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Konrad –Das fliegende Schischwein

Unsere Winterfahrt in die Ramsau, Österreich, mit Quartier im Glöshof als Halbpension auf dem Bauernhof unterm Dachstein mit den Großeltern Barbara und Erhard
Vom Sa., 02.02. bis So., 10.02.2008

Das Vorwort
Diesmal ist Konrad richtig gerne mit uns, den Großeltern, mitgefahren. Vermutlich hatte Konrad völlig falsche Vorstellung vom Schifahren. Vor zwei Jahren hatte ich, Erhard, ihn auf Schi übers Eis des zugefrorenen und verschneiten Elster – Saale – Kanals gezogen. Und tags darauf hat Konrad die ersten Hänge am Luppe – Damm gefahren mit dem Baby – Schi. Ich kann mich noch gut erinnern, da ich das gefilmt habe und persönlich mit einer Menschenstärke Lift für Konrad gespielt habe, was ja berghoch und längere Zeit nicht so einfach ist. Als er die drei Höhenmeter sturzfrei nach dem zehnten Versuch herunterkam, sagte er, jetzt kann ich Schi fahren. Ich hatte ihm damals nicht widersprochen.
Und als ich Weihnachten sagte, du fährst in den Schulferien mit uns Schi, da sagte Konrad zwar zunächst, ich kann es doch schon. Aber dann war er richtig begeistert und wollte mit.

Der Anfang
Dann war es so weit. Ganz Deutschland war ohne Schnee. Im Fichtelgebirge zeigten sich die ersten zartweißen Fleckchen Erde. Konrad: „Sind wir gleich da, können wir nicht hier schon fahren?“.
Unten in Salzburg nach sieben Stunden stand das Gebirge plötzlich vor uns und wenig später hatten wir in der Ramsau unterm Dachstein zwei Meter Schnee und am nächsten Tag und mit Unterbrechungen die ganze Woche Sonne (oben am Dachstein waren es 4,80m!). 500 m von unserem Bauernhof, dem Glöshof, entfernt war das Schiparadies für Groß und Klein. Vor allem für Klein. Wider meiner innersten Überzeugung meldete ich Konrad für 3 Tage in der Schischule am Fuße des Rittisberges an.

Der erste Tag
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Ca. 24 Augenpaare der Eltern oder Großeltern sahen den ersten Schischritten ihrer 12 Zöglinge zu. Ein im Schnee eingelassenes elektrisches Raupentransportband fuhr die bunt gekleideten, eher Raumfahrer ähnlichen Babyschifahrer die furchtbare Steilheit von fast 1 % hoch. Und dann mussten die armen Kinder im Schuss runterfahren! Konrad wählte zwei Möglichkeiten: Er fiel auf der Raupe hin oder lief neben der Raupe hoch. Letzteres brachte allerdings kein anderes Kind. Vermutlich dachte er über die ungeheure Schneemenge nach. Was für viele Kinder selbstverständlich war - für ihn nicht. Ich musste ihm das genau erklären. Lange konnte ich das Elend allerdings nicht mit ansehen. Letzten Endes wurde ich von der Schilehrerin des Feldes verwiesen und fuhr am Rittisberg einfach richtig Schi und Barbara durchquerte die Ramsau auf ihren Läufern. Spätnachmittags waren die Kinder aber schon am Babylift. Dort fast das gleiche Bild. Am Schluss hätte ich die Schilehrerin beinahe sogar gelobt: Bei der vielen Wartezeit, die meiste von Konrad verursacht, ist kein Kind erfroren!

Ähnlich der zweite Tag.
Interessanterweise konnte er zwar noch immer nicht Schifahren, aber er fuhr schon Schuss durch den Kali, den großen grünen Ramsaurier hindurch, siehe Foto. Offensichtlich war jetzt klar, dass Angst im Schnee nicht galt. Also schon halb gewonnen. Und der Wille war immer noch da, es richtig zu lernen. Das ist das Wichtigste. Abends war Ramsauer Schifest am Steilhang des Rittisberges. Muss man gesehen haben. Konrad war sehr beeindruckt, wir kannten es schon. Das wollte er auch, mindestens sofort den Steilhang herunterfahren. Der Nachhauseweg unterm Sternenhimmel. Konrad: „Bärbel, was kann ich mir wünschen, wenn eine Sternschnuppe vom Himmel fällt, mir fällt nichts ein?“. „Da wünschst du dir Gesundheit“. „Nein, das nicht, da muss ich wieder in die Schule!“.
Die Abende waren lang. Aber der Zufall hilft. Unter den Gästen war auch das Kind einer belgischen Großfamilie, „Baby Lore“, wie ich es nannte. Ein sehr lebhaftes 6-jähriges hübsches Mädel, das uns und vor allem Konrad beschäftigte. Abends Spiele bis zum Müdewerden ohne Ende, nachdem das Abendbrot überstanden war. Denn Konrad ist Feinschmecker oder Hungerkünstler. Alle aßen alles, aber Konrad nicht oder nichts. Früh wählte er aus dem überladenen Buffet mit allen erdenklichen fleischlichen, käsigen, milchigen und sonstigen vegetarischen Speisen und erlesenen Getränken nur ein halbes Glas Saft und ein halbes Brötchen mit wenig Butter und maximal einer Scheibe Käse. Abends haben wir fast alles wieder abbestellt oder es wurde ungegessen zurückgegeben mit den roten verschämten Gesichtern der Großeltern. Einfach Alptraum Abendessen mit Geldverbrennung.

