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Die Babarine > Die Alten vom Berg > A - I

Rudolf Fehrmann






1886 –1947 Geboren während der Überfahrt von Europa nach Amerika.
Infolge des Tod beider Eltern wuchs er bei seinem Onkel in Dresden auf.
1903 bestieg Rudolf Fehrmann seinen ersten Gipfel in der Sächsischen Schweiz.
1904 Mitbegründer des Kletterclub „Schwarzer Kamin“.  

1906 Erstbegehung Teufelsturm Alter Weg


Telegramm an Rudolf Fehrmann:

Lieber Petrus    29.8.06

Wo im Himmel bist du? Gestern habe ich der Teufels Turm angesehen. Der ist möglich an der kante an der Kante gibts dritte und griffe was wir nicht gesehen haben  von oben. Der Turm werde ich besteigen warscheinlich Sontag. Bitte kommen 6 uhr Zug nach  Schandau. Schreibst du bitte sofort, wenn du in Dresden bist. Habe auch einen Schlafplat gefunden wo wir ein Zelt bauen können. Meine idea ist das wir schlafen im freien für so lange wie du bleibst. Nun mein lieber Petrus ich habe kein Gelt u. wenn du kommst hoffentlich kannst du was mitbringen. Habe jetzt nur 3 Mark. Sagst du niemand was wir machen Sontag. Hünig und Boditsch kommen mit Du mußt sicher kommen. Antworte sofort. Sicher kommen. Ich brauche Dich und auch Gelt.

Herz. Gruß u: Berg Heil
Dein treuer Freund
Oliver Perry-Smith
Postelwitz bei Schandau
Friebels Restaurant
Saxony

