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Erhard > Literarisches > Bergfahrten > Teil 3



Sardinien im November 2011

Textskizzen aus meinem Tagebuch oder: Versuche, mich Sardinien zu nähern


1. Versuch nach 5 Tagen

Sardinien. Zum vierten mal. Vertraute Insel. Einsame Insel, im November. Nach 2010 wieder mit vielen Freunden, mit zwei Autos. Nicht wie sonst so schön mit Peter allein. Unverständnis zu Hause: Ein Genuatief über Italien. Schreckensmeldungen in der Presse, Fernsehbilder mit weggespülten Häusern und Autos. Und: „Da wollt ihr nach Italien!?“

(Ich zitiere nachträglich aus der LVZ vom 07.11.2011: „Bei schweren Unwettern über Italien sind in den vergangenen zwei Wochen 16 Menschen ums Leben gekommen – und ein Ende des Regens ist nicht in Sicht…“)

Wir fahren wie geplant sonntags los, leere Autobahnen am 06.11.2011.
Im Prinzip gibt es nichts Neues zu berichten: Saufen, Sex, und Klettern. Also wie immer; und theoretisch waren wir seit jeher gut. Abends nach etwas zu trinken sowieso. Aber: Die Männer sind älter geworden, die Gebrechen mehr und für manchen werden die Wege, zumindest die Zustiege schwerer. Gilt nicht für mich. Wenn nicht Herbst wäre, würde ich das den wievielten Frühling nennen. Frühlingskletterhimmel für Erhard im sonnenwarmen Sardinienfels. Nicht nur schöne Worte. Sondern bleibende Erlebnisse und Erinnerungen. Sie werden mit zunehmendem Alter immer wertvoller. Aber, anstatt zu genießen stellt sich für mich die Frage nach dem Sinn des Kletterns. Vielleicht eine Frage des Lebens. Jemand sagte einmal, ich klettere um zu leben. Das könnte auch für mich gelten. Nach dem heutigen Tag könnte die Antwort lauten: Wenn du in einer fast senkrechten Felswand bist als Vorsteiger in der 3. oder 4. Seillänge, vielleicht 100 Meter oder mehr über dem Einstieg und wenn du runter zum Meer schaust sind es noch ein paar Meter mehr und genau diese Seillänge ist besonders lang und schwer und du klickst weit oben deine letzte Express-Schlinge, hast die größten Schwierigkeiten gerade so mit letzten Einsatz, fast mit etwas Glück (der Wind hat dich dran gedrückt!) und ein klein bisschen Mut hinter dich gebracht und siehst endlich den Standplatz vor dir, dann hast du die Antwort oder besser, brauchst einfach gar keine mehr.

Das habe ich sicher spät abends geschrieben, pardon,

Wir hatten also gutes Wetter. Das muss nicht so sein, siehe Genuatief am Anfang. Und siehe da: Am übernächsten Tag nach unserer Rückkehr am 20.11.2011 lese ich in meiner ungeliebten Leipziger Zeitung; Ich zitiere die LVZ vom 24.11.2011: „Gewaltige Unwetter mit heftigem Regen haben in Süditalien zu Überschwemmungen und Erdrutschen geführt, in denen mindestens drei Menschen ums Leben kamen…“ Dumm hat Schwein.

   


