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Die Babarine > Die Alten vom Berg > A - I

Willy Häntschel
geb. 11.03.1906 in Postelwitz
gest. 18.09.1993 in Waltersdorf
Beruf Tischler



Die Erstbegehung der Schrammtorwächter-Nordwan

Es war Anfang der achtziger Jahre, ein goldener Herbsttag hatte uns ins Gebiet der Schrammsteine gelockt. Mit reichlich Muße ohne Hast und ohne weiblichen Anhang waren wir zum Schrammtor gezogen. Eigentlich wollte ich den Urbanquergang angehen und meinen „Sack“ endlich herunterholen. Im Schrammtor legten wir uns erst mal in die Sonne und sahen uns unser Vorhaben etwas genauer an. Wortreich erzählte ich Andi ( Andreas Willig) wie ich vor zwei Jahren die Wand im Flug durchmessen habe. Dass führte dazu, grundsätzlich und im speziellen über die Spezies des Bergsteigers zu philosophieren. Letztlich, kamen wir überein, dass wir keine Tieffliegerveranstaltung für etwaige Besucher des Schrammtors darbieten wollten. Aber irgendwie geht es ja auch nicht inmitten der herzlichsten Felsenwelt zu sitzen und nichts zu tun. Kurz gesagt wir nahmen uns die Windischkante am Ostervorturm vor. Nach genussreicher Kletterei seilten ins Schrammtor ab. Und da saß er, Willy Häntzschel. Lebende Legende des sächsischen Bergsteigens, inmitten einer Gruppe Schüler. Unmittelbar unterhalb seiner bergsteigerreichen Großtat. Wir begrüßten uns und setzen uns in die Runde, es war ein Erlebnis aus seinem Mund die 1. Durchsteigung der Nordwand am Schrammtorwächter miterleben zu dürfen.

Hier nun sein Bericht:  ( Aus: Der Sächsische Bergsteiger 11/1936)