.  .....Und jenes Gespräch fiel mir wieder ein, das ich etwa zwei Jahre zuvor mit einer anerkannten Klettergröße geführt hatte: Als ich damals den Chinesischen Turm und die Ostwand des Mönchsteins bezwungen hatte, meinte er zu mir: "Da können Sie ja auch mal den Canipanile, denTeufelsturm, machen. Ich hatte das boshafte Lächeln, das die Worte begleitete, nicht bemerkt und fragte harm los: "Geht der denn".", um gleich darauf wegen meines Reinfalls ausgelacht zu werden. Und so sollte das jetzt gar kein Reinfall mehr sein, und alle die -Autoritäten-, die den Teufelsturm als "Problem" ablehnten, weil über seine Besteigbarkeit überhaupt nicht zu reden sei, sollten Unrecht haben. Kein Wunder, wenn ich jetzt vor Ungeduld fieberte, die "griffe und dritte" zu sehen, von denen Freund Oliver schrieb. Und was das -Geht- anbetraf so war ja in drei Tagen der Erste. Den wartete ich noch ab, dann fuhr ich mit einem Koffer voll von Seilen und Kletterschuhen und einer Hosentasche voll Silberlinge nach Schandau Gleichzeitig kamen auch meine Freunde Artur Hoyer und Walter Hünig vorn - Schwarzen Kamin - "Boditch" (Baudisch) war nicht da. Am Sonntag. den 2. September 1906 im flimmernden Ganze der Morgensonne brachen wir alle zusammen von Postelwitz auf. Der Torwächter und die Jungfer grüßten uns auf unserem Weg als unterworfene Vasallen und gaben uns frohe Zuversicht für unsern heutigen Feldzug mit. Perry-Smith hatte schon alles genau ausgekundschaftet, er wußte die Stelle, wo man am besten den Weg über den Schrammsteingrat verläßt, wie man das Dickicht des Unterholzes umgeht und wie man zur Scharte hinteren Turm mühelos absteigt. Als wir am Rande der Steilwand standen und zu unserem Gegner hinüber  und hinabblickten, der so nah und doch so fern vor uns stand, guckte doch einer fragend von einem zum anderen wo denn nun die Griffe und Tritte seien. Perry-Smith erriet, was wir meinten. Und sagte nur kurz, wir sollten erst mal mit zur Scharte kommen. Damit zögerten wir dann auch gar nicht lange. Wir warfen die Rucksäcke ab, der eine und andere zog sich noch Kletterschuhe an, und schon ging`s unter Perry Leitung einen gutartige, gestuften Spalt westwärts einige Stockwerke tief hinab. Dam querten wir vier dicht aufgeschlossen, auf einem bequemen Bande, das die aufmerksam Natur für uns freigelassen hatte, rechtshin zu Scharte hinüber. Dort war mehr Platz, als wir gedacht hatten wir konnten alle gemächlich stehen und uns regen. Unsere Augen verschlangen den Fels und jetzt geben wir auch unserem Oliver recht die Kante, die von
der Scharte hochsteigt, und über die allein der Weg zum Siege führen konnte wies wirklich eine Anzahl jener
Rudolf Fehrmann 1915 am Winklerturm
kleinen Buckel auf, die der bescheidene Kletterer als Griffe und Tritte bezeichnet. Vor allem aber lehnte sich die Kante sichtlich zurück, wenn schon sie uns in ihrer Verkürzung noch schräger erscheinen mochte, als sie wirklich war. Wird sie oben zu glatt sagten wir uns, nun dann muß man den feiner kurzen Riß rechterhand erreichen und an ihm bis zu der waagerechten Kerbe hangeln. Ob man freilich mit der Hilfe des schrägen Riß der das Ende aller Not bedeutete, erreicht, das läßt sich von unten nicht beurteilen, das muß man schon mit den "Fingerspitzen ansehen"  in allein sah es besser aus als wir gehofft hatten und das Barometer Unserer Laune schnellte mächtig empor. Wir beschlossen das unterste Stück der Kante durch Übereinanderstellen zu überwinden  das verlangte eine gute Sicherungsmöglichkeit, die aber der Fels selbst nicht bot. Um möglichst mit dein stilwidrigen Eisen zu sparen sahen wir von der Anbringung eines Sicherungsringes ab; statt dessen stieg ich nochmals auf die Höhe hinterm Turm hinauf, band dort das Ende des Seiles an einen Baum und warf das andere in die Scharte hinab. Die Freunde knüpften in Schulterhöhe eine Schlinge hinein und zogen das Sicherungsseil durch. Nun war alles fertig zum Angriff und jene ernstfrohe feierliche Stimmung kam über uns, die den Kletterer vor schweren Unternehmungen befällt und die der Ausdruck einer starken aber verhaltenen inneren Bewegung sein mag. Hünig, der Bezwinger der Jungfer und daher in der Reibungskletterei bestens erfahren, sollte die Führung haben. Ich stelle mich breitbeinig auf, und mit dem Rücken gegen die Kante des Turmes gelehnt trat Hünig in meine gefalteten Hände und weiter auf Brust und Schulter Dann löst er sich von mir und schob sich ein Stück an der Kante hoch, während Perry-Smith ihm den Fuß an die Wand drückte und Hoyer In Ganze getreulich sichert. Als Hünig einigermaßen Fuß hatte, stieg schnell Perry-Smith auf meine Schulter und unterstützte von da unseren Führer. Der kam