                                                           
Unser „Basislager“ bei Cala Gonone      Erhard am Fels von Buchi Arta







2. Versuch nach 10 Tagen

Was war nun eigentlich das neue an dieser vierten Kletterfahrt nach Sardinien? Zuerst mal, sehr verwunderlich, das gute Wetter. 8 T- Shirt – Klettertage, ein sonniger und nur ein regnerischer Wandertag. Auch die An- und Abfahrt war verregnet. Erwähnenswert vielleicht meine Klettererfolge an der Grenze des mir menschlich möglichen an zwei Tagen. Und fast alles im Vorstieg – was sicher kein Schwein auf dieser Welt interessiert.
Und dann waren wir fünf unterschiedliche Menschen, die sich wieder viel zu sagen hatten. Dazu hatten sie auch viel Zeit, denn die Abende waren lang und feucht. Auch zwei „neue Sardinen“ dabei, deren Lebensläufe wir kennengelernt haben. Warum schreibt eigentlich Dago kein Buch über sein erlebnisreiches aber erfolgloses Leben? Oder lässt sich zumindest ins Guinness – Buch der Rekorde eintragen als Mensch mit den meisten und unterschiedlichsten Berufen? Auch dabei Mathias, der trotz oder wegen seiner Ruhe von uns allen am meisten in der Welt herumgekommen ist. Nicht nur in vielen Erdteilen, auch fast in fast allen europäischen Ländern und dort zumeist per Fahrrad und allein. Z. B. nach Sizilien und zurück dieses Jahr!
Aber auch der Beste und Größte („Nur Große haben Spitznamen!“) war dabei: Pinkus.
Wie Pinkus ist? Alle Menschen sind gleich, nur Pinkus ist anders. Obwohl er fast alles kann und weiß, ist es gefährlich seinen Vorschlägen bedingungslos zu folgen. Er selbst überlebt sie offensichtlich immer, er lebt ja noch. Aber wie gesagt: Vorsicht! Ungefährlich ist dagegen, seinen sehr langen und wissenschaftlich fundierten Vorträgen über Geologie und Wetterkunde zuzuhören. Es sei denn, sie sie werden zu lang und haben zu kühne Voraussagen. Dann kann es schon passieren, dass zu später Stunde leicht alkoholisierte Bergfreunde sich hinter seinem Rücken totlachen. Aber eins muss man ihm lassen, er nimmt es nicht und nichts krumm. Das war jetzt alles ungerecht. Richtig ist dagegen, dass Pinkus der größte Sänger vor dem Herrn ist und ihm habe ich es zu verdanken, dass ich fast jeden Abend als schlechter aber begeisterter Sänger große Freude hatte.

Hier brechen meine Aufzeichnungen ab, was wollte ich eigentlich sagen?

     


                                                 
Liederabend mit Hunden                    Pinkus mit „Haustier“


3. Versuch nach 14 Tagen

Ach Sardinien, wie hast du mir gefehlt. Warum bin ich (angeblich) so alt? Ja, auch wenn ich kein Kletterer wäre, was gibt’s schöneres als Sardinien im November. Nicht weitersagen. Du kommst aus Dunkeldeutschland, fährst ein bisschen Auto, lässt dich mit der Fähre rüberschaukeln und bist wieder zu Hause in Sardinien. Neue Luft, neue Landschaft, neue Menschen, neue Sprache. Sitzt dann abends auf der Terrasse unseres „Basislagers“ über Cala Gonone, atmest die besondere Luft tief ein, die sardische Luft, die von den Kräutern und von dem unten liegenden weiten endlosen Meer geschwängert ist und freust dich über dein Dasein, die Ruhe und die kommenden Tage!
Fast schämst du dich, so gut empfangen zu werden. Vom Land sowieso, aber vor allem von deinen Freunden, von den Hunden, die ein Jahr auf uns gewartet haben und nur bei uns nicht bellen und von Dino, unserem Gastgeber. Du kannst es kaum erwarten, das Land täglich neu mit allen fünf Sinnen aufzunehmen. An diesem ersten sternenklaren Abend sowieso. Du sitzt im kleinen Lehnstuhl entspannt am Terassenrand des kleinen Campingplatzes in der scheinbar völligen Dunkelheit, schaust links hinunter auf das Meer, das vielleicht noch weit hinten am Horizont von einem Lichtschein über Baunei schwach glänzt. Und rechts vor dir die große Schlucht Cordula Fuili, deren weiße Felsen nun im aufkommenden Mondlicht aufleuchten. Und das an die Dunkelheit allmählich gewöhnte Auge sieht aus der schwarzen Schattenwelt immer mehr Details der steilen, größtenteils aber auch bewachsenen Flanken der Berge. Denn gerade und ebene Stellen gibt es in Sardinien nicht. Die sind nur dem nahen Meer vorbehalten. Und wenn du warm angezogen bist, eine Flasche Wein und sogar ein Mädel bei dir hast, kannst du noch lange sitzen und schauen und unter dem klaren wunderschönen sardischen Sternenhimmel glücklich sein!
Ich bin schon ein komischer Kletterer. Vielleicht bin ich nur ganz anders als alle anderen (so etwa der Titel meines Lieblingsliedes von Silly). Für meine Bergfreunde ist klar, dass wir jeden Tag klettern, für mich jedoch  nicht. Klettere ich mit, so denke ich nicht genug von Sardinien zu erleben. Und umgekehrt, gehe ich wandern, so verzehre ich mich nach den genialen Felsen. Krankheit Klettern, Sucht besser gesagt. Sucht gegen Vernunft. Noch besser, einfacher: Ein Kletterer klettert, immer und nur und denkt nicht nach, so wie ich. Genug.
Trotzdem, wenn ich so zurückdenke, zurückfahre mit dem ganz großen Gefühl der Befriedigung, dann sind es besonders zwei Klettertage, die mir dazu verholfen haben. Die im Felskessel in La Poltrona und in Buchi Arta. An diesen Tagen, wie an allen anderen, gehst du beschwingt und voller Freude  zu deinem Klettergebiet und erst am Einstieg entscheidest du dich  für Lust, Plaisier oder Kampf. Am Ende steigst du voller Vorfreude in deinen Weg ein. Denn passieren kann ja fast nichts, wenn du die Spielregeln des Sportkletterns einhältst. Weil die objektiven Gefahren gering sind, kein Steinschlag droht und ein Wetterumschwung dich nicht gefährden kann. Und der erste Bohrhaken ist hier in Sardinien nicht hoch. Wenn du den geklinkt hast, bist du sicher, bis oben. Auch wenn du als älterer Mensch weißt, dass es besser ist, nicht herunterzufallen, um die Festigkeit deiner Knochen zu prüfen. Aber daran denkst du nicht. Im Gegenteil, mit jedem Meter, jedem Weg und jedem Tag in Sardinien wirst du jünger. Wie ich. Im halbrunden Felskessel von La Poltrona besonders.. Es war schon immer ein großes Ziel von mir dort im rechten hohen Wandteil, links und rechts der großen schwarzen Wasserstreifens die Felsen bis ganz hoch zu durchsteigen. Zuerst also rechts drei Seillängen mit Dago im 6a – Plaisierbereich, dann aber links schwerer im Bereich des Deutschen Weges. Da wollte ich gern hoch und hatte gleich ein gutes Gefühl, das mit das wichtigste ist beim Klettern. Eben: Glaube versetzt ja Berge. Und, wunderbar, nach zwei leichten Seillängen wird es fast senkrecht und schwer. Aber an solchen guten Tagen kommst du einfach hoch. Auch wenn die Seillänge weit über 40 m ungewöhnlich lang ist, aber du hast ja als vorsichtiger Mensch („gebranntes Kind“) richtig viele Express – Schlingen mitgenommen und die zwei ganz besonders schweren Stellen kannst du mit ein paar kleinen Stürzen ausbouldern („Scheiße, Dago, jetzt habe ich mir meine Rotpunktbegehung versaut“) und bist glücklich. Dieses Gefühl habe ich ja oben in meinem Tagebuch schon beschrieben. Nun gerade habe ich es wieder. Und deshalb wird dieses Sardinien 2011 nicht das letzte sein!

