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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 1



Ochelweg


Die Ochelwände, das schönste Klettergebiet der Welt. Dachte ich, manchmal. Es soll Bergfreunde geben, die alle 13 Klettergebiete in der Sächsischen Schweiz kennen und das inoffizielle 14., das schönste, aber nicht. Na gut, so ganz ernst gemeint ist das nicht. Aber ich habe das so empfunden in den 20 Jahren, wo ich dort als Leipziger Kletterer zu Hause war. Genauer gesagt auf unserer Berghütte in Waitzdorf, dem ausgebauten Pferdestall vom Vierseithof des Martin Fasold, dem großen Martin. Meines Wissens das einzige Dorf, das mitten im Nationalpark liegt und vielleicht sogar das Idyllischste.
Ganz nah und leicht zugänglich sind zwei schöne Gipfel, der Lärmchenturm und der Michaelistagstein, gleich neben oder, sogar genauer gesagt unter der wunderbaren Aussicht. Theoretisch kann man beide in fünf Minuten besteigen. Den Lärmchenturm mit einem Sprung. Am besten dabei ein Seil, das noch in der am Massiv angebrachten Sicherungsöse hängt, mitnehmen und dann zurück springen. Und danach den Michaelistagstein. Da stellst du einfach einen knapp Zweimeterbergfreund als Überfallbaumann in die Scharte und läufst hoch. Na gut, dann ist es noch VIIIa, aber eben kurz, sehr kurz, ein kürzester Aufstieg. Das schönste ist dann das Ausklingen eines Klettertages auf der Bank, die auf der Aussicht steht. Dein Blick schweift über fast die ganze Sächsische Schweiz, bei gutem Wetter bis ins Osterzgebirge. Rechts und links der Aussicht sind tiefe wilde Schlüchte, die mich immer an romantische tiefsinnige Bilder von Caspar David Friedrich erinnern. Und du bleibst, bis die Sonne über der Brandaussicht unter geht.
In solchen Momenten erinnerst du dich gern an alte Zeiten, an große Taten, erinnere ich mich an den Ochelweg:


Ich zitiere aus dem Mitteilungsblatt des Deutschen Verbandes für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf, Heft 1 – Januar 1983