denn auch noch etwa zwei Meter höher dann war es aus. Immer und immer wiedersucht er die waagerechte Kante zu erreichen, aber immer mußte er auf halbem Wege umkehren und war froh, wen sein Fuß die ausgestreckte Rechte Freund Olivers wieder erreicht hatte. Wir merkten sehr bald: hier wird nichts, unser Hünig ist heute nicht in Form, aber wir wollten ihm nicht dieEhre der Führung nehmen, weshalb wir ihn stets von neuem ansportnten. Indes stand ich unentwegt in der Scharte mit gesenktem Kopf, schloß bis weilen die Augen und biss mir auf die Lippen, da der Rücken mir gräßlich schmerzte; Perry-Smith hingegen schien sich sehr wohl zu fühlen, es kam mir wenigstens so vor, als ob er einen Shuhplattler auf mir tanzte. Endlich kam Hünig zur Scharte zurück; ein zweites und drittes und viertes Mal versuchte er sein Glück v on neuem. Hoyer löste mich vorübergehend ab. Wir schoben  lange Pausen ein, holten uns Stärkung aus dem Rucksack: aber das Schicksal war gegen uns. Schließlich. nach vielen Stunden, brachen wir den Sturmangriff ab, stiegen zum Bergrücken empor und verließen den Kampfplatz geschlagen zwar für heute aber nicht entmutigt Schon am nächsten Sonntag (9.9.1906) wieder bei schönem Wetter, standen wir abermals in der Scharte. Oben auf dem Höhen lagerte unser Clubkamerad Hünig. Aber heute war er womöglich noch schlechter aufgelegt als am Sonntage vorher. Er fühlte sich unsicher und war schließlich einverstanden, daß ein anderer sein Glück an seiner Stelle versuche. Es ging schon stark in den Nachmittag, als Perry-Smith die Führung übernahm. Noch einen Fetzen Fleisch stopfte er sich in den Mund, noch einen tiefen Schluck nahm er an der stärkenden Flasche und einen wehmütigen Blick warf er ihr zu als er sah, daß sie darüber leer geworden war. Dann stieg er los. Bald stand er auf meinen Schultern aber nur für einen Augenblick. denn schon hatte er sich ein Stück hochgedrückt und rechts der Kante eben Tritt gefunden. Jetzt konnte ich auch meinen Platz verlassen und ihn ebenso gespannt wie die anderen zusehen Auf seinem Tritt hielt es ihn nicht lange. Ein ungeheuerliches Schnaufen und Ächzen hob am. wie vom einer überhitzen Lokomotive Seine Hand klatschte förmlich gegen den Fels. Wenn er zupackte. Die Linke spannte die Kante wie in einen Schraubstock. daß ich Angst bekam er möchte gleich ganze Stücke herausbrechen. Dazwischen hinein fluchte er, daß ein ausgedienter Matrose von ihm hätte lernen können. Wir drei unten in der Scharte aber sahen uns mit hellen Augen an, denn wir wußten „ jetzt wird`s“, das ist Freund Olivers Kampfstimmung  das ist seine große Form. Auf einmal klafterte er mit der rechten Hand weit hinaus in die Wand erlangte dort den feinen spitzwinklig ins Gestein geschnittenen Riß ließ dreist den Körper ins Freie pendeln, noch zwei, drei kräftige Hangelgriff und er hatte den waagerechten Einschnitt erreicht. Rittlings faßte er dort auf der Kante Platz, senkte schüttelnd einen Arm um den andern, um ihnen wieder neues Blut und neues Leben zuzuführen, und stärkte sich im übrigen wieder an einigen kräftigen Flüchen. Schon aber ging es weiter, Hand griff um Hand nach links, der eine Arm schob sich in den schrägen Riß, und der Körper richtete sich auf. Nun wußten wir, daß das Spiel gewonnen war; alles war das Werk weniger Minuten gewesen. Zwar kam nun auch bei Perry-Smith die Entspannung, da das Problem gelöst war er kratzte und schabte in dein einfachen Riß herum und strengte sich ohne alle Not unmenschlich an - aber das war nur ein kleiner Schönheitsfehler, der an der Entscheidung nichts mehr ändern konnte. Wirklich schrie. heulte gurgelte es denn auch bald vom Gipfel herunter: Bergheil, Bergheil gottverdammich eine Hurra für die Schworz Kamm!", und wir brüllten zurück, in den Himmel hinauf, was die Lunge halten wollte. Wie wir auch alle den stillen Frieden der Berge liebten, hier mussten wirschreien und toben, die Freude hätte uns sonst die Brust zugesperrt Mein Gott, war das eine wundervolle Zeit! Ich habe nichts mehr zu berichten. Was noch kam, ist doch völlig belanglos. Einer nach dem andern stieg zum Gipfel des Turmes empor oder schwebte mehr hinauf, da Perry-Smith seine Ungeduld, alle bei sich oben zu haben, nicht meistern konnte und bei der kleinsten Atempause, die sich der Steigende gönnte, das Seil hochriß. In verklärter Stimmung, gelöst von aller Erdenschwere lagerten wir da oben und blickten ins Tal zu den Wohnstätten der Menschen hinunter. Ein Schiff glitt den Strom hinab, ein Zug kroch scheinbar ganz langsam auf dem schwarzen Doppelstrich dahin, der durch die Landschaft gezogen war - wir hatten kaum Augen dafür.
Das war die erste Besteigung des Teufelsturms.

