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Die Babarine > Die Alten vom Berg > A - I

Die Besteigung des Königstein am 19.03.1848


Wen wir heute von der Erschließung der „Sächsischen Schweiz“ sprechen, gilt als Geburtsstunde des „Sächsischen Bergsteigens“, die Erstbesteigung des Falkenstein im Jahre 1864. Leider, wird die Leistung von Sebastian Abratzky (1829-1897) oft nur ungenügend gewürdigt. Im eigentlichen Sinn ist Er der Geburtshelfer des Klettersports in Sachsen. Gegenüber der Schandauer Turner um Gustav Tröger, die dem Falkenstein unter Benutzung künstlicher Hilfsmittel bestiegen, hat Abratzky den Königstein, allein durch sein körperliches Können bestiegen. Somit liegt Abratzky`s Leistung unseren heutigen Verständnis des sächsischen Klettersports näher, als mancher Bergsteiger der frühen Erdschließerjahre ab 1864. Abratzky, erfüllte alle Voraussehungen die das Wesen des Sächsischen Bergsteigens bis heute ausmachen. Allein die Tatsache dass Er keinen „freistehenden Gipfel“ erstieg, lässt ihn nur als Episode in der sächsischen Klettergeschichte, am Rande erwähnen.

Das Leben und die Geschichte ist ebbend manchmal ungerecht!
Aber gerade weil Sebastian Abratzky der erste „sportlich motivierte Mensch“ war, der möchte ich ihn hier an dieser Stelle selbst zu Wort kommen lassen.




Originale Titel:
"Die einzige Ersteigung der Festung Königstein durch Sebastian Abratzky"
Von demselben erzählt. Zerbst 1886.