2 Erstbegehungen in den Ochelwänden (1979)

Jahre schöpferischer Eigeninitiative verhalfen uns zu einer Berghütte und einem neues Klettergebiet, dem Brand, genauer den Ochelwänden. Das war nicht so einfach! Das Brandgebiet ist bei vielen sächsischen Kletterern beiweiten nicht das beliebteste Kletterziel.  Es gibt schwere Risse, da fühlt man sich einen ganzen Schwierigkeitsgrad unterbewertet und es gibt Reibungen, die bei Trockenperioden  bequeme Treppen sind, die jedoch zu normalen Zeiten  als das Letzte im Fels bezeichnet werden müssen. Aber ich bin schon in einigen Klettergebieten heimisch geworden, die mir anfangs nicht so lagen. Man muss nur den Fels lange genug  fühlen, oft genug klettern, dann stellt sich die gewohnte Vertrautheit ein. So war es auch hier. Ich kenne nun viele Gipfel und Wege, die mir Freude und Erfüllung gegeben haben und bei denen der Wahlspruch meines Bergfreundes Lothar zutrifft: Ein schöner Kletterweg muss großen Greif und Tret besitzen, gut gesichert sein und einen hohen Schwierigkeitsgrad haben!
Sehr oft war ich am Michaelistagstein. Nicht nur Klettern, auch einfach ins Land schauen. Viele Male sah ich nach getanem Hüttenbau dort der hinter der Brandaussicht versinkenden Sonne zu. Und die Wände des Michaelistagstein wurden durch das sehen freundlicher und boten Möglichkeiten, die dem flüchtigen Betrachter nicht in den Sinn gekommen wären. So reifte allmählich der Plan, die westliche Talseite des Felsens als Erster zu durchsteigen.. Durch die Lage des Felsens – kurze Schartenseite zum Massiv und hohe Talseite – boten sich zwei Möglichkeiten an: Quergang aus der Scharte zur Talseite, dort zum Gipfel und direkt aus der Talseite. Ich wollte zunächst den ersteren der beiden möglichen Wege versuchen.
Ende Mai 1979 stand ich zum ersten Mal mit Eberhard am Einstieg. Das ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man mit dem ganzen Klettermaterial behangen, also Schlingen, Karabiner, Hammer und Kronbohrer, sich in Neuland begibt.. Gleich der erste Schritt ist nicht leicht, nicht das Übertreten vom Vorblock, aber das Heranziehen selbst. Ich beginne den Quergang gefühlsmäßig sehr tief. Da ist nicht viel drin, mit dem vorher die Tritt- und Grifffolge genau ansehen. Die Unebenheiten sind oft sehr klein, man muss es einfach probieren. Nach wenigen Metern Quergang muss ich den Schritt zum ein Meter höheren Band wagen. Ich stehe am Beginn einer angedeuteten Rinne. Immer wieder setze ich an und zögere. Erst das Legen des Sackstichknotens meiner dünnsten Schlinge in einem Fingerloch gibt mir das nötige Selbstvertrauen. Dann stehe ich auf dem höheren Band. Nun fehlen mir noch drei Meter zu einem Felseinschnitt, wo der Ring hin muss. Das Band ist gut, es ist jedoch kein Ruheplatz. Weiter rechts werden die Griffe besser, aber dort drückt der Fels nach außen. Doch der Zug gelingt, ich bin am Einschnitt  und beginne sofort mit den Vorbereitungen für das Ringe setzen. Eine Hand habe ich für den Kronbohrer bequem frei. Aber nach fünf Minuten ist das Ringloch zwei Zentimeter tief und mir wird klar, dass ich so bald herunterfalle. Eine waagerecht zu belastende Knotenschlinge rettet mich im letzten Moment. Mit Hilfe dieser Schlinge habe ich eine Stunde später den Ring an der richtigen Stelle, aber die Kraft ist weg.
Eine Woche später mache ich mit Ralf den nächsten Versuch. Ralf ist Anfänger, aber Mut und Einsatzwille befähigen ihn zu großen Taten. Wieder erreiche ich unter großen Anstrengungen den Ring. Mit etwas Seilhilfe ist Ralf bald bei mir und sichert mich für den Weiterweg. Der ist noch völlig offen. Das geradeaus sehr schwer aussieht, versuche ich es rechts. Nach fünf Meter Quergang bin ich aber in Bernd Arnolds „Neuen Talweg“ und das gefällt uns nicht. Also doch gerade hoch! Nach vielem Probieren weiß ich Griff- und Trittfolge. Richtig ausgeruht gehe ich den Überhang mit Überlegung und großem Willen an und stehe gleich darauf sehr glücklich auf einem kleinen Reibungstritt im schon geneigten Fels. Nun fehlen mir noch drei Meter bis zum leichteren Gelände, ich kann das Ziel gut sehen. Und doch vergehen gut 15 Minuten, ehe ich den nächsten Reibungszug wage. Ja, der Erstbegeher hat es nicht leicht. Aber groß ist die Freude auf dem Gipfel: Der „Waitzdorfer Weg“ (VIIc) hat seine erste Begehung.
Mitte Juli stehen wir wieder am Michaelistagstein, aber diesmal in der Talseite und alles scheint klar zu sein: In halber Wandhöhe steckt schon der Ring (Ralf sicherte mich vor ein paar Tagen von unten in einer stillen, beinahe ungenutzt verstrichenen Abendstunde), der Ausstieg ist der des Waitzdorfer Weges ab dessen Ring und mit mir sind bewährte Bergkameraden aus Dresden, Ebi und Karli. Auch diesmal hatte ich erst allerhand Sportfreunde meiner Sektion zur Teilnahme eingeladen, aber es war kein begeisterter Ralf dabei und nicht einmal die Aussicht auf eine kostenlose Flugwoche des Vorsteigers konnte sie umstimmen. Es gibt aber auch ein paar schöne Unklarheiten: Die Wand vom ersten zum zweiten Ring und das Wetter. Ganz ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit  ist es nun kalt und windig, ja stürmisch geworden. Es ist so dunkel, dass man das Losbrechen eines Unwetters jeden Moment befürchtet. Aber ich nehme es hier vorweg: Das Wetter hält aus bis zum Gipfel und auch die steile unbekannte Wandzone erweist sich als freundlich. Es wird ein Weg der Superlative für Genußkletterer. Erst steigst du den Kamin in der Talseite bis zu dem rechts beginnenden Handriss hoch und legst noch eine ganz sichere Knotenschlinge. Das gibt die nötige Sicherheit für den nicht ganz leichten Riss, der bis zum Ring noch durch weitere Schlingen gut gesichert ist. Dann am Ring bist du schön draußen an der Kante und hast den Brand, ja die ganze Schweiz unter dir. Du bist allein in dieser mächtigen Felswand hoch über dem tiefen Grund und sogar deinen Nachsteiger kannst du nur hören, er ist nicht zu sehen unter dem riesigen Blätterdach der alten Buche da unten. Später nimmst du vom Nachsteiger am ersten Ring gesichert den Weg zum zweiten Ring in Angriff: Geh nur ein, zwei Meter nach rechts, dort sind Riesengriffe, schöner geht’s nicht. Aber sei vorsichtig, belaste gut den Fels und nicht die Sicherungskette durch eine Flugphase. Am zweiten Ring hast du den Weg theoretisch in der Tasche. Nun kann eigentlich nichts mehr passieren, der Waitzdorfer Weg folgt wie gehabt. Alle Griffe am Überhang sind klein und eisenfest und die Schlingen kannst du beruhigt zurücklassen, auf den paar Metern gibt es nichts mehr zu legen. Aber so viel sei verraten: Der Ausstieg ist die Würze des Weges, die Krönung des Ganzen, mehr nicht!
Also, liebe Bergkameraden, wenn ihr einen Weg machen wollt, auf den der Wahlspruch meines Bergfreundes Lothar zutrifft, dann ran an den „Ochelweg“! Und wenn ihr dann auf dem Gipfel sagen solltet, dass sich das Anstellen am Einstieg gelohnt hat, bin ich schon zufrieden.

