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Sizilien 2015 Bericht

Erhard > Ü 60


Sizilien 2015


Ich bin ein Sizilianer (als alter Leipziger, aber kein Berliner!). Ein schönes schnelles Schlampenleben („Die Ärzte“ beim Titel „Bitte tu das nicht“) ist es nicht, wie jetzt die Daheimgebliebenen vermuten könnten. Ja auch, aber es ist die Lebensart und vor allem die Landschaft, die Luft, das Meer und die Menschen. Also nichts Neues, denn wir sind ja das dritte Novemberjahr hier. Wo sonst! Sozusagen Flüchtlinge aus dem sonst elfmonatigen schönsten Land der Welt! Ja, ich bin nun endlich ein Sizilianer fast einen Monat lang, zumindest auch von der Fahrweise her. Ein wunderbares grenzenloses Land in Sachen Verkehr. Mir tut es nur Leid um die vielen Straßenverkehrsschilder, so viele tausende. Schade, alle umsonst. Keiner hält sich dran. Meine vielen Freunde, die einheimischen Sizilianer, werden nur ausgebremst von der Motorkraft ihrer Autos. Und ich bin mittendrin; mein Puls steigt nach dem ersten Tag hier nicht mehr, bin nun zu Hause. Und habe sogar geträumt: Eine tolle gutgebaute Frau sizilianischer Art saß neben mir im Auto und sagte während der Fahrt ganz ängstlich: „Du musst nicht fahren wie ein Sizilianer, es reicht, wenn Du heute Abend im Bett so einer bist!“. Und da war ich ziemlich glücklich. Seltsam!
In diesem Jahr habe ich den Ruf eines Kulturbanausen abgelegt. Es rief mich Palermo wieder zu sich, nachdem mein einjähriges Stadtverbot aus dem vorigen Jahr gerade wieder aufgehoben wurde (Grund s. Text zu Sizilien 2014). Ich folgte den Spuren Goethes, der überall war, außer an den Orten, wo in großen Lettern steht: „Hier war Goethe – nicht“ (das letzte Wort ganz klein geschrieben wie in Riva am Gardasee). Auf dem Monte Pelegrino, dem 600m hohen heiligen Hausberg von Palermo, wo auch Goethe (wie ich!)  die in einem gläsernen Reliquienschrein seit vier Jahrhunderten liegende Gestalt der hl. Rosalia, die in ein kostbares Kleid aus Gold gehüllt ist, bewunderte.


 

Und habe auch meinen Frieden mit Palermo gemacht. Kann doch stehen bleiben! Also das Meiste. Habe dem Oberbürgermeister neue Vorschläge unterbreitet: es gibt ja seit vorigem Jahr eine weitere Touristenattraktion. Damals an einem ganz besonderen Tag das kurze glückliche Leben meines Bergfreundes Peter Kohbach. Wir haben auch diesmal versucht, diesen Tag nachzuvollziehen: Die jungen hübschen Mädchen um Peter, Bier und Wein im Café auf der Piazza Bologni (Bilder s. Text zu Sizilien 2014). Habe vorgeschlagen, an diesen Plätzen entsprechende Gedenkplaketten anzubringen. Jedenfalls ist der größte Frauenversteher, Biertrinker und Kletterer (Sächsischer Triathlon!) unterm Himmel danach wieder in den Alltag abgetaucht. Schade um ihn; er hatte noch so viel vor! Jetzt liegt er nur noch am Strand und lässt sich verwöhnen.

