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Pinkus 2014, 75 Lebensjahre und 60 Bergjahre – ein persönlicher Erfahrungsbericht über Klaus Jäschke

Eigentlich gibt es Pinkus in meinem Bergsteigerleben noch gar nicht so lange. Erst mit den jährlichen November - Bergfahrten der Kohbach’schen Alterkletterer (dem „Bund der über 60 –jährigen sächsischen Kletterinvaliden“) lernte ich ihn näher kennen. Einmal kurz vorm Winter südwärts, um das schöne Kletterjahr noch mal auszukosten und zu verlängern. Seine Bergfreunde kennen ihn sicher besser. Sie würden ihn sicher sehr loben, etwa wie: Ganz toller Bergsteiger, war in vielen Gebirgen, in allen Spielarten des Bergsteigens zu Hause, großer Bergliederbänkelsänger, Wegbereiter für ganze Generationen von Pirnaer Sandsteinkletterern, ein sozusagen lebendes Fossil kühner Felsklettertaten am scharfen Ende des Seiles usw.
Ich spare mir viele Worte und lasse einfach mein letztes Tagebuch sprechen, das ich geführt habe, als ich fast zwei Wochen die Ehre und das Vergnügen hatte, sein Seilpartner zu sein.

Sizilien im November 2013:

Was war sonst noch? Ach ja, Pinkus war mit.

Pinkus und der Kaktus: Pinkus hatte dieses Jahr wieder mal einen zweiten Geburtstag, wie auch voriges Jahr in Sardinien, wo das Seil bis auf 5 Fasern beim Sturz gerissen ist. Am letzten Klettertag war es auch diesmal wieder so weit, aber nun wegen einem Kaktus. Abgeseilt, das Seil abgezogen, an einem riesigen Kaktus hängen geblieben. Und der ist dann aus 20m Höhe  direkt neben Pinkus eingeschlagen. Er bemüht seinen Schutzengel als 74- jähriger ein bisschen viel. Vielleicht ist das auch ein Fingerzeig für mich?


Pinkus und das Wetter:
Das Wetter ist hier nach den ersten sonnigen Tagen ganz schön durcheinander geraten. Sozusagen beständig unbeständig, mal gut, mal Unwetter. Wie heute am letzten Klettertag mit einem Sturm, der aus dem Süden kommt und Sizilien reinigt. Auch auf dem nahen Meer tobt er und nimmt dabei ganze Wasserschwaden mit auf seinem Weg nach Norden, nach Sardinien, das gerade Land unter meldet. Trotzdem haben wir am Abend wieder einen herrlichen Sonnenuntergang und dabei Wetterfachgespräche mit Pinkus als größtem Hobbymeteorologen vor dem Herrn. Pinkus, der uns täglich die Welt und das Wetter an Hand der Wolkenbildung erklärt. Leider war die Trefferquote gering. Als ich ihn mal daraufhin ansprach, weil es oft statt vorhergesagter Sonne geregnet hatte, meinte er: “Gestern, das bisschen Regen, kannst du nicht mit zählen…!“

Pinkus ist anders. Alle Menschen sind gleich, Pinkus ist anders. Für Pinkus gibt es eine heile Welt, die ihm zu dienen hat oder zumindest immer freundlich gesinnt sein sollte. Und Sprachbarrieren gibt es für ihn nicht, er geht einfach hin und zeigt was er will. In Segesta mussten wir zur Weinabfüllanlage vom Berg herunterfahren. Und tatsächlich, ruck zuck, kam er schon nach einer halben Stunde mit zwei Weinkartons wieder heraus. Oder im Marmorsteinbruch, da lernten uns dank Pinkus alle Arbeiter kennen. Ich konnte ihn nur mit Mühe überreden, seine Fundstücke nicht polieren zu lassen.


Pinkus’ Leben. Zur Abendstunde genossen wir authentisch von ihm erzählte ereignisreiche Lebensabschnitte. Knapp überlebte Bergfahrten in der ganzen Welt ebenso wie unglaubliche Randerlebnisse, selbst „eingerührte“, auf die kein Mensch sonst auf dieser Erde gekommen wäre. Zum Beispiel in Monaco. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, unbedingt in Monte Carlo ein Spielcasino anzusehen. Klingt zwar einfach, ist es aber an einem Sommervormittag nicht. Zuerst gibt es gar keine Parkplätze. Also fährt er ans größte Hotel und fragt am Empfang (ich sehe es vor mir, wie der livrierte Portier die Tür seines alten Opels aufreist!) nach einem Herrn Jäschke (der er selber ist!), der hier abgestiegen sein soll! Das Ergebnis: Er darf sein Auto dort abstellen, um auf Herrn Jäschke zu warten. Dann also auf zum Spielcasino, das natürlich vormittags geschlossen ist. Für Pinkus kein Problem. Das Reinigungspersonal ist ja da. Also schnappt er sich einen Besen…“Und bist du da nicht aufgefallen?“ frage ich. „Na ja, ein bisschen haben sie sich schon gewundert, so wie ich in meinen Wandersachen aussah!“ Das ist Pinkus!

Essen mit Pinkus. Gestern Abend gab es Spaghetti. Peter erzählt gerne die Geschichte von Günter, der beim Spaghettiabgießen den schönen großen Topf in den Dreck geschüttet hat. Lustig, wenn man nicht dabei ist. Diesmal hat Pinkus den ganzen Topf im Ausguss versenkt Ich bin schuld, denn das wäre meine Arbeit gewesen. Ich gieße die Spaghetti immer selbst ab, mir ist so etwas noch nie passiert, da ich abends zu großen Hunger habe, als dass ich mir diesen Fehler leisten könnte.

Pinkus macht aber insgesamt weniger Fehler als ich. Denn ich sitze hier am Flughafen in Palermo mit nassen Füßen in Socken. Ich konnte mich nicht trennen von dem Land, meinem Sizilien. Deshalb hatte ich am Vormittag noch eine kleine Wanderung eingeschoben. Ohne Pinkus, der hatte als Wetterprophet das kommende Unheil schon gesehen. Hinauf in die wilden Hügel hinterm Ferienhaus in Castelluzzo bin ich gestiegen. Ein lustiger Hund begleitete mich, auch noch im mich überraschenden Starkregen. Nun ist es doch noch ein schöner versöhnlicher Abschied geworden!
Auf Wiedersehen Sizilien!

Erhard Klingner, vom Tagebuch abgeschrieben und nach der 60 - Bergjahr – Feier im August 2014 in Hohnstein zu Papier gebracht für den allerletzten Helden der Berge. Ein Titel, der nun auch auf seiner Visitenkarte verewigt ist.

 
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