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Erhard > Meine Bergfreunde



Meine Bergfreunde, Ossi


An einem schmuddeligen windigen Wintertag hier im Flachland, so kurz vorm Jahresende, wird man nachdenklich und man kommt auf seltsame Gedanken. Einen großen Teil seines Lebens verbringt man im Bett oder mit Arbeit oder mit seiner Frau, bis hierhin alles normal. Und auch mit seinen Bergfreunden. Es ist komisch, es gibt so viele Bergfreunde, Kletterer, und vor allem auch junge hübsche Kletterinnen auf dieser Welt, mit denen ich vielleicht lieber klettern würde, aber meist sind es immer wieder wir vier Bergfreunde, seit vielen Jahren immer die gleichen.
Es sind der Peter, der Rolf, der Ossi, der auch einen richtigen Namen hat, den keiner kennt, und ich.

Zu Ossi (69) ist eigentlich nicht viel zu sagen; er sagt ja selbst nicht viel. Vielleicht weil er  so schwer hört. Aber ich vermute, selbst wenn er gut hören würde, würde er in unserer Gruppe nicht groß auffallen. Er ist der bescheidenste unscheinbarste Mensch dieser Erde. Das beweist er täglich im Auftreten und in seiner Ausrüstung. Und diese hat sich schon geändert, seitdem Ossi uns kennt und wir ihn. Das war vor fünf Jahren, am Höllenhund. Wir stiegen durch die Talseite und ich kann mich noch gut an den Schock erinnern, wie ich bei einem zufälligen Blick nach oben einen alten Mann seilfrei durch die Südwand steigen sah, barfuss in einem Schlosseranzug, hoch und wieder runter. Unten angekommen stellte sich heraus, dass der Übeltäter nicht mal schlechtes Gewissen hatte. Er wäre Kletter – Autodidakt, wüsste es nicht besser und macht es immer so. Das haben wir nun geändert. Er hat nun Seil und Kletterschuhe (von uns teilweise geschenkt) und geht mit uns und ist ein dankbarer belastbarer und fleißiger Sicherungsmann und lebt noch. Was nach unserer Meinung sonst gar nicht so sicher wäre. Was sich nicht geändert, ist alles andere, wie Rucksack und Fahrrad und Kleidung. Kurz gesagt, es ist meist sehr alt, entweder geschenkt oder gefunden. Das Fahrrad ist ein antiquarisches Fundstück aus dem Schrott. Auf dem besonders stabilen langen Rahmen steht „SIMSON SUHL“.
Das letzte Fahrrad hat diese Firma 1950 hergestellt. Aber um nichts auf der Welt würde er sich davon trennen. Es hat zwar keine Gangschaltung, aber es ist nach seiner Meinung unkaputtbar. Alles was kaputt gehen könnte hat er immer dabei, wie Ersatzkette und Flickzeug. Eine Gangschaltung könnte dieses Prinzip zerstören. Deshalb muss er das Fahrrad oft berghoch bei dem weiten Weg von Steina bei Pulsnitz bis zu uns in die Sächsische Schweiz schieben. Er sagt, mit zunehmendem Alter braucht er länger (zur Zeit 2,5 h) und die zu schiebende Strecke wird länger. (Ich kann mir nicht vorstellen, wie man nach einem langen Klettertag noch so lange nach Hause fahren kann, mir wurde mein Fahrrad mal bei Schmilka gestohlen und mir ist noch der weite Weg zu Fuß nach Bad Schandau in Erinnerung, ich war am Ende). Seit einiger Zeit schließt er das Fahrrad auch an. Wegen der Unberechtigten, die in seiner Abwesenheit am Fels damit gefahren sind. Die Kette mit historischem Schloss war eines Tages gestohlen, das Fahrrad nicht! Nun hat er ein neueres, ein DDR – Schloss. Auch dieses hat er eingebüßt, aber durch eigene Schuld: Der Schlüssel ist aus seinem Rucksack herausgefallen, in eine Felsspalte am Onkel. Aber kein Problem für Ossi. Er hat dann das Schloss am Fahrrad nur drei mal hin und her gebogen und schon war es auf (sprich kaputt). Bei diesem Prinzip ist er geblieben. Seine größte Sorge ist der Uraltrucksack, der nun langsam zerfällt, der aber genau auf seinen Gepäckträger passt. Kein anderer als dieser auf der Welt wäre geeignet, so Ossi. Außerdem hat er in Sachen Ernährung ein Sparprogramm seit Geburt aufgelegt: Mittags gibt es eine Flasche Wasser, dieses im Winter warm, so es noch warm ist und eine ganz dicke Scheibe Brot, zu Feiertags mit einer Wurst. Vermutlich wird das ihm zu Hause von seinen zwei Frauen zugeteilt. Wir durften sie auch schon mal kennenlernen. Es war ein großer Fehler von Rolf und mir, die Tochter (unverheiratet?) in ein Gespräch zu ziehen und nach ein paar Bier sozusagen „versteckt“ zu loben. Wir sind nur knapp körperlich unversehrt entkommen! Nun zum Klettern. Das geht oft gut aus. Meistens. Letztens am Sandschlüchteturm hatte ich Glück, als mich Ossi sicherte. Der erste Ring war weit oben und ich erreichte ihn nur knapp, wie man so sagt, mit letzter Zehe. Den Karabiner hatte ich schon drin und schrie nach dem Seil zum Einhängen, aber Ossi zog daran, er hört ja schwer (oder nichts?) und hatte es falsch verstanden. Da wurde es sehr knapp in meinem Leben. Seitdem sehne ich mich noch mehr nach jungen Kletterinnen ohne körperliche Gebrechen. Habe ich an dem Wunderkind Ossi keinen guten Faden gelassen!? Das wäre nicht richtig. Er ist sogar der beste von uns Kletterern. Begründung: Es gibt ein richtig gutes Buch über Klettern in der Sächsischen Schweiz und das ist von ein paar tschechischen Kletterern, dort wird Extremklettern gut und liebevoll fotografiert und beschrieben. Und diese Kletterer haben durch einen Zufall unseren Ossi beim Soloklettern gesehen und waren so beeindruckt, dass sie ihm mehrere Seiten in dem Buch „….“ gewidmet haben! Natürlich hat Ossi das Buch nicht gekauft (in seiner „Bescheidenheit“), ja er spricht nicht mal drüber. Ich wäre richtig stolz darüber. (Vielleicht fällt mir noch mehr Text ein)