 

Und habe auch meinen Frieden mit Palermo gemacht. Kann doch stehen bleiben! Also das Meiste. Habe dem Oberbürgermeister neue Vorschläge unterbreitet: es gibt ja seit vorigem Jahr eine weitere Touristenattraktion. Damals an einem ganz besonderen Tag das kurze glückliche Leben meines Bergfreundes Peter Kohbach. Wir haben auch diesmal versucht, diesen Tag nachzuvollziehen: Die jungen hübschen Mädchen um Peter, Bier und Wein im Café auf der Piazza Bologni (Bilder s. Text zu Sizilien 2014). Habe vorgeschlagen, an diesen Plätzen entsprechende Gedenkplaketten anzubringen. Jedenfalls ist der größte Frauenversteher, Biertrinker und Kletterer (Sächsischer Triathlon!) unterm Himmel danach wieder in den Alltag abgetaucht. Schade um ihn; er hatte noch so viel vor! Jetzt liegt er nur noch am Strand und lässt sich verwöhnen.


 

Apropos „Kletterinvaliden“. Unser sporadisch jährlich auftretender Kletterklub hat neuerdings sogar ein eigenes T-Shirt. Kreiert von unseren kreativsten Bergfreund, Dago. Es steht drauf „…Kletterinvalieden“. Ja, ihr vielen Klugscheißer, kein Druckfehler. Das Wort Invalieden kommt von Lied, denn Invaliden, insbesondere wir, singen gern und deshalb ist das Wort richtig geschrieben. Nur mal so, hier zur Aufklärung und evtl. Richtigstellung.
Ein Wort zum Wetter. Dank Klimawandel gibt es keine Genua Tiefs mehr, das sonst ganz Italien in dieser Jahreszeit im Regen untergehen lässt. Das bedeutet für uns drei Wochen Sonne. Ziemlich langweilig. Und wenn nun ein Italiener fragt, ob ein Leben nördlich des Alpenhauptkammes überhaupt möglich ist, muss ich gegenhalten: „Ist ein Leben ohne Schneeregen in einer nasskalten Stadt mit oft vorweihnachtlicher Beleuchtung und voller stickiger Kletterhallen sinnlos?“. Zweimal ja, deshalb sind wir hier und leben noch. Im Ernst: Wir hatten wieder Glück mit der uns so gutmeinenden Sonne; sogar manchmal fast zu viel. Deshalb kann man auf vielen Fotos meinen alltags- und felsgestählten unbedeckten Körper sehen, statt meines Lieblings- T-Shirts. Auf dem steht: „Fels und Stein prägten dieses edle Antlitz“, und ein solches ist darauf abgebildet.


 

Wie es wirklich war:

Andererseits, man hätte sich auch an einem Regentag ausruhen können. Aber es gibt auch dafür Auswege, wenn es keinen Regen gibt. Mein Sizilien ist ja so reich an Kultur und Botanik. Insbesondere diesmal war alles ganz grün, besonders grün. Weil, oh Wunder, der Oktober der Regenmonat war. Ja, auch daran, an den kulturellen Ruhe- und Wandertagen, merke ich, dass mein wohlgeformter Körper (manche haben andere Worte dafür!) neuerdings Ruhepausen vom Klettern braucht. Dabei war ich mir bis vor kurzem sicher, nicht zu den Normalmenschen zu gehören. Ich, alterslos im Gegensatz zu meinen Bergfreunden, den fast reinen Genussmenschen. Fast hätten sie, Dago und Peter, mir diese fast allerschönste (es ist immer die letzte!) Kletterfahrt versaut, mit Essen, Biertrinken, Rauchen und tiefer innerer Ruhe (ich nenne das schon ein bissl abgestorben). Peter wegen Bier; wir hatten gefühlte 100 Liter mit im Auto und wer kann da schon nein sagen, wenn man verschwitzt und ausgezehrt von Anstrengung, Wind und Sonne ins komfortable Häusl in Castelluzzo zurückkehrt. Und einem ständig Dagos Rauchfahne der ewig brennenden Zigaretten um die Nase weht (auch am Fels, und ein Aschenbecher zu Hause täglich). Und es wieder täglich Mehrgängemenues schwerer reichhaltiger gutbürgerlicher deutscher Küche gibt. Deren Düfte auch die Katzen einer ganzen Stadt anzogen. Meine Gene haben mich bis jetzt vor Unheil bewahrt. Als dankbarer Erdenbewohner habe ich dann fast alle Kirchen in Palermo wieder besucht, mich bedankt und mir so meine Gedanken über Gott und die Welt und über das Klettern gemacht. Und über Gottfried Keller, der gesagt hat: „Trinkt , o Augen , was die Wimper hält. Vom goldenen Überfluss der Welt!“. Ja, genau, auch meine Meinung. Ich kann nicht genug bekommen, von allem, von jedem und vom Klettern, immer, jederzeit und überall. Stehe ja schon fast mit einem Bein im Grabe, muss die wenigen kommenden Jahrzehnte nutzen. Schlafen kann ich dann immer noch, und zwar schön tief und richtig lange!


