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Sinn des Kletterns

Erhard > Ü 60 > Dies und das


Auf der Suche nach dem Sinn des Kletterns


Ich war neulich Klettern. Was ich ja seit 55 Jahren tue. Aber diesmal war alles anders. Nicht nur, weil ich allein war; das war ich oft. Es war später Nachmittag, ein trüber Oktobertag. Ein regenschwerer, dunkler Wolkenhimmel hing über mir, so lief ich in der Sächsischen Schweiz zum Gohrischstein. In den letzten fünfzehn Jahren meine zweite Kletterheimat; vorher waren es Waitzdorf und die Ochelwände. Ich lief vom Parkplatz hinauf zum Berg, zu meiner Boulderwand, zog mich um, machte mich warm und begann meine Quergänge am Fels. Mein Kopf war frei, nur manchmal, in den kurzen Pausen, dachte ich an andere Situationen, die ähnlich wie hier waren. An andere Bergfreunde, mit denen ich gleichgesinnt am Fels war. Matthias Gäbler zeigte mir einmal im Brand seine Lieblingsstellen für Quergänge. Eine total überhängende in der Nähe seiner Hohnsteiner Wohnung und eine nur senkrechte hinter der Berken von der Duba Wacht. Gerade die letztere hat mich sehr beeindruckt. Da gab es gar keine Griffe und Tritte im einfachen Sinne. Da musste man schon viel Felsgefühl mitbringen, um da zu stehen. Aber Matthias stand gut und lange, unvergesslich lange und beeindruckend! Auch hier war es ein bisschen so, aber plötzlich spürte ich eine sonderbare Stille, die ich so noch nie empfunden hatte. Ich war allein auf dieser Welt, nur die sich schon herbstlich verfärbten Blätter der großen Buche rauschten und einige Vögel zwitscherten und ich fragte mich nach dem Sinn meines Tuns. Warum war ich hier, warum war ich klettern und allein? Mache ich das wirklich freiwillig? Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich tue es , weil es mir Freude macht und weil es in mir ungeahnte Glücksgefühle auslöst. Vielleicht. Ich kenne ja nichts anderes. Also klettere ich, weil ich irgendwann damit angefangen habe. Und wenn das der Grund ist, dann bin ich sicher krank, süchtig. Aber das habe ich ja schon immer gesagt, nun ist es bitterer Ernst geworden. Nun könnte ja die Welt trotzdem in Ordnung sein. Aber nicht bei mir. Ich denke immer daran, was ich alles noch so verpasst habe im Leben. Es soll ja noch viele andere schöne Sache geben. Also zum Beispiel erst mal richtig schwer klettern oder wenigstens endlich mich mal um einem halben Grad steigern. Am Ende sollte ich vielleicht doch ganz aufhören? Oder einfach nur weiterklettern, so lange es geht. Ja, so geht’s: Ich klettere, also bin ich!


Erhard Klingner nach einem Klettertag im Oktober 2015 auf meiner Berghütte in Gohrisch nach einem Glas Rotwein oder zwei oder…?


 
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