Über meine erste Lehrlings- und Gesellenzeit brauche ich wohl meinen lieben Lesern nicht viel zu erzählen. Die Schornsteinfegerjungen sind alle wilde und verwegene Buben, ich aber war einer der wildesten und übertraf sie alle an Tollkühnheit. Meine Meister konnten mich wohl gebrauchen, aber meine tollkühnen Streiche gefielen ihnen weniger, und so war ich dann viel auf der Wanderschaft. So war es denn auch im Jahre 1848. Die Eltern waren mir inzwischen gestorben; wollte ich nicht hungern, so mußte ich Arbeit suchen. Eben wurde die sächsischböhmische Eisenbahn gebaut, da wollte ich mithelfen und bekam auch im Städtchen Königstein Arbeit zu gesichert. Gänzlich ohne Geld war ich sonnabends angekommen, und erst am künftigen Montag sollte das Verdienen beginnen. Wovon einstweilen leben? Mit vieler Mühe gelang es mir endlich, im Gasthofe ein Unterkommen zu finden und gegen Abgabe meines Passes etwas Essen zu erhalten. Mit schwerem Herzen schlief ich auf meiner
Streue ein. Bei meinem Erwachen fand ich mich von meinem Schlafgenossen verlassen. Es war ziemlich spät, die Glocken läuteten bereits zur Kirche. Ich hatte nichts zu versäumen und überlegte, wie ich den Sonntag verbringen wollte. In die Gaststube wagte ich mich nicht, weil ich nicht bezahlen konnte; leise schlich ich mich ins Freie, um mir die Gegend genauer anzusehen. Vor mir lag die Festung, die 1400 Fuß hohe und allbekannte Felsenfeste, und erregte meine vollste Aufmerksamkeit. Ich stieg darauf los und fragte die mir begegnenden Leute, ob man in die Festung dürfe. Wer Bekannte oben habe, hieß es, oder 1 Thlr. 10 Sgr. zahle, der könne hinein. Mir fehlte das eine wie das andere; ich begnügte mich deshalb mit der äußeren Ansicht und sprang - ich war damals 18 Jahre alt -, ohne mich um den Weg zu kümmern, den Berg hinauf. Bald stand ich auf dem sogenannten Patrouillenwege am Fuße des hohen Sandsteinfelsens, auf dem die Festung erbaut ist. Es war die Ostseite und zugleich die steilste Felsenpartie. Ich blickte an der Felsenwand hinauf und gedachte eines Gesprächs, das einst während der Lehrzeit zwischen Meister und Gesellen geführt wurde. Sie redeten vom Königstein, und der Geselle behauptete, es sei möglich, in die Festung zu kommen, ohne auf dem gewöhnlichen Wege durchs Tor zu gehen. Mein alter Meister schüttelte den Kopf; es kam ihm unglaublich vor; ich hörte still zu. Jetzt stand ich vor der Felsenwand und sah darin die Risse und Spalten von denen damals der Geselle gesprochen hatte. Wie ein Blitz fuhr mir der Gedanke durch die Seele, gleich auf der Stelle hinaufzusteigen. Das konnte ein Mittel werden, alle meine Verlegenheiten zu beseitigen: Ich komme glücklich hinauf, man lacht, wundert sich darüber, gibt mir zu essen. vielleicht belohnt man mich sogar für mein Wagnis mit Geld. Und wenn mir das Glück recht günstig, so treffe ich dort oben meinen Bruder, der Soldat war. Ich rüste mich zum Aufsteigen. Genau besehe ich die Felsenrisse; nur einer führt bis hinauf. Er ist oben mit der Brustwehr überwölbt, einmal dort, werde ich mich leicht über die niedrigscheinende Mauer hinwegschwingen können. Die Stiefel würden mich beim Steigen hindern; ich entledige mich ihrer, binde sie zusammen und hänge sie um den Hals, so daß sie an der Brust liegen. Meinen Stock, den ich mir kurz zuvor im Walde abgeschnitten hatte, lehnte ich neben den Felsenriß und kletterte nun in demselben wie in einem Schornstein hinauf. Ich weiß nicht, lieber Leser, ob Sie schon einmal einen Schornsteinfeger haben steigen sehen. Wir gebrauchen dabei besonders das Knie, stemmen es gegen die Vorderwand, mit dein Rücken lehnen wir uns fest an die Hinterwand und schieben uns so die Esse hinauf. Die Hände gebrauchen wir dabei wenig, die haben mit dem Besen zu tun. Auf diese Weise steige ich im Risse in die Höhe. Dieser mochte im Durchschnitt etwa eineinhalbe Ellen breit sein, wurde manchmal schmäler, erweiterte sich aber manchmal auch bis zu zwei Ellen.Vor und hinter mir hatte ich Felsen, linker Hand das Elbufer und rechts den immer enger werdenden, sich im Felsen verlaufenden Riß. Soviel wie möglich suchte ich an der Außenseite des Felsvorsprunges zu klettern da er nach innen zu naß und schlüpfrig wurde. Meine Kräfte waren noch frisch ich stieg im Anfange rasch vorwärts und war schon ein hübsches Stück in die Höhe, als es im Städtchen 10 Uhr
schlug. Hier und da wuchsen auf meinem Wege kleine Gebüsche, besonders StacheIbeereträucher. Beim geringsten Versuche mich daran festzuhalten gaben sie nach und stürzten in de Tiefe hinab sie waren im Felsen zu lockere eingewurzelt. Immer höher stieg ich, aber auch immer öfter mußte ich innehalten, um neue Kraft zu gewinnen So bin ich etwa die Häfte hinauf da stoße ich auf einen Sandsteinblock der im Risse klemmt wahrscheinlich war er beim Bau der Brustwehr heruntergefallenund hier hängen geblieben. Ich versuchte, ob er fest liegt, trete darauf, setze mich, er wankt nicht.