 

 

Und; beinahe hätten mir meine sogenannten Freunde doch noch am letzten (entscheidenden!) Klettertag, meine ganze Kletterfahrt versaut; gerade als ich in Hochstimmung und Hochform war. Am letzten Weg. Links neben mir die hübscheste aller Mädchenseilschaften, aus Frankreich (Frankreich, Frankreich!), die ich je gesehen habe. Rechts von mir eine italienische Seilschaft, Ehepaar, er Bergführer. Und da fragen die doch tatsächlich mich nach meinem Alter. Ich versuchte mich noch mehrsprachig zu retten, auch auf Sächsisch, so in etwa, wie, ich sehe nur so alt aus, in Wirklichkeit…usw. Und ehe ich mich versah und noch sagen konnte wie jung ich mich noch fühlte, verriet Peter die Zahl. Und dann das furchtbare: Sie wollten mich loben, wegen dem Alter, so wie, oh, so ein alter Mann am Fels. Das war das letzte, wegen dem Alter gelobt werden. Sie kennen mich doch gar nicht! Und dann haben sie auch noch meinen Bergfreund Peter in ihre Mitte genommen! Statt mich!


 

Und das mit dem Autofahren ist dann ehrlich gesagt hier in Italien doch nicht so toll. Schon bei der Hinfahrt haben mein Orientierungssinn und der meines Navigationsgerätes versagt. Nur eine kleine Ausfahrt verpasst. Das Ergebnis waren viele Mehrkilometer, meine kaputten Nerven und einige grauen Haare mehr. Insbesondere ist mir die steile Auffahrt in eine Sackgasse im Hafen in Erinnerung, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Und auf dem Höhepunkt meiner sizilianischen Autofahrerkarriere, als ich mir ganz sicher war, nicht mehr aufzufallen und mir diesen schönen schnellen Fahrstil angewöhnt hatte, winkte mich die Polizei an einem Sonntagmorgen bei nicht mal 80 km/h nach dem Orteingangsschild heraus. So, nun seid ihr, Polizei und Sizilien, nicht mehr meine Freunde, das habt ihr nun davon!
Und noch ein Wort über unsere beiden Kletter- Besuchern, Meppel und Markus, die es sich leicht gemacht hatten und mit dem Flieger kamen. Und sogar das Quartier direkt unter den Felsen auf dem Campingplatz nahmen. Ja, waren die schwul, wollten sie allein sein? Ein bisschen Neid kam auf. Zumal sie auch gut kochen konnten und sogar Riesenmengen von dem Zeug verschlangen. Aber dann stellte es sich am Ende heraus, dass sie nicht mal die besonders schönen Wände direkt hinterm Appartement (20m dahinter!) besucht hatten! Das Beste verschlafen, so sind eben junge Leute heute. Zum Trost habe ich ihnen an anderen Wegen ein paar richtig schöne Kletterfotos gemacht.


 

Über die restlichen Erlebnisse decke ich hiermit den Mantel des Schweigens. Sie bleiben in meinem Herzen. Wer mehr weiß oder anderer Meinung ist, schreibe mir sofort oder schweige für immer. Sagt Euer Bergfreund Erhard, der sicher auch 2016 mit dem im sizilianischen Bergland ge- fundenen Bus dann auf Welt- Kletter- Reise geht, vielleicht.


 






 
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