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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Ohne Berge

Ein Kletterer im Piemont ohne Berge
oder
wie ich beinahe im Regen als Trüffelhund endete


Wenn man älter wird, wird man nachgiebiger. Vieleicht gepaart mit Altersmilde, Altersweisheit. Was ein Grund ist, mit der eigenen Frau nach 49 Ehejahren ins Piemont zu fahren, das letzte ersparte Westgeld in der italienischen Genussregion zu vernaschen. Denn Klettergebiete gibt es in der Langhe, dem berühmten Weingebiet des Piemont, nicht. Nur Bilderbuchlandschaft für die Augen und Wanderwege für die Füße eines altersverbrauchten Leipziger Flachlandtirolers (72). Und das Ende März 2015, eine Jahreszeit, wo ich 55 Jahre lang entweder noch mal Ski fuhr oder im südlichen  Europa  zum Anklettern war., wie zum Beispiel voriges Jahr in Finale.. Es muss schon fast als Dummheit bezeichnet werden, wenn das fleißige winterliche Aufbautraining in der Kletterhalle so verschenkt wird. Das muss mir hoch angerechnet werden, deshalb schreib ich das hier auch für die Menschheit auf! Ich sehe mich schon vor dem Himmelstor stehen: „Lass mich rein, lieber Petrus, ich war nicht bei der Legida, ich war im Piemont!“. Wie 1969, wo ich in Leipzig kurz vor der Abfahrt nach Belogradtschik im Fahrstuhl steckengeblieben bin und ich verzweifelt geschrien habe:“ Holt mich hier raus, ich muss nach Bulgarien!“. Nein, sie haben mich dann nicht ausgeliefert nach Dösen.



Nun also Piemont, weil meine Frau das Angebot von Herrn Tschibo nicht übersehen hat. ich habe zu spät erkannt, dass Genua nicht weit ist. Und mit Genua- Tiefs habe ich so meine Erfahrung. Bis jetzt standen die Katastrophen Meldungen immer nur in der Zeitung; bei Hin- und Rückfahrt nach Süditalien jährlich im November haben uns immer nur die Ausläufer gestreift. So schien es auch diesmal zu werden, im Regen kamen wir an und wunschgemäß schien dann zum ersten Kultur-, Genuss- und Wandertag die Sonne. Ergebnis: Ich kann mich nicht erinnern, einmal beim Wandern umgekehrt zu sein (ach ja, in Marokko um zu überleben, aber das ist eine andere Geschichte). Hier aber geschah es,  ein altes Ehepaar (wir) ist im Schlamm steckengeblieben. Meine Schuhe habe ich im Bach gereinigt, gerettet, die von Barbara, die alten Latschen, gleich weggeschmissen.


    
Am nächsten Tag waren wir der Meinung, es kann nur besser werden. Aber es kam schlimmer, diesmal holte uns das nächste Genuatief ein und verwandelte ein wunderschönes hügeliges frühblühendes Weinland in eine Regenwüste. Die Stimmung sank, zumal meine Barbara mich mit dem im ganzen Land absterbenden Bambus (aller 60 Jahre!?) verglich. Erstens war ich älter und zweitens hatte ich bis vor kurzem noch keinen Gedanken an ein etwaiges vorzeitiges Ende  meines intensiven Lebens verschwendet. . Nun ausgerechnet im Piemont, im Regen? Ich rettete mich zunächst mittels Auto in die Kulturlandschaft, d.h. Essen („zunehmen, Erhard!“), Trinken, Denkmäler. Gerade das letztere gibt es hier reichlich. Fast jeder (Wein-) Hügel hat hier ein Dorf oder Stadt mit Kirchen, Türmen, festungsartigen Burgen und Schlössern, die durch das hohe Alter von oft 1000 Jahren und mehr zum Besuch einladen. Sie entwickeln einen ganz eigenen maroden Charme, vielleicht besonders auch im Regen. Wozu früher keine Zeit war, lernte ich jetzt das Leben der Weinbauern im Weinmuseum und das Geheimnis der Trüffelsuche kennen. Zwei ungeahnte Nebeneffekte gab es. Positiv: Meine Frau war mit sich , der Welt und (sehr selten) mit mir zufrieden. Negativ: Ich träumte davon, mich bei der Trüffeluniversität in Roddi eintragen zu müssen. Eine junge nette hübsche langschwarzhaarige Italienerin versuchte mich dazu zu bringen und ich antwortete verzweifelt, ich bin doch gar kein Trüffelhund, ich will doch nur Dich! Ja, der Regen!


    
Für alle, die es nachmachen oder lieber besser machen wollen, habe ich den wunderbaren Reiseführer, s.u. dem DAV Leipzig gegeben und bin gespannt auf Eure Eindrücke. Und: Berge gibt es hier auch!




Erhard Klingner, im April 2015 in Leipzig, ab jetzt nur noch Kletterer, nicht so anstrengend

Reiseführer: „Piemont & Aostatal“ von Sabine Becht, Michael Müller Verlag 2014 (es gibt keinen besseren)



 
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