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Erhard > Ü 60


Sizilien, mein Sizilien


Eine vielleicht nicht ganz wahrheitsgerechte Tagebuchabschrift über eine Kletterfahrt nach Sizilien im November 2014
Warnung: Achtung Text nicht jugendfrei. Aus zwei Gründen kann es zu erotischen Einlassungen kommen: Einmal wegen der stark Bewusstseins verändernden sizilianischen Novembersonne. Und zum anderen wegen meinem Bergfreund Peter, der das sonst nicht lesen würde.
Und es ist auch nicht alles so gewesen, ich habe es nur so gefühlt. Ja, die Gefühle unter sizilianischer Sonne…

Ich bin ein Sizilianer. Nun nach dem zweiten Kletterurlaub, nach 2013, endgültig. Vom Charakter her war ich es schon immer. Jetzt hat mich das Land, die Menschen, ganze sizilianische Art verändert. Jetzt muss ich nur noch eine Dumme finden, bei der ich hier in Sizilien mein vollständiges Glück finden kann (und die mich aushält, werden einige wieder sagen). Auch zum Klettern. Vorsichtshalber habe ich schon einen Satz italienisch gelernt: „Non misi si radrizza. Mi dispiace!“. Auf Deutsch: „Ich krieg ihn nicht hoch. Tut mir leid!“. Aber ehrlich gesagt, habe ich diesen Satz extra meinen älteren Bergfreunden beigebracht, um hier keine Unstimmigkeiten bei Kontakten zur einheimischen Bevölkerung aufkommen zu lassen. Wobei einige von ihnen immer noch glauben, es wäre hier die beste Art von Anmache. Sogar an den Verkehrslärm habe ich mich gewöhnt. Was ist ein Italiener ohne Auto, Handy und Laut sein? Nichts! Überall in der Welt macht Verkehrslärm krank, für Italiener ist es Musik in den Ohren, er schöpft daraus vermutlich sogar neue Kraft. Hier in Castelluzzo, wo unser Basislager war, zwei komfortable altersgerechte Ferienwohnungen, am nordwestlichsten Zipfel Siziliens nahe San Vito lo Capo, haben die Verkehrsplaner mitten durchs Dorf eine neue lange breite Straße steil abfallend zum Meer angelegt. So spart man sich zusätzliche Rennstrecken. Und weist die Schuld an den viel zu schnellen Autofahrern durch viele Schilder mit polizeilichen Drohungen wieder den Autos zu. Das hindert sie allerdings auch nicht, zweireihig beiderseits zu parken, sich dabei zu unterhalten und sogar unverhofft zu wenden. Aber keine Angst, es passiert nichts. Es gibt nur gute Autofahrer, die anderen leben ja nicht mehr.


Ich habe Glück. Wo ich bin passiert immer etwas. Auch positive Geschehnisse, manchmal. Leider oft anders. Sogar sehr oft, um nicht zu sagen fast immer. Nun aber reicht es, hier in Sizilien. Alles war eigentlich bestens. Ziel, Freunde, Fahrt.  Und diesmal ging es einen Tag vorher schon los, der wichtigste Zahn eines 71- jährigen (meiner!) abgebrochen. Ergebnisloser Besuch des Leipziger sonntäglichen Zahnarzt- Notdienstes. Abends dann losgefahren. Über Radeberg. Um Mitternacht bei Peter die ersten Schmerztabletten genommen. Auf der morgendlichen Autofahrt durch Deutschland nach Genua dann mehr. Es kam Vorfreude auf eine sizilianische Zahnarztpraxis auf. Bevor das Gehirn endgültig den Geist aufgab, die rettende Idee zum Besuch eines Zahnarztes im Allgäu gehabt. Mit einer Stunde Zeitverlust auf der Autobahn Herrn Dr. Szabo einen dreiwurzeligen Backzahn übergeben. Gottes Dank war eine schmerzfreie Überfahrt mit der Fähre nach Palermo und mein Dank dann in der Kirche am Klettergebiet in San Vito la Capo. Nun tun mir deswegen nur noch die Knie weh (am Altar geschehen; Hinweis für diejenigen, die zwischen den Zeilen nicht lesen können).
    