M
it  der Herausgabe des 1. Kletterführers für die Sächsische Schweiz 1908 durch Rudolf Fehrmann schuf er sich ein bleibendes Denkmal. 1923 erschien die vollkommene Neuauflage des „Fehrmann“, auf dem die unwesentlich Modifiziert unser heutiger Kletterführer aufbaut.

Rudolf Fehrmann  war mit seiner starken Persönlichkeit, wie Albert Kunz äußerte:“ der geistige Führer der sächsischen Bergsteiger“. Mit 64 Erstbegehungen zählt er zu den bedeuternsten Erschließern seiner Zeit im sächsischen Fels. Die Spitze der sächsischen Kletterer gehörte zu seinen Berggefährten unter anderen: Albert Kunz, Oliver Perry-Smith, Walter Hünig und nicht zu letzt sein Bruder Arymund (gef.1914). Nach 1933 trat Rudolf Fehrmann der NSDAP bei, jedoch blieb er in erster Linie Bergsteiger.
Als Sektionsführer der AV-Sektion Dresden wehrte er alle Übergriffe der Partei und des nationalsozialistischen Staates, soweit es im möglich war ab.

In der guten Hose am Mönch
Fehrmanns berufliche Entwicklung führte über ein Jurastudium in Leipzig zum Rechtsanwalt. Viele Ehrenämter gaben ihm die Möglichkeit, sich auch in der Nazizeit für seinen Sport einzusetzen. Als 1938 im „Naturschutzgebiet Bastei“ ein Kletterverbot ausgesprochen wurde, bestand er auf einer Untersuchungskommission. Zum Lokaltermin am Kletterfelsen Mönch erschienen ein Oberforstmeister, ein Regierungsdirektor und Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann. Als die Diskussion festzufahren drohte, verlor der damals 52-jährige Fehrmann die Geduld, zog die Schuhe aus und kletterte in guter Hose und Socken seinen Fehrmannweg am Mönch, immerhin eine zünftige V. Mutschmann soll entnervt gerufen haben: „Kommen Sie runter, Fehrmann. Das ist ja Selbstmord. Ich kann es nicht mehr mit ansehen.“ Das Kletterverbot wurde aufgehoben.

Trotz seiner Tätigkeit als Kriegsgerichtsrat während des 2.Weltkrieges konnte ihm nie etwas vorgeworfen werden. 1945 wurde Rudolf Fehrmann, auf Grund der Bestimmung des sogenannten: „automatischen Arrest“, festgenommen.Kurz vor seinem Tod schrieb er, dass die meisten Anklagepunkte widerlegt seien und er mit seiner Entlassung rechne. Das sollte er nicht mehr erleben. Am 6. März 1948 starb Fehrmann im Lager Fünfeichen bei Brandenburg an Tuberkulose.

Eine umfassende Würdigung des Bergsteigers und Menschen Rudolf Fehrmann habe ich leider nur bei Dietrich Hasse gefunden.
1991  reichte Ulrich Heiter an der Humbold Universität Berlin zum Thema "Rudolf Fehrmann - ein Pionierdes sächsischen Klettersports - Beitrag zur Biograhie" eine unveröffentliche Diplomarbeit ein.
Darüberhinaus:
Hans Pankotsch: Rudolf Fehrmann (1886–1948)  
Aus dem Leben eines bedeutenden sächsischen Bergsteigers
Dresden 2011.


 
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