? Das weiß ich bis heute nicht, aber ich weiß, dass es Bruno und Eberhard gibt, meine Leipziger Bergfreunde. Die ja an diesem „Wandertag“ anfänglich mit dabei waren und schon bei ihrem taghellen Rückweg große Mühe hatten, über den stark zerklüfteten Gletscher zu finden. Dann, im Lager, wurde ihnen mit fortschreitender Abendzeit klar, dass wir das nicht schaffen. Sie überzeugten die Lagerleitung, unter ihrer Führung eine Hilfsgruppe loszusenden und mittels eines geländegängigen Fahrzeuges das ganze noch zu beschleunigen. Das muss man sich mal vorstellen. Sie sitzen gemütlich im warmen gemütlichen Lagerzelt und bestehen darauf, ein paar Dumme in der Kälte und in der Dunkelheit zu suchen! Und das noch mit der Aussicht auf wenig Erfolg, denn der Gletscher ist riesengroß und auch noch laut. Ja, wer’s nicht weiß, es gurgelt und poltert, so dass auch laute Rufe nicht weit kommen. Jetzt weiß ich’s zumindest.
Nun, ich lebe noch. Kurz vor dem Erfrieren sage ich zu meinen beiden Dresdener Freunden und Leidensgenossen, seht, da kommt ein Licht! Du spinnst, war die Antwort, wer weiß, was sie wirklich dachten. Aber dann waren es sogar zwei Lichter und sie kamen auf uns zu. Sie hatten viele Möglichkeiten, uns zu verfehlen, uns nicht zu finden. Denn hören konnten sie uns wie gesagt nicht. Und dann gab es aus der Entfernung von nur wenigen Dutzend Metern das Wiedersehen, Wiedertreffen, Wiedererkennen. Die Rettung.
Irgendwann war ich im Zelt und habe 24 h geschlafen. Und es hat noch ein paar Tage gedauert, vielleicht auch länger, um wieder ein normaler Mensch zu werden.
Manche werden nun sicher behaupten, dass ich das bis heute nicht wieder geschafft habe. Ich nehme es ihnen nicht übel. Hauptsache, ich lebe! Und: Danke, lieber Bruno, danke lieber Eberhard!

Erhard Klingner

An einem nasskalten Wintertag Anfang März 2012 in Leipzig



 
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