               


                                                   
Klettergebiet La Poltrona                       Dago kommt nach     


4. Nachworte

Was ich nicht beschrieben habe:

Das ganze Klettern. Wir waren 8 Tage Klettern. Nur so viel: Insgesamt habe ich 30 Wege gemacht, zwischen 20 und 160 m lang, in der Summe ca. 1000 Klettermeter und bin als glücklicher Mensch zurückgefahren.

Und auch als gut er- und genährter. Weil wir wieder den Kohbach, Peter, mithatten, dem es Passion und Freude ist, alle Mitfahrer individuell optimal zu verköstigen, sozusagen kulinarische Rundumversorgung. Auszug aus den Aufzeichnungen über die abendlichen Hauptmahlzeiten aus meinem Tagebuch gefällig? 10.11.: Bratkartoffen, Sülze, Salat; 11.11. Quarkkeulchen!; 12.11. Klöße, Rosenkohl, Lammbraten; usw. Der passende Satz dazu: So stelle ich mir das Leben vor! Oder, wie meine Steiermarker Bergfreunde sagen: Als sie genug gegessen und getrunken hatten, konnten sie das Leben ohne Arbeit wieder besser ertragen.
Ach ja, getrunken haben wir auch. Obwohl das Auto mit flüssigem Zeugs schon von zu Hause aus überladen war, wurden wir im Supermarkt von Dorgali jedes Mal immer freundlicher begrüßt ob der aufgekauften alkoholhaltigen Spezialitäten. Bierbüchsen gibt es nun mindestens dieses Jahr nicht mehr. Ihr anderen, braucht nicht mehr hinfahren!
Aber in Sardinien wachsen die Speisen auch an Bäumen. Es gibt Erdbeerbäume und ich gehöre zu den wenigen, die sie auch essen und das sogar gerne. Weil ich nur eine begrenzte Menge geschafft habe, wird sicher Peter mir eine sardinische Erdbeermarmelade machen!
Und es gab Myrtensträucher, die der liebe Gott hat wachsen lassen, damit von deren Früchten ein echt sardischer Likör „Mirto“ für mich gemacht und in großer Menge verbraucht wird, da er sehr gesund sein soll. Dieser Begründung folgten dann täglich alle Freunde. Mirto gibt es dort auch nicht mehr.