Ähnlich der dritte Tag.
Wir, die Alten, haben eine Wanderung gemacht, nachdem Konrad neue Schi für die Schischule bekommen hat. Mit dem Bus hoch, unter die Dachstein – Südwand und den langen Schiweg an vielen verführerischen Alm- und Jausenhütten und am symbolischen Bergsteigerfriedhof vorbei nach Ramsau zurück, am Brandlift herauskommend und unser Baby Schi fahren sehend. Der erste Eindruck: Beachtlich steileres Gelände, aber Konrad fliegt aus dem Schlepplift! Und dann ist die Schischule 15 Uhr zu ende und Konrad fährt mehrmals die Wellenschaukel im Schuss herunter. Zarte Hoffnung auf einen neuen Schifahrer keimt auf.

Der vierte Tag – es wird.
Entgegen Barbaras Einspruch fahren wir den Sessellift sofort auf den steilen Rittisberg. Da gibt es nur steile blaue (also für geübte Schifahrer mittelschwere) Pisten, aber auch eine „Märchenabfahrt“, d.h. die ganz flache Rodelbahn. Die mit Märchenfiguren bestückt ist. Wir, Schilehrer Erhard und Schüler Konrad kommen leicht unten an. Jetzt gilt es. „Fahr mir einfach hinterher, rechts, links, rechts..“. Und das Wunder geschieht. Konrad fährt. Alle Pisten, am Ende, schon zu Mittag auch die steile schwarze. „Können wir endlich die schwarze Kiste fahren, Erhard?“. Der Knoten ist gerissen. Konrad ist Freund von Schi und Schnee. Das allerdings auch dazu führt, sich bei jeder Abfahrt mal richtig in voller Fahrt in den Schnee zu hauen. So, dass die Schi davonfliegen. Am Ende des Tages ist Konrad nur glücklich, wenn es Schuss geht und Erhard nicht mehr hinterherkommt oder es ein brutaler Sturz wird. Oh glückliche Kindheit! Von Schneepflugfahren ist bald keine Rede mehr, Konrad kann Schifahren!
Konrad: „Den Stemmbogen habe ich von der Schilehrerin Marina gelernt!“. Nach einer weile: „Erhard, du bist ein guter Schilehrer!“. Erhard schwillt die Brust. Später: „Aber eigentlich habe ich es mir selbst gelernt!!!“
Hoch zu, im Sessellift, haben wir Zeit zum regenerieren und unterhalten. „Erhard, können wir noch eine Woche länger bleiben?“. Erhard: „Pass auf den Bügel auf, er quetscht die deine Eier ab, Ina erschlägt mich, wenn es passiert!“. Das ist bei jeder Liftfahrt Thema. Oder wenn wir unsere Träume erzählen: Meine vom lieben Krokodil, das Schifahren will und alle Tierstimmen imitieren kann, aber keine guten Zähne hat. Konrad: „Da muss es zum Hundezahnarzt!“. Erhard: „Ja, ich war vorige Woche beim Hundezahnarzt, der hat mir 3 Zähne auf einmal gezogen!“. Ich kann es sogar beweisen. Konrad ist so beeindruckt, dass er für immer ein guter Zahnpfleger sein wird.
Mittags kehren wir täglich ein. A la Carte in der Schihütte. Alles klappt trotz Schikleidung, Überfüllung und großer Lautstärke. Aber es gibt Tränen. Beim Pommesessen hat sich Konrad in den Finger gebissen. Konrad: „Erhard, darf ich ohne Besteck essen?“. „Na klar, bei mir darfst du alles“. Nach der Tat: „Konrad, weißt du, wenn der Pommes aussieht wie ein Finger und sogar einen Fingernagel hat, dann ist es kein Pommes!“. Derartige und andere blöde Bemerkungen helfen nicht wirklich. Konrad ist kein normales Kind. Vermutlich hat er gerade wieder nachgedacht über Schnee oder Sternenhimmel.