Zu mir wäre nun nicht mehr viel zu sagen. Es reicht schon, wenn ich mir vorstelle, dass alle Menschen auf dieser Welt so wären, wie ich. Das wäre furchtbar!

Erhard Klingner, Leipzig Anfang August 2010 an einem trüben Sommertag


Ulrich Schlieper, September 2003 - zum ersten Mal im Elbsandstein
Erlebnis eines Gebietsfremden Kletter

"...Vom Gipfel des Raaber Turms in dem mit steilen Felstürmen vollstehenden Raaber Kessel oberhalb von Rathen bot sich uns noch ein besonderes Schauspiel. Am gegenüberliegenden Vorderen Höllenhundturm stieg ein alter Mann in eine leicht überhängende Kante an der etwa 40 Meter hohen Talseite ein. Seine einzige Ausrüstung war eine gelbe Turnhose. Ansonsten war er ohne Seil, ohne Gurt und barfuss unterwegs. Sein Alter schätzte ich auf die Entfernung auf mindestens 60 Jahre. Die Kante wurde senkrecht, er spreitze sich einen breiten Kamin hoch und verschwand dann auf der Rückseite des Turms. Kurz darauf erschien er an der rechten Seite des Höllenhundturms wieder und stieg mit bedächtigen ruhigen Bewegungen eine etwas geneigte Reibungskante zum Gipfel. Nachdem er an diesem sehr exponierten Ort ein kurzes Nickerchen gehalten hatte, kletterte er die gleiche Route, immerhin im sächsischen Grad VI, wieder seilfrei und barfuss ab. Ich war sehr beeindruckt. Sächsisches Freiklettern in Reinform..."

Ossi - Free Solo

 
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