Ja, eigenartig, auch diesmal, nach 2013, wieder eine seltsam gemischte Truppe von Kletterern. Acht Sonderausgaben von merkwürdigen Individuen, die Hälfte davon Alphatiere mit fünfzig Jahren charakterverändernden Berglerleben. Sie passen in kein Schema, jeder eine mehr oder weniger gereifte Persönlichkeit mit erstaunlich unterschiedlichen Befindlichkeiten. Ja, sie zeigen leider nicht das geringste Schwarmverhalten. Sie könnten sich ja die Fische im Wasser (hier im Mittelmeer ganz nahe!) und die Vögel in der Luft (ganze Schwärme von Staren hier!) mit vermutlich geringerem Verstand zum Beispiel nehmen. Aber nein, sogar beim fast täglichen abendlichen Singen (danke Pinkus mit Gitarre) gibt es Meinungsverschiedenheiten. Trotz (oder wegen?) des ebenfalls täglichen abendlichen Bier- und Weingenuss (letzterer als guter sizilianischer trockener Rotwein in schönen großen roten Kartons) zeigen sie plötzlich lange verborgene Hörgefühle und beschweren sich über Erhards schöne laute selbstvergessene Stimme voller Gefühl, Pathos, Enthusiasmus und Hingabe! („nicht so laut, nicht so hoch, nicht so falsch, Erhard“!). Ja, Selbstbewertungen haben schon immer zu ziemlich totalen Fehleinschätzungen geführt. Und einer der Alphatiere (ich nicht!) verstieg sich sogar bei einem Gespräch über Kontakte zur einheimischen Bevölkerung zu der Aussage, er wäre „scheu“! (7 Zeugen!). Wir mussten noch tagelang lachen über den einzigen noch lebenden selbstbewussten Held der Berge deutscher Nation. So selbstbewusst, dass er es sich leisten konnte bei einer gemeinsamen Wanderung von der Wandergruppe sich unbemerkt zu entfernen, sich lange suchen zu lassen und dann viel später plötzlich wie ein Unschuldslamm wieder aufzutauchen und uns anderen freudestrahlend seine Fossilienfunde zu präsentieren. Da ist er, wie mit vielen anderen Dingen (Vorrang bei den Mahlzeiten, Nachrang bei den „niederen“ Küchenarbeiten) völlig schmerzlos! Er hat ja offensichtlich auch immer Bergfreunde um sich, die ebenfalls, aber hinsichtlich seines Verhaltens tolerant und am Ende ein bisschen schmerzfrei und belastbar sind!
    



Auch schmerzfrei beim Klettern. Ein Held der Berge braucht keinen Kletterführer. Er hat das richtige Gefühl (wo?) für den besten Kletterweg. Das geht oft gut, aber nicht, wenn der Verstand in die Hose rutscht. Einmal stand  in den kilometerlangen Wänden überm Meer bei El Bahia der Wegname „Pretty Women“ angeschrieben. Da hat er sicher  an hübsche Mädchen und an Julia Roberts gedacht und nicht an schweren Fels. Auf halber Höhe blieb das Seil hängen. War ja kein Problem. Lars war dabei. Ein ganz guter, aber auch einer der ganz wenigen Kalkfels- Barfußkletterer der Welt. Möchte mal wissen, was sich ein so junger intelligenter Veganer die ganze Zeit dort in diesem „Club der Steinalten“ gedacht hat. Wahrscheinlich: „Ich werde es irgendwie überstehen!“
In seinem Kletter- Windschatten am unscharfen Ende des Seiles brachte ich den Weg „Pretty Women“, 6b+,  auch. Und das war ein Fehler. Ich wollte mich schon immer mal steigern. Warum bin ich sonst 53 Jahre als 71- jähriger klettern gegangen? Nun war es so weit. Diesen Weg, eine 6b+, endlich selbst im Vorstieg zu machen. Mein Limit ist 6a, wenn es schwerer dran stand, war es falsch eingestuft. Nun also 6b+. Die Zeichen standen optimal am Ende der ersten Woche, fast unfair zu nennen. Ich war in Hochform, gestern noch einmal geruht, am Sandstrand eine Thai Massage für 15€ genommen, von einem jungen Mädel (ja, Peter, sie hat meine Eier berührt, mehr nicht!), am Vorabend schon bei sizilianischen Rotwein die Heldentat angekündigt, Lars vorgeschickt, um die Express Schlingen einzuhängen, tief durchgeatmet und…..Ja, kläglich am Überhang in halber Höhe an der Pinkusstelle gescheitert. Aus, vorbei, vergessen, nach fast zehn Stürzen, nach dem Griff zu den Sternen saß nun ein Häufchen Unglück am Fuße des schönsten Kletterweges von Sizilien. Wer will mein Kletterzeug? Waren meine letzten Worte, ehe ich wieder Mut für das Weiterleben fand. Aber Zeit und Rotwein heilt Wunden, in Sizilien und abends sowieso. Und da zeigten sich auch wahre Freunde. Die noch älteren sagten so etwas wie, du bist noch jung, du hast noch ein paar Versuche und lauter so gut gemeintes dummes Zeug. Als ob ich das nicht selbst wüsste! Und siehe da, nach dem dritten Glas glaubte ich auch wieder fest daran. Das Kletterzeug behielt ich auch. Auch am nächsten Tag noch, nüchtern, konnte ich weiterleben. Zuerst traf ich Martina aus Zürich (und Chris, leider) am Fels bei Costonazi. Sie sah zwar hübsch aus, gut und schön schlank, konnte aber erstaunlicherweise gut klettern, sehr gut, besser als wir alle. Unter vier Augen(!) verriet sie mir ihr (Kletter-) Geheimnis: Yoga! So, das mache ich nun auch. Dann werden wir nächstes Jahr mal sehen!
  