Nachbemerkung des Autors:

Den Waitzdorfer Weg gibt es nicht mehr. Die zuständige Fachkomission hat nach dem Ochelweg beschlossen, dass dieser nicht mehr als selbstständiger Weg anzusehen ist.
Ein sehr merkwürdiger Text! Das soll ich vor 30 Jahren erlebt und geschrieben haben? Da war ich echt noch jung, engstirnig, klettergeil, ehrgeizig und ein bisschen lebensmüde. Ich war mal wieder dort, und am meisten hat mich der altersgerechte leichte Zugang, die wunderbare Aussicht, das mahnende Gedenkkreuz und die nahe Gaststätte mit den besten Bratkartoffeln der Welt beeindruckt. Klettern tu ich jetzt viel in meiner zweiten Gohrischer Heimat, wo alles noch besser gesichert ist und ich mein geliebtes Klettern nach dem Wahlspruch „Nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ (o.s.ä.) auslebe. Und inzwischen soll der Ochelweg auch gar nicht mehr so gut gesichert sein. Aber ich habe diese Zeilen gern geschrieben, sind mir dadurch auch wieder viele gute erlebnisreiche Stunden in den Ochelwänden in Erinnerung gekommen, u.a. auch ein paar Fotos aus diesen wilden Zeiten.

Die Ochel ist die Uchel. Das ist eine ortsübliche Bezeichnung für einen Fisch, dieser könnte evtl. die Forelle sein. Schwamm (und schwimmt immer noch) eben dort unten in der Sebnitzbach rum und die Wände darüber sind eben die - Ochelwände.



Erhard Klingner im Dezember 2011

 
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