Neuer Mut durchströmt meine Adern - ich kann ausruhen. Da sitze ich nun, mit dem Rücken der Festung zugekehrt und freue mich der schönen Aussicht. Tief unten liegt das Städtchen. Die Elbe blitzt in der Sonnen und gleich Nußschale schwimmen die Schiffe auf ihr hin. Mir gegenüber erhebt sich der Lilienstein usw. Ich steige in meiner Spalte weiter. Plötzlich prasselt unter mir etwas den Riß hinunter, mir ist`s als wenn der Felsen wankt - erschreckt halte ich inne. Mein Ruhestein, jedenfalls durch meine Körberschwere gelockt ist hinuntergestürzt. Einige Minuten früher, und ich lag, mit ihm dort an, Felsen zerschellt. Ich schaue hinab in die gähnende Tiefe, ein kalter Schauer überläuft mich. Glauben Sie aber nicht, lieber Leser. daß ich deshalb ängstlich wurde Schornsteinfeger sind solche Dinge schon gewöhnt, und ich kenne überhaupt Furcht nur dem Namen nach. Gewaltsam raffe ich mich zusammen und klettere weiter. Wieder erschwert mir im Spalt wachsendes Gebüsch den Weg. - Vorwärts - der Felsriß wir immer enger, kaum kann ich mich hindurchwinden, er erweitert sich, ich kann ihn kaum noch ausspannen. Die Zeit beginnt mir entsetzlich lang zu werden. Mir ist`s als oh ich schon tagelang in dieser Spalte stecke. Wenn mich jetzt Schwindel erfaßt? -- Wenn ich ausgleite? Rettungslos bin ich verloren. Ich schaue empor ob ich bald am Ziel bin. Der Riß windet und krümmt sich. ich kann das Ende nicht erblicken. Ein Fieberhafte, Drängen ergreift mich. Höher, höher! Der Spalt wird breiter und breiter jetzt kann ich ihn nicht mehr ausspannen und somit auch nicht weiterklettern. Über wir wölbt sich die Brustwehr, sie ragt über den Felsen hervor. Von unten so unbedeutend aussehend, stellt sie sich mir jetzt entsetzlich groß, ein unüberwindliches Hindernis, entgegen. Kalter Schweiß rinnt mir über die Stirn. Ich kann nicht weiter. Ich bin verloren, und aus der Tiefe schaut der Tot zu mir herauf. Jeder Nerv spannte sich. An die Außenseite des Risses kletternd, beugte ich mich soweit wie möglich vor und sehe umher, ob Rettung möglich. Dort, etwa zwei Ellen vor mir, ist ein Felsvorsprung, Wenn ich ihn erreichen könnte! Ein Vöglein fliegt zwitschern vorüber und lässt sich auf ihm nieder. Der Vorsprung verläuft sich nach dein Risse zu, so daß er vielleicht eine halbe Elle davon als handbreit vorstehende Felsenkante erscheint. -
Könnte das meine Rettungsbrücke werden? Ich hatte mich wieder gefaßt langsam griff ichhinüber; gleich eisernen Klammern gruben sich meine Finger in die Felskante. Jetzt fühlte ich, daß die Hände fest ruhten und zog nun den Körper allmählich nach. So hing Ich an der Stellen gegen 400 Fuß hohen Felsenwand da, mich nur auf die Kraft meiner Finger verlassend. Wider Willen zwang es mich, in die Tiefe zu schauen; ich konnte sie nicht mit den Augen ausmessen. In diesem Augeblicke der höchster Gefahr war ich am ich am besonnensten, ich wußte, daß ich das Letzte wagte. Eine Hand der anderen nachgreifend und so mit gebogenen Armen weiterglimmend gelang es mir, mein Ziel zu erreichen. Ich hob mich empor, legte mich mit dem Oberkörper auf dem Vorsprung und - war gerettet. Es wäre ziemliche Zeit ehe ich mich soweit erholt hatte. daß ich an die Vollendung meiner Reise denken konnte. Ich besah mir meinen derzeitigen Aufenthalt. Der Vorsprung ist etwa 4Quadrat-Ellen groß. Vor mir erhob sich die 5 Ellen hohe Brustwehr. Sie ist aus großen in Kalk eingesetzten Sandsteinquadern erbaut. Wind und Wetter haben im Lauf der Jahre den Kalk zwischen den Steinen mehrere Zoll tief ausgewettert. Ich hänge meine Stiefel wieder um, aber jetzt so, daß sie auf dem Rücken zu liegen kommen, greife mit den Fingern in die Steinfugen. Die obersten Steine sind glatt und schräg gearbeitet und stehen eine halbe Elle gleich einem Dach vor. Zwischen diesen schräg liegenden steinen, die zum Glück nicht so breit sind, kann ich mit der ganzen Hand hineingreifen. Ich Ich versuche erst durch eine Schießlucke hinein zu steigen, doch die sind zu glatt ausgearbeitet; ich muß daher über eine Erhöhung zwischen zwei lucken klettern. Mit der rechten Hand mich in einer Fuge festhalten, gebe ich der linken einen Schwung und suche die innere, oberste Mauerkante zu ergreifen. Es gelingt. Ich fasse fest an, ziehe die rechte Hand nach, erhebe den Körper und schaue ins innere der Festung. ... Da überkam mich das Zittern. Die Kraft wir plötzlich alle, die Sinne schwinden. Da raffe ich meine letzte Kraft zusammen. Jetzt oder nie! Ein gewaltiger Schwung, ein gewaltiges Heben, und ich bin in der Festung.

Soweit Sebastian Abratzky selbst, der Rest ist schnell erzählt.


Auf dem Königstein glücklich angekommen, wurde er von einer verdutzten Wache arretiert. Da es wohl im königlichen Sachsen, kein Gesetz gab, welches die private Einnahme einer Festung unter Strafe stellt, wurde Sebastian Abratzky nach 12 Tagen Untersuchungshaft durch das Kriegsgericht auf freien Fuß gesetzt. Bei seiner Freilassung enthiekt sein Pass den folgenden Vermerk:


Der hier vom 19. bis heute wegen unbefugten Einsteigens in Haft gewesene Johann Friedrich Sebastian Abratzky wird nach beendigter Untersuchungshaft über Dresden und Willsdruf in seine Heimat nach Mahlis gewiesen.
Festung Königstein, en 31. März 1848
Das Königliche Kriegsgericht daselbst



Dies sollte die erste und einzige Kletterfahrt Sebastian Abratzky`s bleiben.

NACHTRAG

 
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