     

      
                                                   
Erdbeerbäume                                 Abendessen

Und wieder ist etwas über mich zu berichten, eigentlich wie bei jeder Bergfahrt. Wahrscheinlich werde ich doch nicht klüger. Im Gegenteil. Das Sprichwort, je älter desto dümmer, verfolgt mich seit meiner Kindheit. Auch hier in Sardinien, wo eigentlich gar nichts passieren kann. Es sei denn, man sehnt es herbei. Und das kam so. Wir hatten einen wunderbaren Klettertag hoch oben am Monte Bonacoa in traumhafter Landschaft. Als es an den Heimweg ging, dachte ich daran, diesen Tag noch etwas zu verlängern ((erster Fehler). Warum denn unbequem mit dem Auto nach Hause fahren, wenn man (vielleicht!) ganz leicht direkt die steinige  Schlucht zum Zelt heruntersteigen kann. Ich konnte keinen überzeugen, mitzugehen, also ging ich allein (nächster Fehler usw.). Ich fass mich kurz: Ich lebe noch. Bloß gut, dass mich keiner gesehen hat bei der Ankunft unten. Nicht nur dass es ein grausamer dornenreicher Abstieg war, dass ich auf halber Strecke wegen eines steil abbrechenden senkrechten Felskessels umkehren musste (trotz Seil im Rucksack) und seitlich alle stacheligen Bewuchsarten Sardiniens persönlich berühren durfte, nein, nach Rettung über einen Ziegenpfad erreichte ich die Straße nach einen Ausrutscher im Straßengraben nur in liegender Form. Ich hatte dann noch eine Woche Zeit, meine Wunden zu pflegen!


       


                                                           
Alle 5 am Terassenrand mit Hunden         Klettergebiet am Meer




Was mir dieses Mal fehlte:

Ihr werdet lachen, am meisten fehlte mir der Wind!  Sardinien und Wind gehört zusammen. Wie hatte ich mich schon auf stürmische Zeltnächte gefreut. Beim Knattern der Zeltwände lässt es sich so schön träumen, ganz zu schweigen von technisch interessanten nächtlichen Zeltleinenbefestigungsaktionen. Wir hatten nicht ein Lüftchen und ich hatte meinen Flugdrachen und meine Strandmuschel (!, ja, baden waren wir Schweine auch)) völlig umsonst mitgebracht!

Es fehlten Hunde, junge Hunde, die ich nach meinem Vorbild formen könnte. Wir waren einfach zu früh dieses Jahr. Im Bauch der Hundemutter waren sie diesmal schon. Missgünstige Bergfreunde behaupten allerdings, sie, die neuen Hunde hätten einfach nur Glück gehabt, mich noch nicht getroffen zu haben. Ich kann nur sagen, sie haben das richtige Hundeleben verpasst, zumindest die jährliche Ausbildung zum Artist und Kletterer. Und alle Rufmorde an mir, mit Szenen in den vergangenen Jahren von jungen Hunden mit Pfoten (angeklammert!) an der Wäscheleine weise ich auf das schärfste zurück. Zum Beweis für mein Leben als Hundefreund und Hundeversteher  gibt es nun Bilder wo wilde Hunde mich aufsuchen und sich in meinem Schoß wohlfühlen. Ja, Hunde verstehen mich besser als Menschen. Für sardische Hunde ist sogar das Sprichwort „Hunde sind auch nur Menschen“ eine große Beleidigung, so lieb sind sie.

      


                                               
Hund mit Erhard                                  Peter mit Hund

Also nichts gegen Frauen. Aber Peter hat wieder am meisten unter der Abwesenheit seiner noch nicht gefundenen und vielleicht für alle Zeit ungeborenen bleibenden Idealpartnerin gelitten. Er wird wohl für ewig ein alter schrulliger Frauennichtversteher  ohne Kletterfrau bleiben, wenn er von seinen hohen Ansprüchen an ein sehr schönes, sehr junges kletterndes Mädel nicht runterkommt. Allerdings ergab sich mitten im Urlaub ein seltenes Zeitfenster für die Verwirklichung seines Traumes. Der italienische Ministerpräsident Berlusconi trat ab und es gab die Chance, seine nun tatenlosen minderjährigen Gespielinnen hier in Sardinien (immerhin auch Italien) zu treffen. Diese Belastungsprobe, für alle, trat leider nicht ein.

Schlusswort: Sardinien aufgepasst! Wir kommen wieder.


Erhard Klingner

Leipzig, an einem stürmischen hässlichen späten Novembertag 2011



 
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