Am 6. September 1936, früh 5 Uhr, regnete es. Ein zeitiger Aufbruch war deshalb zwecklos; denn der Fels musste unbedingt trocken sein. Wir ließen das Regenwetter vorüber und stiegen erst gegen Mittag an. Aus der Scharte querte ich nach links in die Mitte der Nordwand zur dortigen Rissfolge. In ihr stieg ich noch bis zum 1. Ring unter dem berüchtigten U und ließ meine beiden Kameraden nachkommen. Der erste Versuch, in das U zu gelangen, scheiterte. Mein Baumann und ich begaben uns zurück zum Ring. Nach einigen Minuten ging das  Manöver wieder los. Ich kam jetzt bis zum U - Umstieg; hier aber sah es ganz schlimm aus. In mir kamen Rückkehrgefühle auf, die ich aber niederzwang. Nach vielem Probieren gelang es, mich in den Riss hineinzuschabern. Mit aller Anstrengung arbeitete ich mich zentimeter-weise höher. Ein Verschnaufen am 2. Ring tat wohl. Der Riss wurde nun etwas leichter, aber direkt vor dem 3. Ring guckte ich noch einmal ganz schön dumm. - Dann war dieser Wegteil geschafft. Würden wir auch das Weitere schaffen? Meine Freunde hatten es etwas leichter. Sie hangelten über die engen Stellen hinweg. Wir standen nun zu dritt dort, wo alle bisherigen Versuche gescheitert sind. Augenblicklich wussten wir freilich auch nichts Rechtes anzufangen. Wir versuchten, mit Unterstützung erst rechts, dann links weiterzukommen, genau wie die FKV damals; aber ebenfalls ohne Erfolg. Die Möglichkeit, vom Baumann wegzuspreizen, um so links auf einen Reibungstritt zu gelangen, schien mir am günstigsten. Mit der Hoffnung, beim nächsten Versuch wenigstens eineinhalb Meter höher zukommen, gaben wir für diesen Tag den Kampf auf. Eine Woche kam, in der wir im Geiste nur die Nordwand vor Augen hatten. Das Wetter ließ sich gut an. Ab Mittwoch hatte es nicht mehr geregnet, und der ersehnte Sonntag (13. 9. 1936) zeigte sich prächtig. Der Riss ging heute etwas fließender, obwohl sich die Schwierigkeiten genauso bemerkbar machten. Bald waren wir wieder am 3. Ring. Schon nach den ersten Versuchen stellte sich jedoch heraus, dass wir so nicht weiterkommen konnten. Also verlegten wir die Baustelle direkt an den Ring. Ich belastete Kurt Schmidtgen erst einmal aus dem Stand, um festzustellen, ob er mich überhaupt tragen konnte. (Du stehst dort auf einem hohlkehlenförmigen Band, von dem man nur den äußeren Rand benützen kann.) Kurt bemühte sich, mich auf seine Schultern zu bekommen, was gar nicht so einfach war, da wir beide nicht viel für die Finger hatten. Mein Bestreben war, aus dieser Stellung auf den Reibungstritt links drüben zu spreizen. Mit dem rechten Fuß stand ich auf Kurts linker Schulter. Ein weites Hinüberklaftern von diesem schwankenden Tritt brachte mich in eine gewisse Zwangsstellung. Trotzdem verlor ich nicht die Hoffnung, dass ein Weiterkommen möglich sei - aber wohl nur mit ausgiebiger Unterstützung. Damit war selbstverständlich, dass hier ein weiterer, ein 4. Ring geschlagen werden musste; denn aus dieser pfiffigen Lage heraus unterstützt keiner ohne gute Sicherung.„Gutes Werkzeug, halbe Arbeit! bewährte sich auch hier. Schnell war der Ring eingetrieben. Freund Kurt (Schmidtgen) spreizte nun von hier aus auf die linke Schulter unseres dritten Mannes Kurt (Poche). Links auf Reibung stehend, die Finger in feinem, keilförmigem Riss verklemmt, war er bereit, mich auf seine Schultern zu nehmen. So wenig wie möglich belastete ich ihn beim Hochgehen. Froh war ich, als die rechte Hand eine gute Schale zu fassen bekam; einen reichlichen Meter höher gab es aber erst die nächsten mutmaßlichen Griffe. Zum Treten war nichts da. Bei Schmidtgen auf dem Kopf stehend, wurde die Lage auch nicht besser. Der untere Baumann machte Kraftschwundbemerkungen, die mich nicht gerade anspornten. Ich kroch also wieder zurück zum Ring, und erleichtert atmeten wir alle auf. Dasselbe probierten wir dann nochmals; doch es haperte an der Länge des oberen Baumanns. Was tun? Aufgeben wollte ich auf keinen Fall. Zum Glück war unter den Zuschauenden auch einer, der schon manche Feuerprobe bestanden hatte. Er kauerte im Gewand des Osterturms und konnte unsere Versuche gut beobachten. Nach ein paar knappen Worten war er mit uns einig. Eberhardt (Pokorny) ist schon ein Hüne. Als er mich genau so unterstützte wie vorher Kurt, stand ich einen halben Meter höher. Ich gab mir größte Mühe, um die so nahen Zäckchen zu erlangen. Er winkelte seine Hand im Riss, auf die ich mich stellte; aber auch das reichte noch nicht aus. So musste ich wieder herunter, versuchte dann dasselbe nochmals, doch ohne Erfolg. Abdanken kam aber auch jetzt noch nicht in Frage, denn es gab ja noch eine Möglichkeit. Meine Seilgefährten waren zwar nicht wenig erstaunt, als ich ihnen vortrug, noch einen Mann oben drauf zustellen. Ich selbst hatte nur Sorge um den untersten Mann. Poche ist zwar ein Stier, dem man etwas aufladen kann; aber in dieser beträchtlichen Höhe wird auch der stärkste Mann schwächer. Zu einem Versuch waren schließlich alle drei bereit, und ich gab ihnen die Hoffnung, dann sicher weiterzukommen. Erst einmal hieß es, die Sicherungsseile in richtige Längen knoten und in den Ring einklinken, damit sie beim Bauen locker hingen. Das Hauptmanöver musste dann natürlich lebhaft vor sich gehen; denn sonst war sicher mit dem Wegsacken des unteren, schwerst-tragenden Mannes zu rechnen. Der kleine Kurt hatte einen breiten Sitz auf Eberharde Schultern und für die rechte Hand den schönsten Griff vom ganzen Weg. Ein Blick - dass der Ring nicht mit belastet wurde; denn sportlich einwandfrei vorzugehen, war Selbstverständlichkeit. Kurt legte nun seine ganze Kraft in den rechten Arm, um den Bau so viel wie möglich zu entlasten. Darauf musste ich an den zwei Freunden hochgehen. Das erste Anziehen gab mir Mut, denn sie hielten „wie Ast". Bald stand ich auf Kurt und erreichte ein schwach ausgeprägtes Band, das sich nach links zieht. Aus etwas überhängender Position querte ich links, und nach einer Durchstütze, wie sie selten vorkommt, stand ich dann auf schmalen Zäckchen. Hier hieß es, Ruhe bewahren. Ich erzwang sie und bewegte mich somit etwas freier. Vier Meter unterm Gipfel noch einen Ring zu schlagen, hatte ich eigentlich keine Lust. Was sollte ich aber tun, da ich doch noch einmal Unterstützung brauchte? An mir konnte selbst der Leichteste nicht hochangeln; denn ich hatte nur für die linke Hand einigermaßen zu fassen, und die Tritte waren recht zierlich. So musste ich, ob ich wollte oder nicht, den 5. Ring noch schlagen. Bloß die rechte Hand bekam ich dafür frei, konnte deshalb die ersten Zentimeter mit dem Kronbohrer nur hineindrehen. Aber der Ring saß am Ende sehr gut. Eberhardt kam nun als zweiter; ich zog mir auch hier seine Länge vor. In Kopfhöhe war die nächste Trittmöglichkeit, sie musste ich mit Unterstützung erreichen. Der helfende Gefährte presste hierfür ein Knie gegen den Fels, auf das ich flüchtig antrat. Mich dabei auf seine Schultern stützend, kam ich schnell über ihn hinweg. Hier machte das Unterstützen kein Kopfzerbrechen. Ein wenig baucht der Fels dort noch einmal heraus, doch nach einer letzten hohen Durchstütze war die langumkämpfte Schrammtorwächter-Nordwand bezwungen. Ein „Berg Heil!" klang aus heiserer Kehle, und aus der großen Kluft, dem Schrammtor, wurde es vielfach erwidert. Unsere Seilschaft bestand aus sieben Mann. Sie hatten es sich alle nicht nehmen lassen, diese stolze Wand mitzudurchsteigen, und der letzte Mann wird wohl genau wie der erste seine fortdauernde Freude an diesem herrlichen Sieg bewahren.

Willy Häntzschel (geb. 11.03.1906 , gest. 1993)


Gehörte zu den herausragendsten Erdschließerpersönlichkeiten ab den dreißiger Jahren. Im Jahre 1933 war die Durchsteigung des Häntzschelweg am Falkenstein (VIIb) seine erste bedeutende Neutour, eine Reihe bedeutender Erstbegehungen sollte folgen.. Die Erstbegehung der Schrammtorwächter – Nordwand(VIIIb/ UIAA VII) im Jahre 1936 setzte neue Akzente im Kampf um die „letzten großen Probleme“ Seine „5“ Sicherungsringe, stellten damals einen „Sündenfall“ im sächsischen Fels dar. Auch die Anwendung einer Riesenbaustelle (3 Bauleute übereinander) stellte ein Novum dar.

Im Gedanken sehe ich Ihn noch immer durchs Gebirge wandern, den rüstigen „Alten vom Berge“ dem man schon von weitem an seinem „Schloh weisen Haar“ erkannte.

 
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