Und dann lernte ich auch von Dieter. Man braucht ja nur wie Dieter zu leben. Ganz einfach: Immer Klettern, auf der “Lizenz zum Klettern“ schlafen, und stehen. Dieter steht immer, überall und an jeder Stelle, auch im steilsten Fels. Auch dort, wo andere nicht stehen, wie ich. Das macht er, der 75- jährige seit 61 Jahren. Wenn er nicht gerade Marathon, große Schilangläufe oder lange bergige Radtouren macht. Also alles was anstrengt, lange dauert und mindestens ein bisschen gefährlich ist. Aber so richtig glücklich trotz sehr jugendlicher Freundin scheint er nicht zu sein. Zu später Abendstunde, nachdem wir gerade wieder mal eine seiner hunderten großen alpinen Bergfahrten im Rülkerschen Monolog gemeinsam durchgenommen haben und dabei vieles und erstaunliches über seine unzähligen Seilkameraden erfuhren („…., das war ein ganz guter, mit dem war ich lange und schwer klettern, lebt leider nicht mehr, ist dort und dort geblieben…“ oder „….lebt sogar noch, weil er viel jünger ist…“) verriet er uns sein Innenleben: Im Alter muss man seine Trägheit überwinden! Und seinen Traum: Man müsste mal richtig Zeit haben! Ja, ganz einfach, sich Zeit nehmen, mal richtig lange klettern, dann…. Man wird doch unter sizilianischer Sonne noch träumen dürfen.
       



Aber wenn mir wirklich einer Mut gemacht hat, dann war das Lars. Ich hatte mich schon immer in meinem Leben auch an jungen Menschen orientiert, schon von Berufs wegen (Alpin Technik). Der Spiegel war schon immer einer meiner Hauptfeinde. Lars ist Informatiker, Barfußkletterer und Veganer. Er hat in Sachen Ernährung die zündende Idee: Iss von dem wenigen was erlaubt und angeblich gesund ist mindestens dreimal so viel, wie in den Körper normalerweise reinpasst. Fand ich toll, beinahe hätte ich eine Mahlzeit mitgehalten. Aber als ich dann sah, was in den Reußschen Mixer so alles reinkam, hatte ich so meine Zweifel. Nichts war vor Lars und dem Mixer sicher. Wie schon Pinkus früher bemerkte ist alles essbar (manches nur einmal blieb unausgesprochen). Und Lars setzte das um, war treuester Freund der exotischsten Früchte des Gemüsehändlers und Plünderer nicht abgeernteter Obstbäume, vor allen andersartiger. Zum Beispiel Affenbrotbäume, deren langen harten schwarzen Früchte den Mixer an seine Grenzen brachten. Auch in Sachen Klettern war ein absoluter Außenseiter. Der Kalk dort, war durch Wind, Wetter und Meeresnähe eine der schärfsten hautfressendsten der Welt. Da tat es schon beim Zusehen furchtbar weh, wenn man seien bloßen Beine dort am Fels sah. Aber er hat es uns unbeschadet vorgemacht, wie und das es geht!
    

 


Vermutlich ist das eine ganz tolle Idee, so ein Veganer Leben, wenn es da nicht die Versuchung in Menschengestalt in Form unserer zwei Köche, Dago und Peter, gegeben hätte. Warum die mitgefahren waren und alles organisiert hatten, ist mir bis heute nicht klar. Klettern kann nicht gewesen sein. Es war das Essen. Früh war es noch normale Völlerei, was die gesamte deutsche kalte Speisekarte zu bieten hat. Aber abends war Kochwettbewerb. Peter mit teils zu Hause vorgekochten Speisen, wie Rehbraten mit Klößen, Kohlroulade mit Kartoffeln oder Königsberger Klops. Gegen Dago’s jahrelang erprobter professioneller Improvisations- Kochkunst, wie Eintöpfe, Chinapfanne, Spaghetti und die allabendliche große Salatschüssel und der große Glasballon voll Selbstgebranntem. Wer kann da schon widerstehen.
    



Und was ist, wenn ich einmal Zeit habe? Dann mache ich eine Volksabstimmung in der autonomen Republik Sizilien. Und dann hole ich sie heim ins Heilige römische Reich deutscher Nation unter Führung eines künftig wieder geliebten deutschen Kaisers Friedrich, Wilhelm oder sonstigen Namens. Übrigens ist die Finanzierung ganz leicht auch nach Abschaffung jeglicher Steuern. Es werden nur in jeder (ja, leider in jeder!) Straße Radargeräte aufgestellt….
   



Und: Achtung Sizilien, wir kommen wieder!

Erhard Klingner, an einem wie immer wunderbaren sonnigen Tag auf der Fähre bei der Rückfahrt von Palermo auf dem Achterdeck am 11.11.2014 aufgeschrieben.

 
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