Der fünfte Tag.
Wie der vierte. Neu ist: Aller halben Stunde ein wunderbarer Schneesturm zwischen Sonnenminuten, der die in der Nacht gefallenen 20 cm Schnee noch etwas erhöht. Neu ist auch erhöhter Wagemut, der uns ganz leicht etwas leichtsinnig werden lässt. Wir fahren nun auch oft über die schanzenartigen Schneehindernisse der Snowboarder, mit oder ohne Sturz. Es macht nichts bei diesem hohen wunderbaren weichen Schnee.

Der sechste Tag.
Alles ist neu. Konrad hat nun einen richtigen und warmen Schihelm und: Am Vorabend hat die Mutti angerufen und Konrad ist ab da ungenießbar, hat Heimweh nach seinem Computer, wie er sagt (der Computer wird Ina heißen). Aber ich weiß ein Mittel dagegen: Wir fahren mit dem Auto hoch zum Dachsteinhaus und fahren Schi bis zum Erbrechen an den Südhängen der Dirndllifte. Und neu ist, dass wir nach einem ersten Test auf der Piste nur noch daneben im Neuschnee fahren. Und etwas ärgerlich wird es da nur, wenn Konrad sich weiter abseits im Steilgelände absichtlich im Tiefschnee eingräbt und das eine längere Befreiungsaktion wird. Oder Konrad einfach an dem im Tiefschnee liegenden Erhard vorbeifährt. Oder zu Mittag eine Riesenportion Spaghetti isst und sogar noch von unserem Kaiserschmarrn nascht, anstatt die einheimische gute Küche der Walscheralm zu probieren oder gar das kulinarische (und bezahlte) Abendmenü zu vertilgen. Oder Konrad beim Liftfahren übermütig wird und der Liftwart oben ihm fast jedes Mal eine Verwarnung ausspricht oder gar ihm mit dem Entzug der Liftkarte droht. Es passiert fast jedes Mal beim Hochfahren etwas. Er fährt aus der Spur, fällt raus oder lässt sich den halben Liftweg auf dem Bauch hochziehen mit dem Bügel in den Händen. Erhard schämt sich für das Kind. Ein Teufel in Kindgestalt.

Der siebente Tag.
Der Verlängerungstag, auf den nun Erhard besteht. Es ist ja wieder Traumwetter und wir müssen noch mal hoch zum Dachstein, damit das Kind mal die richtige Hochgebirgswelt sieht. Wir fahren mit dem Bus und dann mit der riesigen Seilbahn hoch auf das Dachsteinplateau. Oben ist es schweinekalt und ein bissl windig. So schauen wir erst mal den tunnelförmig in das Eis des Dachsteingletschers eingegrabenen Eispalast an. Das ist Konrads Welt. Im Eis leuchten ihm bekannte Märchenfiguren, oft in verschiedenen wechselnden Farben. Dann geht es warm angezogen auf die Piste und schnell wird’s wieder langweilig. Aber ich habe ja ein Mittel dagegen: Wir fahren unten am steilen Sessellift neben den Pisten auf dem Gletscher im Tiefschnee. Da geht es richtig wild zu und Konrad kommt mit Freude zu vielen Stürzen. Besonders dann, wenn er die einen halben Meter tiefer liegenden Pistenränder kreuzt. Einmal hilft ihm ein vorbeikommender Schilehrer dabei wieder beim Einsammeln der Schi und auf die Füße. Ich gebe mich nicht zu erkennen und habe ja selbst zu tun, das anstrengende Tiefschneefahren zu lernen und vor Konrad anzukommen! Großen Respekt hat er vor der Seilbahn. Wir nehmen ihm die Angst mit einer Riesenportion Pommes mit Grillwürstchen auf der Bergstation und nehmen Abschied vom Dachstein.

Abreise und Schluss
Ein schöner Abschluss war auch kurz vor dem Losfahren das Kennen lernen des gerade in dieser Woche hier im angebauten Stall geborenen Kälbchens. Es heißt Willi und wird das Jahr wie alle im Frühjahr geborenen männlichen Kälber nicht überleben.
Wir aber wollen Wiederkommen, mit Konrad als Snowboarder!


Barbara und Erhard

 
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